Blick zurück nach vorn: Claude Martin, ehemaliger Generaldirektor des WWF International (1993–2005), zum 60-jährigen Bestehen des WWF.

Der ehemaliger Generaldirektor des WWF International Claude Martin © privat
Der ehemaliger Generaldirektor des WWF International Claude Martin © privat

Dr. Claude Martin war zwölf Jahre lang Generaldirektor des WWF International. In seiner Amtszeit wurden wichtige Weichen gestellt, um den wachsenden Anforderungen im Umwelt- und Naturschutz gerecht werden zu können.

Der WWF wurde 1961 gegründet, um in erster Linie bedrohte Tierarten vor dem Aussterben zu retten. Heute kümmert sich der World Wide Fund for Nature auch um den Erhalt von Ökosystemen, den Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung. Die Weichen dafür wurden maßgeblich in Ihrer Amtszeit gestellt. Wie haben Sie diese Herausforderung erlebt? 

Claude Martin: Das war nichts mehr als ein konsequenter Schritt. Bereits die Gründer hatten nämlich eine ganzheitliche Sicht des Naturschutzes. So umfasst die Zweckbestimmung des WWF die „Erhaltung von Fauna, Flora, Wäldern, Gewässern und anderen natürlichen Ressourcen durch Erwerb, Management, Erforschung, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation mit allen passenden Mitteln“. Unsere Herausforderung bestand deshalb vor allem darin, dieser ganzheitlichen Vision entsprechend Aktivitäten zu entwickeln und eine geeignete Organisationsstruktur zu schaffen.

Prinz Philip, Dr. Claude Martin und Emeka Anyaoku bei der WWF-Jahreskonferenz 2002 © WWF International
Prinz Philip, Dr. Claude Martin und Emeka Anyaoku bei der WWF-Jahreskonferenz 2002 © WWF International

Wie hat sich der WWF über die Jahre entwickelt?

In den 1970er-Jahren wuchs in der westlichen Welt allmählich ein Bewusstsein für die Umwelt, verkörpert durch die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen 1972 und maßgeblich beeinflusst durch den Club-of-Rome-Bericht „Die Grenzen des Wachstums“.

In den mitgliederstärksten WWF-Organisationen, wie etwa in Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz, begann sich diese Entwicklung in einer ursächlicheren Beurteilung des globalen Naturverlusts widerzuspiegeln. Entsprechende Umweltpolitik und Öffentlichkeitsarbeit waren kein Tabu mehr.

Der Einfluss dieser Kräfte innerhalb des WWF führte schließlich 1989 zur Formulierung einer ganzheitlichen Mission, die heute noch ihre Gültigkeit hat.

Flusslandschaft im Amazonas © beautiful destinations
Grüner Meilenstein: Mithilfe der Politik gelang es dem WWF, das größte Tropenwald-Schutzprogramm (ARPA) im Amazonasgebiet zu etablieren. Es umfasst eine Fläche größer als Spanien. © beautiful destinations

Welcher WWF-Erfolg ist Ihnen besonders wichtig?

Die wohl wichtigste Veränderung in der internationalen Naturschutzarbeit haben wir Mitte der 1990er-Jahre mit den „Target-driven Activities“, den zielorientierten Aktivitäten, eingeführt. Für die wichtigsten Programmbereiche, etwa den globalen Waldschutz, die marine Fischerei oder den Kampf gegen den Klimawandel, setzten wir uns ambitionierte und messbare Ziele und beauftragten die besten Fachleute und Lobbyisten damit, sie zu erreichen.

Für das Team, das die Waldziele anzustreben hatte, hieß dies unter anderem, in allen Waldbiomen der Erde die Schutzgebietsfläche bis zum Jahr 2000 praktisch zu verdoppeln, was für eine Nichtregierungsorganisation (NGO) wie den WWF im Alleingang natürlich unmöglich ist. Die Teams waren also gezwungen, Regierungen, multilaterale Organisationen, Firmen und andere NGOs einzubinden.

Damit entstand eine Organisationskultur, die vermehrt auf Partnerschaften abstellte, quasi als Nebeneffekt – man hätte es auch als verborgene Absicht bezeichnen können. Das Ziel im Waldschutz wurde übrigens innerhalb der gesetzten Frist übertroffen!

Auch das „Amazon Region Protected Areas“-Programm (ARPA) ist weitgehend auf die zielorientierten Aktivitäten des WWF zurückzuführen. Es umfasst heute das größte Tropenwald-Schutzprogramm der Welt, mit Reservaten im brasilianischen Amazonasgebiet, die größer als Spanien sind. Damals konnten wir allerdings auch auf die Unterstützung eines brasilianischen Präsidenten zählen, der sich durch Klugheit und große Weitsicht auszeichnete. Sein Name: Fernando Henrique Cardoso.

Windkraft in Deutschland © Ralph Frank / WWF
Windkraft in Deutschland © Ralph Frank / WWF

Und was waren die größten Herausforderungen?

Im Gegensatz zu anderen internationalen Naturschutzorganisationen besteht der WWF aus einem globalen Netzwerk von nationalen Organisationen und Programmbüros, die in mehr als 100 Ländern konkrete Projekte umsetzen. Damit ist der WWF heute ausgesprochen multikulturell aufgebaut und kann sich auf lokale Erfahrung und Kenntnisse stützen, die seinen Stellungnahmen zu globalen Umweltthemen Gewicht verleihen.

Ein dezentrales Netzwerk zu steuern und sich auf gemeinsame Positionen zu einigen, kann allerdings ganz schön herausfordernd sein. Es fühlt sich manchmal an wie Katzen hüten, wie es ein Mitarbeiter einmal so schön umschrieb.

„Subventionen streichen, Verursacherprinzip fördern, Ressourcenkosten berücksichtigen: Um unser Naturerbe für die Zukunft dauerhaft zu sichern, brauchen wir vor allem eine neue Wirtschaftspolitik.“ Das haben Sie vor 20 Jahren in einem Leitartikel für das WWF Journal geschrieben. Sehen Sie in dieser Richtung seitdem Fortschritte?

Das Thema ist heute aktueller denn je, das haben inzwischen viele Wirtschaftsführer:innen und Politiker:innen erkannt. Der WWF hat gewiss dazu beigetragen mit seinem Einsatz für eine nachhaltige Landwirtschafts-, Energie- oder Investitionspolitik. Aber die globale Umweltkrise hat sich seither auch weiter verschärft, wie uns der Biodiversitätsverlust und die spürbaren Folgen des Klimawandels drastisch vor Augen führen.

„Ein dezentrales Netzwerk zu steuern und sich auf gemeinsame Positionen zu einigen, kann herausfordernd sein. Es fühlt sich manchmal an wie Katzen hüten, wie es ein Mitarbeiter einmal umschrieb.“

Dr. Claude Martin, Biologe und Umweltschützer und ehemaliger Generaldirektor des WWF International

Wo sollte der WWF in Zukunft sein Engagement noch verstärken?

Natur- und Umweltschutz ist keine Spezialdisziplin mehr, sondern ein überlebenswichtiges Anliegen der gesamten Gesellschaft. Diese Tatsache beeinflusst auch die zukünftige Rolle des WWF.

Als globales Netzwerk mit langjähriger Erfahrung hat er die Möglichkeit, als Impulsgeber für neue Lösungsansätze im Naturschutz aufzutreten. Sein Potenzial kann und soll der WWF noch mehr nutzen, um Allianzen für eine nachhaltige Zukunft aller Sektoren der Gesellschaft zu schmieden.

Das Artikelfoto entstand vor 50 Jahren im zentralindischen Dschungel und zeigt Claude Martin als jungen Biologen zu Beginn seiner WWF-Laufbahn.