Nepals Tigerbestand ist auf 429 Tiere gestiegen. Im Jahr 2010 waren es noch 121 Tiere. Damit ist Nepal aus Sicht des WWF eine der weltweit bedeutendsten Erfolgsgeschichten bei der Erholung einer stark gefährdeten Art gelungen. Die neue Schätzung veröffentlichte die nepalesische Regierung heute anlässlich des Welt-Tiger-Tages. Dem Erfolg gingen jahrzehntelange, kontinuierliche Schutzbemühungen voraus, an denen auch der WWF maßgeblich beteiligt war.
„Dieser seltene Erfolg für den Naturschutz ist hart erkämpft und erst durch die nepalesische Regierung in enger Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften, Naturschutzorganisationen und vielen anderen engagierten Menschen möglich. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass Menschen und Wildtiere eine gemeinsame Zukunft haben müssen. Indem Nepal weiterhin in Maßnahmen investiert, die ein Zusammenleben von Mensch und Tiger ermöglichen, kann das Land zu einem wichtigen Vorbild für andere Tigerstaaten werden,“ erklärt Dr. Ghana Gurung, Landesdirektor des WWF Nepal.
Je stärker sich die Bestände erholen, desto wichtiger wird es, ein gemeinsames und friedliches Zusammenleben aktiv zu gestalten. Dies ist keine neue Herausforderung, aber sie wird drängender. Denn während die Lebensräume der Tiger zunehmend zerschnitten werden, überlappen sie gleichzeitig immer mehr mit Siedlungs- und landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Dazu bindet der WWF indigene und lokale Gemeinschaften ein, denn nur mit ihnen als zentrale Partner ist erfolgreicher Naturschutz möglich.
In Tigerlandschaften arbeitet der WWF daran, dass die Risiken des Zusammenlebens mit Wildtieren verringert werden und dabei zugleich die lokale Wirtschaft gestärkt wird und die Gemeinschaften von erfolgreichem Naturschutz profitieren. So auch in Nepal: Im vergangenen Jahr konnte der WWF zusammen mit Partnern ein Projekt zu Mensch-Wildtier-Konflikten umsetzen, dass mehr als 5.000 Haushalte erreichte. Gleichzeitig übermittelten Wildtier-Frühwarnsysteme mehr als eine Million Warnmeldungen, um rechtzeitig vor Tigern oder auch Elefanten zu warnen, die sich Feldern oder einer Siedlung nähern.
Die Förderung touristischer Unterkünfte schafft für lokale Gemeinschaften zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, die unmittelbar mit dem Schutz der Natur verknüpft sind. Begleitende Kommunikationsmaßnahmen helfen, das Verhalten vor Ort zu verändern und Konfliktrisiken zu verringern. Raubtiersichere Ställe sowie Versicherungen für Nutztiere unterstützen Familien, die von Tierrissen betroffen sind.
„Nepals wachsende Tigerpopulation zeigt, dass sich Naturschutzerfolge nur mit Geduld und Ausdauer erzielen lassen. Diesen Erfolg müssen wir weitertragen. Dafür müssen Investitionen in Maßnahmen, die ein Zusammenleben von Mensch und Tiger ermöglichen, in allen Tigerstaaten deutlich ausgeweitet werden. Nur so können wir sicherstellen, dass die Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Tigern leben, spürbar vom Schutz dieser ikonischen Art profitieren,“ sagt Markus Radday, Asien-Referent beim WWF Deutschland.
Anlässlich des Welt-Tiger-Tages fordert der WWF Regierungen, Förderinstitutionen und Partner dazu auf, Investitionen in eine friedvolle Koexistenz und in gemeinschaftlich getragenen Naturschutz auszuweiten. Zugleich müssen sozialwissenschaftliche Ansätze für Mensch-Wildtier-Interaktionen vermehrt angewandt und Partnerschaften gestärkt werden, die den Gemeinschaften in Tigergebieten langfristige Vorteile bringen.
Die Erholung der Tigerbestände ist eine seltene Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Ob dieser Fortschritt von Dauer sein wird, hängt davon ab, dass Koexistenz dauerhaft gelingt und das Engagement beim Tigerschutz nicht nachlässt.
HINTERGRUND
Der Welt-Tiger-Tag findet jedes Jahr am 29. Juli statt. Ausgerufen im Jahr 2010 auf dem Tigergipfel in Sankt Petersburg, soll er Aufmerksamkeit für den Schutz der Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume schaffen. Wildlebende Tiger gelten weiterhin als stark gefährdet. Ihre Populationen verteilen sich auf voneinander getrennte Lebensräume in Asien. Weltweit gibt es derzeit noch etwa 5.600 wildlebende Tiger – in den zehn sogenannten Tigerstaaten Bangladesch, Bhutan, China, Indien, Indonesien, Malaysia, Myanmar, Nepal, Russland und Thailand.
Der WWF hat kürzlich die Studie „Coexisting with Tigers: Tools and approaches for managing human–tiger interactions“ veröffentlicht. Der Bericht stellt praktische und erprobte Lösungen vor, die an unterschiedliche Landschaften und lokale Bedingungen angepasst werden können.