Am Montag beginnt die Vollversammlung der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA). Die Behörde, die den Meeresboden als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ schützen soll, ist vermehrt der Profitgier einiger weniger Länder und Wirtschaftsakteure ausgesetzt, die mit Tiefseebergbau beginnen wollen. Der WWF fordert deshalb ein Moratorium, bis ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen und eindeutig nachgewiesen ist, dass ein Abbau ohne Beeinträchtigung der Meeresumwelt möglich ist. Die Meeresbodenbehörde muss auf der Versammlung sicherstellen, dass internationales Recht und das Vorsorgeprinzip gewahrt werden.
„Die Internationale Meeresbodenbehörde wird beim Thema Tiefseebergbau zusehends umgangen und ihre Regeln drohen missachtet zu werden. Dagegen muss sich die Behörde wehren. Es gilt, internationales Recht, Multilateralismus, Vorsorge, Wissenschaft und das gemeinsame Erbe der Menschheit zu verteidigen. Das muss die Leitlinie für die Vollversammlung sein“, fordert Martin Webeler, Experte für Tiefseebergbau beim WWF Deutschland.
Ein Schwerpunkt der Behörde ist zurzeit die Arbeit an künftigen Regeln für einen möglichen Rohstoffabbau am Meeresgrund, dem sogenannten „Mining Code“. Dabei fehlt jedoch grundlegendes Wissen über die Tiefsee und die möglichen Auswirkungen des Tiefseebergbaus. Forschende haben erst rund ein Prozent des Meeresbodens exakt kartographiert und in nahezu jedem Tauchgang in die Tiefsee werden neue Arten entdeckt. Gleichzeitig bestehen große Wissenslücken in anderen Bereichen wie Konnektivität von Ökosystemen oder saisonalen Veränderungen. Das alles bedeutet: Das Wissen, das erforderlich ist, um wissenschaftlich fundiert zu entscheiden, ob Tiefseebergbau vorangetrieben werden kann, fehlt.
„Die Tiefsee ist ins Visier von Staaten und Unternehmen geraten, obwohl wir fast nichts über die fragile Umwelt in den Meerestiefen wissen. Statt vorschnell über ein Regelwerk abzustimmen, fordert der WWF die Regierungen der ISA-Mitgliedsstaaten auf, sich für ein Moratorium oder eine vorsorgliche Pause beim Tiefseebergbau einzusetzen. Die Wissenschaft hat noch viel zu wenig Kenntnis über die Tiefsee, im Entwurf für ein Regelwerk klaffen enorme Lücken und es drohen irreversible ökologische und sozioökonomische Schäden durch Tiefseebergbau. Ein Moratorium ist ein Gebot der Verantwortung und Vorsorge “, so Martin Webeler.
Er warnt davor, dass die Jahrestagung dafür genutzt wird, den Verhandlungsprozess für eine hochgradig zerstörerische Industrie zu beschleunigen. „Die Meeresbodenbehörde darf sich in keinem Fall dazu verleiten lassen, Bergbau in der größten und zugleich am wenigsten verstandenen Umwelt der Erde zuzulassen. Damit würde sie ausschließlich Akteure zufriedenstellen, die bereit sind, internationales Recht zu verletzen, um eigene Gewinne einzustreichen.“
Damit die Meeresbodenbehörde auch konsequent eigene Regeln einhält und wehrhaft bleibt, muss sie sich regelmäßig einer kritischen Selbstuntersuchung stellen. Diese ist nun schon Jahre überfällig. Der WWF appelliert deshalb an die ISA, diese Prüfung durchzuführen, sich transparenter und inklusiver aufzustellen und Umweltverpflichtungen einzuhalten.
Ein vom WWF beauftragter Report kam zudem kürzlich zu dem Ergebnis, dass Tiefseebergbau neue wirtschaftliche, ökologische, soziale und politische Anfälligkeiten schaffen und so die globale Unsicherheit weiter verschärfen könnte. Der Report zeigt, wie ein Tiefseebergbau-Moratorium in Verbindung mit Ansätzen der Kreislaufwirtschaft langfristige Resilienz gewährleisten kann.