Nachtbeleuchtung kann uns krank machen. Und bedroht ganze Ökosysteme. Lichtverschmutzung ist einer der dramatischsten menschlichen Einflüsse auf unsere Biosphäre. Das fällt uns als tagaktivem Wesen nur leider gar nicht so negativ auf.

Insekten: Tod an der Straßenlaterne

Milliarden Insekten sterben an der Strassenbeleuchtung © NeagoneFo / iStock / Getty Images
Milliarden Insekten sterben an der Strassenbeleuchtung © NeagoneFo / iStock / Getty Images

Ungefähr die Hälfte aller Insekten sind nachtaktiv. Sie werden durch eine künstlich erhellte Nacht in ihrem natürlichen Verhalten und in ihrer Orientierung gestört. Lichtverschmutzung hat äußerst negative Auswirkungen auf ihre Überlebenschancen. Dadurch wird die natürliche Nahrungskette gestört. Pflanzen werden nicht bestäubt. Vögel, Fledermäuse und Fische finden weniger Nahrung.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das schockierende Ausmaß des Insektensterbens durch Lichtverschmutzung:

Es gibt in Deutschland ungefähr neun Millionen Straßenlaternen. Wissenschaftler:innen schätzen, dass allein in den Monaten Juli und September bis zu 100 Milliarden Insekten an diesen Laternen sterben. Sie umkreisen das Licht, bis sie vor Erschöpfung sterben, verbrennen an den heißen Leuchten oder fallen angelockten Fressfeinden zum Opfer.

Bei der Schätzung sind Leuchtwerbung, Fassadenbeleuchtungen, Flutlicht oder private Garten- und Hausbeleuchtungen noch gar nicht mit einberechnet – wahrscheinlich sterben mehrere 100 Milliarden Insekten insgesamt. Lichtverschmutzung hat also einen großen Anteil am Insektensterben.

Folgen für die Pflanzen

Künstliches Licht in der Nacht beeinträchtigt auch den natürlichen Wachstumszyklus von Pflanzen. Einige Baumarten verlieren neben Straßenlaternen später im Jahr ihre Blätter und erleiden dadurch oft erhebliche Frostschäden. Was wiederum den Baum schwächt.

Wiesenblumen können weniger und später Blüten ausbilden, was zu einer verminderten Samenbildung und dadurch einer geringen Fortpflanzungsrate führt. Außerdem kann sich die Struktur von Pflanzen durch ständige Beleuchtung verändern. Was Auswirkungen auf die Insektenlarven hat, die sich von den Pflanzen ernähren. Der veränderte Nährstoffgehalt führt dazu, dass die erwachsenen Insekten weniger gesund und widerstandfähig sind.

Folgen für Tiere

Viele Fledermäuse werden von dem Licht verwirrt © imago images / Pacific Press Agency / Moch Farabi Wardana
Viele Fledermäuse werden von dem Licht verwirrt © imago images / Pacific Press Agency / Moch Farabi Wardana

Für viele Tiere ist ein dunkler Nachthimmel lebenswichtig. Tagaktive Tiere werden in ihren Ruhephasen gestört. Nachtaktive Tiere haben Sehorgane, welche auf Nachtbedingungen eingestellt sind. Oder sie brauchen die Dunkelheit, um sich an Mond und Sternen orientieren zu können.

Das Verhalten von Fledermäusen ändert sich durch künstliche Beleuchtung. Sie verlassen später ihre Behausung verlassen und kommen morgens früher zurück. Die dadurch verkürzte Zeit für Jagd und Nahrungsaufnahme führt zu Entwicklungsdefiziten bei den Jungtieren.

Die Orientierung von Zugvögeln ist durch Lichtverschmutzung stark beeinträchtigt. Der für die Navigation wichtige Sternenhimmel und das natürliche Magnetfeld der Erde werden von den künstlichen Lichtquellen, die oft dazu noch hohe Blauanteile im Spektrum haben, beeinträchtigt. Mit der Folge, dass Zugvögel, aber auch andere Vögel, die hell erleuchtete Objekte anfliegen, sich dabei verletzen oder sogar getötet werden.

Eine besonders große Gefahr ist die Lichtverschmutzung für Seevögel wie Albatrosse und Sturmvögel. Vor allem Jungvögel sind betroffen. Deren erster Flug findet nachts statt. Eigentlich fliegen sie hinaus aufs Meer, wo sie den Rest des Jahres verbringen. Die Lichter von Küstenstädten und Häfen locken sie jedoch zurück an Land, wo sie erschöpft landen und so Opfer von Katzen, Hunden oder Autos werden. 2013 berechnete ein Forscherteam, dass allein in Nordamerika jährlich fast sieben Millionen Vögel durch Kollisionen mit beleuchteten Funktürmen getötet werden. In Deutschland sterben Millionen an beleuchteten Fenstern.

Einige Fischarten wie Lachse und Aale verharren während ihrer Wanderschaft zu Laichgründen an hell ausgeleuchteten Brücken welche Barrieren bilden und erreichen so verspätet oder sogar gar nicht ihr Ziel.

Frisch geschlüpfte Meeresschildkröten finden nicht ins Meer, weil die Beleuchtung der Strandpromenade die Helligkeit der Spiegelung des Mondes und der Sterne auf der Wasseroberfläche, nach der sie sich üblicherweise orientieren, übertrifft.

Perseiden & Lichtverschmutzung – warum Dunkelheit zählt

Die Perseiden sind ein jährlich wiederkehrender Sternschnuppenschwarm und erreichen ihr Maximum meist um den 12. August. In dunklen Nächten lassen sich besonders viele Sternschnuppen beobachten, vorausgesetzt, es gibt kaum künstliches Licht.

In Städten verhindert Lichtverschmutzung den Blick auf Sterne und Milchstraße: Straßenlaternen, Werbung und Industriebeleuchtung hellen den Nachthimmel auf. Das beeinträchtigt neben Ökosystemen, Tieren und dem menschlichen Biorhythmus auch die Astronomie.

Wer die Perseiden oder andere Himmelsphänomene wirklich sehen will, muss den Lichtradius der Städte verlassen. Besonders dunkle Orte in Deutschland sind z. B. der Sternenpark Westhavelland, der Nationalpark Eifel, die Rhön, die Schwäbische Alb sowie Teile der Mecklenburgischen Seenplatte.

Folgen für den Menschen

Künstliches Licht in der Nacht kann Menschen nachweislich krank machen. Tagsüber bekommen wir in den Innenräumen viel zu wenig Licht und Abends durch Beleuchtung und Bildschirme mehr als natürlich. Das kann den Hormonhaushalt durcheinanderbringen. Und unsere innere Uhr aus dem Takt. Das für den Schlaf wichtige Hormon Melatonin wird weniger ausgeschüttet. Einschlafen und Aufwachen klappen nicht so gut, wodurch sich der Schlaf wesentlich verkürzt.

Herz-Kreislaufstörungen, Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck und höhere Krebsraten können Folgen von diesen Schlafstörungen sein. Weiterhin ist Schlaf enorm wichtig für Lernen, Gedächtnisleistung und ein gut funktionierendes Immunsystem. Studien identifizieren sogar eine verfrühte Pubertät von Jugendlichen als Folge von künstlichem Licht in der Nacht.

Fünf einfache Schritte zu Reduzierung von Lichtimmissionen:

Lichtverschmutzung ist kein kleines Problem. Was kann man persönlich tun? Was kann ich gegen die Lichtverschmutzung und für nachtaktive Insekten in Haus und Garten tun?

  1. Zielgerichtet beleuchten! Richten Sie das Licht gut aus und beleuchten Sie nur das, was wirklich notwendig ist! Verzichten Sie auf das Anstrahlen von Bäumen, Büschen, Teichen oder Wänden. Lassen Sie kein Licht in den Himmel strahlen! Verwenden Sie keine Bodenstrahler, Suchscheinwerfer oder rundumstrahlende Dekoleuchten. Beleuchten Sie Schilder von oben nach unten. Die Leuchten sollten nicht aus größerer Entfernung sichtbar sein! An Hängen kann eine zusätzliche Abschirmung der Leuchte erforderlich sein.
  2. Lichtmenge reduzieren! Halten Sie die Intensität möglichst gering. Unser Auge passt sich gut an niedrige Beleuchtungsniveaus an, wenn es nicht durch helle Lichtquellen gestört wird. Gleichzeitig werden Sie sehen, dass Sie mehr Sterne am Himmel erkennen kannst, wenn die Lichtintensität in Ihrem Garten geringer ist.
  3. Farbtemperatur anpassen! Vermeiden Sie „kaltweißes“ Licht mit Wellenlängen unter 500 nm oder einer Farbtemperatur (cct) von über 3000K. Farbtemperaturen von 2000K oder weniger (wie Natriumdampflampen, und gelbe oder bernsteinfarbene LEDs) sind auf jeden Fall besser.
  4. Beleuchten Sie nur, wenn Sie das Licht brauchen! Oft hilft schon eine Zeitschaltuhr oder ein Bewegungssensor.
  5. Verschönern Sie Ihren Garten mit Pflanzen, die nachtaktive Insekten anlocken. Dafür eigenen sich besonders Holunder, Melisse, Lichtnelke, Schnittlauch, Thymian, Duftgeißblatt, Phlox und Sommerflieder.

Der Autor

Adrian Lorberth

Projektmanager Kommunikation Insektenschutz

Ich bin seit Juli 2020 beim WWF. Ich komme ursprünglich vom Film und der Wissenschaftskommunikation. Insekten faszinieren mich schon lange, besonders haben es mir Termiten angetan, mit denen ich auch schon wissenschaftlich gearbeitet habe.

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