Viele Unternehmen initiieren bereits erfolgreich zirkuläre Geschäftsmodelle. Doch statt sie auszuweiten, bleiben sie oft auf Pilotprojekte beschränkt. Einer der Gründe dafür ist, dass Investitionsentscheidungen in erster Linie auf Basis von klassischen Finanzkennzahlen getroffen werden. Diese erfassen die kurzfristigen Kosten von Investitionen in Kreislaufwirtschaft, spiegeln jedoch deren langfristige Vorteile für Rohstoffsicherheit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit nicht angemessen wider. Es entsteht eine systematische Bewertungslücke.
Das bestätigen auch die im Rahmen der neuen Studie „Closing the Valuation Gap: A Business Case Valuation Framework for Circular Economy Investment“ von WWF und Quantis geführten Interviews. So beschrieben die befragten Unternehmen den Wertbeitrag von Kreislaufwirtschaftsinvestitionen eher als qualitativen, statt quantitativen Faktor bei der Bewertung eines Business Case. Um diese Lücke zu adressieren, haben die Studienautoren zehn Wertbeiträge zirkulärer Investitionen identifiziert und zeigen Schritt für Schritt, wie diese in bereits von Unternehmen genutzte und etablierte Bewertungsmaßstäbe integriert werden können.
Das in der Studie vorgestellte Fallbeispiel verdeutlicht die Funktionsweise anhand eines Rücknahme- und Wiederaufbereitungsprogramms für Industriekompressoren, das in der herkömmlichen Investitionsanalyse nur bedingt rentabel erscheint. Wird jedoch der Schutz vor schwankenden Rohstoffpreisen in das fiktive Modell einbezogen, erhöht sich die Wirtschaftlichkeit deutlich: Der Betriebsgewinn (EBITDA) pro Einheit steigt um 1.208 Euro, die Amortisationszeit verkürzt sich von 7,6 auf 6,1 Jahre und die Kapitalrendite steigt von 8,4 auf 13 Prozent. Das Rücknahmesystem wird damit vom reinen Kostenfaktor zu einer Art Rohstoffversicherung für das Unternehmen.
„Viele Projekte der Kreislaufwirtschaft scheitern bei der Skalierung. Dies liegt jedoch weniger an mangelnder wirtschaftlicher Substanz, sondern vielmehr daran, dass wichtige Wertbeiträge bei der Bewertung von Business Cases nicht berücksichtigt werden. Die Kreislaufwirtschaft wird daher systematisch unterbewertet. Unternehmen müssen anfangen, die Wertbeiträge zirkulärer Investitionen zu messen und in ihre Bewertungsprozesse zu integrieren“, sagt Rebecca Tauer, Expertin für Kreislaufwirtschaft beim WWF Deutschland.
„Laut einer aktuellen Analyse der Boston Consulting Group zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) könnte allein in Deutschland die Bruttowertschöpfung der Kreislaufwirtschaft von heute 60 Milliarden Euro auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr 2045 steigen“, sagt Sophie Herrmann, Geschäftsführerin bei Quantis Deutschland. „Um dieses Potenzial auszuschöpfen, sind jedoch erhebliche Investitionen erforderlich. Und Investitionen hängen davon ab, ob Unternehmen in der Lage sind, ein glaubwürdiges und zustimmungsfähiges Finanzkonzept für Kreislaufwirtschaftsmodelle zu entwickeln. Dort setzt die Studie an.“
„Kreislaufwirtschaft ist nicht nur Nachhaltigkeitsthema, sondern ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit von Unternehmen“, fasst Rebecca Tauer zusammen. „Wer den wirtschaftlichen Nutzen von Investitionen in Kreislaufwirtschaft umfassend bewertet, erkennt Chancen für Innovation, Wachstum und größere Unabhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten.“