Um die Biodiversität zu erhalten und die Erderhitzung abzuschwächen, müssen wir uns von fossilen Brennstoffen verabschieden und unsere Lebensweise und Wirtschaft klima- und biodiversitätsschützend umbauen. In einer solchen Bioökonomie spielt Holz als nachwachsender Rohstoff eine entscheidende Rolle. Aber können wir Holz wirklich für alles verwenden? Für die Energieversorgung, zum Heizen, als Plastikersatz, für Verpackungen, für unsere Kleidung und als Baustoff? Eine zusammen mit der Universität Kassel erarbeitete WWF-Studie untersucht die globalen Entwicklungen in Holzproduktion und -verbrauch und gibt eine eindeutige Antwort: Nein, können wir nicht.

Es sind alarmierende Ergebnisse, die die WWF-Studie „Alles aus Holz – Rohstoff der Zukunft oder kommende Krise“ vorlegt: Der weltweite Verbrauch von Holz ist mit 4,3 bis fünf Milliarden Kubikmeter pro Jahr bereits höher als das, was den Wäldern wirklich nachhaltig entnommen werden kann – nämlich drei Milliarden Kubikmeter pro Jahr.

Wird der weiter zunehmende Holzbedarf nicht gedrosselt, droht eine noch schnellere Zerstörung unserer Wälder weltweit. Mit extremen und eindeutig absehbaren Folgen für Biodiversität, Klima und auch für die Verteilungsgerechtigkeit. In Deutschland, als Beispielsland für Hochkonsum, ist der Holzverbrauch mit 1,2 Kubikmeter pro Kopf und Jahr doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt mit 0,5 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Obwohl wir über große Waldressourcen im eigenen Land verfügen, importiert Deutschland Holz, um seine Nachfrage zu decken.

„Die Nachfrage in Deutschland ließe sich mit der hiesigen Waldfläche nicht einmal bei nur reiner Mengenbetrachtung – also ohne die Einhaltung von ökologischen Nachhaltigkeitskriterien – decken.“

Aus der WWF-Studie „Alles aus Holz – Rohstoff der Zukunft oder kommende Krise“

Was Wälder leisten

Berggorilla Lebensraum © Ralph Frank / WWF
Berggorilla in seinem Lebensraum: Wald © Ralph Frank / WWF

Als gigantische Kohlenstoffspeicher sind Wälder, vor allem alte Wälder und insbesondere Primärwälder, für den Schutz des Klimas und damit auch die Kühlung unseres Planeten unersetzbar. Und nicht nur das: Rund 80 Prozent der terrestrischen biologischen Vielfalt der Erde sind im Laufe des Lebens auf das Ökosystem Wald angewiesen.

Werden die Wälder im gleichen Maße wie bisher zerstört, zerstören wir die Biodiversität und mit ihr prominente Arten wie Waldelefant, Berg-Gorilla, Orang-Utan und viele andere mehr. Seit 1970 ist die Anzahl der wildlebenden Wirbeltiere weltweit um fast 70 Prozent gesunken! Wir haben zu wenig Schutzgebiete und das Management dieser Gebiete ist nicht effektiv genug, um die Biodiversitäts- und Klimakrise abzuwenden – wir vernichten unsere eigene Lebensgrundlage.

Primärwälder

Primärwälder sind Wälder, die weitestgehend frei von deutlich sichtbaren Spuren menschlicher Aktivitäten sind. In ihnen können sich ökologische Prozesse im Wesentlichen ungestört vollziehen.

Sekundärwälder

Sekundärwälder umfassen ein breites Spektrum von Wäldern, die zur Holzgewinnung genutzt werden. Sie wurden von Chokkalingam und de Jong (2001) definiert als „Wälder, die sich weitgehend durch natürliche Prozesse regenerieren, nachdem der Mensch die ursprüngliche Waldvegetation zu einem einzigen Zeitpunkt oder über einen längeren Zeitraum erheblich gestört hat.“

Naturnahe Sekundärwälder weisen, obwohl sie genutzt werden, geringere Unterschiede in Waldstruktur und Baumartenzusammensetzung im Vergleich zu Primärwäldern auf als intensiv bewirtschaftete Sekundärwälder.

Gepflanzte Wälder

Gepflanzte Wälder sind Wälder, die überwiegend aus Bäumen bestehen, die durch Anpflanzung und/oder absichtliche Aussaat entstanden sind.

Plantagen

Plantagen sind intensiv bewirtschaftete Baumpflanzungen, die zum Zeitpunkt der Pflanzung und der Reife des Bestands alle folgenden Kriterien erfüllt: eine oder zwei Arten, gleichmäßige Altersklassen und regelmäßige Abstände.

Plantagen werden heute üblicherweise als eine Unterkategorie von gepflanzten Wäldern angesehen.

Der Zustand der Wälder: Strapaziert und abgeschlagen

Vor allem die Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche Nutzfläche bedroht Klima und Biodiversität. Aber auch die Forstwirtschaft verursacht erhebliche Schäden an den Wäldern weltweit – einerseits durch die Menge der Holzentnahme, andererseits auch durch waldschädigende Bewirtschaftungsweisen.

Hinzu kommt: Fast ein Drittel des weltweit gehandelten Holzes stammt mutmaßlich aus illegalen Quellen. Weil die Regierungen diese Umweltkriminalität nicht konsequent ahnden, befeuert die steigende Nachfrage auch den illegalen Holzeinschlag. Wer diese Verbrechen ignoriert, macht sich mitschuldig an Entwaldung, Walddegradierung, Artenverlust und Klimaerhitzung.

Das Ausmaß von Umweltkriminalität im Wald: illegaler Holzeinschlag und -handel © WWF
Das Ausmaß von Umweltkriminalität im Wald: illegaler Holzeinschlag und -handel © WWF - a = Nellemann 2016; b = Nellemann 2012; c = Nellemann et al. 2020

Ungebremster Verbrauch und steigende Nachfrage

Altpapier © iStock / Getty
Altpapier © iStock / Getty

Dennoch steigt die Nachfrage nach Holz weiter, vor allem im Energie- und Bausektor und für die Herstellung von Papier und Verpackungen: Machten 2012 Pellets noch 15 Prozent des gehandelten Energieholzes aus, lag der Wert 2015 bereits bei 23 Prozent, Tendenz steigend. 20 Prozent der Baugenehmigungen in Deutschland beziehen sich derzeit auf Bauten mit Holz, Tendenz steigend. 40 Prozent des industriell geernteten Holzes werden für die Papierproduktion verwendet, davon wiederum gehen 60 Prozent auf das Konto von Verpackungen. Auch hier: Tendenz steigend – von 2010 bis 2050 wird sich der weltweite Verbrauch von Papier und Pappe verdoppeln, so die Schätzung der WWF-Studie.

Neben den etablierten Branchen drängen zudem neue Industrien auf den Holzmarkt: Auch in der Textilbranche, bei der Herstellung von Bio-Kunststoffen und im Chemiesektor zeichnet sich eine stark wachsende Nachfrage nach dem Rohstoff Holz ab.

Auf dem Holzweg

Können unsere Wälder diesen wachsenden Bedarf an Holz erfüllen? Nein – das ist die eindeutige Antwort der Studie!

Nehmen wir den Biodiversitäts- und Klimaschutz ernst, dann müssen wir Holzproduktion und -verbrauch dringend an die planetaren Grenzen anpassen. Denn wir befinden uns auf dem sprichwörtlichen Holzweg: Angebot und Nachfrage dürfen nicht weiterhin den Märkten überlassen werden, falsche Nutzungsanreize durch Subventionen müssen gestoppt, der verschwenderische Holzkonsum vieler Länder eingedämmt und die übertriebenen Erwartungen der Industrie an die Verfügbarkeit des Rohstoffs gedämpft werden.

„Die Wälder der Welt können nicht ausreichend nachhaltig gewonnenes Holz zur Verfügung stellen. Der Verbrauch ist global und insbesondere in Industrienationen wie Deutschland bereits heute zu hoch.“

Aus der WWF-Studie „Alles aus Holz – Rohstoff der Zukunft oder kommende Krise“

Ist eine nachhaltige Nutzung der Wälder möglich?

Waldplantage in China © Theodore Kaye / WWF China
Waldplantage in China © Theodore Kaye / WWF China

Die Senkung des Holzverbrauchs ist die wichtigste Strategie, um die Wälder zu erhalten, sie reicht aber nicht aus. Fast die Hälfte der globalen Waldfläche wird bereits – mit großen regionalen Unterschieden – in Form von Produktionswäldern und Plantagen für die Holzversorgung genutzt. „Die noch vorhandenen Natur- und Primärwälder müssen sofort geschützt und alle anderen nachhaltig bewirtschaftet werden”, erklärt Dr. Susanne Winter, Co-Autorin der Studie. Wälder nachhaltig zu nutzen bedeutet jedoch weitaus mehr, als ihnen weniger zu entnehmen als nachwächst. Es geht darum, eine Balance zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen zu finden. „Für eine umfängliche Nachhaltigkeit dürfen maximal 50 bis 60 Prozent des Zuwachses reifer Wälder genutzt werden. Den Rest benötigt das Ökosystem für den Erhalt der natürlichen Strukturen und Nährstoffkreisläufe”, ergänzt die WWF-Waldexpertin.

Aufforstung ist kein Allheilmittel

Baumpflanzaktion in der Uckermark © Sonja Ritter / WWF
Baumpflanzaktion in der Uckermark © Sonja Ritter / WWF

Auch die Aufforstung bereits gerodeter und degradierter Flächen und die Wiederherstellung von Waldlandschaften leisten einen wichtigen Beitrag, um diese Balance herzustellen. Doch auch hier dämpft die Studie die Erwartungen: Die Potenziale für einen deutlichen Ausbau der globalen Versorgungskapazitäten sind begrenzt und reichen bei weitem nicht aus, um den wachsenden weltweiten Bedarf zu decken.

Der entscheidende Punkt ist die Reduktion des Verbrauchs und die Anerkennung des Eigenwertes des Waldes und seiner Ökosystemleistungen. Wir müssen gesunde, natürliche Wälder schaffen, damit die komplexen Waldökosysteme und Waldlebensräume all ihre Funktionen auf Dauer erfüllen können – nur so bleibt biologische Vielfalt erhalten.

Die Menge macht's

Überblick über die Kaskadennutzung von Holz © WWF
Überblick über die Kaskadennutzung von Holz © WWF

Die Studie zeigt: Bei einer nachhaltigen, fairen Nutzung von Holz im Rahmen einer Bioökonomie kommt es auf das Wofür und auf das Wieviel an. So ist beispielsweise die industrielle Verbrennung von Holz zur Energiegewinnung die denkbar schlechteste Nutzung unserer begrenzten und wertvollen Holzvorräte, insbesondere angesichts der Klimakrise. Die energetische Nutzung von Holz muss am Ende einer Nutzungskaskade stehen.

Im Bauwesen ist es hingegen sinnvoll, auf Holz zurückzugreifen, da die Herstellung von Beton äußerst energie- und ressourcenintensiv ist. Im Vergleich zur Verbrennung bindet Holz im Bau langfristig Kohlendioxid. Dennoch können in Zukunft nicht alle Häuser aus Holz gebaut werden, wenn gleichzeitig unsere Wälder für die biologische Vielfalt und den Schutz des Klimas erhalten werden sollen.

Fußabdrücke und Benchmarks

Statt also die steigende Nachfrage mit immer größerer Holzernte und Holzentnahme zu befriedigen und dadurch die Wälder immer mehr zu schwächen und in immer größere Gefahr zu bringen, müssen die Systeme aus Angebot und Nachfrage nachhaltiger gestaltet werden.

Dazu präsentiert die Studie sogenannte Holzfußabdrücke. Auch für Deutschland – als Anhaltspunkt für andere verbrauchsstarke Länder – und unternimmt erste Schritte zur Entwicklung eines Benchmarks, also eines Vergleichsmaßstabs für nachhaltigen Holzverbrauch: Mit den Fußabdrücken kann überwacht werden, wie viel Wald und Holz verbraucht werden, der Benchmark fragt, wie viel Holz verfügbar ist und setzt die Fußabdrücke in Beziehung zu den planetaren Grenzen.

WWF-Podcast „ÜberLeben“ zur Studie

Handlungsaufruf an Politik, Industrie und Gesellschaft

Reichstag in Berlin © Martin Fahlander / Unsplash
Reichstag in Berlin © Martin Fahlander / Unsplash

Fußabdrücke in Kombination mit Benchmarks können folglich dazu beitragen, eine gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, was nachhaltiger Holzkonsum im Kontext der Biodiversitäts- und Klimakrise bedeutet: Was definieren wir als verschwenderisch? Was als angemessen? Wie viel von dem, was wir erwarten, können die Wälder leisten?

Die WWF-Studie versteht sich als Warnsignal und als Handlungsaufruf an Politik, Industrie und Gesellschaft. Wir müssen den Wald in den Mittelpunkt stellen und die Holzwirtschaft danach ausrichten, was der Wald leisten kann.

Es bedarf eines grundlegenden Umdenkens. Denn der Wald in Fläche und hoher Qualität muss nicht nur erhalten, sondern verbessert werden. Mit konkreten Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger:innen stößt die Studie einen Diskurs darüber an, wie Holz und mit welchen Prioritäten in einer ausgewogenen Bioökonomie am besten genutzt werden sollte – damit wir nicht weiterhin buchstäblich an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Hier finden Sie die komplette Studie:

Werden Sie aktiv und schützen Sie den Wald

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