Abigail Garbutt koordiniert im Süden von Belize das Projekt „Reef Guard: Sustaining Life and Livelihoods“ (Riffwächter: Leben und Lebensgrundlagen erhalten), das durch den Blue Action Fund gefördert wird, und Aktivitäten in sieben Küstengemeinden sowie in mehreren Meeresschutzgebieten umfasst. Ziel ist, den Meeresschutz in der Projektregion sowie die Lebensgrundlagen der Menschen in den Küstengemeinden zu verbessern. Die Rolle und Interessen von Frauen finden dabei besondere Berücksichtigung. Im Interview erzählt sie, warum die Perspektive von Frauen im Naturschutz unverzichtbar ist und welche Hürden sie selbst auf ihrem Weg in den professionellen Naturschutz überwinden musste.
Belize ist nur etwa so groß wie Mecklenburg-Vorpommern und beherbergt doch das Herzstück des zweitgrößten Korallenriffs der Welt. Seine Karibikküste ist ein Naturwunder mit dichten Mangrovenwäldern, weißen Sandstränden, zahlreichen Riffen, Sandbänken und hunderten vorgelagerten Inseln – und einer außergewöhnlichen Artenvielfalt. Hier arbeitet Abigail Garbutt beim WWF Mesoamerika als Expertin für Meeresschutz.
Wie kamst du zum Naturschutz, Abigail?
Als Kind verbrachte ich viele Stunden im Wald und an den Flüssen im Süden Belizes, probierte Früchte und beobachtete Wildtiere. Dabei entwickelte ich eine tiefe Wertschätzung für die Einzigartigkeit der Natur und wollte immer mehr lernen und tun. Deshalb habe ich später erst „Management natürlicher Ressourcen“ und dann „Biodiversitätsschutz und nachhaltige Entwicklung“ studiert. In Forschungs- und Bildungsprojekten mit jungen Menschen habe ich mich außerdem für den Schutz von Seegras, Mangroven und die stark bedrohte Mittelamerikanische Flussschildkröte eingesetzt.
Bevor du zum WWF kamst, hast du siebzehn Jahre lang als Lehrerin der Naturwissenschaften gearbeitet. Was bedeutete diese Arbeit für dich?
Mir war es immer wichtig, mit meinen Schüler:innen in verschiedene Schutzgebiete zu reisen, damit sie praktische Erfahrungen sammeln und selbst Daten erheben können. Bei diesen Wanderungen und Schnorchel-Ausflügen habe ich viel mehr gelernt, als ich mir jemals hätte vorstellen können – von den Namen bunter Vögel und riesiger Bäume über Fische und Korallenarten bis hin zu den traditionellen Verbindungen der Menschen zur Natur. So bin ich zur leidenschaftlichen Taucherin, Vogelbeobachterin, Pädagogin und Projektmanagerin geworden.
Was genau machst du als Meeresschutzbeauftragte und Leiterin des Reef Guard-Projektes?
Bei Reef Guard kümmere ich mich darum, dass die Projektziele erreicht werden. Dazu stimme ich die einzelnen Aktivitäten eng mit unseren lokalen Partnerorganisationen ab, binde für bestimme Aufgaben oder Studien qualifizierte Berater:innen ein, koordiniere Vor-Ort-Begehungen, wenn Mangrovenbaumschulen oder Gebiete für die Restaurationsmaßnahmen eingerichtet werden, und begleite wissenschaftliches Monitoring, beispielsweise von Seekühen.
Uns liegt außerdem sehr viel an einer engen Einbindung der lokalen Bevölkerung – und vor allem auch der Frauen – in das Projekt und in den Naturschutz. Hier sind wir in unterschiedlichen Formaten im regelmäßigen Austausch und binden sie unter anderem als „Gemeindeforscher:innen“ ins Monitoring von Korallen und Fischbeständen mit ein. Auch hier versuchen wir gezielt, mehr Frauen zu gewinnen und auszubilden.
Gab es persönliche Hürden, die du auf deinem Weg in den beruflichen Naturschutz überwinden musstest?
Ja, meine Eltern haben sechs Kinder mit wenig Einkommen großgezogen und es war sehr schwierig für sie, uns eine höhere Ausbildung zu ermöglichen. Zum Glück habe ich von der High School bis zum Bachelor-Abschluss Stipendien erhalten. Später arbeitete ich Vollzeit, um mein dreijähriges Masterstudium zu finanzieren, während ich mich gleichzeitig um meine beiden kleinen Söhne kümmerte. Viele Menschen haben versucht, mich von der Naturschutzarbeit abzubringen, aber mein Vater hat mir immer Halt gegeben. Er erzählte mir viele Geschichten darüber, wie ich mich als Kind in der Natur bewegt habe und ermutigte mich, das zu tun, was ich wirklich liebte.
Welche Menschen haben dich auf deinem Weg noch inspiriert?
Wer mir wirklich Kraft gab, waren wichtige belizianische Frauen, die sich für den Naturschutz engagieren, darunter Dr. Elma Kay, Nadia Bood, Dr. Leandra Cho Ricketts, Janelle Chanona, Lisa Carne und Dr. Arleni Rogers. Diesen Frauen wurde immer wieder gesagt, dass Naturschutzarbeit aussichtslos sei und sie zu Hause bleiben und für ihre Kinder sorgen sollten. Aber sie hatten die Stärke, sich darüber hinwegzusetzen und haben so Frauen wie mir den Weg geebnet.
Welche strukturellen Veränderungen wären notwendig, um mehr Frauen für einen Job im Naturschutz zu gewinnen?
Dafür sind tiefgreifende und langfristige Veränderungen nötig, wie beispielsweise die Einrichtung von Mentoringprogrammen, die Mädchen und junge Frauen mit Frauen in Führungspositionen zusammenbringen. Weitere Stichworte sind: die Durchsetzung gleicher Bezahlung, transparente Aufstiegsmöglichkeiten, die Schaffung von Flexibilität am Arbeitsplatz für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, genauso wie die Einführung von Richtlinien gegen Belästigung und die Beteiligung an Entscheidungsprozessen – insbesondere von Frauen aus den betroffenen Gemeinden. Ohne die Gleichstellung der Geschlechter kann es keinen wirksamen Naturschutz geben.
Was sind denn die Hürden, mit denen Frauen in den Gemeinden zu tun haben?
Wir erleben immer noch zu oft, dass Initiativen in der Gemeinde von den Stimmen der Männer dominiert werden. Frauen wird häufig nur dann zugehört, wenn sie zum Sprechen aufgefordert werden. Ich wünsche mir auch, dass mehr Wert auf die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum gelegt wird. Wir sollten uns sicher fühlen, wenn wir uns beteiligen.
Wie schaust du auf die Zukunft des Naturschutzes?
Der Naturschutz der Zukunft ist für mich eine von der Gemeinschaft getragene globale Initiative, in der traditionelles und lokales Wissen strategisch mit modernen und wissenschaftsbasierten Naturschutzmaßnahmen verbunden wird.
Und welche Rolle spielen Frauen dabei?
Frauen werden in den Gemeinden als Hüterinnen der natürlichen Ressourcen angesehen, da sie meist für die Verwaltung von Wasser, Nahrungsmitteln und Heilpflanzen zuständig sind. Oft sind sie die Ersten, die Veränderungen in den Ökosystemen beobachten. Sie sorgen dafür, dass traditionelles Wissen über ökologische Zusammenhänge nicht nur in die Politik und Naturschutzpraxis einfließt, sondern auch Führungskräfte und Entscheidungsträger:innen erreicht.
Was gibt dir Hoffnung?
Ich sehe, wie sich die Politik allmählich von einer männlichen Dominanz hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit entwickelt. Es ist auch bemerkenswert, dass Schutzgebiete zunehmend von den Gemeinden selbst verwaltet werden. Als kleines Mädchen war ich fasziniert von den Wäldern und dem Meer im Süden von Belize. Heute bin ich eine Frau, die sich beruflich für den Naturschutz einsetzt. Auch das macht Hoffnung, nicht?
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