Angefangen hat alles im Jahr 2010 mit einer Initiative an drei Schulen, die Stadtkindern den Zugang zur Natur ermöglichen sollte: Die Schülerinnen und Schüler legten Gärten und kleine Wälder an, gruben mit ihren Händen in der Erde, säten Pflanzen, beobachteten sie beim Wachsen, gossen und ernteten.
Wald der Kinder
Einen eigenen Schul-Wald anpflanzen und ihn selbst pflegen: Was als kleines WWF-Projekt begann, führte zu einer Revolution der Umweltbildung in Bolivien und steht heute in den Lehrplänen! Die Kinder übernehmen Verantwortung für ein Stück Natur und tragen ihre Wertschätzung für die Umwelt aus der Schule nach Hause.
Bolivien – Land des Waldes
Mehr als die Hälfte Boliviens ist von Wald bedeckt. Im Norden erstreckt sich der artenreiche bolivianische Amazonas-Regenwald. Hier leben Jaguare, Faultiere, Tapire, Aras und unzählige weitere Tierarten.
Im Süden liegt das Pantanal, das größte zusammenhängende Feuchtgebiet der Erde. Zwischen Flüssen, Sümpfen und Savannen wachsen Busch- und Galeriewälder, die vielen Tieren Nahrung und Schutz bieten.
Doch Bolivien gehört zu den Ländern mit den höchsten Entwaldungsraten weltweit. Immer mehr Wald wird für Weide- und Ackerland abgeholzt. Deshalb setzt sich der WWF in Bolivien mit verschiedenen Projekten für den Schutz der Wälder ein, beginnend bei den Jüngsten.
BOSNI – Wald der Kinder
Das Projekt bekam einen Namen, der bald Programm wurde: BOSNI – aus dem Spanischen Bosque de Niños, übersetzt „Wald der Kinder“.
Bereits im Jahr darauf beteiligten sich 14 Schulen im Pantanal und in Amazonien an dem Projekt und legten ihre eigenen Schulwälder und -gärten an. Dann wurden es immer mehr.
„Dieser Ort gehört euch. Ihr entscheidet, was hier wächst.“ So oder ähnlich können Lehrkräfte in das Projekt einführen. Denn das Besondere an BOSNI: Ihr Stück Natur wird offiziell in die Hände der Kinder übergeben. Sie tragen eigenständig die Verantwortung dafür.
„Wer als Kind gelernt hat, einen Baum zu lieben und großzuziehen, der wird als Erwachsener diesen Planeten nicht mutwillig zerstören.“
Roberto Maldonado, Südamerika-Referent beim WWF Deutschland und Mitbegründer des BOSNI-Projektes
Das schöne Gefühl der Verantwortung
Als sogenannte GuardiaBOSNI kümmern sich Schülerinnen und Schüler nicht nur selbst um die Pflanzen. Sie zeigen auch ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, wie sie gepflegt werden.
„Ein GuardiaBOSNI zu sein ist das Beste, was mir je passiert ist“, erzählt Cristiany, ein Schüler aus Puerto Quijarro an der Grenze zu Brasilien. „Ich mag es, wenn ich mich um alles kümmern muss. Außerdem helfe ich auf diese Weise, dass später mehr Blumen, Früchte und Pflanzensorten zur Verfügung stehen.“
Ein Projekt wird erwachsen
Der WWF entwickelte Bildungsmaterialien und schulte Hunderte Lehrkräfte. „Was dann passierte, ist einfach nur phantastisch“, erinnert sich Dirk Embert vom WWF Deutschland, der das Projekt seit mehr als zehn Jahren betreut. Denn heute kennen BOSNI in Bolivien viele Kinder: Die Lehrmethode wurde von der bolivianischen Regierung übernommen und ist seitdem ein offizielles Unterrichtsfach für Umweltbildung an allen Schulen des Landes. Ein großer Erfolg für den WWF!
Der Lehrplan sieht vor, dass Schulen den Kindern ein Stück Land oder einen festen Raum zur Verfügung stellen.
Je nach Lage und Größe der Schule kann dies ein Schulgarten, ein kleines Waldstück oder notfalls in engen Stadtschulen wenigstens eine Ansammlung von Beeten und Pflanzkübeln auf der Terrasse sein.
Regelmäßig zu Gast in vielen Klassen sind endlich auch wieder Indigene, die ihr Wissen über die Natur und traditionelle Medizin teilen, um einen kulturellen Schatz lebendig zu halten.
Das Thema Naturschutz tragen außerdem Rangerinnen und Ranger aus erster Hand an die Kinder heran und erzählen von ihrer Arbeit in den Schutzgebieten und indigenen Territorien.
„Mama, bitte schütze Pachamama!“
Pachamama bedeutet „Mutter Erde“. Das große Ziel des BOSNI-Projektes ist es, Werte wie Respekt und Verantwortung gegenüber dieser Mutter Erde – also der Natur – im Alltag zu verankern. Das tragen die Kinder auch nach Hause.
Dirk Embert, Südamerika-Referent beim WWF, erzählt von einer Begegnung mit den Eltern einer Schülerin: „Mit einem Augenzwinkern sagten sie zu mir, ich wisse gar nicht, was ich ihnen da angetan hätte: Ihre Tochter erlaube keinem in der Familie mehr, den Wasserhahn länger als nötig laufen zu lassen. Und niemand darf unnötig das Licht anlassen.“
Denn BOSNI ist viel mehr als Bäume pflanzen. Es geht darum, Kindern zu vermitteln, wie sie ihre Umwelt schützen und selbst etwas verändern können.
Suri und Chapu erobern das Land
Wer heute durch die Straßen der bolivianische Städte La Paz oder Santa Cruz geht und Menschen nach dem Mädchen Suri und ihrem kleinen Hund Chapu fragt, bekommt oft ein wissendes Lächeln zur Antwort. Die beiden Zeichentrick-Figuren sind inzwischen Leitfiguren von BOSNI. In kurzen Videos erleben sie gemeinsam Umweltprobleme – von schmutziger Luft bis zu Bergen aus Plastiktüten – und finden Lösungen dafür.
Die Videos wurden von der bolivianischen Regierung für eine Kampagne gegen Plastiktüten übernommen und über Monate auf fünf nationalen Fernsehsendern mehrmals täglich ausgestrahlt.
Grüne Klassenzimmer – „Erbsenzählen“ einmal anders
Zurück in die Schule: Immer mehr Klassen verlagern heute in Bolivien ihren Unterricht ins Freie und in ihre Schulgärten und -wälder.
Denn der Bildungsansatz des WWF ist ganzheitlich: In Kontakt mit der Natur wird nicht nur Biologie vermittelt, sondern auch Geografie, Mathematik, Sprachen und soziales Lernen.
Wer Gurken oder Zucchini anbaut, erfährt etwas über die Herkunft dieser Gewächse und die Regionen, in denen sie gedeihen – und im Mathematikunterricht bekommt „Erbsenzählerei“ eine ganz neue Bedeutung.
So wird aus dem eigenen Stück Natur ein Lernort, an dem die Kinder selbst ausprobieren, beobachten, Fragen stellen und gemeinsam Lösungen finden.
Die Liebe zur Natur verbindet
Doch wie erreichen die BOSNI-Themen auch Erwachsene – und Kinder, die nicht zur Schule gehen? Aus dieser Überlegung heraus sind in verschiedenen Städten Boliviens Umweltbildungszentren entstanden.
Sie sind Anlaufstelle und Treffpunkt für Menschen jeden Alters und jedes interessierte Kind. Es gibt Tanz-, Gesangs-, Musik- und Malkurse sowie einen regen Austausch mit Menschen aus nahegelegenen Schutzgebieten, Schulen und weiteren städtischen Einrichtungen wie Universitäten und Kindermuseen.
Ende Juni 2026 hat der WWF das BOSNI-Projekt in Bolivien abgeschlossen – mit dem guten Gefühl, dass seine Inhalte als national verankertes Bildungsprogramm weiter bestehen und wachsen.
Denn erfolgreicher Umweltschutz zeigt sich darin, dass er tiefe Wurzeln schlägt und irgendwann vor Ort selbstständig fortgeführt und umgesetzt wird.
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Amazonien -
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Nachhaltiger Schulalltag