Berlin, 04.08.2026: Während schwere Brände Europa verwüsten, warnt der WWF davor, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten auf eine politisch angefachte dauerhafte Waldbrandkrise zusteuern. Statt Klimaschutz und Vorsorge auszubauen, schwächen sie genau jene Umweltregeln, die Menschen, Wirtschaft und Natur vor den Folgen der Klimakrise schützen sollen.
Seit Jahren warnen Wissenschaft und Behörden vor längeren Feuersaisons, mehr gleichzeitigen Ausbrüchen und immer intensiveren Bränden. Diese Warnungen sind bittere Realität geworden: Allein 2026 sind in der EU bereits rund 460.000 Hektar verbrannt – deutlich mehr als im langjährigen Mittel. Aktuelle Studien zeigen, dass die Klimakrise das extreme Feuerwetter hinter diesen Bränden in Frankreich mindestens doppelt so wahrscheinlich und in Spanien mindestens 20-mal wahrscheinlicher gemacht hat.
Auf dem Prüfstand stehen derzeit gleich mehrere zentrale Regelwerke, darunter die EU-Waldschutzverordnung (EUDR), die Fauna-Flora-Habitat- und die Vogelschutzrichtlinie sowie die Wasserrahmenrichtlinie, die über den Zustand von Flüssen, Auen und Grundwasser mitbestimmt, wie viel Feuchtigkeit in der Landschaft bleibt. In allen Verfahren geht es unter dem Stichwort „Vereinfachung" darum, Pflichten zu lockern, Fristen zu verlängern oder Schutzstandards abzusenken.
„Europa brennt. Während die Einsatzkräfte gegen die Flammen ankämpfen, diskutieren die politisch Verantwortlichen darüber, wie weit sich die Klima- und Naturschutzgesetze aufweichen lassen. Die eigentliche Frage müsste lauten, wie wir sie stärken, um künftige Katastrophen zu verhindern“, sagt Peer Cyriacks, Programmleiter Wald beim WWF Deutschland. „Jeder verbrannte Hektar, jede evakuierte Gemeinde, jedes zerstörte Ökosystem führt vor Augen: Die Erderhitzung ist keine ferne Bedrohung, sondern Gegenwart. Die schlechteste denkbare Antwort darauf ist, ausgerechnet jene Regeln zu demontieren, die Emissionen senken, Ökosysteme stärken und natürliche Schutzfunktionen wiederherstellen sollen.“
Die meisten Brände werden zwar durch menschliches Handeln (fahrlässig oder absichtlich) ausgelöst. Doch die menschengemachte Klimakrise erhöht Wahrscheinlichkeit, Intensität und Ausmaß der Feuer massiv – durch höhere Temperaturen, häufigere Hitzewellen und länger anhaltende Dürren. Hinzu kommt, dass geschädigte Ökosysteme, schrumpfende Feuchtgebiete, degradierte Wälder, Monokulturen und jahrzehntelange Fehlentscheidungen in der Landnutzung viele Regionen Europas besonders anfällig für Extremfeuer gemacht haben.
Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Die Klimakrise treibt immer größere Feuer an, die Feuer setzen Millionen Tonnen Treibhausgase frei, zerstören ganze Landschaften und durch Klimakrise und Nutzung geschwächte Ökosysteme werden immer anfälliger für kommende Brände. Gleichzeitig fallen sie zunehmend als Klimaschützer aus, da sie immer weniger Kohlenstoff binden.
„Europa kann sich aus der Krise der Landschaftsbrände nicht herauslöschen. Waldbrandpolitik muss über die Notfallbekämpfung hinausgehen. Wir müssen dringend Vorsorge betreiben. Möglich ist das aber nur mit einer konsequenteren Umsetzung der Klima- und Naturschutzgesetzgebung und mit Investitionen in die Wiederherstellung von Ökosystemen und in naturbasierte Lösungen. Auch die Bundesregierung muss ihrer Verantwortung gerecht werden: Sie sollte sich in Brüssel für mehr Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, statt beim Abbau von Schutzstandards vorneweg zu gehen“, so Peer Cyriacks.
Der WWF fordert die EU und die Bundesregierung auf,
- die EU-Wiederherstellungsverordnung wie geplant umzusetzen, damit sich artenreiche und widerstandsfähige Natur in der gesamten EU erholen kann. Bis 2030 müssen 20 Prozent der Landfläche der EU wiederhergestellt sein.
- Feuchtgebiete, Moore, Flüsse, naturnahe Wälder und andere Ökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und schonend und maßvoll zu bewirtschaften. Sie wirken als natürliche Brandriegel und halten Feuchtigkeit in der Landschaft.
- im kommenden Europäischen Rahmen für Klimaresilienz naturbasierte Lösungen ins Zentrum der Anpassungsplanung zu stellen und Wald- und Landnutzungsformen zu fördern, die die biologische Vielfalt schützen und Lebensräume widerstandsfähiger machen.
- die Umsetzung der Vogelschutz- und der FFH-Richtlinie zu stärken, statt zu schwächen. Beide bleiben zentral für gesunde, vernetzte und widerstandsfähige Ökosysteme.
- öffentliche Mittel umzulenken – hin zu widerstandsfähigeren Landschaften, Prävention, Renaturierung und Vorsorge in den Gemeinden, statt sie überwiegend in die Brandbekämpfung während der Katastrophe zu stecken.
- den Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu beschleunigen und den Übergang zu einem elektrifizierten, auf erneuerbaren Energien basierenden System rasch zu vollziehen.
- ein ambitioniertes Ziel für die Kohlenstoffentnahme im Landnutzungssektor bis 2040 festzulegen, um den Schutz und die Wiederherstellung kohlenstoffreicher Ökosysteme wie Moore und Wälder voranzutreiben, das Waldbrandrisiko zu senken und Kohlenstoffspeicher zu sichern.