Berlin, 10.08.2026: In der kanadischen Provinz British Columbia gilt seit Samstag der Notstand. Mehr als 20.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, über 100 Feuer brennen in der Provinz, knapp die Hälfte davon außer Kontrolle. Landesweit sind in diesem Jahr rund vier Millionen Hektar verbrannt und damit bereits jetzt 45 Prozent mehr als im langjährigen Durchschnitt. Die WWF-Publikation „Feuerkompass: Feuer im nördlichsten Wald der Erde“ zeigt, dass die Brände in den borealen Wäldern Kanadas längst nicht mehr allein natürliche Ereignisse sind. Die Klimakrise verlängert die Feuersaison und begünstigt Wetterlagen, unter denen sich Feuer schneller ausbreiten und schwerer kontrollieren lassen.
Die borealen Wälder, auch Taiga genannt, bilden mit rund 1,5 Milliarden Hektar den größten zusammenhängenden Waldgürtel der Erde. Kanada beherbergt etwa 30 Prozent dieser global bedeutsamen Waldlandschaft. Die Wälder speichern gewaltige Mengen Kohlenstoff und spielen eine zentrale Rolle für das Weltklima. Doch diese natürliche Klimaschutzfunktion kehrt sich zunehmend um: Allein im Rekordjahr 2023 verbrannten in Kanada 17,6 Millionen Hektar Wald und Vegetation – die Hälfte der Fläche Deutschlands.
„Ausgerechnet der Wald, der uns vor der Klimakrise schützen soll, wird durch immer heftigere Feuer selbst zu einer gigantischen Quelle von Treibhausgasen“, sagt Johannes Zahnen, Waldexperte beim WWF Deutschland. „Wenn boreale Wälder brennen, verlieren wir nicht nur wertvolle Lebensräume für Karibus, Grizzlys und Wölfe, sondern auch einen der wichtigsten Kohlenstoffspeicher und Kühlräume unseres Planeten.“
Einschließlich des Verlusts der künftigen Kohlenstoffaufnahme verursachten die kanadischen Waldbrände des Jahres 2023 rund 2,98 Milliarden Tonnen CO₂. Das entspricht etwa dem Sechsfachen der durchschnittlichen Emissionen solcher Feuer in Kanada und liegt deutlich über den jährlichen Emissionen vieler großer Industrieländer.
Die WWF-Studie zeigt, dass dies kein einmaliger Sonderfall war, sondern sich die Waldbranddynamik in Kanada seit den 1980er-Jahren grundlegend verändert hat. Während die Zahl der Brände insgesamt zurückgeht, nimmt die verbrannte Fläche stark zu. Der Durchschnitt der jährlichen Brandfläche hat sich gegenüber den 1980ern nahezu verdreifacht – auf durchschnittlich 2,76 Millionen Hektar pro Jahr (im Zeitraum zwischen 2013 und 2022). Gleichzeitig verlängert sich die Feuersaison, und sogenannte Zombiefeuer schwelen teils monatelang und sogar unter Schneedecken unterirdisch in den torfreichen Böden der Taiga weiter.
Die Mehrheit der Feuer geht in Kanada auf Blitzeinschläge zurück, doch die großen Flächenbrände werden vor allem durch extreme Trockenheit, frühe Schneeschmelze und hohe Temperaturen angetrieben. „Blitze entzünden viele dieser Feuer, doch die eigentliche Ursache ist menschengemacht“, so Zahnen. „Die Klimakrise bringt mehr Hitze und Trockenheit, stärkere Gewitter und längere Dürreperioden. Dadurch entwickeln sich Feuer, die in früheren Zeiten klein blieben und zum natürlichen Kreislauf eines Ökosystems dazugehören, nun zu globalen Klimakatastrophen.“
Neben den Folgen für Klima und Biodiversität bedrohen die Brände zunehmend Menschen und Gemeinden. Besonders stark betroffen sind indigene Gemeinschaften in Kanadas Norden, deren kulturelle Identität und Lebensgrundlagen eng mit den borealen Wäldern verbunden sind. Angehörige der First Nations waren in den vergangenen Jahren achtmal häufiger von Evakuierungen betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Auch aktuell gibt es wieder Brände in waldnahen Siedlungsgebieten. Diese Brände bringen Schäden mit sich, unter denen Mensch und Natur noch leiden, wenn manche Häuser schon lange wieder aufgebaut sind: Nach einem Feuer verbleiben häufig Schadstoffe im Boden, weil verbrannte Gebäude, Fahrzeuge etc. Schwermetalle wie Blei, Kupfer oder Zink freisetzen. Diese Schadstoffe können durch Regen ausgewaschen und in Bäche, Flüsse und ins Grundwasser eingetragen werden.
Der WWF fordert neben einer konsequenten Eindämmung der Erderhitzung den Schutz naturnaher Wälder, ein Ende von Kahlschlägen und übermäßigem Holzkonsum sowie eine stärkere Einbindung indigener Gemeinschaften in das Feuermanagement. Gesunde, strukturreiche Wälder sind widerstandsfähiger gegenüber Dürre und Feuer und damit ein unverzichtbarer Bestandteil des globalen Klimaschutzes. „Was heute in Kanada und in vielen Regionen Europas geschieht, muss ein Warnsignal sein für die gesamte Staatengemeinschaft“, so Zahnen. „Wir haben es in der Hand, ob wir die Wälder als Verbündete behalten oder sie zum Teil des Problems machen.“