Um diese Fragen zu beantworten, wurden vier Bausteine in einem innovativen Prozess verbunden: Wissenschaftliche Modellierung, ein co-kreativer Beteiligungsprozess mit Bürger:innen, visuelle Kommunikationsansätze und eine repräsentative Bevölkerungsumfrage. Das Projekt hat folgende Kernbotschaften erarbeitet:
Wie könnte eine gerechte, lebenswerte und ressourcenschonende Gesellschaft aussehen? Im Projekt Ressourcenleicht Leben 2045 entwickelten wir gemeinsam mit Bürger:innen Zukunftsvisionen für ein nachhaltiges Leben, verankerten diese in wissenschaftlichen Szenarien und legen so die Basis für Veränderungen in Gesellschaft und bei politischen Rahmenbedingungen.
Deutschlands Ressourcenproblem: 16 Tonnen pro Kopf
Deutschland lebt über seine materiellen Verhältnisse. Jede Person verbraucht hierzulande im Durchschnitt rund 16 Tonnen Primärrohstoffe pro Jahr. Laut Wissenschaft sind lediglich sechs bis acht Tonnen nachhaltig. Diese Übernutzung ist nicht nur ein ökologisches Problem. Sie gefährdet auch Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Resilienz. Wer Ressourcen spart, macht sich unabhängiger von globalen Importen, reduziert Krisenanfälligkeit und stärkt langfristig die heimische Wertschöpfung.
Mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) hat die Bundesregierung Ende 2024 erstmals das politische Leitbild verankert, den deutschen Rohstoffverbrauch bis spätestens 2045 zu halbieren. Offen bleibt jedoch, wie sich dieses Ziel in konkrete Lebensrealitäten übersetzen lässt, und wie der Wandel so gestaltet werden kann, dass er die gewohnte Lebensqualität erhält oder sogar erhöht.
Genau hier setzt das Projekt Ressourcenleicht Leben 2045 an. Es geht einen Schritt über klassische Szenarien und Zielpfade hinaus. Das Projekt fragt nicht nur, ob eine Halbierung möglich ist, sondern wie sie sich im Alltag anfühlen wird. Also: Welche Lebensstile sind innerhalb eines Acht-Tonnen-Korridors realistisch? Welche politischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen braucht es, damit Ressourcenleichtigkeit zu einem Gewinn an Lebensqualität führt? Um welche Narrative helfen dabei?
WWF-Projekt zeigt: Acht Tonnen sind machbar und gesellschaftlich anschlussfähig
- 1. Ein Leben mit acht Tonnen ist realistisch
Auch unterhalb von acht Tonnen Ressourcenverbrauch bleibt Raum für vielfältige Lebensstile. Voraussetzung ist eine umfassende Systemtransformation. Deutschland muss bis 2045 eine vollständige Kreislaufwirtschaft etablieren und aus fossilen Energien aussteigen. Diese systemischen Rahmenbedingungen sind notwendig, aber nicht hinreichend. Auch individuelle Konsummuster müssen sich anpassen. 55 Prozent der Bevölkerung bewerten ein solches Acht-Tonnen-Lebensmodell als attraktiv und zeigen Bereitschaft zur Reduktion ihres Rohstoffkonsums, sofern geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden.
- 2. Die Mehrheit fordert klare politische und strukturelle Unterstützung
Im Alltag bestehen weiterhin strukturelle Hürden, etwa fehlende Mobilitätsalternativen, hohe Kosten nachhaltiger Optionen oder unzureichende Reparaturangebote. Entsprechend hoch ist die Erwartung an politische Gestaltung: Eine breite Mehrheit spricht sich für bessere Infrastruktur, gezielte finanzielle Förderung, verbindliche Standards und transparente Kennzeichnung aus. 58 Prozent der Bevölkerung unterstützen gesetzliche Maßnahmen zur Reduktion des Rohstoffverbrauchs.
- 3. Ressourcenleichtes Leben ist ein Gewinn an Lebensqualität
Ein „gutes Leben mit der Hälfte der Ressourcen“ ist ein neues Wohlstandsmodell. Die Ergebnisse aus Bürgerbeteiligung und repräsentativer Umfrage zeigen: Suffizienzorientierte Lebensweisen stoßen vor allem dann auf Sympathie, wenn ihre Vorteile im Alltag zum Ausdruck kommen, nicht erst über die Darstellung abstrakter Einsparpotenziale oder langfristiger Ressourcen- und Klimaziele. Überzeugend ist ein Nutzenprofil, das Menschen unmittelbar erleben können: finanzielle Entlastung, soziale Stabilität und gesundheitliches Wohlbefinden, bei gleichzeitig sinkender ökologischer Belastung.
- 4. Transformation gelingt nur mit aktiver Bürgerbeteiligung
Mitgestaltung schafft Akzeptanz, Vertrauen und demokratische Legitimation. Die Transformation zu einer ressourcenleichten Gesellschaft gelingt nur, wenn sich Menschen als handelnde Subjekte und nicht als passive Betroffene erleben. Beteiligungsformate des Projekts zeigen, wie stark die Bereitschaft steigt, wenn Bürger:innen ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorschläge einbringen können.
- 5. Gerechte Verteilung entscheidet über den Erfolg
Der Ressourcenverbrauch ist in Deutschland ungleich verteilt. Haushalte mit hohen Einkommen verursachen nahezu doppelt so hohe Verbräuche wie Haushalte mit niedrigen Einkommen. Entsprechend deutlich ist die gesellschaftliche Erwartung an faire Verteilung: 75 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass höherer Verbrauch mit größerer Verantwortung einhergehen muss. 79 Prozent befürworten eine stärkere Besteuerung besonders ressourcenintensiver Luxusgüter.
Was jetzt politisch zu tun ist
Im Beteiligungsprozess und in der Umfrage wurde deutlich: Verhaltensänderungen gelingen vor allem dann, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Denn Politik setzt Regeln, schafft Infrastruktur und gestaltet Anreize. Derzeit dominieren in der NKWS technikorientierte Ansätze wie Recycling, Produktdesign und Effizienzmaßnahmen. Strukturelle Hebel, die alltagstaugliche Veränderungen ermöglichen – etwa bessere Nutzungskonzepte, Sharing-Angebote, faire Preise oder Anreize für flächensparendes Wohnen – sind dagegen kaum berücksichtigt. Es fehlt ein verbindlicher Zielrahmen, der Orientierung gibt und Akzeptanz sowie Handlungsfähigkeit stärkt. Daraus ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen.
- 1. Verbindliche Ressourcenziele und Governance
Das Ziel der Halbierung des Ressourcenverbrauchs sollte gesetzlich verankert werden, mit Zielpfad (sechs bis acht Tonnen pro Kopf RMC bis 2045), verbindlicher Ressortverantwortung und transparentem Monitoring. Ressourcenziele sollten systematisch mit sozialen Belangen (Bezahlbarkeit, Teilhabe, Schutz vulnerabler Gruppen) verknüpft werden.
- 2. Finanzinstrumente für Fairness und Lenkung
Wir forden einen Instrumentenmix aus Abgaben auf materialintensive Produkte und Primärrohstoffe, Bonus-Malus-Systemen für langlebiges Design sowie steuerlichen Vorteilen für ressourcenschonende Optionen. Einnahmen werden pro Kopf zurückverteilt. Gleichzeitig werden klimaschädliche Subventionen wie Pendlerpauschale und Dienstwagenprivileg reformiert.
- 3. Infrastruktur, Standards und Anreize zusammen denken
In zentralen Konsumbereichen braucht es verknüpfte Transformationspakete aus Infrastruktur, Standards, Anreizen und Kommunikation, die ressourcenleichte Optionen zur naheliegenden Wahl machen. Ein Beispiel ist ein Reparaturpaket aus dem Ausbau kommunaler Reparaturzentren, verbindlichen Produktdesign-Standards für Reparierbarkeit und Ersatzteilverfügbarkeit sowie einer Senkung der Mehrwertsteuer auf Reparaturdienstleistungen.
- 4. Kommunen systematisch stärken
Kommunen sind Schlüsselakteure, bei denen Ressourcenleichtigkeit vor Ort machbar und spürbar werden. Gestärkt werden sollten ressourcenleichte Strukturen durch ressourcengerechte Stadt- und Verkehrsplanung, eine Wohnpolitik, die Flächeneffizienz ermöglicht (z. B. Leerstandsmanagement, Wohnflächentausch, Co-Housing), sowie zirkuläre Daseinsvorsorge, etwa durch Repair-Infrastruktur, Bibliotheken der Dinge und skalierbare Reparatur- und Sharingangebote. Ressourcenziele und Strategien auf kommunaler und Landesebene sind geeignet, diese Anstrengungen zusätzlich abzusichern.
Das Projekt im Überblick
Wissenschaftliche Modellierung
Wie lässt sich der Ressourcenkonsum halbieren? Unsere Modelle berücksichtigen unterschiedliche Lebenswelten – von Stadt bis Land, von jung bis alt. Besondere Hebel wie Wohnen, Mobilität und Ernährung werden untersucht, um machbare Szenarien für ressourcenschonendes Leben zu entwickeln. Es wird der Stand heute, sowie mögliche Veränderungen durch Infrastrukturwandel betrachtet und berechnet, ob notwendige und machbare Lebensmodelle in 2045 zusammenpassen.
Bürger:innenbeteiligung: Gemeinsam gestalten
Veränderung funktioniert nur gemeinsam. In einem interaktiven Prozess bringen Bürger:innen ihre Wünsche, Ideen und Perspektiven ein. Besonders Haushalte mit hohem Ressourcenverbrauch stehen im Fokus.
Ihr Input fließt direkt in die Konzepte ein und hilft zukunftsfähige Lebensmodelle zu entwickeln, die sich in der Praxis bewähren.
Kommunikation für die Zukunft
Mit ansprechender Kommunikation machen wir Wissenschaft greifbar und laden Politik und Gesellschaft dazu ein, gemeinsam Lösungen zu finden. Von immersiven Workshops bis hin zur aktiven Verbreitung der Ergebnisse: Das Projekt weckt Begeisterung für ressourcenleichte Lebensstile.
„Ein Leben unter acht Tonnen ist machbar und für die Mehrheit attraktiv. Es bringt konkrete Vorteile für den Alltag, stärkt zugleich Resilienz und Versorgungssicherheit. Jetzt braucht es klare politische Rahmenbedingungen und ein verbindliches 8-Tonnen-Ziel.”
Rebecca Tauer, Teamleiterin Circular Economy beim WWF Deutschland
Projektpartner
Für die Durchführung des Projekts hat der WWF das Projektkonsortium Öko-Institut e.V., Wuppertal Institut, Politics for Tomorrow und Ellery Studio engagiert.
Projektsponsor
Das Projekt wird neben Eigenmitteln des WWF durch unsere Sponsoren Vodafone und Vodafone Institute finanziert.
Weitere Informationen
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