Natur und Wälder spielten in der bildenden Kunst immer eine große Rolle. Seit jeher haben Menschen auch ganz unterschiedliche Vorstellungen vom „wilden“ Wald entwickelt. Früher galt der Wald vor allem in Deutschland als ein Sehnsuchtsort. Heute engagieren sich jedoch immer mehr Künstler:innen aktiv für den Umweltschutz.

Das 5 Meter breite, 2019 entstandene Bild „Passagen“ der Künstlerin Antje Majewski zeigt einen von Borkenkäfern befallenen Baum. © Antje Majewski
Das 5 Meter breite, 2019 entstandene Bild „Passagen“ der Künstlerin Antje Majewski zeigt einen von Borkenkäfern befallenen Baum. © Antje Majewski

Der Müritz-Nationalpark ist mit 320 km² der größte landseitige Nationalpark in Deutschland. Viele Wälder, Seen und Moore durchziehen die dünn besiedelte Region. Bekannt ist hier der Buchenwald bei Serrahn, den die UNESCO zum Weltnaturerbe Alte Buchenwälder zählt. Ein vergleichsweise intakter Wald. Anders sieht es in vielen deutschen Forst- und Nutzwäldern aus. Die Künstlerin Antje Majewski, die in Brandenburg wohnt, weiß von ihren Reisen: „Die Lage des Waldes ist katastrophal. Die Trockenheit der vergangenen Jahre hat auch hier immense Schäden angerichtet. Das ist mir aber erst seit einiger Zeit so richtig bewusst geworden“.

Das Gefühl, in gewisser Weise für den Wald verantwortlich zu sein, treibt sie in ihrer Arbeit als Künstlerin an. So malte sie zum Beispiel nach einer Fotovorlage Passagen, ein großes Bild eines von Borkenkäfern befallenen Baumes. Auf dem rindenfarbigen Untergrund verlaufen fein verästelte Haupt- und Nebengänge. Als hätte ein Graphiker die filigranen Muster gesetzt. Wie passend, dass die beiden Hauptvertreter des Borkenkäfers mit ihren deutschen Namen „Buckdrucker“ und „Kupferstecher“ heißen.

Holzabbau in der Romantik

Stundenbuch Les Tres Riches Heures © Jean Colombe - R.M.N. / R.-G. Ojéda / Wikimedia Commons / gemeinfrei
Stundenbuch Les Tres Riches Heures © Jean Colombe - R.M.N. / R.-G. Ojéda / Wikimedia Commons / gemeinfrei

Antje Majewski steht in einer langen Reihe von Künstlern, die sich seit der Antike mit dem Wald beschäftigen. Allerdings sind Darstellungen von Wäldern im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eher die Ausnahme als die Regel. Vor fünf und mehr Jahrhunderten waren die Wälder in Europa tatsächlich noch wild und undurchdringlich. Kaum jemand ging freiwillig in diese Wildnis, die Urängste von Tod und Verschlungenwerden erweckte. Nur in der Buchmalerei findet man Bilder vom Wald. So gibt es im berühmten Stundenbuch „Très Riches Heures“ aus dem 15. Jahrhundert einige derartige Szenen zu bestaunen: Im Bild für den Monat November treiben Bauern Schweine in Eichelwälder und im Dezember blasen Jäger im Wald zur Jagd. Auch Albrecht Altdorfer (Laubwald mit dem Hl. Georg) und Albrecht Dürer (Weiher im Wald) setzen sich in ihren Werken mit Natur und Wald auseinander.

Anfang des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter der Romantik, veränderte sich die Perspektive radikal. Besonders der Maler Caspar David Friedrich steht für den Wandel. In seinen Bildern zeigt sich die Sehnsucht nach unberührter Natur wie zum Beispiel bei dem einsamen Wanderer im tiefen Wald oder dem Lagerfeuer im Schein des Mondes. Aber seine Werke transportieren auch eine untergründige Stimmung von Einsamkeit, Tod und Vergänglichkeit, die Betrachtern das Herz schwer machen. Wir verdanken es dieser Zeit, dass wir heutzutage den Wald als Sehnsuchtsort betrachten. „Ich finde es interessant, dass in der Romantik der Wald als spiritueller Raum verklärt wurde, während zur gleichen Zeit der Holzabbau durch die beginnende Industrialisierung immer mehr forciert wurde“, erklärt Antje Majewski.

Magie der Wälder

Espaliered Girl der Bildhauerin Laura Ford © Stiftung Blickachsen gGmbH
Espaliered Girl der Bildhauerin Laura Ford © Stiftung Blickachsen gGmbH

Geheimnisvolle und märchenhafte Vorstellungen über Wald und Bäume spielen heute immer noch eine Rolle. So hat zum Beispiel die walisische Bildhauerin Laura Ford einmal eine Bronzeskulptur modelliert, Espaliered Girl genannt. Es ist ein Mischwesen zwischen Baum und Mädchen, das seine Äste wie mehrere menschliche Armpaare ausbreitet. Genau wie bei vielen ähnlichen Skulpturen von Ford fehlt das Gesicht. Dadurch gewinnt der Baumstumpf ein eigenes Leben, der weder der Welt der Menschen noch der der Pflanzen angehört. Eine geheimnisvolle, ja fast magische Atmosphäre erzeugt auch der Holzbildhauer Spencer Byles (siehe Titelbild). Für seine Arbeiten benutzt er hauptsächlich natürliche Materialien wie Wurzeln, Flechten, Äste und Rinden. Seine Holzskulpturen – Spinnenwesen, wilde Tiere, Tunnelwege – sind mit dem Wald verwoben. Daher, so sagt er, gehört seine Kunst auch nicht in die Galerien, sondern in den Wald.

Beuys als Waldschützer

Bild des „7000 Eichen“ Projekts von Joseph Boys zur dokumenta 1982 © Stadt Kassel / Foto Weber Fotografie
Bild des „7000 Eichen“ Projekts von Joseph Boys zur dokumenta 1982 © Stadt Kassel / Foto Weber Fotografie

Viele zeitgenössische Künstler wirken heute auch direkt als Partner in den weltweiten naturpolitischen Bewegungen mit. Sie erkunden die Randzonen, sowohl die durch die Zivilisation geprägten Areale als auch zerstörte und verwilderte Landschaften. „Das Bewusstsein, dass die Natur, die Wälder, vom Menschen geprägt und zerstört werden, war einigen Künstlern schon in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wichtig“, erklärt Ursula Ströbele, Kunsthistorikerin am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. „Joseph Beuys ist sicherlich einer der bekanntesten Vertreter dieser Richtung“. Beuys, der große Provokateur aus Düsseldorf, wollte der Natur, also den Pflanzen und den Tieren, ein eigenes Rechtssystem geben. Und besser als Bäume zu malen, wäre es, sie zu pflanzen. Es war daher nur konsequent, dass er 1982 auf der dokumenta in Kassel 7000 Eichen pflanzen ließ. „Im Vergleich zu früher bezieht aber der erweiterte Kunstbegriff, der auf Aktionen im öffentlichen Raum setzt, heute auch den digitalen Raum als neue Form der Öffentlichkeit mit ein. Die weltweiten Zusammenhänge sind uns heute viel bewusster“, sagt Ursula Ströbele. Ein weiteres Merkmal, so Ströbele, ist die Technikaffinität in der modernen Kunst: „Künstler arbeiten auch mit künstlicher Intelligenz, mit Machine Learning und neuronalen Netzwerken“.

Digitale Waldkunst

So lässt der junge Berliner Künstler Andreas Greiner in seiner Videoinstallation Jungle Memory digitale Waldlandschaften erschaffen. Aus Tausenden von Fotos – wie dem Białowieża-Wald in Polen, dem Hambacher Forst in Nordrhein-Westfallen und dem Urwald auf der Insel Vilm bei Rügen – errechnet eine künstliche Intelligenz Wälder, die manchmal ganz echt aussehen, dann wieder einen unwirklichen Eindruck hinterlassen. „Ich habe mich gefragt, was eine technische Instanz, von der erwartet wird, dass sie irgendwann einmal die Grenze zwischen Technik und Natur überschreiten könnte und damit zu so etwas wie einer dritten oder vierten Natur wird, unter einem Urbild des Natürlichen wie dem Wald versteht. Und werden solche Bilder als einzige übrigbleiben, wenn es keinen Wald mehr gibt?“, erzählt Andreas Greiner.

In der jüngsten Version seiner Arbeit arbeitet der Algorithmus mit Bildern aus dem durch Trockenheit und Käferbefall bedrohten Wald im Harz. Musikalisch begleitet wird das Video durch eine von Louis McGuire gestaltete Klangkomposition basierend auf Felix Mendelssohn-Bartholdys Chorstück Abschied vom Walde. Das Projekt hat Greiner aber auch ein schlechtes Gewissen bereitet. Dessen Energieverbrauch ist nämlich enorm. Etwa so hoch wie der durchschnittliche Verbrauch einer Person in Deutschland im Jahr 2017, wie er errechnet hat. Daher engagiert er sich jetzt für ein Pflanzprojekt. Auf vom Klimawandel betroffenen Flächen des Goslarer Stadtforstes pflanzen Erwachsene und Kinder aus Goslar 10.000 Bäume. Initiiert wurde das Projekt vom Verein waldfuermorgen e.V. Auf einer Fläche hat Andreas Greiner ein Spiralmuster entworfen. Es soll vor allem den Kindern helfen, „ihren“ Baum später leichter finden zu können. „Für mich geht es auch um die Frage, welche Kunst wir machen müssen, damit Denken in Handeln übergeht. Und mit diesem Projekt hoffe ich, die Brücke zwischen beiden Polen zu schlagen“, erläutert der Künstler.

Was passiert, wenn der Mensch den Wald nicht mehr betritt

Auch Antje Majewski beteiligt sich an Pflanzaktionen. Ihr liegt aber noch ein anderer Ansatz am Herzen. „Was passiert eigentlich, wenn der Mensch nichts macht. Wenn die Natur also selbst ausprobieren kann, wie sie mit dem Klimawandel umgeht?“, fragt sie. Das ist die Idee hinter dem Projekt Sculpture Forest Sanctuary, welches sie zusammen mit anderen Künstlern auf der letztjährigen Biennale Gherdeina in St. Ulrich in den Dolomiten umsetzte. In einem Wald in der Nähe des Ortes stehen jetzt Holzskulpturen, die dort in einer Hütte neben einem Weg installiert wurden. Der Besitzer erhält die Kunstwerke geschenkt. Im Gegenzug verpflichtet er sich, den Wald für mindestens 100 Jahre unberührt zu lassen. Eine kleine experimentelle Werkstatt, in der die Anpassung von Pflanzen, Insekten, Pilzen, Tieren und Mikroben an den Klimawandel untersucht werden kann. Nur auf einem schmalen Pfad können Besucher die Skulpturen anschauen. Das Gebiet soll nach dem Vorbild der heiligen Wälder Westafrikas und Südchinas zu einer geistigen Stätte werden. Die Skulpturen sind wie Wächterfiguren. Doch irgendwann werden auch sie zerfallen und wieder Teil des Waldes werden.

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