Heute hat das Plenum des Europaparlaments einen Bericht zur Zukunft der Ostsee verabschiedet. Der Text beschreibt den dramatisch schlechten Zustand des Meeres und zeigt Wege auf, wie die Fischbestände, die Zukunftsfähigkeit der Fischereibetriebe und das Ökosystem als Ganzes gestärkt werden können. Der WWF begrüßt, dass die große Mehrheit der Abgeordneten die dramatische Lage des Ökosystems anerkennt: Überfischung, Klimakrise, Verschmutzung durch Nährstoffüberlastung und immer mehr Infrastrukturen setzen die Ostsee enorm unter Druck.
„Der Bericht ist ein Fortschritt, weil das Europäische Parlament die Krise benennt und die Probleme anerkennt. Das Parlament formuliert gute Ideen zur Verbesserung der Ostsee als Ökosystem, wie Fangpausen für bedrohte Fischbestände und das Vorsorgeprinzip beim Festsetzen der Fangmengen, strengere Schutzgebiete oder Bergung der verklappten Weltkriegsmunition. Aber Worte allein retten keine Schweinswale und füllen keine leeren Netze. Dafür müssen die EU-Kommission und die Ostsee-Anrainerstaaten diese Vorschläge ernst nehmen und umsetzen. Daran hapert es schon heute, weil bestehende Regeln und Naturschutzrichtlinien teilweise aufgeweicht oder abgeschafft werden”, erklärt Finn Viehberg, Leiter des WWF-Büros Ostsee.
Kritisch bewertet der WWF, dass der Bericht Robben und Kormorane als Schuldige für schrumpfende Fischbestände ausmacht. Dafür ist der Mensch verantwortlich, denn Überfischung und die Auswirkungen der Klimakrise haben katastrophale Auswirkungen auf die Fischbestände in der Ostsee.
Der WWF begrüßt den Vorschlag ausdrücklich, die industrielle Schleppnetzfischerei auf Hering und Sprotte in der Ostsee auszusetzen, während sich die Bestände erholen. Hering und Sprotte sind zentrale Arten im Ökosystem der Ostsee und wichtige Nahrung für Dorsch, Schweinswal, Seevögel und andere marine Räuber. Ihre Nutzung muss sich künftig stärker am Ökosystembedarf orientieren. Aus WWF-Sicht sollten diese Bestände vorrangig der regionalen Küstenfischerei und dem direkten menschlichen Konsum vorbehalten bleiben, statt in großem Maßstab von der Industriefischerei zu Fischmehl und Fischöl für Tierfutter, Nerz- oder Lachsfarmen verarbeitet zu werden.
Positiv ist auch die Vorgabe des Parlaments, dass sich die Bewirtschaftung der Fischbestände nicht allein am maximalen nachhaltigen Ertrag orientieren darf, sondern einen vorsorglichen Puffer einrechnen soll. Dieser könnte zum Beispiel Nahrungsmangel der Fische oder wissenschaftliche Unsicherheiten ausgleichen. Ebenso wichtig ist, dass die Wiederherstellung natürlicher Größen- und Altersstrukturen ausdrücklich als Managementziel für die Fischerei verankert wird.
Das Dilemma des kürzlich gestrandeten Buckelwals zeigt, wie sehr Lebewesen in der Ostsee unter der Übernutzung durch den Menschen leiden: Verschmutzung, Fischerei, Unterwasserlärm und ein intensiver Schiffsverkehr setzen vielen Arten zu. Nicht nur die Fischbestände stehen kurz vor dem Kollaps, sondern auch die Subpopulation der Schweinswale in der Zentralen Ostsee, die nur noch etwa 400–500 Tiere zählt und damit als vom Aussterben bedroht gilt.
Der WWF fordert deshalb ein verbindliches Verbot der Stellnetzfischerei in Schutzgebieten und weitere konkrete Maßnahmen zur Wiederherstellung des Ökosystem Ostsee. Zudem müssen entsprechend der Vorgabe aus dem EU-Recht 20 Prozent der Meeresfläche in einen natürlichen Zustand versetzt werden. Die Natur braucht gesicherte Ruhe- und Rückzugsräume ohne Störung. Wirksame Meeresschutzgebiete sind ein wichtiger Schlüssel, um den Zustand der Ostsee zu verbessern.
„Die Ostsee ist übernutzt, sie ist krank”, resümiert Finn Viehberg. „Wir können der gesamten Ostsee zügig helfen. Seit heute gibt es auch für die EU-Kommission keinen Grund mehr zu warten. Die effektiven Maßnahmen sind bekannt, die Umsetzung muss jetzt folgen. Die verklappte giftige Munition muss raus aus dem Meer, Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft müssen konsequent reduziert und die Fischerei zukunftsfähig gemacht werden. Werden die im Bericht erarbeiteten Maßnahmen umgesetzt, könnten wir zukünftigen Generationen eine genesende Ostsee hinterlassen.”
Neuer Bericht des EU-Parlaments nimmt die Zukunft der Ostsee in den Blick
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Meeresschutz - ohne Meer kein Leben