Wie lassen sich traditionelle Krabbenfischerei und Schutz des Nationalparks und Weltnaturerbes Wattenmeer miteinander vereinbaren? Diese Frage nimmt der WWF wieder auf und fordert nach dem ergebnislosen Ende des „Zukunftsdialog Krabbenfischerei“ die Landesregierung auf Regelungen für einen verbesserten Schutz der Unterwasserwelt zu erarbeiten. Die Umweltorganisation legt jetzt konkrete Vorschläge für fischereifreie Gebiete für den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer vor. Die Flächen sind so gewählt, dass die Fischereitätigkeit der Krabbenkutter in den schleswig-holsteinischen Küstengewässern um rund 25 Prozent beschränkt wird während zugleich besonders wertvolle Naturräume geschützt werden. Das ist dringend nötig, denn der ökologische Zustand der schleswig-holsteinischen Küstengewässer ist besorgniserregend. Eine unabhängige Untersuchung hat verdeutlicht, dass die mangelhaft geregelte Fischerei klare Defizite beim Schutz der Unterwasserwelt verursacht.
„Momentan bewirtschaftet die Krabbenfischerei den ständig wasserbedeckten Teil des Nationalparks flächendeckend mit Grundschleppnetzen. Überall, wo es möglich ist, wird gefischt. Die Unterwasserwelt bleibt nirgends ungestört. Es fehlen Rückzugsräume, die die marine Artenvielfalt stärken und das Ökosystem gegen den Klimawandel wappnen“ verdeutlicht Catherine Zucco, Meeresschutzexpertin des WWF Deutschland. „Die fast lückenlose Befischung ist mit dem Zweck eines Nationalparks nicht vereinbar. Wir müssen einen Mittelweg finden, so dass Naturschutz und traditionelle Fischerei nebeneinander Platz im Nationalpark haben.“
Nach den Vorschlägen des WWFs sollen 58 Prozent der derzeit von der Krabbenfischerei befischten Nationalparkbereiche künftig der Natur vorbehalten und nicht mehr befischt werden. Das Bundesnaturschutzgesetz schreibt vor, den überwiegenden Teil eines Nationalparks nutzungsfrei zu halten. Damit Naturschutz wirken kann, braucht es unbefischte Gebiete in ausreichender Größe, die vollständige Tidebecken mit ihren Prielen und küstenferne Gebiete umfassen.
Das Wattenmeer vor Schleswig-Holsteins Küste bietet bessere Voraussetzungen für einen Kompromiss als in Niedersachsen, wo neben der Fischerei auch die Schifffahrt, Kabelverlegung, Verklappung und höhere Nährstoff- und Schadstoffeinträge zu einer sehr hohen Belastung führen und Platz beanspruchen. Laut WWF gibt es innerhalb des Nationalparks viele Bereiche, in denen die Wiederansiedlung von wertvollen Lebensräumen vielversprechend ist und die gleichzeitig nur wenig befischt werden. „Wo es möglich ist, beinhalten unsere Vorschläge ökologisch wertvolle Bereiche, die derzeit dünn befischt werden. Ihre Schließung würde die Fischereitätigkeit nur wenig beschränken, der Gewinn für die Natur wäre dennoch groß. Darin liegt eine Chance, um sich auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu einigen“, so Zucco.
Der WWF-Vorschlag sieht u.a. vor, wertvolle Tidebecken bei Sylt, die Norder- und Süderaue zwischen den Inseln und dem Festland sowie die küstenfernen Gebiete vor Amrum und Sylt mit dem Schweinswalschutzgebiet als fischereifreie Gebiete auszuweisen. Zusätzlich wird im Elbmündungsgebiet eine zeitlich begrenzte Schutzzone für Brandgänse vorgeschlagen, um die Tiere während der Mauser im Juli und August vor besonders schädlichen Störungen zu bewahren. Die für die Krabbenfischerei bedeutsamen Bereiche direkt vor Sylt, vor Büsum, südlich von Eiderstedt und im Rütergat bleiben für die Fischerei offen.
Ein weiterer Faktor spricht dafür, jetzt Lösungen zu entwickeln, wie Krabbenfischerei und Naturschutz miteinander in Einklang gebracht werden können. Die nötige und geplante Transformation der Fischerei wird von der Bunderegierung finanziell gefördert und ist bereits angelaufen. Für 25 von 80 Kuttern in Schleswig-Holstein wurde bereits eine Stilllegungsprämie beantragt. „Wo weniger Kutter unterwegs sind, können und müssen Räume für Naturschutz entstehen. Krabbenfischerei gehört zur Nordseeküste dazu, doch in einen Nationalpark gehören auch Ruhezonen für die Unterwasserwelt. Dies ist ein guter Zeitpunkt, um gemeinsam einen Übergang zu gestalten, der sowohl der Fischerei als auch der Natur Platz einräumt“, so Zucco. Jetzt wo konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen, komme es auf die Gesprächsbereitschaft von Fischerei und Behörden an, so der WWF.