Die fliegenden Flüsse des Amazonas
Geheimnis am Himmel
Stand: 18.09.2026
Der Amazonas im Norden Südamerikas ist der wasserreichste Fluss unserer Erde. Doch hoch über ihm am Himmel fließt ein weiterer gewaltiger Strom, der auf keiner Landkarte eingezeichnet ist. Die sogenannten „fliegenden Flüsse“ tragen sogar mehr Wasser als der Amazonas selbst. Sie sind lebenswichtig weit über den Regenwald hinaus – und bis heute nicht vollständig erforscht.
Kann man die fliegenden Flüsse sehen?
Ja und nein. Die fliegenden Flüsse sind gewaltige Luftströme, die riesige Mengen Wasserdampf vom Atlantik über den Amazonas bis zu den Anden transportieren. Unterwegs tanken sie über dem Regenwald noch einmal ordentlich Feuchtigkeit auf.
Sichtbar werden sie durch spektakuläre Wolkenformationen. Mal ragen die Wolken in kilometerhohen Türmen über dem Regenwald empor, mal legen sie sich in tief wabernden Nebelschleiern zwischen die Baumwipfel. Doch der eigentliche „Fluss“ bleibt unsichtbar: Mit bloßem Auge lässt sich nicht erkennen, wie die feuchte Luft Tag für Tag in dieselbe Richtung strömt.
#Aha! Der größte Fluss der Welt fließt nicht in einem Flussbett, sondern hoch oben am Himmel. Täglich transportieren die fliegenden Flüsse in der Luft bis zu 20 Milliarden Tonnen Wasserdampf. Das ist mehr als der Amazonas-Fluss am Boden mit etwa 17 Milliarden Tonnen!
Feucht-Faszinierender Amazonas-Regenwald
#Aha! Ein einziger großer Amazonasbaum „schwitzt“ an einem heißen Tag bis zu 1.000 Liter Wasser aus.
Wasserpumpe Wald
Im Amazonas-Regenwald stehen rund 400 Milliarden Bäume. Tag für Tag geben sie gewaltige Mengen Wasser an die Atmosphäre ab. Dafür nehmen sie Feuchtigkeit aus dem Boden auf und transportieren sie bis in ihre Blätter. Dort wird das Wasser als unsichtbarer Wasserdampf wieder an die Luft abgegeben. So wirkt der Amazonas-Regenwald wie eine riesige natürliche Wasserpumpe.
Auch Regenwasser auf Blättern, Ästen, dem Waldboden und aus Flüssen und Seen verdunstet durch Sonne und Wind. Fachleute bezeichnen die gesamte Wasserabgabe einer Landschaft als Evapotranspiration. Eine Mischung aus Evaporation (Verdunstung) und Transpiration (Schwitzen).
#Aha! Mehr als das Meer: Ein Quadratmeter Regenwald kann durch die vielen Bäume mehr Wasser verdunsten als ein Quadratmeter Ozean!
Wohin fließen die fliegenden Flüsse?
In etwa 3.000 Metern Höhe ziehen die fliegenden Flüsse vom Atlantik quer über den Amazonas-Regenwald.
Auf ihrem Weg nehmen sie immer mehr Feuchtigkeit auf. Ein Teil davon regnet bereits über den Wäldern wieder ab: Etwa die Hälfte ihres Regens produzieren die Tropenwälder des Amazonas durch Verdunstung selbst!
Die feuchten Luftströme werden dann von den Passatwinden bis zu den Anden getragen und von der hohen Gebirgskette nach Süden und Südosten abgelenkt.
So bringen die fliegenden Flüsse Regen in weite Teile Südamerikas, die sonst viel trockener wären.
#Aha! Auf denselben Breitengraden sind Landstriche auf anderen Kontinenten wie beispielsweise Afrika und Australien von Savannen und Steppen geprägt.
Warum ist das so, fragte sich der brasilianische Klimaforscher Antonio D. Nobre. Zusammen mit dem Piloten Gérard Moss wies er vor 20 Jahren die fliegenden Flüsse nach und gab ihnen ihren Namen.
Dem Wasser auf der Spur
Wissenschaftler:innen vermessen die fliegenden Flüsse mit Forschungsflugzeugen. Sie fliegen durch den Dampf und messen dabei Temperatur, Feuchtigkeit und Windrichtung. Der Fluss ist so konstant, dass man ihm wie einem echten Fluss folgen kann.
Menschen, Tiere und Pflanzen in Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay und Argentinien sind auf den Regen der fliegenden Flüsse angewiesen. Teilweise gelangen die Wasserdampf-Ströme auch bis nach Kolumbien und Peru im Norden Südamerikas.
#Aha! Sieht ein Bauer oder eine Bäuerin in Argentinien in den Himmel und entdeckt den für die Felder so wichtigen heranziehenden Regen, schaut er oder sie eigentlich auf Wasser, das Wochen zuvor noch in einem Baum im Amazonas steckte.
Fliegende Flüsse auch in Afrika
Der Begriff „fliegende Flüsse“ wird wissenschaftlich fast nur für den Amazonas verwendet – und hier sind sie durch die riesigen Wälder besonders ausgeprägt. Doch ähnliche Phänomene gibt es auch über anderen Tropenwäldern der Erde.
Im Kongobecken im Herzen Zentralafrikas liegt nach dem Amazonas der zweitgrößte tropische Regenwald der Welt. Die Bäume dort erzeugen Feuchtigkeit, Wolken und Regen, die bis in die fast 3.000 Kilometer entfernte Sahelzone reichen.
Was, wenn der Fluss im Himmel versiegt?
Wenn der Wald verschwindet, gerät auch der fliegende Fluss aus dem Fluss. Die Folgen sind weit über den Regenwald hinaus spürbar: Weniger Regen, längere Trockenzeiten und veränderte Wettermuster.
Im Amazonas droht eine gefährliche Kettenreaktion: Da die Tropenwälder etwa die Hälfte ihres Regens selbst erzeugen, reichen schon ab etwa 20 Prozent Waldverlust die Niederschläge nicht mehr aus, um den Regenwald zu versorgen. Mehr Bäume sterben ab und es regnet noch weniger. Dadurch könnte der Amazonas einen Kipppunkt erreichen, der das globale Klimasystem endgültig aus der Bahn werfen würde. Die Folgen würden wir in Deutschland und weltweit spüren.
Mit den Tropenwäldern verlieren wir also nicht nur wertvolle Lebensräume und wichtige Kohlenstoffspeicher. Wir verlieren ebenfalls riesige natürliche Wasserpumpen, die ganze Regionen mit Feuchtigkeit versorgen. Wer Tropenwälder schützt, bewahrt auch die unendlich wichtigen unsichtbaren Flüsse am Himmel.
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