Bei der Bundestagswahl am 26. September 2021 entscheiden wir als Wähler:innen maßgeblich darüber, ob unserem Land der Einstieg in eine nachhaltige Lebensweise gelingen wird. Der WWF hat deshalb einen umfassenden Forderungskatalog an alle Parteien übergeben. Susan Grzybek vom WWF-Fachbereich Politik beantwortet dazu die wichtigsten Fragen aus der Redaktion und der WWF Jugend.

Warum ist die kommende Bundestagswahl besonders wichtig?

Susan Grzybek © Sonja Ritter / WWF
Susan Grzybek © Sonja Ritter / WWF

Susan Grzybek: Die Bundesregierungen der vergangenen Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, haben die Klima- und Artenkrise nicht ernst genug genommen und daher nur unzureichende politische Lösungen auf den Weg gebracht.

Es braucht nun endlich einen Kurswechsel. Der WWF erwartet von der nächsten Bundesregierung und vom Parlament eine sichtbare Umkehr im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen – weg vom Raubbau hin zur Nachhaltigkeit. Die vor uns liegenden vier Jahre werden entscheiden, ob uns eine Trendwende gelingt.

Wie optimistisch bist du?

Dass wir alle in der Lage sind, unsere Alltagsroutinen zu verändern, wenn es sein muss, haben die zurückliegenden Monate gezeigt.

Wenn die Politik nun mutige Entscheidungen trifft, dabei das Soziale nicht vergisst, bin ich optimistisch, dass uns die große Transformation zur Nachhaltigkeit als Gesellschaft gelingen kann.

Stellt mehr Nachhaltigkeit unsere Wirtschaft nicht vor eine Zerreißprobe?

Keineswegs. Nachhaltigkeit hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre zu einem beachtlichen Wirtschafts- und Investmentfaktor entwickelt. Sie ist längst kein Schreckgespenst mehr, sondern liegt im ureigenen Interesse von Unternehmen – zum Beispiel, um Klimarisiken im Geschäftsfeld vorzubeugen oder ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.


Um innovatives Unternehmertum zu fördern, brauchen wir jedoch mehr finanzielle Anreize für die Umstellung der Industrie auf erneuerbare Energien, nachhaltige Rohstoffe und klimaneutrale Prozesse. Und es wird auch Zeit für eine Politik, die Unternehmen verpflichtet, verantwortungsvolle und nachhaltige Lieferketten ab dem ersten Glied aufzubauen. Produkte, die auf dem europäischen und damit auch deutschen Markt landen, dürfen nicht auf Kosten von Umwelt und Menschenrechten produziert werden.

Noch ringen wir in Deutschland mit den Folgen der Pandemie. Warum ist trotzdem gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für mehr Natur- und Klimaschutz?

Weil es dabei um unsere Zukunft und die Freiheitsrechte künftiger Generationen geht. Deshalb ist jeder Tag der richtige Zeitpunkt, um sich für Klima- und Umweltschutz einzusetzen. Mit kleinen und großen Taten im privaten oder beruflichen Umfeld.

Es ist jedoch ureigene Aufgabe der Politik, die nötigen gesetzlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen zu schaffen, damit konsequenter Klimaschutz, nachhaltiges Wirtschaften und engagierte Biodiversitätspolitik endlich Realität werden. Aus diesem Grund wird der WWF im Wahlkampf wie bei der Regierungsbildung den Wettkampf um die besten politischen Ideen intensiv begleiten und nicht müde werden, einen echten politischen Wandel im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen einzufordern.

Der ökologische Umbau wird viel Geld kosten. Wer soll ihn bezahlen? Der Staat ist wegen der Pandemie bereits jetzt hoch verschuldet.

Grüne Investitonen lohnen sich mehr denn je © GettyImages
Grüne Investitonen lohnen sich mehr denn je © GettyImages

Nach einer Studie des renommierten Ökonomen Partha Dasgupta würde der Schutz unserer  Lebensgrundlagen nur 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten. Nebenbei: Das wäre auch ein gutes Investment gegen Pandemien. Staatliche Investitionen müssen daher den Übergang zu einem gerechten und nachhaltigeren Wirtschaften fördern. 


Wahr ist auch: Da die Transformation und die Finanzierung des ökologischen Umbaus und des Strukturwandels nicht allein mit öffentlichen Geldern bewältigt werden können, muss ebenso privates Kapital in den Auf- und Ausbau nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen gelenkt werden.

Das kann durch verschiedene Anpassungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Finanzwirtschaft gefördert werden, zum Beispiel durch Kopplung von Vorstandsgehältern an die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen. Und ganz zentral: Der Ab- und Umbau klima- und umweltschädlicher Subventionen, wie zum Beispiel der Steuervorteil für Dienstwagen, das Dieselprivileg oder die Mehrwertsteuerbefreiung internationaler Flüge, wären ein Gewinn auf ganzer Linie, auch für die öffentlichen Haushalte.

Die Wirtschaft muss sich verändern, um den wachsenden Ressourcenverbrauch einzudämmen. Könnten grünes Wachstum, Postwachstum und Degrowth eine Lösung sein?

Hinter allen drei Ansätzen lautet für mich die zentrale Frage, wie gelingt uns Wohlergehen für alle Menschen auf der Erde, innerhalb der planetaren Grenzen und das möglichst auf ökonomisch stabilen Füßen? Hier noch weiterhin mit der Messgröße Bruttoinlandsprodukt – kurz BIP – hantieren zu wollen, ist abwegig, weil es die ökologischen und sozialen Aspekte der Waren- und Güterherstellung ignoriert.

Der WWF fordert daher ergänzende soziale und ökologische Indikatoren der Wohlfahrtsbemessung, die ausgewogen alle Bereiche des nachhaltigen Wirtschaftens und Lebens abbilden. Jegliche Investitionen und Innovationen sollten zudem an der Erreichung der Klimaziele und der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ausgerichtet sein. Hierfür ist eine soziale und ökologische Kreislaufwirtschaft in Deutschland essentiell.

Was sollte die neue Bundesregierung vorrangig tun, um den dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt endlich zu stoppen?

Honigbiene auf Kornblume © Frank Gottwald
Honigbiene auf Kornblume © Frank Gottwald

Die Ursachen des Artenverlustes sind vielfältig. Nur wenn mehr Lebensräume auf dem Planeten geschützt werden, lässt sich das Artensterben aufhalten.

Dutzende Staaten, inklusive Deutschland, wollen 30 Prozent der Erde in weniger als zehn Jahren unter Schutz stellen – sowohl an Land als auch im Meer. Was zunächst radikal klingt, ist nichts weiter als ein längst überfälliger Zwischenschritt, um den ökologischen Kollaps abzuwenden.

Noch in diesem Jahr findet im chinesischen Kunming die Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention statt, bei der ein neues politisches Rahmenwerk verabschiedet werden soll. Um den Biodiversitätsverlust bis 2030 effektiv aufhalten und umkehren zu können, muss sich die Staatengemeinschaft auf ein ambitioniertes, umsetzbares und gut finanziertes Abkommen verständigen. Der Europäischen Union und somit auch der Bundesregierung wird dabei eine Schlüsselrolle zukommen.

Seit einigen Jahren gehen Jugendliche regelmäßig demonstrieren für mehr Schutz des Klimas und der Biodiversität. Trotzdem wird die Stimme der Jugend in der Politik nicht erhört. Was muss getan werden, damit sich das ändert?

Nun, vielleicht nicht erhört, aber gehört! Jugendliche haben der politischen Debatte neues Leben eingehaucht, dem Klima- und Artenschutz viele Gesichter gegeben, eine historische Klage gewonnen und damit Verantwortung für unseren Planeten übernommen. Es ist auch ihr Verdienst, dass sich nun keine demokratische Partei mehr um wirksamen Klimaschutz im Wahlprogramm drücken kann.

Nun müssen Jugendliche auch ihre Stimme abgeben  können. Der WWF fordert daher klar: Wählen ab 16 Jahre auf Bundesebene.

Die Nachfrage nach Holz steigt enorm an, gleichzeitig müssen in Deutschland mehr Waldgebiete unter Naturschutz gestellt werden. Wie können wir sicherstellen, dass auf diesem Wege nicht mehr Raubbau in anderen Ländern betrieben wird?

Wir brauchen endlich bessere europäische und deutsche Holzhandelsgesetze. Wirksam ist ein Gesetz nur, wenn seine Regeln effektiv und mit ausreichend Personal kontrolliert werden sowie bei Verstößen angemessene und abschreckende Sanktionen ermöglicht werden.

Beim Holzhandelssicherungsgesetz ist zum Beispiel noch viel Luft nach oben. Doch die Herausforderung ist größer: Die Ära der Waldzerstörung in den Tropen durch den Anbau von Soja, Palmöl und Rindfleisch muss enden. Freiwillige Absichtserklärungen von Regierungen und Unternehmen, Lieferketten entwaldungsfrei zu gestalten, haben Naturzerstörung bisher nur in Einzelfällen gestoppt. Daher muss sich die Bundesregierung für ein starkes EU-Gesetz für entwaldungsfreie Lieferketten einsetzen und neben Wäldern auch andere Ökosysteme schützen.

Was wird der WWF nach der Wahl tun?

Der WWF wird öffentlich sagen, ob der ausgehandelte Koalitionsvertrag die sichtbare und nachhaltige Umkehr im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen verspricht und ob die geplanten politischen Maßnahmen für ein etwaiges Bekenntnis dann auch wirklich ausreichen. Und nach 100 Tagen schauen wir nochmal genauer hin, ob die Chance für einen Politikwechsel genutzt wurde.


Die Arbeit unserer fachlichen Referentinnen und Referenten im WWF geht aber auch danach weiter. Gefragt sind ganzheitliche Konzepte mit konkreten politischen Instrumenten, da sind wir bekanntermaßen breit aufgestellt. Der WWF wird nicht müde werden, die Interessen der Natur und von Millionen engagierter Menschen gegenüber der Politik zu vertreten. 

 

Vielen Dank für das Interview, Susan.

Über Antonia Bürke

Antonia Bürke © privat
Antonia Bürke © privat

Antonia Bürke ist 25 Jahre alt und studiert Bauingenieurwesen mit der Vertiefung: Gebäude-Energie-Management an der TU Dresden. Sie engagiert sich seit 2012 in der WWF Jugend und ist seit 2019 Mitglied im Jugendrat. 

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