Berlin, 23.07.2026: Mit dem faktischen Aus des Amazonas-Soja-Moratoriums (ASM) droht dem brasilianischen Amazonas in den kommenden zehn Jahren ein starker Anstieg der Entwaldung um zusätzliche 1,4 Millionen Hektar – mit Treibhausgasemissionen, die den jährlichen CO2-Ausstoß Deutschlands übertreffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle wissenschaftliche Publikation im Fachmagazin Science, an der auch der WWF beteiligt ist.
Beim ASM handelt es sich um eine freiwillige Vereinbarung, die den Handel mit Soja von neu gerodeten Flächen im Amazonas unterbindet. Die Mehrheit der Sojahändler hatte ihre Verpflichtungen aus dem freiwilligen Abkommen Anfang 2026 aufgekündigt. Auslöser waren Gesetze mehrerer brasilianischer Bundesstaaten, die Steuervergünstigungen an die Nichtteilnahme koppelten und dem Abkommen so gezielt die wirtschaftliche Grundlage entzogen.
„Das Soja-Moratorium lieferte den Beweis, dass wir Wälder schützen können, ohne auf Wachstum zu verzichten. Hier wird ein nachweislich erfolgreiches Instrument aus rein ideologischen Motiven demontiert. Sein Ende gefährdet nun Jahre des Fortschritts und könnte eine neue Rodungswelle im Amazonas auslösen“, kritisiert Roberto Maldonado, Bereichsleiter Lateinamerika beim WWF Deutschland. „Die Unternehmen entlang der Lieferkette dürfen sich davon nicht aus der Verantwortung nehmen lassen: Entwaldungsfreies Soja muss der unverrückbare Mindeststandard bleiben.“
Das 2006 initiierte Moratorium gilt als eines der wirksamsten freiwilligen Nachhaltigkeitsabkommen der globalen Agrarwirtschaft. Zu seinem Beginn entstand noch fast ein Drittel der jährlichen Sojaexpansion im brasilianischen Amazonas durch Rodung. Nach Einführung des Abkommens sank die Entwaldung für neue Sojaflächen nahezu auf null. Gemeinsam mit weiteren politischen Maßnahmen trug es dazu bei, dass die Entwaldungsraten im Amazonas bis 2012 auf historische Tiefstände fielen. Zugleich verdreifachte sich die Anbaufläche – fast ausschließlich auf bereits vor 2008 gerodeten Flächen. Das Abkommen bewies damit, dass sich die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und der Schutz der Wälder nicht ausschließen.
Ohne das Moratorium sind laut aktueller Analyse rund 9,1 Millionen Hektar Wald auf Privatflächen gefährdet – eine Fläche so groß wie Portugal. Weitere 28,7 Millionen Hektar nicht ausgewiesener öffentlicher Wälder, fast so groß wie Italien, gelten als besonders anfällig für illegale Rodung und Landspekulation. Damit wächst auch das Risiko sozialer Konflikte, insbesondere in Regionen, in denen Straßen, Wasserstraßen und Eisenbahnlinien gebaut werden. Viele öffentliche Wälder haben keinen rechtlich festgelegten Schutzstatus oder Nutzungszweck, was als Einfallstor für illegale Landnahme gilt, die häufig zulasten indigener Gemeinschaften und traditioneller Bevölkerungsgruppen geht, die dort ohne formale Landtitel leben.
Der Beitrag entkräftet zugleich ein zentrales Argument der Moratoriums-Gegner. Auf den bestehenden Sojafarmen wurden durch das Abkommen nur rund 60.000 Hektar Waldflächen tatsächlich eingeschränkt und damit weniger als ein Prozent der gesamten Sojaanbaufläche in der Region. Zudem fanden die Forscher:innen keine Hinweise auf geringere Erzeugerpreise für Landwirtinnen und Landwirte.
Hintergrund
Das Amazonas-Soja-Moratorium wurde 2006 von den größten Sojahändlern vereinbart, die rund 90 Prozent des Amazonas-Sojas aufkaufen. Es untersagt den Ankauf von Soja von Flächen, die nach Juli 2008 im Amazonas gerodet wurden, und wurde zunächst im Ein- bis Zwei-Jahres-Rhythmus verlängert, seit 2016 galt es unbefristet.
Zwischen Juni 2024 und 2025 verabschiedeten die Bundesstaaten Rondônia, Mato Grosso und Maranhão Gesetze, die Unternehmen mit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehenden Umweltverpflichtungen den Zugang zu Steuervergünstigungen und staatlichen Flächen entziehen. Das Gesetz Mato Grossos war zunächst durch eine einstweilige Verfügung des Obersten Bundesgerichts (STF) ausgesetzt, seit dem 1. Januar 2026 gilt es wieder. Über die Verfassungsmäßigkeit der Landesgesetze verhandelt der STF in mehreren parallelen Verfahren. Eine endgültige Entscheidung dürfte allerdings zu spät kommen, um das Moratorium noch zu erhalten.
Der Fachartikel „The rise and fall of the Amazon Soy Moratorium” erschien am 16.07.26 im Fachmagazin Science.