Um diese Potenziale in der Praxis zu heben, haben Motel One und Leonardo Hotels verschiedene Pilotprojekte umgesetzt. Begleitet und wissenschaftlich unterstützt wurden die Projekte von der Kühne Logistics University (KLU) und dem WWF. Gemeinsam wurde untersucht, wie sich zirkuläre Ansätze erfolgreich in den Hotelalltag integrieren lassen und welche Wirkungen sie entfalten können.
Kreislaufwirtschaft in der Hotellerie
Kreislaufwirtschaft wird im Hotelsektor häufig auf Plastikvermeidung und Abfalltrennung in der Küche reduziert. Wir haben das genauer untersucht und zeigen in unserem Bericht anhand konkreter Praxisbeispiele, welche vielfältigen Potenziale für die Kreislaufwirtschaft in der Hotellerie bestehen. Die Projekte machen deutlich, dass zirkuläre Strategien auch im laufenden Betrieb umsetzbar sind und dabei sowohl ökologische als auch ökonomische Vorteile bieten können.
Unser Ansatz
Die Ergebnisse im Überblick
Umstellung von Einweg- auf Mehrwegverpackungen: Reuse (Motel One, Region Hamburg)
Die erfolgreiche Umstellung von Einweg- auf Mehrwegverpackungen für Obstsalate im B2B-Bereich zeigt, dass ein funktionierender Mehrwegkreislauf über mehrere Unternehmen hinweg technisch und organisatorisch möglich ist – mit einer stabilen Rückführungsquote und einer Ausschussrate der zurückgeführten Behälter von nur 1,2 Prozent.
Alte Möbel weiternutzen: Refurbishment (Leonardo Hotels, Berlin & Hannover)
Zwei Hotelübernahmen dienten als Pilotprojekte für einen ressourcenschonenden Umgang mit Bestandsmobiliar. Statt den gesamten Möbelbestand pauschal zu entsorgen, wurde er systematisch auf sein Wiederverwendungspotenzial geprüft. In Berlin konnten nahezu 100 Prozent der Möbel im Kreislauf gehalten werden; in Hannover variierte die Remanufacture-Quote nach Möbelkategorie und Umgang.
Mülltrennung auf den Zimmern wirkt: Recycle & Reduce (Motel One, Aachen)
Die Einführung der Mülltrennung in allen 259 Gästezimmern führte zu einer jährlichen Restmülleinsparung von 4,6 bis 8,9 Tonnen (das entspricht 18 bis 34 Kilogramm pro Zimmer) sowie einer Reduktion der Entsorgungskosten um etwa 31,5 Prozent – bei minimalem Investitionsaufwand und ohne Mehrkosten im Reinigungsbetrieb.
Im geschlossenen Kreislauf recyceln: Recycling (Leonardo Hotels, Ruhrgebiet)
Mit einer sortenreinen Sammlung gebrauchter PP-Lebensmitteleimer (für Obstsalat, Mayonnaise, Senf etc.) und ihrer Überführung in einen geschlossenen Materialkreislauf ließen sich deutlich höhere Recyclingquoten von bis zu 75 bis 80 Prozent erzielen – mit minimalem Zusatzaufwand. Zum Vergleich: Bei konventioneller Sammlung liegt die Recyclingquote bei etwa 50 Prozent.
Die Erfolgsfaktoren
Alle vier Pilotprojekte haben gezeigt, dass die erfolgreiche Kreislaufwirtschaft im Hotelbetrieb maßgeblich von drei Faktoren abhängt:
- enge Einbettung in bestehende operative Abläufe, sodass zusätzlicher Aufwand für Personal und Gäste minimal bleibt;
- funktionierende Koordination zwischen mehreren Akteur:innen entlang der Wertschöpfungskette (Hotel, Lieferung, Logistik, Recycling);
- frühzeitige Einbindung und Motivation der Mitarbeiter:innen vor Ort, die letztlich über Erfolg oder Scheitern der Umsetzung entscheiden.
Wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, ergeben sich sowohl ökologische Vorteile – weniger Restmüll, weniger Neumaterial, höhere Recyclingquoten – als auch ökonomische Vorteile – Mehrkosten bleiben gering oder entstehen gar nicht erst.
Vom Piloten in die Skalierung
Alle vier Piloten waren von Beginn an so angelegt, dass sie bei Erfolg in den Regelbetrieb überführt und auf weitere Standorte ausgeweitet werden können – und genau das wird bereits umgesetzt: Das Mehrweg-Projekt wurde zunächst bis Ende 2026 verlängert, bei Leonardo Hotels werden inzwischen alle Neuübernahmen systematisch auf Refurbishment-Potenzial geprüft, die Mülltrennung im Motel One in Aachen läuft unbefristet weiter, mit Blick auf das Recycling-Projekt sollen weitere Hotels als Materiallieferanten hinzukommen.
Unser Bericht ist dementsprechend keine Abschlussdokumentation, sondern Ausgangspunkt und soll als praxisnaher Impulsgeber für die gesamte Hotelbranche dienen. Die Projekte sind ein Startpunkt und sollen möglichst vielen Hotels und Hotelketten – unabhängig von Größe, Kette oder Sternekategorie – als Inspiration für eigene Kreislaufwirtschaftsmaßnahmen dienen.
„Die Hotellerie hat ein enormes ungenutztes Potenzial für Kreislaufwirtschaft – vom Mobiliar über Verpackungen bis zum Abfallmanagement. Die Pilotprojekte zeigen: Es lohnt sich, dieses Potenzial jetzt zu heben.“
Laura Griestop, WWF Deutschland
Empfehlungen an Hotellerie und Politik
Die vorgestellten Pilotprojekte bieten ein immenses Potenzial für Verstetigung und Verbreitung. Deshalb empfehlen wir der Hotellerie:
- bestehende Prozesse dahingehend überprüfen, ob sie von Einweg- auf ressourcenschonendere Mehrwegsysteme umgestellt werden können;
- bei Neueröffnung oder Übernahme sorgfältig evaluieren, ob bestehendes Mobiliar weiterhin genutzt oder einer sinnvollen Zweitverwendung zugeführt werden kann. Die Bewertung der alten Einrichtung sollte als fester, standardisierter Schritt bereits in die Planungsphase von Renovierungs- oder Übernahmeprojekten integriert werden – statt sie, wie bislang häufig üblich, erst kurzfristig vor der eigentlichen Beräumung anzustoßen;
- Potenziale zur Optimierung der Abfalltrennung konsequent identifizieren, um durch Umstellungen, gezielte Kommunikation und Sensibilisierung den Restmüllanteil weiter zu reduzieren;
- den Aufbau einer sortenreinen Sammlung kurzlebiger (aber hochwertiger) Verpackungen prüfen.
- Darüber hinaus zeigen die Beispiele im Bericht, dass etwa hochwertige Badausstattung problemlos wiederaufbereitet werden kann, dass To-go-Getränke auch in Mehrwegverpackungen sehr gut ankommen und umliegende Naherholungsgebiete für Gäste müllfrei halten, dass verbautes Holz schon heute hochwertig im geschlossenen Kreislauf recycelt werden kann.
Ansatzpunkte zum Nachahmen – wo können Hotels direkt anfangen?
Grundsätzlich lassen sich kreislaufwirtschaftliche Maßnahmen im Hotelbetrieb auf zwei Ebenen denken: der Bau- und Gebäudeebene (zum Beispiel im Zuge von Sanierungen, Umbauten oder Hotelübernahmen) und der operativen Ebene (laufender Betrieb: Einkauf, Nutzung, Entsorgung im Tagesgeschäft).
Ganz konkret könnte ein Hotel mit den folgenden Schritten einsteigen:
- Datenverfügbarkeit abklären: Welche Daten zu Ressourcenströmen sind bekannt?
- Matrix/Raster aufsetzen mit Bereichen des operativen Tagesgeschäfts (Zimmer, Bad, Küche, gegebenenfalls Fitness, Shop etc.), den verschiedenen Phasen (Einkauf, Nutzung, Verkauf/Entsorgung) und – falls bekannt – langfristig anstehenden, baulichen Investitionen (Sanierung, Neukäufe etc.)
- Entlang der CE-Hierarchie mögliche Maßnahmen unter Einbindung der relevanten Mitarbeiter:innen entwickeln und durchdenken
- Im besten Fall auf Grundlage von Daten (Wesentlichkeitsanalyse) Maßnahmen priorisieren, festlegen und Umsetzung planen:
- Piloten auswählen (Kriterien könnten unter anderem sein: Aufwand/Wirkung, Einbindung von Mitarbeiter:innen etc.)
- Pilotumsetzung in Workshops mit relevanten Mitarbeiter:innen im Detail besprechen, gegebenenfalls auch externes Wissen/Sparring miteinbeziehen
- Skalierung bei Erfolg direkt mit einplanen und Piloten, die verstetigt werden können/skalierbar erscheinen, priorisieren
- Klare Verantwortlichkeiten für die Umsetzung definieren
Kreislaufwirtschaft ist politisch gewollt
Mit dem Geltungsbeginn der EU-Verpackungsverordnung (PPWR) am 12. August 2026 wird der regulatorische Druck in den kommenden Jahren spürbar zunehmen: Ab 2027 müssen Gäste eigene Behälter für Take-away nutzen dürfen, ab 2028 greift die europaweite Mehrwegangebotspflicht, und ab 2030 fallen zahlreiche Einwegkunststoffverpackungen im Gastgewerbe – von Hygieneartikeln bis zu Portionspackungen – ganz weg. Außerdem sind verbindliche Reduktionsziele Bestandteil der PPWR und müssen ab 2030 erreicht werden. Jenseits der PPWR üben die Ökodesign-Verordnung mit Digitalem Produktpass oder Nachhaltigkeits-Berichterstattungspflichten Druck auf die Hotellerie aus.
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