Einst war der Luchs großflächig in Deutschland verbreitet, doch die Übernutzung der Wälder und die gezielte Bejagung hatten die Samtpfote ausgerottet. Heute gibt es bei uns dank Wiederansiedlungsprojekten wieder etablierte Luchspopulationen.
Als Pate erfahren Sie regelmäßig von erfolgreich ausgewilderten Luchsen. Die Bilder von Luchsen, die aus Transportkisten heraussprinten und freigelassenen werden, lässt die Projekte einfach und leicht aussehen. Doch die wenigsten ahnen, dass Wiederansiedlungsprojekte äußerst aufwendig sind und akribischvon langer Hand geplant werden müssen.
Heute lassen wir Sie mal „hinter die Kulissen blicken“: Lernen Sie die verschiedenen Puzzleteile, aus denen erfolgreiche Wiederansiedlungsprojekte bestehen, noch näher kennen – viel Spaß!
In 10 Schritten erläutert: So gelingen Wiederansiedlungsprojekte von Luchsen
1.) Dringlichkeit überprüfen: „Wir müssen etwas tun!“
Am Anfang eines Projektes steht immer die Dringlichkeit: Wie wichtig ist es für Europa, ein Tier wie den Luchs wieder in Deutschland heimisch werden zu lassen? Warum brauchen wir den Luchs?
Über das Ökosystem wissen wir heute mehr denn je. So auch, dass wir Menschen ein lebendiges Ökosystem brauchen und es nur nachhaltig Bestand hat, wenn es intakt bleibt. Zu einem intakten Ökosystem gehört es, eine Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten zu beherbergen. Darum setzen wir uns auch für die Rückkehr des Luchses ein.
Gut zu wissen:
Der Luchs soll perspektivisch (wie auch der Wolf) wieder seine ursprüngliche Rolle im Ökosystem einnehmen: Beispielsweise frisst er kranke und schwache Tiere. Das trägt zur Gesunderhaltung der Tierwelt bei, denn Krankheiten oder auch Gendefekte haben dann weniger Gelegenheit, sich auszubreiten. Von den liegen gebliebenen Futterresten ernähren sich wiederum Aasfresser.
2.) Verbündete finden: „Gemeinsam sind wir stärker!“
Viele Menschen, Institutionen und Nichtregierungsorganisationen sind Luchs-Fans. Das ist gut, denn Wiederansiedlungen sind echte Mammutprojekte. Gemeinsam können nicht nur finanzielle Herausforderungen überwunden werden. Es geht auch darum, Fachwissen und Erfahrungen zu bündeln, auszutauschen und gemeinsam weiter auszubauen.
Gut zu wissen:
Unsere Partner:innen in Sachen Luchs-Wiederansiedlung benennen wir auf allen unseren Projektseiten. Unter den weiter unten genannten Internetlinks finden Sie sie ganz leicht. Und umgekehrt ist es natürlich genauso: Unsere Partner:innen weisen auch auf den WWF Deutschland als Mitstreiter hin.
Nur wer die richtigen Fragen stellt, bekommt die richtigen Antworten. Dieses Sprichwort passt hier wie angegossen. Denn am Anfang stehen viele Fragen, deren Antworten die weitere Projektplanung beeinflussen. Beispielsweise wo der Luchs ursprünglich in Deutschland vorgekommen ist. In all den Jahren hat sich natürlich auch der Lebensraum verändert. Bietet der Lebensraum dort heute noch die Bedingungen, die für den Fortbestand der Luchse ausreichend sind? Das muss man vorab fundiert erforschen, indem beispielsweise Daten darüber gesammelt, ausgewertet und bewertet werden.
Gut zu wissen:
Daran werden beispielsweise auch wissenschaftliche Institute oder Forschungsstätten beteiligt. Wichtig ist, eine auf Daten und Fakten basierte Grundlage zu erarbeiten. Das hilft dabei, Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise wo genau neue Luchse am besten wieder angesiedelt werden sollten.
Der Luchs hat nur eine sichere Zukunft in Deutschland, wenn wir wieder lernen, mit ihm in Einklang zusammenzuleben.
Mit Umfragen in der Bevölkerung kann man besonders gut einschätzen, wie willkommen der Luchs vor Ort ist. Und man kann herausfinden, ob und welche Vorurteile bestehen.
Mit gezielter Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, die wir gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern umsetzen, gehen wir in den Dialog. Auch über Projektfortschritte, wie beispielsweise erfolgreich freigelassene Luchse, wird informiert.
Zu wichtigen Verbündeten zählen Jäger:innen und Landwirte und Landwirtinnen. Beispielsweise leisten Jäger:innen einen wichtigen Beitrag zum Monitoring.
Gut zu wissen:
Wie funktioniert das Zusammenleben von Mensch und Luchs, Wolf und anderen großen Beutegreifern? Das von der EU geförderte Projekt LIFE EuroLargeCarnivoresschaute dafür über den Tellerrand hinaus: Praxisbeispiele aus ganz Europa wurden gesammelt und Lösungsideen ausgetauscht. Das Projekt endete zwar 2022, jedoch gelten die aufgebauten Netzwerke und Kontakte und der Erfahrungsaustausch bis heute als wegweisend.
Wo gibt es außerhalb Deutschlands gesunde Luchspopulationen, aus denen einzelne Tiere umgesiedelt werden können? Sind diese Länder identifiziert, setzt man sich in Kontakt und spricht ab, welche und wie viele Luchse von dort nach Deutschland umgesiedelt werden könnten.
Auch Luchse aus einem speziellen Zuchtprogramm kommen infrage. Luchse aus diesem Zuchtprogramm haben absichtlich und vorausschauend so gut wie keinen Kontakt zu Menschen erhalten. Ihre Gehege und ihre Aufzucht zielen allein darauf ab, sie auf ein Leben in freier Wildbahn vorzubereiten.
Gut zu wissen:
Eine Kombination von Wildfängen und Gehegenachzuchten ist sinnvoll, um genügend der seltenen Tiere für den Aufbau einer Population zusammenzubekommen. Zudem entsteht durch diesen Ansatz eine bunte Mischung an Luchsen mit breitem Genpool. Eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer neuen und gesunden Luchspopulation.
6.) Luchse aus freier Wildbahn einfangen: „Bitte beachten!“
Jedes Land hat spezielle Behörden, die aufgesucht werden müssen, und besondere Vorschriften, die es einzuhalten gilt, sobald eine Umsiedlung von Luchsen infrage kommt. Die Klärung dieser Formalitäten spielt dabei eine genauso wichtige Rolle wie die gemeinsame Abstimmung der Planung, wann und wo Luchse eingefangen werden sollen.
Gut zu wissen:
Zum Einfangen von Luchsen werden beispielsweise spezielle Boxen aufgestellt, die so präpariert sind, dass Luchse neugierig hineintapsen, und die sich danach hinter ihnen verschließen. Tapst ein Luchs hinein, wird geprüft, ob er sich für eine Umsiedlung eignet.
7.) Ärztliche Untersuchungen durchführen: „Auf Herz und Nieren geprüft“
Um sicherzustellen, dass nicht versehentlich Luchse mit Krankheiten umgesiedelt werden, werden sie von einem Veterinär oder einer Veterinärin untersucht. Unter Umständen schließt daran auch eine Entwurmungskur an. Unabhängig davon, ob es sich um Wildfänge oder Nachzuchten handelt, verbringen alle Tiere vor ihrer Umsiedlung eine gewisse Zeit in Quarantäne.
Gut zu wissen:
Mancherorts werden eigens dafür geeignete Quarantänegehege gebaut, sofern sie noch nicht existieren. Auch hier wird darauf geachtet, dass die Luchse so wenig Kontakt wie möglich zu Menschen haben.
Je nach örtlichen Voraussetzungen und Bedingungen wird entschieden, ob das Tier in einer Box zum Ort der Freilassung transportiert und freigelassen wird. Oder ob es in seiner neuen Heimat in ein spezielles Gehege gebracht wird, wo es vor Ort mit Gerüchen und Umfeld vertraut werden kann, und zu gegebener Zeit dann aus dem Gehege freigelassen wird.
Zuvor werden in der neuen Heimat des Luchses Kamerafallen nachgerüstet oder neue aufgestellt. Auch wird dem Luchs behutsam ein sogenanntes Senderhalsband umgelegt. Das Halsband sendet GPS-Koordinaten und Funksignale – so haben wir auch nach seiner Freilassung immer ein waches Auge auf das Tier.
Gut zu wissen:
Das Senderhalsband behindert den Luchs nicht in seiner Lebensweise. Nach rund einem Jahr fällt es automatisch ab.
9.) Monitoring betreiben: „Ich habe einen Luchs gesichtet!“
Auf Grundlage der GPS-Daten und mithilfe von Kamerafallen lässt sich nachverfolgen, wie sich der Luchs verhält und wo er unterwegs ist.
Die Daten schenken uns Erkenntnisse darüber, ob das Tier seine neue Heimat wie geplant erkundet.
Hält sich ein Luchs länger an einem Ort auf, gehen wir dem nach: Hat der Luchs Beute gemacht oder gar Nachwuchs bekommen? Nach Antworten auf diese Fragen wird dann vor Ort gesucht.
Gut zu wissen:
Dokumentiert und ausgewertet werden auch Luchssichtungen und Luchsspuren sowie Risse von Rehen. Hierbei spielen vor allem Jäger:innen eine wichtige Rolle, die dabei maßgeblich mithelfen. Förster:innen liefern ebenfalls wertvolle Hinweise und manchmal tragen auch Wandersleute oder Radfahrer:innen wichtige Informationen bei.
Kennen Sie schon die kostenlose Smartphone-Anwendung iMammalia? Mit dieser App kann jede:r Spuren oder Sichtungen von Wildtieren leicht kartieren. Und so mithelfen, dass mehr über die Verbreitung und Lebensräume der Säugetiere in Erfahrung gebracht wird. Die Anwendung ist Teil eines Projekts verschiedener wissenschaftlicher Einrichtungen, um gemeinsam mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern am Schutz unserer Wildtiere zu arbeiten. iMammalia kann bei Google Play oder im App Store kostenlos heruntergeladen werden.
10.) Auswerten und analysieren: „Wie ist es gelaufen?“
Jeder Luchs, der ausgewildert wird, schenkt den Projektbeteiligten wertvolle Erkenntnisse, was gut lief und was beim nächsten Mal beachtet werden soll.
Dies alles gilt es gemeinschaftlich auszuwerten. Denn bis Luchse nicht mehr auf unsere Unterstützung angewiesen sind, ist noch ein langer Weg. Bis dahin gilt es, die erforderlichen Wiederansiedlungen bestmöglich fortzusetzen.
Gut zu wissen:
Häufig erstellen die Projektbeteiligten eine gemeinsame Internetseite, wie am Beispiel des Wiederansiedlungsprojektes in Thüringen zu sehen. Hier erfährt man regelmäßig Neuigkeiten und Projektfortschritte.
Nichts lässt das Herz von Luchs-Fans höherschlagen, als mitzuerleben, wie ein Luchs erfolgreich ausgewildert wird.
Die Orte der Auswilderung sind jedoch streng geheim und die Freilassungen finden unter Ausschluss der größeren Öffentlichkeit statt, damit das Tier nicht unnötig gestresst wird. Deshalb müssen Luchs-Liebhaber:innen mit Videoaufzeichnungen vorliebnehmen.
Einige der schönsten Videos finden Sie hier kompakt zusammengestellt. Viel Freude beim Ansehen!
„Begeisterung, Gänsehaut, Dankbarkeit – diese Worte beschreiben am besten meine Gefühle, die beim Ansehen von Bildern von Luchs-Freilassungen aufkommen. Doch nach der Wiederansiedlung legen wir die Hände nicht in den Schoß. Im Gegenteil: An Wiederansiedlungsprojekte knüpfen unmittelbar auch Projekte zur Verbindung der Luchslebensräume an. Geschützte Korridore sollen perspektivisch als Wegenetzwerke fungieren und Luchse in ganz Zentraleuropa verbinden. So kommt es zu einem genetischen Austausch zwischen den Tieren. Eine Voraussetzung dafür, dass die neuen Populationen auch eine Zukunft haben. Danke, dass Sie mit Ihrer Patenschaft an all dem mitbauen!“
Melissa Friebe | Patenbetreuung
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