Riesenkalmar

Tiefseebergbau: Mehr Risiken statt Sicherheit

Stand: 09.07.2026

Die Notwendigkeit für Tiefseebergbau wird zunehmend mit Sicherheitsversprechen begründet. Ein neues WWF-Briefing, basierend auf Forschungsergebnissen des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA), zeigt jedoch: Die Förderung von Mineralien aus der Tiefsee wird Versprechen von mehr Rohstoffsicherheit, Wettbewerbsfähigkeit oder politischer Unabhängigkeit nicht erfüllen. Stattdessen könnte er neue ökologische, geopolitische und wirtschaftliche Risiken schaffen.

Grafische Darstellung einer gesunden Tiefsee © WWF INT
Grafische Darstellung einer gesunden Tiefsee © WWF INT

Die Tiefsee gehört zu den letzten weitgehend unberührten Lebensräumen unseres Planeten. In der Dunkelheit, die mehrere tausend Meter unter der Wasseroberfläche herrscht, leben faszinierende Arten – von bizarren Quallen bis hin zu leuchtenden Garnelen und jahrtausendealten Schwämmen. Viele von ihnen wurden erst in den letzten Jahren entdeckt. Bis heute wurde nur rund 0,01 Prozent des Tiefseebodens wissenschaftlich erforscht.

Doch dort unten liegen noch andere Schätze: Rohstoffe wie Mangan, Kobalt, Nickel oder seltene Erden. Seit Jahren wächst das Interesse an eben diesen Rohstoffen am Meeresboden. Lange wurde die Notwendigkeit für ihren Abbau durch Tiefseebergbau vor allem mit der Energiewende begründet. Doch dieses Argument verliert zunehmend an Überzeugungskraft.

Macht Tiefseebergbau unsere Zukunft sicherer?

Heute steht ein anderes Argument zur Rechtfertigung von Tiefseebergbau im Mittelpunkt: Sicherheit. Nach der Corona-Pandemie und unter zunehmenden geopolitischen Spannungen fragen sich viele Staaten, wie sie unabhängiger von einzelnen Rohstofflieferanten werden können.

Befürworter:innen des Tiefseebergbaus nutzen diese Diskussionen, um sie für ihre Interessen zu instrumentalisieren: Neue Rohstoffe aus der Tiefsee sollen vermeintlich Lieferketten absichern, wirtschaftliche Abhängigkeiten verringern und Staaten widerstandsfähiger machen.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die im Auftrag des WWF erstellt wurden, zeichnen jedoch ein anderes Bild: Tiefseebergbau würde bestehende Abhängigkeiten kaum verringern und könnte stattdessen neue Risiken schaffen.

Sicherheit beginnt nicht erst beim Rohstoffabbau

Grafische Darstellung von Sicherheit, Unabhängigkeit und Ökosystemschutz im Kontext von Tiefseebergbau © WWF INT
Grafische Darstellung von Sicherheit, Unabhängigkeit und Ökosystemschutz im Kontext von Tiefseebergbau © WWF INT

Wenn über Versorgungssicherheit gesprochen wird, denken viele zunächst an eines: möglichst viele Rohstoffe verfügbar zu haben. Tatsächlich ist Sicherheit aber weit mehr als der Zugang zu Bodenschätzen.

Sie hängt davon ab, ob Lieferketten funktionieren, Unternehmen auf Veränderungen reagieren können, Staaten vertrauensvoll zusammenarbeiten und natürliche Lebensgrundlagen erhalten bleiben.

Mehr Rohstoffe lösen unsere Abhängigkeiten nicht

Mehr Rohstoffe bedeuten nicht automatisch Versorgungssicherheit. Denn die größten Abhängigkeiten entstehen heute meist erst nach dem Abbau. Zwischen einem abgebauten Gesteinsbrocken und einem Endprodukt wie beispielsweise einer Batterie liegen zahlreiche weitere Schritte: Die Rohstoffe müssen verarbeitet, veredelt, transportiert und in industrielle Lieferketten integriert werden.

Genau diese Bereiche sind heute weltweit auf wenige Länder konzentriert. Neue Rohstoffe aus der Tiefsee würden daran zunächst wenig ändern. Gleichzeitig müssten für den Tiefseebergbau, der bislang noch nicht industriell betrieben wird, neue Verarbeitungsanlagen, Infrastruktur und Lieferketten erst aufgebaut werden: ein langwieriges und kostenintensives Vorhaben, dessen Wirtschaftlichkeit nach wie vor äußerst unsicher ist.

„Wer auf Tiefseebergbau als schnelle Lösung für die Rohstoffversorgung setzt, wird enttäuscht: Selbst unter optimistischen Annahmen ist vor Ende der 2030er-Jahre kein nennenswerter Beitrag zu erwarten.“

Martin Webeler, WWF Deutschland

Zusammenarbeit schafft Sicherheit

Sicherheit entsteht nicht nur durch Rohstoffe und funktionierende Lieferketten. Sie hängt auch davon ab, ob Staaten sich an gemeinsame Regeln halten und Entscheidungen transparent und inklusiv gestalten. Gerade die Tiefsee außerhalb nationaler Gewässer gilt als gemeinsames Erbe der Menschheit und wird im Rahmen internationaler Abkommen von der internationalen Staatengemeinschaft verwaltet.

Wird Tiefseebergbau jedoch als strategisch notwendig dargestellt, wächst der Druck, den Einstieg in den industriellen Abbau zu beschleunigen, obwohl viele wissenschaftliche Fragen offen sind und zahlreiche Staaten, Wissenschaftler:innen, Unternehmen sowie indigene Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen vor den Risiken von Tiefseebergbau warnen. Ein vorschnelles Vorgehen könnte das Vertrauen in die internationale Zusammenarbeit und gemeinsame Regeln schwächen – gerade in einer Zeit, in der diese wichtiger ist denn je.

Gesunde Meere sind ein Sicherheitsfaktor

Grafische Darstellung der Artenvielfalt in der Tiefsee © WWF INT
Grafische Darstellung der Artenvielfalt in der Tiefsee © WWF INT

Intakte Meere regulieren das Klima, sichern Fischbestände und bilden die Lebensgrundlage für Millionen Menschen weltweit. Welche Folgen großflächiger Tiefseebergbau für diese empfindlichen Meeresökosysteme hätte, ist bis heute nicht ausreichend erforscht. Vieles deutet darauf hin, dass Eingriffe weitreichende und möglicherweise unumkehrbare Auswirkungen haben könnten. Werden marine Ökosysteme geschädigt, betrifft das nicht nur die Artenvielfalt, sondern kann auch Fischerei, Ernährungssicherheit, Küstenwirtschaften und den Klimaschutz beeinträchtigen. Der Schutz gesunder Ozeane ist deshalb auch eine Investition in unsere langfristige Sicherheit.

Die bessere Antwort auf Rohstoffabhängigkeiten

Wenn das Ziel mehr Versorgungssicherheit ist, gibt es wirksamere und nachhaltigere Lösungen als den Einstieg in eine neue Rohstoffindustrie auf dem Boden der Tiefsee.

Eine Kreislaufwirtschaft adressiert die Ursachen von Abhängigkeiten und reduziert den Bedarf an neuen Rohstoffen durch langlebige Produkte, Reparatur, Wiederverwendung, hochwertiges Recycling und einen effizienteren Einsatz von Materialien.

Dadurch sinkt nicht nur der Druck auf die Natur. Gleichzeitig werden Lieferketten robuster und die Abhängigkeit von wenigen Rohstofflieferanten verringert. Kreislaufwirtschaft ist deshalb nicht nur Umweltpolitik. Sie ist auch Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.

Ein Moratorium als aktive Sicherheitsstrategie

Tiefsee-Oktopus © naturepl.com / David Shale / WWF
Tiefsee-Oktopus © naturepl.com / David Shale / WWF

Die Tiefsee zählt zu den am wenigsten erforschten Lebensräumen unseres Planeten. Gleichzeitig könnten mögliche Schäden durch Tiefseebergbau unumkehrbar sein. Deshalb setzt sich der WWF für eine vorsorgliche Pause beim Tiefseebergbau ein.

Ein solches Moratorium ist keine Absage an Innovation oder wirtschaftliche Entwicklung. Es ist eine aktive Sicherheitsentscheidung. Denn es schafft Zeit, die Tiefsee besser zu erforschen, internationale Regeln zu stärken und verhindert nichttragfähige ökologische Lösungen. Denn unter Bedingungen großer Unsicherheit ist Vorsorge kein Gegensatz zu Sicherheit. Sie ist einer ihrer wichtigsten Bestandteile.

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