Dr. Stefan Ziegler vom WWF hat mit seinem Team ein weltweit einzigartiges Verfahren weiterentwickelt, um die Herkunft von Elefanten-Elfenbein zu bestimmen. Dadurch ist er als Experte vor Gericht und beim Zoll gefragt.

Wenn eine Ladung Elfenbein von den Vollzugsbehörden beschlagnahmt wird, ist heute eine wichtige Frage: Woher kommen die Stoßzähne? Stammt das Elfenbein von aktuell gewilderten Elefanten? Hier tappen die Ermittlungsbehörden häufig im Dunkeln. Die Schmuggler selbst werden dazu wenig Auskunft geben, weshalb dann Stefan Ziegler mit seiner Detektiv-Arbeit beginnt. Zuletzt war er mit dieser Bestimmungsmethode Gutachter im Prozess um die größte jemals in Deutschland gefundene Menge an Elfenbein

WWF-Mitarbeiter Stefan Ziegler © Daniel Seiffert / WWF
WWF-Mitarbeiter Stefan Ziegler © Daniel Seiffert / WWF

Doch warum ist die Herkunft so wichtig? Im Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES ist geregelt, wie viel und ob überhaupt mit Elfenbein aus bestimmten Ländern gehandelt werden darf. Wenn also der Zoll einen Fund von „weißem Gold” macht, ist nicht nur entscheidend, wie alt das Elfenbein ist, sondern auch, woher es genau stammt. Die Herkunft ist dann wichtig für das Strafmaß vor Gericht. Hier setzt die Arbeit von Stefan Ziegler an.

Dr. Stefan Ziegler arbeitet seit 2004 beim WWF. Zuvor lebte er lange Zeit in Guinea und Vietnam und arbeitete dort für den internationalen Naturschutz. Beim WWF kümmert er sich um den Artenschutz und seit 2010 insbesondere um die Mekong-Region in Südostasien.

Dem illegalen Handel auf der Spur

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz hat der WWF Deutschland ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Herkunft von Elefantenstoßzähnen verlässlich bestimmen lässt. Damit kann die unter bestimmten Bedingungen aus einigen Ländern erlaubte Ausfuhr von Elfenbein kontrolliert und illegaler Handel aufgedeckt werden.  

Denn: Nicht alles Elfenbein, was sich im Umlauf befindet, stammt aus illegalen Quellen. Es kann etwa aus historischen Beständen oder aus den sogenannten „Einmal-Verkäufen“ stammen. In den Jahren 1999 und 2008 konnten Botswana, Namibia, Simbabwe und Südafrika insgesamt 151 Tonnen Elfenbein aus Lagerbeständen legal nach China und Japan verkaufen.

Bis zu 400 Tonnen illegales Elfenbein jährlich

Gewilderter Waldelefant in Dzanga Sangha © Martin Harvey / WWF
Gewilderter Waldelefant in Dzanga Sangha © Martin Harvey / WWF

Nachdem in den 1970er und -80er Jahren geradezu ein „großes Abschlachten” herrschte, und Elefanten aufgrund ihrer Stoßzähne in einigen ihrer Verbreitungsgebiete fast ausgerottet wurden, hat sich die Lage nach der Hochstufung der Afrikanischen Elefanten in die höchste Schutzkategorie des Washingtoner Artenschutzübereinkommens 1989 in vielen Verbreitungsstaaten erheblich verbessert. Dennoch kam es ab 2005 zu einer „zweiten Welle”, und Elfenbein war plötzlich wieder en Vogue. Die Nachfrage und Kaufkraft besonders aus China dominieren den Markt. Im Gegensatz zu Nashorn-Hörnern wird Elfenbein dort nicht als Medizin eingesetzt, sondern gilt als Statussymbol und wird zu Schnitzereien und Schmuck verarbeitet. Bis zu 400 Tonnen Elfenbein – die Stoßzähne von 10.000 Elefanten – werden Schätzungen zufolge jährlich auf dem Schwarzmarkt verkauft.

Wie bestimmt man den Ursprung von Elfenbein?

Das Wichtigste, um erfolgreich die Herkunft von Elfenbein bestimmen zu können, sind Referenzproben. Also Material, bei dem einhundertprozentig sicher ist, woher es stammt. Nur dann können Beschlagnahmen einer Herkunftsgegend zugeordnet werden. Um den Grundstamm der Datenbank anzulegen, untersuchte Ziegler etwa 60 Proben aus Museen. Sein Ziel war es von Anfang an, eine Datenbank mit 500 vermessenen Stoßzähnen zu erstellen. Mittlerweile umfasst die digitale Datenbank bereits über 700 Proben! Diese stammen von 380 Fundpunkten aus 29 Verbreitungsstaaten des Afrikanischen Elefanten und sieben Verbreitungsstaaten des Asiatischen Elefanten. 

„Dann saß ich plötzlich neben einem ausgestopften Löwen.”

Schnitzereien aus Elfenbein in Namibia © Folke Wulf / WWF
Schnitzereien aus Elfenbein in Namibia © Folke Wulf / WWF

Doch wie genau kommt der Biologe an eine Probe – und wenn er diese hat, was macht er mit ihr? Um möglichst unterschiedliche Elfenbeinproben zu bekommen, geht Ziegler auch ungewöhnliche Wege. So arbeitete er mit dem internationalen Jagdverband zusammen und bekam die Möglichkeit, zahlreiche Auslandsjäger:innen zuhause zu besuchen und Proben von ihren Trophäen zu entnehmen. Selbstverständlich alles legal gejagte Elefanten und nur Elfenbein mit CITES-Genehmigung. „Dann saß ich plötzlich neben einem ausgestopften Löwen”, erzählt Ziegler. Wer Elefanten-Stoßzähne im Haus hat, hat also gerne auch noch weitere (tote) Tiere in seinem Bestand…

Dazu kommen die Proben aus Naturkundemuseen und wissenschaftlichen Sammlungen. Und eigenes Material, das Ziegler selbst in vielen Ländern Afrikas offiziell sammeln durfte, zum Teil aus staatlichen Elfenbeinlagern oder auch mal, wenn ein Nationalparkdirektor in Burkina Faso Ziegler direkt zum Kadaver eines verendeten Elefanten führte.

Sobald Stefan Ziegler Zugang zu einem Zahn hat, muss zunächst ein etwa fingernagelgroßes Stück (50 Milligramm) aus dem Elfenbein gebohrt werden. Dabei wird versucht, so nah am Kiefer wie möglich zu bohren, weil dort das Material am jüngsten ist. Das weitere Prozedere findet im Labor statt. Wenn Ziegler mit den Proben reist, muss er immer die offiziellen CITES-Genehmigungen mit sich führen.

Elfenbein-Herkunftsbestimmung mit Isotopen

Im Labor wird das Material zermahlen, gereinigt und dann verbrannt – die Methode ist somit nicht zerstörungsfrei. Nun werden die während der Verbrennung entstehenden Gase gemessen und die Isotope bestimmt.

Als Isotope bezeichnet man chemische Elemente, deren Atomkerne gleich viele Protonen, aber unterschiedlich viele Neutronen enthalten. Bei fast allen chemischen Elementen findet man dieses Muster. Die geringfügigen Unterschiede in der Kernmasse bedingen ein unterschiedliches physikalisches und chemisches Verhalten der Isotope des gleichen Elements. Im Labor wird nun das Verhältnis des schweren zum leichten Isotop gemessen. Beim Elfenbein werden dafür fünf chemische Elemente (Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Schwefel) analysiert.

Eine ganze Landschaft in einer Probe

Waldelefanten auf der Dzanga Bai © Andy Isaacson / WWF-US
Waldelefanten auf der Dzanga Bai © Andy Isaacson / WWF-US

Die Isotopenverhältnisse lassen Rückschlüsse auf Umweltfaktoren wie Temperatur, Entfernung zur Küste, Niederschlag und Vegetation zu. Durch eine Kombination dieser unterschiedlichen Merkmale entsteht ein für jeden Elefantenlebensraum charakteristischer isotopischer „Fingerabdruck”. Jede Landschaft auf der Erde hat also einen spezifischen „Abdruck”, den sie im Zellgewebe und damit auch im Stoßzahn hinterlässt. Somit erhält man als Ergebnis eine Ortsangabe, die bis auf 350 Kilometer genau sagen kann, wo der Elefant gelebt hat. 

Diese Daten sind nicht zu verwechseln mit dem „genetischen Fingerabdruck” der aus DNA-Proben gewonnen wird. Es geht nicht um das einzelne Tier, sondern um den Ort, wo es gelebt hat, beziehungsweise wo es gestorben ist. In den USA nutzt der Biologe Dr. Sam Wasser genetische Marker, um die Herkunft von Elfenbein zu bestimmen. Doch Stoßzähne enthalten nur wenig DNA und die Methode liefert bei bis zu 40 Prozent der Stoßzähne keine Ergebnisse. Die Isotopen-Methode von Stefan Ziegler und seinem Team kennt dieses Problem nicht.  

Ein höheres Strafmaß als erwartet

Wenn Dr. Stefan Ziegler beim Zoll oder vor Gericht aufgegriffenes Elfenbein untersucht und als Sachverständiger aussagt, haben seine Erkenntnisse direkten Einfluss auf das weitere Handlungsgeschehen. 

Im Falle des Cottbusser Prozesses erhielt der Angeklagte letztendlich ein Jahr und acht Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Damit liegt das Urteil im Vergleich zu den bisher erfassten Fällen im oberen Bereich der üblichen Strafmessung. Stefan Ziegler freut sich, dass seine Methode bei diesem spektakulären Fall vor Gericht angewendet wurde und damit „gerichtsfest” ist.