In alarmierender Geschwindigkeit zerstören wir mehr als nur Wald. Überall auf der Erde werden durch unsere Art der Lebensführung natürliche Ökosysteme in Nutzflächen umgewandelt. Erschreckende Importraten zwingen zum Handeln – jetzt!

Typische boreale Herbstlandschaft in Finnisch-Lappland. Feuchtgebiet in einem Buchenwald. Finnland. © Mauri Rautkari / WWF-Canon
In der Natur geht das Ökosystem Wald fließend in andere über, wie auch umgekehrt. Es ist ein Mosaik aus unterschiedlichen Ökosystemen, die schützenswert sind. © Mauri Rautkari / WWF-Canon

Weltweit sind höchstens noch 25 Prozent aller Landökosysteme intakt. Der Grund? Wir konsumieren gigantische Mengen Rohstoffe und Güter, die unsere Natur zerstören. Doch wir brauchen die Natur zum (Über-)Leben! 

Menschen können sich wie Pflanzen, Pilze und Tiere in Lebensräume einnischen. Somit sind wir als menschliche Lebewesen wie alle anderen Lebewesen elementar in die Kreisläufe der Natur eingebunden. Wir stehen also nicht unabhängig über oder neben der Natur – auch wenn unsere Art zu leben das vermuten lässt. Gerade in stark überprägten Bereichen vergessen wir, dass wir auf die natürlichen Ökosysteme und deren volle Funktionsfähigkeit angewiesen sind. Der Erhalt intakter Natur mit seinen Ökosystemen sollte daher nicht nur eine respektvolle Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr eine überlebenswichtige Aufgabe unserer Gesellschaft sein. So handeln wir in Deutschland aber leider nicht!

Abbildung: Umwandlung von fünf natürlichen Ökosystemen von 1985 bis 2020. © Mehr als Wald, Studie, WWF, 2022

Statt mit der Natur zu leben, von ihr zu lernen und mit unserer Nutzung zugleich Naturerhaltung zu betreiben, stellen wir Rendite und Effizienz an oberste Stelle. Die Folge: Aktuell werden weiterhin überall auf der Erde kohlenstoff- und biodiversitätsreiche natürliche Ökosysteme wie Wälder, Gras- und Buschlandschaften, Feuchtgebiete sowie Savannen in alarmierendem Tempo zerstört.

Bereits heute ist die Landoberfläche zu 75 Prozent degradiert. Zusätzlich zu unseren Industrieemissionen wird der in den Ökosystemen gebundene Kohlenstoff in großen Mengen freigesetzt. Dies befeuert den Klimawandel: Die globale Mitteltemperatur steigt immer weiter und extreme Wetterlagen nehmen zu. Eine weitere Auswirkung von Lebensraum-Degradierung und Verlust biologischer Vielfalt ist die Reduktion der Leistungen der Natur. Doch diese Leistungen sind nicht verhandelbar. Vielmehr sind sie für unser Überleben unverzichtbar.

Der Mensch zerstört mehr als Wald

Die wichtigsten zu erhaltenden Ökosysteme neben den Wäldern sind Busch- und Graslandschaften sowie Feuchtgebiete einschließlich Moore und Mangroven. Denn die Zerstörung der Natur, ein Ergebnis der Produktion von land- und forstwirtschaftlichen Rohstoffen sowie Waren, stoppt auch nicht vor diesen Gebieten. Die Food and Agriculture Organisation (FAO) schätzt, dass fast 90 Prozent der Entwaldung auf die fortwährende Flächenexpansion der Landwirtschaft zurückzuführen ist.

Der Import und Konsum der Europäischen Union (EU) führt zu einem Verlust von rund 300.000 Hektar pro Jahr allein an Waldflächen. Dabei ist das Ökosystem Wald keineswegs ein hermetisch abgegrenztes Gebiet, vielmehr geht es fließend und formenreich in andere Ökosysteme über. Die Landschaft ist häufig ein Mosaik aus unterschiedlichen schützenswerten Lebensräumen. Die EU muss alle natürlichen Ökosysteme – nicht nur den Wald – schützen. Denn andere natürliche Ökosysteme leiden nicht weniger unter der Degradierung und Umwandlung. Deren Verlustraten sind prozentual häufig genauso hoch, teilweise sogar höher als die der Wälder.

Cerrado und Gran Chaco: großräumige Lebensraum-Mosaike

El Cachepé Ranch und Wildtierreservat, La Eduvigis, Region Chaco, Nordargentinien. © Jason Houston
Der Cerrado ist 200 Millionen Hektar groß. Seit den 1970er Jahren wurden über 50 Prozent seiner ursprünglichen Vegetation vernichtet. © Jaime Rojo

Am Beispiel des Cerrado zeigt sich, dass unser Konsum natürliche Lebensraum-Mosaike zerstört. Noch ist der Cerrado teilweise ein Savannengebiet, welches aus Gras- und Buschland sowie aus Wäldern besteht. Doch allein zwischen August 2020 und Juli 2021 hat der brasilianische Cerrado über 850.000 Hektar seiner Vegetation verloren. Hauptverursacher ist die stetig wachsende Sojaproduktion, der kein Einhalt geboten wird. Wenn nur der Wald in der geplanten Verordnung geschützt würde, könnten alle noch vorhandenen Gras- und Buschländer legal weiter für den Konsum in der EU zerstört werden. Aber schon heute zählt der Cerrado zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen in Südamerika. 

Der Gran Chaco zählt zu den bedeutenden und meisten bedrohten Lebensraummosaiken der Welt. © Jason Houston

Ein weiteres Beispiel ist der Gran Chaco in Argentinien mit einer Fläche von 108 Millionen Hektar. Er ist drei Mal so groß wie Deutschland und erstreckt sich von den Subtropen bis in die gemäßigten Zonen. Dabei besteht der Gran Chaco aus einem Mosaik aus Wald, natürlichem Grasland, Savanne, Buschland und Feuchtgebieten.

Weitere massiv gefährdete Mosaike der Natur sind die Pampa in Argentinien (82 Mio. ha), die Orinoquía-Region in Kolumbien (35 Mio. ha) oder die Kalimantan in Indonesien (5 Mio. ha). Dabei ist diese Aufzählung noch lange nicht vollständig. Die Liste der bedrohten Lebensraum-Mosaike wächst stetig weiter. Immer mehr Regionen kommen hinzu. Es sind Regionen, aus denen Produkte wie Weizen, Kakao, Rindfleisch, Mais oder auch Baumwolle sowie Palmöl – schwerpunktmäßig in die EU – importiert werden.

Was sind die Lebensraum-Mosaike der Natur?

Aus der Vogelperspektive betrachtet, gehen die verschiedenen Ökosysteme wie Savannen, Wälder oder Feuchtgebiete fließend und formenreich ineinander über. Auf ganz natürliche Weise ergibt sich damit ein Zusammenspiel verschiedener Ökosysteme wie gelblicher Graslandschaften mit grünen Büschen und Wäldern. So ist auch der Wald eng verwoben mit anderen natürlichen Ökosystemen und den darin lebenden Lebewesen. Diese von der Natur geformten Gebilde werden als Mosaike bezeichnet. Eines dieser natürlichen und gleichzeitig stark bedrohten Lebensraum-Mosaike sind der Cerrado und Gran Chaco in Südamerika.

Wir essen die Natur auf

EU-Rohstoffeinfuhren aus bestimmten Fallregionen, WWF-Studie „Mehr als Wald“, 2022
Anteil der EU-Rohstoffeinfuhren aus bestimmten Fallregionen. Die Pfeile zeigen den prozentualen Anteil der EU-Importe jedes Rohstoffs, der aus dem jeweiligen geografischen Gebiet stammt. Der gefüllte kleine Kreis ist ein Indikator dafür, wie wichtig das Gebiet für die EU ist. Der größere, nicht gefüllte Kreis ist ein Indikator dafür, wie wichtig der Handel mit der EU für das Gebiet ist. © Mehr als Wald, Studie, WWF, 2022

Wer ist “Wir”? Wer hat am meisten Schuld am Naturschwund und Artensterben? Entscheidend ist die Kaufkraft der Bevölkerung – und die ist in der EU hoch. Aufgrund der Größe sowie der Relevanz als globaler Handelspartner spielen wir als Bürger der EU damit eine bedeutende Rolle bei der Umwandlung dieser Lebensräume. So macht die Ausfuhr von Soja und Weizen aus den Great Plains, Rindfleisch aus dem Cerrado, Soja aus dem Gran Chaco und Kautschuk aus Sumatra in die EU rund ein Fünftel der gesamten Exporte aus den Regionen aus (siehe Abbildung).

Damit trägt die EU – stellvertretend für jede:n einzelne:n EU-Bürger:in – die Verantwortung, die Zerstörungskraft unseres Konsums zu reduzieren und ALLE noch natürlichen Ökosysteme besser zu schützen. Verschwindet beispielsweise das Grasland, verschwinden auch die zahlreichen Lebewesen, die es bewohnen. So war das riesige Grasland der Great Plains die Heimat von 1.600 Pflanzen- sowie von 300 Vogel-, 220 Schmetterlings- und 95 Säugetierarten. Früher waren sie zudem bekannt für ihren Reichtum an Wildtieren. Heute sind die dort (noch) lebenden Bisons bedrohter denn je. Vergleichbar gefährdet sind die Orang-Utans in Malaysia oder die Tiger in Indonesien.

Deshalb muss die EU alle Rohstoffe und deren Produkte gesetzlich ausschließen, die mit der Wald- und Ökosystemzerstörung verbunden sind. Der im letzten Jahr veröffentlichte Vorschlag für eine EU-Verordnung bezieht sich bisher nur auf entwaldungsfreie Produkte. Das genügt nicht: Die Bürger:innen der EU wollen keine Naturzerstörung mehr an Rohstoffen und Produkten kleben haben. Stattdessen sollten wir die bereits ausreichend vorhandene landwirtschaftliche Nutzfläche nachhaltig bewirtschaften und damit unsere Ernährung sichern.

Forderungen des WWF an die EU

Wir fordern die EU auf, die natürlichen Ökosysteme außerhalb von Wäldern unverzüglich in die EU-Verordnung zur von der EU mitverursachten Entwaldung und Naturschädigung einzubeziehen. Nur so können die Klima- und Biodiversitätsziele erreicht werden.

Heruntergebrochen ergeben sich dadurch drei Hauptforderungen, damit die Gesetzgebung wirksam wird:

  1. Rohstoffe und daraus gefertigte Produkte, die auf den europäischen Markt gelangen, dürfen nicht mit Entwaldung und Waldschädigung, Umwandlung und Degradierung von anderen wichtigen Ökosystemen sowie nicht mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung stehen. Hierbei ist zudem wichtig, dass die Liste der Rohstoffe und Produkte ständig erweitert und aktualisiert wird.
  2. Der Aufbau eines Systems zur Sorgfaltspflicht, mit dem alle betroffenen Unternehmen sicherstellen, dass ihre Rohstoffe und Folgeprodukte die gesetzlichen Verpflichtungen erfüllen und ihre Lieferketten transparent und nachvollziehbar sind. Wichtig wäre dazu unter anderem die Nutzung neuester digitaler Technologien wie Geolokation zur präzisen Rückverfolgbarkeit der Rohstoffherkunft und die Einbeziehung aller Unternehmen. Ohne eine Prüfung sollte ein Rohstoff oder Produkt weder in die EU eingeführt noch in der EU produziert oder exportiert werden. 
  3. Die Unterstützung der Ziele des Gesetzes durch eine abgestimmte, strenge und wirksame Durchsetzung der Rechtsvorschriften. Dabei müssen den nationalen Behörden die notwendigen Maßnahmen und Instrumente zur Umsetzung zur Verfügung stehen.

Vom “Wir” der EU zum “Ich”

Die Leser und Leserinnen des Artikels, die vielen vereinzelten “Ichs”, sind nicht ohnmächtig, wenn auch die zunehmende Komplexität unserer Lebenswelt schwer zu fassen und zu verstehen ist. Jede:r kann sich politisch stark für dieses neue EU-Gesetz und den Schutz der Mosaike der Natur machen. Zudem hat jede:r jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, innerhalb seines oder ihres Alltags ein verändertes Konsumverhalten auszuprobieren. 

„Mit unserer Nahrung essen wir den Wald und andere Ökosysteme immer weiter auf!”

Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF Deutschland. © Sonja Ritter / WWF
Susanne Winter, Programmleiterin Wald beim WWF Deutschland. © Sonja Ritter / WWF

Frau Dr. Winter, was sind die Hauptursachen für das Sterben der Natur? 
“Am drastischsten wirkt sich der weltweite Konsum von Soja, Palmöl, Rindfleisch und Holz aus. Bereits im Jahr 2017 importierte die EU über 30.000.000 Tonnen Soja und Palmöl. An dritter Stelle folgt Mais mit über 4.023.000 Tonnen. Danach kommen Produkte wie Rindfleisch, Holz, Kakao und Kaffee. Heute, im Jahr 2022, sind die Importraten weiter signifikant gestiegen. Die immer weiter fortschreitende Ausdehnung der Landwirtschaft in tropischen Regionen führt auf diese Art zur Umwandlung von global über 10 Millionen Hektar Wald pro Jahr.” 


Wie können Flächen, die aus Ökosystemen wie Wald, Grasland, Buschland, Savannen und Feuchtgebieten bestehen, erhalten werden? 
“Die Forderung des WWF ist in dieser Hinsicht ganz klar. Die in den nächsten Monaten verabschiedete EU-Verordnung zur von der EU mitverursachten Entwaldung und Waldschädigung muss um weitere Ökosysteme ergänzt werden. Das EU-Gesetz sollte andere natürliche Ökosysteme inkludieren. Sonst verlagert sich die Umwandlung von Natur – in Nutzland zunehmend von einem Ökosystem ins nächste – vom Wald in die Busch- und Graslandschaften sowie in Feuchtgebiete.” 


Was kann jeder Einzelne dazu beitragen? 
“Unsere Ernährung benötigt bei einem angemessenen Konsumverhalten mit weniger Fleisch-, Milch- und Fertigprodukten deutlich weniger landwirtschaftliche Flächen – vor allem in den Tropen und Subtropen. Die Wahl von mehr Bio-Lebensmitteln senkt zusätzlich die negativen Einflüsse der Agrarwirtschaft. Unseren Papier- und Pappeverbrauch können wir ebenso bewusst reduzieren und damit den individuellen ‘Waldkonsum’ senken. Auf diese Weise kann jeder Bürger seinen ökologischen Fußabdruck verringern. Genauso wichtig ist es, sich politisch einzubringen. Gehen Sie ins Gespräch mit Ihren Politiker:innen vor Ort und fordern Sie strenge Kontrollen und abschreckende Sanktionen, wenn Firmen weiterhin Entwaldung und den Verlust anderer natürlicher Ökosysteme dulden oder gar verschulden!”

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