Von Natur aus wäre ganz Deutschland großflächig von dichten Buchenwäldern bewachsen. Doch im Laufe der Geschichte hat der Mensch diesen Lebensraum bis auf wenige Reste gerodet oder in Nadelwälder umgewandelt. Geblieben sind Buchenwaldinseln, in denen die für Deutschland typischen Tier- und Pflanzenarten zu Hause sind. Inseln wie die alten Buchenwälder in Nationalpark Jasmund auf Rügen. Ein einzigartiges Stück Natur, deren wertvollste Teile sogar vom Menschen weitgehend unbeeinflusst geblieben sind. An der steilen Ostseeküste blieben sie vor der Abholzung im großen Stil verschont.

Nur durch strengen Schutz können sie ihre außergewöhnliche Vielfalt an Lebensräumen bewahren. 2021 feiern die Akteure in den Welterbegebieten „10 Jahre UNESCO-Welterbe Buchenwälder“. In Interview spricht Dr. Ingolf Stodian, Dezernatsleiter Gebietsbetreuung Nationalpark Jasmund, über die Bedeutung der Buchenwälder auf Rügen und in Europa, was sie besonders macht und was die Zukunft für diese einmaligen alten Wälder bereithält.

Herr Dr. Stodian, 10 Jahre UNESCO Welterbe Alte Buchenwälder, was bedeutet das für Sie und die alten Buchenwälder auf Rügen?

Dr. Ingolf Stodian, Dezernatsleiter Gebietsbetreuung Nationalpark Jasmund © Nationalpark-Zentrum KÖNIGSSTUHL
Dr. Ingolf Stodian, Dezernatsleiter Gebietsbetreuung Nationalpark Jasmund © Nationalpark-Zentrum KÖNIGSSTUHL

Weltweit gibt es 1000 Welterbestätten, von denen rund 20 Prozent Weltnaturerbestätten sind. Dass der relativ kleine alte Buchenwald auf Rügen mit seinen 493 Hektar darunter sind, ist schon eine Besonderheit. Als Nationalpark Jasmund sind wir natürlich stolz, ein solches kleines Juwel zu haben und schützen zu dürfen. Gerade in Verbindung mit seiner Lage, die ja bis an die Klippen der Kreidefelsen heranreicht.

Die Buche ist für mich eine ganz beeindruckende Art. Sie hat über Jahrtausende andere Baumarten erfolgreich verdrängt und sich über den ganzen Kontinent ausgebreitet. Eigentlich hat die Buche nur einen Feind, den Menschen. Der hat es geschafft, diese ursprünglichen Urwälder in Europa fast komplett zum Verschwinden zu bringen, auf gerade einmal 0,02 Prozent ihrer ursprünglichen Ausbreitungsfläche.

Was macht die alten Buchenwälder so einzigartig?

Die Alten Buchenwälder reichen bis an den Rand der Kreideklippen auf Rügen. © Ingolf Stodian
Die Alten Buchenwälder reichen bis an den Rand der Kreideklippen auf Rügen. © Ingolf Stodian

Zum einen ihre heutige Seltenheit in Europa und Deutschland. Zum anderen sicherlich die Geschichte ihrer Ausbreitung seit der letzten Eiszeit von den südlichen Alpen bis hinauf in den hohen Norden Skandinaviens. Eine Baumgattung, die den Urlebensraum eines ganzen Kontinents besiedelt, ist weltweit einmalig. Unsere Aufgabe ist es, die letzten Reste hier auf Rügen zu schützen und zu bewahren. Eine große Verantwortung.

Wie kann man sich die Arbeit für die Alten Buchenwälder vorstellen, worauf kommt es besonders an?

Unser Motto im Nationalpark Jasmund lautet ja „Natur Natur sein lassen“. In Bezug auf die Waldarbeit kann man das durchaus wörtlich nehmen. Wir müssen für die Wälder an sich nichts tun, sie einfach in Ruhe und sich frei entfalten lassen. Also den Einfluss des Menschen aus dem Wald und hier auf Rügen auch aus der Entwicklung der Kreideklippen heraushalten. Das schützt den Wald und die Arten, die in ihm leben.

Ein Großteil der Arbeit entfällt auf die Betreuung und den Schutz der rund eine Millionen Besucher, die jedes Jahr im Nationalpark zu Gast sind. Wir zeigen ihnen im Nationalpark-Zentrum Königsstuhl und UNESCO-Welterbeforum das Welterbe, sensibilisieren sie dort für den Schutz der Wälder. Und sorgen vor allem dafür, dass ihnen auf ihrem Weg durch die Wälder und entlang der Klippen nichts passiert. In seltenen Fällen müssen wir dafür auch mal einen Baum umlegen, damit er nicht auf einen Weg oder eine Straße fällt.

Andersherum heißt das aber auch, dass wir alles Mögliche dafür tun, dass die Besucher die Wälder in Ruhe lassen und sich nur auf den dafür vorgesehenen Pfaden bewegen.

Zum Weltnaturerbe Buchenwälder gehören derzeit 78 Waldgebiete in zwölf Ländern Europas, darunter fünf in Deutschland? Welche Rolle spielen die Buchenwälder auf Rügen und in Deutschland in diesem großen Verbund?

Die Buchenwälder bilden Europas ursprüngliche Wildnis. Leider ist nur sehr wenig dieses „Urlebensraumes“ übriggeblieben. Reste echter Urwälder wachsen nur noch in den Karpaten und wurden im Jahr 2007 zum ersten Teil der Welterbestätte. Die fünf deutschen Waldgebiete im Jasmund, Kellerwald, Hainich, in der Schorfheide und bei Serrahn folgten dann später. Die Alten Buchenwälder auf Rügen sind dabei der größte zusammenhängender Buchenwälder im baltischen Raum.

Die fünf Waldgebiete in Deutschland ergänzen sich gut und bilden die wertvollsten alten Buchenwäldern von den Mittelgebirgen bis an die Küste Deutschlands ab. Vor allem die Vielfalt ihrer Standorte – von Kalkböden bis zu feuchteren Böden – und die Vielfalt der dort lebenden Arten. Jeder Wald hat seine eigenen Besonderheiten. Zusammen sorgen wir für ein national einheitliches Auftreten in der Öffentlichkeit und koordinieren untereinander den Geldfluss für gemeinsame Projekte und das Monitoring. Im großen Netzwerk mit den anderen Welterbestätten besprechen wir die weitere Entwicklung, diskutieren neue Kandidaten und tauschen vor allem unsere Erfahrungen aus.

Was lernen sie dabei voneinander?

Zum einen, dass es aufgrund der verschiedenen Mentalitäten auch unterschiedliche Vorstellungen vom Schutz der Buchenwälder gibt, aber auch ähnliche Probleme in den einzelnen Ländern. In jedem Land stellt sich die Frage, ob sich die Welterbegebiete so entwickeln können, wie sie sollten. In Deutschland sind die Buchenwäldern recht gut geschützt, in anderen Ländern wie Rumänien ist die Lage nicht so einfach. Illegaler Holzeinschlag ist hier ein großes Thema.

Wir rücken aber nach und nach immer enger zusammen, was Allen Vorteile bringt. Ganz praktisch z.B. bei der Frage, wie man die Welterbestätten bekannter machen kann. Oder die Besucher optimal durch die Nationalparks lenkt. In Litauen gibt es z.B. eine schöne Idee: Informationssäulen an den Wegen speziell für Fahrradfahrer, die dort ihr Handy aufladen oder das Rad aufpumpen können.

Warum brauchen wir wieder mehr geschützte (Buchen-)Wälder in der Zukunft?

Die Reste der Buchenwälder sind einfach zu klein. Wir brauchen mehr Schutzgebiete, damit dieser Lebensraum nicht endgültig verschwindet und sich wieder ausdehnen kann. Der Artenmix in diesen Wäldern ist einzigartig, ein ganz individuelles Ökosystem. Einige Arten leben seit tausenden Jahren in solchen Wäldern und sind eng damit verbunden. Das kann keine „neue“, von Menschen geschaffene Umgebung, sei es ein Wald oder in der Stadt, schaffen.

Wenn es uns gelingt, mit unserer Arbeit die Buchenwälder in diesem Zustand zu erhalten und zu bewahren, wäre schon viel gewonnen. Was helfen würde wäre sicher mehr Demut vor dem, was uns die Natur vormacht. Nicht nur an sich denken, sondern die Perspektive des Waldes einnehmen, der sich über Jahrhunderte entwickelt und davon lernen. Der Mensch weiß eben nicht immer alles besser.

Was ist Ihr liebster Ort im alten Buchenwald?

Der Lieblingsort von Dr. Ingolf Stodian mitten in den Alten Buchenwäldern. © Ingolf Stodian
Der Lieblingsort von Dr. Ingolf Stodian mitten in den Alten Buchenwäldern. © Ingolf Stodian

Ganz klar ein kleiner Flecken in der Nähe der Oberförsterei Werder. Am Schlossberg. Ein Stück Urwald, wie man ihn sich vorstellt. Er ist schon weit über 200 Jahre ohne Nutzung, ein wirklich unberührtes Stück Natur. So stelle ich mir die Entwicklung des Waldes vor, wie er in Zukunft sein soll.

Vielen Dank für das Interview.

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