Die ausufernde internationale Landwirtschaft, die im großen Maßstab die Märkte in der EU füttert, vernichtet weltweit Wälder und andere wertvolle Ökosysteme. Die Politik muss starke Rechtsgrundlagen schaffen, die die Auswirkungen des Konsums in der Europäischen Union auf die Wälder der Welt drastisch verringern.

Am 17.11.2021 hat die Europäische Kommission ihren Vorschlag für eine EU-Gesetzgebung zum Stopp der europäisch verantworteten globalen Entwaldung und Naturzerstörung vorgelegt. Der WWF begrüßt diesen Schritt, warnt aber auch vor Schwächen.

Europa: Vizeweltmeister der Waldzerstörung

EU-Logo (Flagge) © EU
EU-Logo (Flagge) © EU

Auf diesen zweiten Platz kann die Europäische Union nicht stolz sein: 16 Prozent der globalen Tropenwaldholznutzung und Naturzerstörung gehen auf das Konto der EU – nur China liegt auf dieser Rangliste noch vor der EU.

Haupttreiber für die Waldzerstörung sind die Land- und Forstwirtschaft: Für den Anbau von Tierfutter-Soja oder die Produktion von Palmöl, Holz, Kakao und Kaffee werden in Südamerika und Südostasien Wälder großräumig zerstört und andere Ökosysteme umgewandelt. Und die Holznutzung führt durch die Umwandlung von Naturwald in verarmte Holzplantagen zum Verlust des wichtigen kohlenstoff- und biodiversitätsreichen Waldes.

Die Handelspolitik der EU und der Hunger nach Fleisch und Holz tragen entscheidend zu dieser Waldvernichtungsmaschinerie bei: Was wir konsumieren, treibt anderswo die Waldzerstörung voran – importierte Entwaldung und Naturzerstörung nennen wir das.

In Europa führt Deutschland die Rangliste der Waldzerstörer:innen an – unser „Import von Entwaldung“ liegt mit großem Abstand vor Italien und Spanien. Zwischen 2005 und 2017 wurden durchschnittlich jährlich 43.700 Hektar Wald für deutsche Importe vernichtet.

  • Europa: Vizeweltmeister der Waldzerstörung

    Die EU ist für 16 Prozent der globalen Tropenwaldabholzung und Naturzerstörung verantwortlich und überholt damit sogar Indien mit neun und die USA mit sieben Prozent. Weiterlesen ...

Mehr als 1,2 Millionen Menschen fordern starkes EU-Gesetz zum Stopp der Entwaldung

Übergabeaktion für entwaldungsfreie Lieferketten der Initiative #Together4Forests © Greenpeace
Übergabeaktion für entwaldungsfreie Lieferketten der Initiative #Together4Forests © Greenpeace

Der WWF setzt sich seit 2020 intensiv für die Schaffung des jetzt vorgelegten Gesetzes gegen Entwaldung und Zerstörung ein: Mit der EU-weiten und von mehr als 160 Nichtregierungsorganisationen getragenen Kampagne #Together4Forests mobilisierte der WWF im Dezember 2020 fast 1,2 Millionen Menschen.

Sie alle fordern ein starkes neues EU-Gesetz, das dem Import von Holz- und Agrarrohstoffen samt ihren Produkten aus zerstörerischer Produktion einen Riegel vorschiebt. Mehr noch: Ein Gesetz zum vollständigen Stopp des EU-Beitrags zur globalen Entwaldung und Naturzerstörung.

#Together4Forests ist damit die größte und erfolgreichste EU-Konsultation im Bereich von Umwelt- und Naturschutzfragen. Diese klare Botschaft hat inzwischen auch mehr als 70 Unternehmen überzeugt, sich mit einem „Industry Statement“ ebenfalls an die EU-Kommission zu wenden, um ein Gesetz zum Stopp importierter Entwaldung zu fordern.

Klare Botschaft der Kampagne an die Europäische Kommission: Die EU muss aufhören, Teil des Problems zu sein, sie muss Teil der Lösung werden.

Neues Gesetz mit Schwächen

Ein Jahr nach Start der Kampagne #Together4Forests legt die EU-Kommission mit ihrem Gesetzesentwurf zur „Minimierung des Risikos für Entwaldung und Walddegradierung in Zusammenhang mit Produkten, die auf den EU-Markt gebracht werden“ eine Antwort auf die Forderungen ihrer Bürger:innen vor.

Der lang geplante Entwurf kommt im direkten Nachgang zur Waldschutz-Deklaration der Glasgower Klimakonferenz. Darin haben sich über 140 Staats- und Regierungschefs ein Ende des weltweiten Waldverlusts bis 2030 gemeinsam zum Ziel gesetzt. Der Gesetzesentwurf ist somit der erste Prüfstein, ob die Glasgower Waldschutz-Deklaration vernünftig umgesetzt wird. Die EU kann hier ein weltweites Signal geben und Vorbild sein.

Der WWF begrüßt den neuen Gesetzentwurf, warnt aber gleichzeitig vor derzeit vorhandenen Schwächen, die die Bemühungen zum Schutz der Wälder und der im Falle von Verlagerungseffekten betroffenen weiteren Ökosysteme empfindlich ausbremsen könnten.

Hier muss nachgebessert werden

Der WWF fordert insbesondere bei den folgenden Punkten Nachbesserungen des Gesetzentwurfes:

  • Schutz von Wäldern und anderen natürlichen Ökosystemen von Anfang an: Die Kommission schlägt vor, zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zu prüfen, ob auch andere natürliche Ökosysteme wie Grasland und Feuchtgebiete einbezogen werden sollen. Das ist zu spät: Denn diese anderen Ökosysteme, wie zum Beispiel die Savannenlandschaft des Cerrados (Südamerika) gehen auch heute schon in einem alarmierenden Tempo durch die Ausbreitung der Landwirtschaft, vor allem Soja, verloren.
     
  • Es müssen alle relevanten Produkte und Waren erfasst sein, die mit Naturzerstörung in Verbindung stehen: Heißt auch solche, die global zwar nicht die Haupttreiber der globalen Wald- und Naturzerstörung sind, aber in manchen Ländern und Regionen die Hauptrolle spielen – wie Kautschuk und Mais. Insbesondere müssen neben den Agrarrohstoffen auch alle holzbasierten Rohstoffe und Produkte erfasst sein, da sie ein Haupttreiber für Entwaldung und Walddegradierung sind.
     
  • Menschenrechtsverletzungen müssen verhindert werden. Die Gesetzgebung muss eindeutige Bestimmungen zum Schutz der Rechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, zur Wahrung gewohnheitsrechtlicher Eigentumsrechte und zur Gewährleistung der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (FPIC) enthalten.
     
  • Die Sorgfaltspflicht muss unabhängig davon sein, aus welchen Ländern Unternehmen ihre Produkte beziehen und muss für Unternehmen jeder Größe gelten: Die Unternehmen müssen rechtlich für die Einhaltung aller Vorschriften verantwortlich sein, unabhängig davon, ob ein Produkt aus einem Herkunftsland mit niedrigem oder hohen Naturzerstörungsrisiko kommt. Außerdem sollten für alle Unternehmen die gleichen Regeln gelten, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten.
     
  • Für eine effektive Umsetzung der Rechtsvorschriften braucht es öffentliche Transparenz bei Informationen zu den Produkten und bei den Kontrollen in allen EU-Mitgliedsländern. Die Umsetzung der Rechtsvorschriften funktioniert nur, wenn die Strafen verhältnismäßig und insbesondere auch abschreckend sind.

Unser Fußabdruck trifft nicht nur den dichten Wald. Vor allem unser Soja-Import bedroht lichte Wald-Graslandschaften und Ökosysteme wie den Cerrado.

Eine Straße trennt Regenwald von einem Sojafeld im Cerrado, Brasilien © Adriano Gambarini / WWF-Brazil
Eine Straße trennt Regenwald von einem Sojafeld im Cerrado, Brasilien © Adriano Gambarini / WWF-Brazil

Was das neue EU-Gesetz zum Stopp der Entwaldung außen vor lässt: Andere Ökosysteme wie die Grassavanne des Cerrado.

Für die Europäische Union ist der Cerrado der wichtigste Soja-Lieferant, welches vor allem als Futtermittel in der Fleischproduktion Verwendung findet. Soja ist zudem der Rohstoff mit dem größten Anteil an der Abholzung tropischer Wälder, der in die EU eingeführt wird. Im Jahr 2018 stammten 23 Prozent der Einfuhren der EU aus Südamerika aus dem Cerrado, und ganze 70 Prozent des in die EU importierten Sojas, das mit Naturzerstörung in Verbindung gebracht wird, konzentrierte sich auf diese Region. Allein im August 2021 gingen im Cerrado 433 Quadratkilometer natürlicher Vegetation verloren – ein Anstieg von 136 Prozent gegenüber dem gleichen Monat in 2020.

WWF-Vorstand Christoph Heinrich bezieht hier klar Position:

„Wir brauchen ein kompromisslos starkes Wald- und Ökosystemschutzgesetz ohne Schlupflöcher.“

WWF-Vorstand Christoph Heinrich

Mehr dazu finden Sie ab dem 09.Dezember 2021 hier an dieser Stelle. In der Zwischenzeit geht die Arbeit der Kampagne #Together4Forests in die zweite Runde.

  • Sumatra-Regenwald Indonesien © Neil Ever Osborne / WWF-US #Together4Forests: Meilenstein im Kampf um Tropenwälder

    #Together4Forests ist ein Zusammenschluss zahlreicher Organisationen mit einem gemeinsamen Ziel: Wir setzen uns ein für einen europaweiten Appell an die EU zum Schutz und der Wiederherstellung von Wäldern und anderen natürlichen Ökosystemen. Zur Kampagne

Was Sie jetzt tun können:

Erweitern Sie ihr Wissen über den Wald und werden Sie Botschafter:in für den Wald!

Nahaufnahme eines Walds in der Nähe von Murici, Brasilien © WWF / Humberto Tan
Nahaufnahme eines Walds in der Nähe von Murici, Brasilien © WWF / Humberto Tan

WWF-Akademie: Bilden Sie sich weiter

Wälder verschwinden in rasantem Tempo, Tier und Mensch verlieren ihre Heimat. Doch wie kommt es dazu und was bedeutet das für die Zukunft in der wir leben? Antworten auf diese Fragen findest Du in dem kostenlosen E-Learning Kurs „Wald:Wissen – Bedeutung & Bedrohung“ auf der WWF-Akademie.

Werden Sie zum Wald-Experten in der WWF-Akademie

Amazonas Regenwald in Französisch-Guayana © Roger Leguen / WWF
Amazonas Regenwald in Französisch-Guayana © Roger Leguen / WWF

Leben Sie „waldsparsam“

Wald steckt da, wo man ihn nicht erwartet: Auf dem Teller, den Lebensmittelregalen, in Toilettenpapier, Schulheften und vielem mehr. Der gigantischen weltweiten Waldzerstörung stehen wir aber nicht machtlos gegenüber. In unseren Tipps für den Alltag geben wir Ihnen Orientierung worauf Sie im Alltag achten und sich dadurch für den Schutz der Wälder einsetzen können. Das geht zum größten Teil ganz einfach!

Tipps für den Alltag: Holz und Papier

Reichtstagsgebäude © iStock / GettyImages
Reichtstagsgebäude © iStock / GettyImages

Als Waldschützer:in und Botschafter:in für den Wald- und Naturerhalt

Sprechen Sie die Politiker:innen ihres Wahlkreises an und fordern Sie sie auf, sich für ein wirksames Gesetz gegen Entwaldung und Naturzerstörung ohne Schwächen einzusetzen, um den negativen Einfluss von uns Konsument;innen in Deutschland in der Klima- und Biodiversitätskrise deutlich zu verkleinern.

Teller mit Hülsenfrüchten und Karotten © GettyImages
Teller mit Hülsenfrüchten und Karotten © GettyImages

Besseresser:innen – die Wochenmenüs!

Bedeutet eine Veränderung unserer Ernährungsgewohnheiten zum Wohle unseres Planeten, dass wir uns zukünftig nur noch eintönig ernähren können? Wird die Zukunft von halbleeren Tellern geprägt sein? Das Gegenteil ist der Fall. Es wartet eine vielfältige, kulinarisch köstliche Zukunft auf uns.

Ernährung in den Grenzen unseres Planeten

Bastardschildkröte im Pazifik © naturepl.com / Solvin Zankle / WWF
Bastardschildkröte im Pazifik © naturepl.com / Solvin Zankle / WWF

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