Ein junger Wunderpus-Oktopus ist von einer Vielzahl kleiner Zooplanktonarten wie Garnelenlarven, Krabben und Würmern umgeben © Jialing Cai

Die Tiefsee – ein fast unbekannter Lebensraum braucht Schutz

Faszinierende Artenvielfalt, marine Nahrungsnetze und Kohlenstoffspeicher bewahren
Stand: 26.06.2026

Die Tiefsee ist der größte zusammenhängende Lebensraum der Erde. Weitgehend unerforscht und unberührt beherbergt sie eine einzigartige Artenvielfalt und spielt als Kohlenstoffspeicher eine zentrale Rolle für das globale Ökosystem. Doch Tiefseebergbau könnte diesen empfindlichen Lebensraum unwiederbringlich zerstören. Damit die Tiefsee auch in Zukunft ein Ort voller Leben bleibt, müssen wir jetzt die Weichen für ihren wirksamen Schutz stellen – denn was in Millionen Jahren entstanden ist, darf nicht in wenigen Jahrzehnten zerstört werden.

Die Tiefsee und ihre Bedeutung

Als Tiefsee bezeichnet man Meeresbereiche ab einer Tiefe von 200 Metern. Sie bedeckt rund 54 Prozent der Erdoberfläche und umfasst etwa 95 Prozent der Biosphäre. Von den tiefen Wasserschichten bis zu den Lebensräumen am Meeresboden bildet sie das größte Ökosystem der Erde.

Die Tiefsee verfügt über eine enorme Artenvielfalt und ist entscheidend für stabile Nahrungsnetze im Meer. Zudem bietet sie eine große genetische Vielfalt, die potenziell für medizinische und biotechnologische Anwendungen relevant ist – etwa durch bislang unentdeckte Enzyme oder Wirkstoffe aus Tiefseeorganismen.

Als größte Kohlenstoffsenke des Planeten spielt die Tiefsee zudem eine unverzichtbare Rolle für den Klimaschutz. Die Ozeane nehmen rund ein Viertel der menschengemachten CO2-Emissionen auf, und der tiefe Ozean speichert mehr als fünfzigmal so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre. Gleichzeitig wird jährlich ein erheblicher Teil dieses Kohlenstoffs in die Tiefe transportiert und dort über lange Zeiträume gebunden. Diese Funktion macht die Tiefsee zu einem der wichtigsten Klimapuffer unseres Planeten.

Leben in der Tiefsee – enorm artenreich, faszinierend und zerbrechlich

Die Tiefsee ist ein Lebensraum der Extreme. In Dunkelheit, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und unter enormem Druck haben sich über Millionen von Jahren hochspezialisierte Arten entwickelt, die nur dort leben  und besonders empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraums reagieren.

Leuchtende Garnelen, bizarr geformte Tiefseefische, riesige Quallen, Geisterkraken, jahrtausendealte Schwämme und Kaltwasserkorallen stehen für die außergewöhnliche Vielfalt dieses Lebensraums. Wissenschaftler:innen entdecken bei nahezu jeder Expedition neue Arten – ein Hinweis darauf, wie wenig wir diesen Lebensraum bislang kennen.

Die Tiefsee gehört zu den am wenigsten erforschten Regionen der Erde. Entsprechend groß sind die Wissenslücken über ihre komplexen ökologischen Zusammenhänge. Diese Unkenntnis macht die Folgen industrieller Eingriffe kaum absehbar. Der Tiefseebergbau droht daher, einzigartige Ökosysteme zu zerstören, bevor wir sie überhaupt erforscht und verstanden haben.

„Bisher sind erst rund 0,01 Prozent des Tiefseebodens wissenschaftlich untersucht – selbst über die Oberfläche des Mondes wissen wir mehr. Schätzungen zufolge sind bis zu 90 Prozent der Tiefseearten noch unbekannt.“

Martin Webeler, WWF Deutschland

Tiefseebergbau – industrielle Ausbeutung der Tiefsee

Grafische Darstellung des Tiefseebergbaus © WWF INT
Grafische Darstellung des Tiefseebergbaus © WWF INT

In der Tiefsee lagern wertvolle Rohstoffe wie Eisen, Mangan, Kobalt, Nickel, Kupfer, Gold, Silber, Platin und seltene Erden. Unterschieden werden vor allem Manganknollen auf den Tiefseeebenen, kobaltreiche Eisen-Mangankrusten an Seebergen sowie polymetallische Sulfide rund um hydrothermale Quellen. Diese Lagerstätten befinden sich in mehreren tausend Metern Tiefe und in ökologisch hochsensiblen Gebieten.

Der industrielle Abbau durch Tiefseebergbau würde tiefgreifende Eingriffe in bislang weitgehend unberührte Lebensräume bedeuten, denn dafür kämen schwere Maschinen zum Einsatz, die den Meeresboden aufbohren, abfräsen oder großflächig abtragen, Mineralien entnehmen und Sedimente aufwirbeln. Später vom Schiff ins Meer zurückgeleitetes Sediment verursacht großflächige Trübungswolken, die sich über weite Gebiete ausbreiten und auch Lebensräume weit außerhalb der direkten Abbauzonen beeinträchtigen.

Zusätzlich würden Lärm, Vibrationen und technische Eingriffe die empfindlichen Ökosysteme belasten. Viele dieser Lebensräume regenerieren sich nur extrem langsam – Manganknollen beispielsweise sind faustgroß und wachsen im Schnitt einen Zentimeter in einer Million Jahre.

Der industrielle Tiefseebergbau würde nicht nur den Meeresboden verändern, sondern ganze Lebensgemeinschaften gefährden – in einer Region, die nur unzureichend erforscht ist. Gerade diese Wissenslücken machen die Risiken besonders schwer abschätzbar.

Die folgende Studie untersuchte die Auswirkungen eines Tiefseebergbau-Experiments auf mikrobielle Gemeinschaften und Funktionen auf dem Meeresboden nach 26 Jahren.

Internationaler Schutzauftrag für die Tiefsee

Gelbe Haarqualle © IMAGO / Dreamstime
Gelbe Haarqualle © IMAGO / Dreamstime

Nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ist die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet, die Meeresumwelt wirksam zu schützen – auch vor schädlichen Auswirkungen des Rohstoffabbaus. Angesichts der erheblichen ökologischen Risiken des Tiefseebergbaus ist derzeit nicht sichergestellt, dass diese Schutzpflichten in der Praxis eingehalten werden können.

WWF fordert Moratorium für Tiefseebergbau

Grafische Darstellung einer Tiefseebergbau-Maschine © WWF INT
Grafische Darstellung einer Tiefseebergbau-Maschine © WWF INT

Der Tiefseebergbau birgt erhebliche Risiken für empfindliche und bislang kaum erforschte Ökosysteme und kann irreversible Schäden verursachen. Der WWF fordert daher ein weltweites Moratorium, bis ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen und eindeutig nachgewiesen ist, dass ein Abbau ohne Beeinträchtigung der Meeresumwelt möglich ist.

Für dieses Ziel konnte bereits breite Unterstützung gewonnen werden: Mehr als 70 Unternehmen – darunter BMW, Samsung, Volvo, Google, Philips und Volkswagen – sprechen sich für eine vorsorgliche Pause aus. Auch auf politischer Ebene wächst der Rückhalt: 43 Staaten, darunter Deutschland, unterstützen ein Moratorium oder eine entsprechende Pause. Zudem haben mehr als 1.000 Wissenschaftler:innen und Meeresexperten:innen einen entsprechenden Aufruf unterzeichnet.

Der WWF setzt sich seit Langem international für diesen Ansatz ein. Nun gilt es, diesen Rückenwind zu nutzen und die Staatengemeinschaft zu weiteren verbindlichen Schritten zu bewegen. Deutschland sollte dabei eine stärkere Rolle einnehmen und sich für eine vorsorgliche Pause einsetzen, bis die ökologischen Risiken eindeutig geklärt sind.

„Tiefseebergbau ist eine vermeidbare Umweltkatastrophe. Der industrielle Rohstoffabbau in der Tiefsee birgt so hohe Risiken, dass ein wirksamer Schutz der Meeresumwelt nicht gesichert ist. Wir brauchen einen vorsorglichen Stopp!“

Martin Webeler, WWF Deutschland

Kreislaufwirtschaft statt Tiefseebergbau – Die Alternativen sind da

Grafik: Ressourcenkreisläufe schließen © WWF
Unsere Ressourcenkreisläufe müssen geschlossen werden © WWF

Die steigende Nachfrage nach Metallen und Mineralien muss nicht zulasten der Tiefsee gedeckt werden. Auch wenn Rohstoffe etwa für IT-Technologien oder Elektromobilität benötigt werden, sind die Ressourcen der Tiefsee dafür nicht erforderlich.

Stattdessen gilt es, Rohstoffbedarf zu hinterfragen, zu reduzieren und durch eine konsequente Kreislaufwirtschaft zu minimieren. Eine Kombination aus Innovation, Recycling, Reparatur, längeren Produktlebenszyklen und weiteren Maßnahmen zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs kann den Bedarf der Industrie deutlich senken – ohne neue Lebensräume im Meer auszubeuten.

  • Unternehmen können auf ressourcenschonendere Beschaffung setzen und Produkte langlebiger, reparierbarer und recyclingfähiger gestalten. Der WWF unterstützt entsprechende Ansätze im Bereich Kreislaufwirtschaft.
  • Verbraucher können durch Recycling von Altgeräten, bewussteren Konsum und Information über Materialherkunft einen wichtigen Beitrag leisten. Auch hier unterstützt der WWF entsprechende Initiativen.
  • Politik und Wirtschaft können ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau unterstützen und gleichzeitig den Ausbau der Kreislaufwirtschaft vorantreiben.

Falsche Sicherheitsversprechen des Tiefseebergbaus

Recycling © GettyImages
Durch Recycling lässt sich der Bedarf an Primärrohstoffen senken © GettyImages

Tiefseebergbau wird häufig mit dem Versprechen größerer nationaler Rohstoffunabhängigkeit begründet. Dieses Ziel würde er jedoch kaum erreichen. Statt mehr Sicherheit zu schaffen, könnte er neue Risiken erzeugen – für Meeresökosysteme, für Fischerei als wichtige Nahrungs- und Wirtschaftsgrundlage sowie für die Stabilität internationaler Lieferketten.

Die ökologischen Eingriffe in bislang weitgehend unberührte Lebensräume sind mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Dadurch entstehen zusätzliche wirtschaftliche und politische Risiken, die langfristige Planung erschweren und das Vertrauen in internationale Regelwerke belasten können.

Eine konsequente Kreislaufwirtschaft bietet hier einen nachhaltigeren Weg. Durch Recycling, Reparatur und eine effizientere Nutzung von Rohstoffen lässt sich der Bedarf an Primärrohstoffen deutlich senken. Lieferketten werden dadurch widerstandsfähiger und unabhängiger von neuen Rohstoffquellen und tragen so langfristig zu mehr Stabilität und Versorgungssicherheit bei.

So können Sie helfen

  • Blick in die Tiefsee © WWF INT Tiefseebergbau

    Der großflächige Abbau von Rohstoffen hat unkalkulierbare Auswirkungen auf die sensiblen Lebensräume und Artenvielfalt. Mehr erfahren ...

  • Amphopod auf Tiefwasserkoralle © Erling Svensen / WWF Faszinierendes Leben in der Tiefsee – Wunder der Natur

    Die Tiefsee umfasst rund 54% der Erdoberfläche unseres Planeten und bildet das größte Ökosystem der Erde. Weiterlesen ...

  • Fische im Riff bei Belize © Antonio Busiello / WWF-US WWF Podcast: Meeresschutz auf die Ohren

    Die Erde. Der „blaue Planet“. 70 Prozent seiner Oberfläche sind mit Wasser bedeckt. Alle Folgen des WWF Podcasts „Living Planet“ zum Thema Meere, Ozeane und Meeresschutz. Weiterlesen...