Viele Produkte in unserem Einkaufswagen – Margarine, Schokolade, Fleisch, Chips, Eier, Brot, Pizza, Kaffee, Waschmittel, Cremes, Shampoos – tragen zur Zerstörung von Wäldern und anderen Ökosystemen bei.

Wie kann das sein?

Palmöl-Arbeiter sammelt Palmfrüchte © Aaron Gekoski / WWF US
Palmöl-Arbeiter sammelt Palmfrüchte © Aaron Gekoski / WWF US

Für Palmölplantagen, für den Anbau von Soja als Tierfutter, für Rinderweiden, Holzplantagen, Kakao- oder Kaffeeanbau werden vor allem in Südamerika und Südostasien riesige Flächen Regenwald abgeholzt. Aber auch wichtige Graslandökosysteme und Savannenwälder wie beispielsweise der brasilianische Cerrado werden in gigantische Acker- und Weideflächen umgewandelt.

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen so jährlich zehn Millionen Hektar Wald verloren – das ist mehr als die Fläche Österreichs mit 8,4 Millionen Hektar! Die Folge: Der Lebensraum für Menschen und Tiere schwindet, die Biodiversitäts- und die Klimakrise werden weiter angeheizt.

Was haben wir damit zu tun?

Die EU ist für 16 Prozent der Tropenwaldabholzung im Zusammenhang mit dem globalen Handel verantwortlich und überholt damit sogar Indien mit neun Prozent und die USA mit sieben Prozent – man spricht auch von „importierter Entwaldung“. Für 80 Prozent des importierten Entwaldungsfußabdrucks der EU sind nur sechs sogenannte Risikorohstoffe verantwortlich, die sich täglich direkt oder indirekt in unseren Einkaufskörben wiederfinden: Palmöl, Soja, Rindfleisch und Rindfleischprodukte, Holz, Kaffee und Kakao.

Vor allem in Deutschland steht die Naturzerstörung im Supermarktregal und liegt auf dem Teller: Innerhalb der EU ist Deutschland trauriger Spitzenreiter beim Import von tropischer Entwaldung. Deshalb nimmt der WWF mit der Entwaldungs-Scorecard die Einkaufspolitik und die Lieferketten deutscher Unternehmen unter die Lupe.

Die Bewertung des Entwaldungsfußabdrucks

Für diese Studie wurde analysiert, wie deutsche Unternehmen mit Entwaldungs- und Umwandlungsrisiken sowie menschenrechtlichen Risiken innerhalb ihrer Lieferketten umgehen. Die Entwaldungs-Scorecard des WWF untersucht dabei erstmals parallel mehrere Risikorohstoffe, die Einfluss auf Entwaldung, Naturzerstörung und Menschrechte haben.

Die Studie umfasst deutsche Unternehmen der Fleisch- und Futtermittelindustrie, des Lebensmittelhandels, der Konsumgüter- und Chemieindustrie, der Lebensmittelproduktion sowie Drogeriemärkte. Anhand der Risikorohstoffe Palmöl, Soja, Kakao und Rind-Erzeugnisse wurde geprüft, ob deutsche Unternehmen Waldschutz in ihre Lieferketten integriert haben. Denn diese Rohstoffe zählen mit zu den Haupttreibern von Entwaldung sowie der Degradierung und Umwandlung von Ökosystemen.

Andere wichtige Ökosysteme und einige Risikorohstoffe werden zu wenig berücksichtigt

Kakao-Produktion © Germund Sellgren / WWF Schweden
Kakao-Produktion © Germund Sellgren / WWF Schweden

Nur 15 der 27 angefragten Unternehmen, also knapp 56 Prozent, meldeten sich zurück: Eine umfassende Selbstverpflichtung zu entwaldungs- und umwandlungsfreien Lieferketten, die neben Waldschutz auch den Schutz anderer wichtiger Ökosysteme umfasst und alle Rohstoffe und Lieferketten betrifft, konnte lediglich Lidl vorlegen. Weitere drei Firmen – Beiersdorf, Kaufland und Metro – haben sich zu entwaldungs- und umwandlungsfreien Lieferketten bekannt, dabei aber nicht alle wichtigen Risikorohstoffe und deren Lieferketten im Blick. 

Im Vergleich der Rohstoffe wird deutlich, dass Unternehmen sich vor allem um ihre Palmölbezüge kümmern – als Ergebnis jahrelanger Naturschutzkampagnen gilt der Rohstoff inzwischen in der Öffentlichkeit als problematisch. Firmen setzen dabei bisher vor allem auf Zertifizierungen: 13 von 15 Unternehmen gaben an, dass mehr als 75 Prozent ihres Palmölangebots zertifiziert seien. Bei Soja ist der von den Unternehmen angegebene Grad der Rückverfolgbarkeit am niedrigsten. Die meisten Unternehmen teilten nicht mit, wie weit sie Soja entlang der Lieferkette zurückverfolgen können. Nur ein Unternehmen nutzt für größere Mengen physisch getrennte Lieferketten.

Bei Kakao gibt es unter den antwortenden Unternehmen kein einziges, das hauptsächlich auf rückverfolgbare Lieferketten setzt, mit denen sich die Herkunft des Rohstoffs klar zuordnen lässt. Auch bei Rind-Erzeugnissen wie Fleisch, Nebenprodukten für Tierfutter oder Gelatine ist die Rückverfolgbarkeit gering: Nur zwei von zehn Unternehmen, die zu diesen Produkten berichteten, haben Ziele, die Produkte bis auf Farmebene zurückzuverfolgen. 

Besser schnitten die Unternehmen beim Thema menschenrechtliche Sorgfaltspflicht und deren Umsetzung ab. Hierzu dürften die international anerkannten UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und die ab 2023 gesetzlich geltenden Reportingpflichten im Rahmen des deutschen Lieferkettengesetzes mit beitragen.
 

Wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Die meisten der 15 Unternehmen, die geantwortet haben, haben zwar erste Schritte unternommen, um entwaldungsfreie Lieferketten zu implementieren, jedoch mangelt es an Qualität und Wirkung der Maßnahmen. Ein häufig fehlendes organisatorisches Merkmal ist ein effektiver Mechanismus zur Beschwerdebehandlung im Zusammenhang mit Entwaldung und Umwandlung. Weitere wichtige Maßnahmen, die fehlen, sind vor allem die Etablierung von Risikomanagement und Rückverfolgbarkeit. Nur durch Transparenz in der Lieferkette lässt sich nachvollziehen, ob die Rohstoffe aus legalen Quellen bezogen wurden.

Insgesamt ist noch deutlich Luft nach oben: Denn auch die Unternehmen mit den besten Ergebnissen – Lidl, Beiersdorf, PHW Gruppe, Aldi Nord, Aldi Süd und Kaufland – erreichen bei der Gesamtbewertung nur zwischen 67 und 61 Prozent. Die WWF-Entwaldungs-Scorecard für deutsche Unternehmen macht eine mangelnde Lieferkettentransparenz bei Risikorohstoffen deutlich sichtbar: Deutsche Firmen haben klaren Nachholbedarf.

WWF-Entwaldungs-Scorecard deutscher Unternehmen © WWF
WWF-Entwaldungs-Scorecard deutscher Unternehmen © WWF

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Forderungen des WWF

An die Politik

Die Bundesregierung muss sich bei der EU-Kommission für ein starkes EU-Gesetz zum Stopp des EU-Beitrags zur globalen Entwaldung einsetzen. Dazu gehört, dass alle Rohstoffe und Produkte mit hohem Naturzerstörungspotenzial sowie ihre Rückverfolgbarkeit bis zum Produktionsort als verbindlich im Gesetz enthalten sind. Die gesetzlichen Vorgaben müssen engmaschig und streng kontrolliert und Vergehen dagegen empfindlich sanktioniert werden. 

Dieses Gesetz muss verhindern, dass weiterhin intakte Natur in Acker- und Weideflächen für Europas Konsum umgewandelt wird. Der aktuelle Entwurf des EU-Gesetz (Stand: April 2022) deckt nicht alle gefährdeten Ökosysteme neben Wäldern ab. Dadurch können Verlagerungseffekte entstehen und andere wichtige Ökosysteme zerstört werden. Damit ist der Gesetzesentwurf mit Blick auf die Klima- und Biodiversitätskrise nicht ausreichend.

Konkrete Forderungen:

  1. Neben Wäldern muss das Gesetz von Anfang an auch alle anderen wichtigen Ökosysteme wie Savannen, Feuchtgebiete und Grasland vor Umwandlung in Agrarflächen schützen.
  2. Rohstoffe und ihre Produkte, die auf den EU-Markt gelangen, dürfen nicht mit Zerstörung und Degradierung von Wäldern und anderen wichtigen Ökosystemen in Zusammenhang stehen. Das EU-Gesetz muss deshalb alle Rohstoffe abdecken, die bei der Produktion Risiken für Entwaldung oder Naturzerstörung aufweisen.
  3. Für alle Unternehmen müssen verbindliche Vorgaben bei der Sorgfaltspflicht, der Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen und der Lieferkettentransparenz gelten.
  4. Das neue EU-Gesetz muss konsequent um- und durchgesetzt werden.

Unter folgendem Link finden Sie die Analyse des Verordnungsentwurfs und die Forderungen des WWF.

An Unternehmen

Unternehmen müssen mehr tun, als bloß gesetzeskonform zu agieren: Um Teil der Lösung zu sein, dürfen Unternehmen keine Rohstoffe handeln oder verwenden, für die Wälder oder andere wichtige Ökosysteme zerstört wurden. Sie müssen sich zu ethischen, entwaldungs- und umwandlungsfreien Lieferketten und nachhaltigen Produktions- und Beschaffungspraktiken verpflichten und diese umsetzen. 

Die Maßnahmen, um entwaldungs- und umwandlungsfreie Lieferketten zu etablieren, sind vielfältig und können je nach Unternehmen variieren. Sie starten aber immer mit einer Risikoanalyse und können über Sektor-Initiativen wie Zusammenschlüsse von ambitionierten Akteuren mit gemeinsamen Zielen, Projektförderungen oder politisches Engagement sogar über die eigenen Lieferketten hinausgehen.

Die Accountability Framework Initiative (AFI) beispielsweise stellt Unternehmen Instrumente zur Verfügung, um die eigenen Lieferketten auf Naturzerstörung zu prüfen. Die AFI hat außerdem Leitlinien entwickelt, um Unternehmen bei der Umsetzung effizienter Strategien zur Vermeidung von Entwaldung und Umwandlung sowie bei der Entwicklung transparenter Lieferketten zu unterstützen.

Konkrete Forderungen:

  1. Unternehmen müssen eine Selbstverpflichtung gegen Entwaldung, Zerstörung anderer Ökosysteme und Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Lieferketten abgeben und diese transparent und zeitnah umsetzen.
  2. Unternehmen müssen die Umsetzung ihrer Selbstverpflichtung dokumentieren und öffentlich nachprüfbar machen.
  3. Die Selbstverpflichtung muss auch für die Lieferanten gelten. Unternehmen müssen deshalb die Beziehungen zu ihren Lieferanten stärken und Transparenz entlang der gesamten Lieferkette einfordern.
  4. Um ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht zu erfüllen, sollten Unternehmen außerdem prüfen, ob sie von bereits etablierten Risikomanagementmechanismen lernen und so Synergien erzeugen können. 
  5. Sollte ein Unternehmen Risikorohstoffe durch andere Rohstoffe ersetzen, müssen diese ebenfalls nachhaltig und ihre Herkunft bekannt sein, damit aktuelle Probleme nicht auf andere Regionen verlagert werden.
Empfehlungen für Verbraucher:innen

Auch ein Ernährungswandel würde die Regenwälder erheblich entlasten. Das hat eine kürzlich veröffentlichte WWF-Ernährungsstudie gezeigt.

Würden alle Deutschen nur noch halb so viel Fleisch konsumieren wie jetzt und stattdessen vermehrt auf Hülsenfrüchte und Nüsse umsteigen oder Soja direkt als Tofu oder Soja-Drink verzehren, könnten knapp drei Millionen Hektar Wald gerettet werden – eine Fläche von der Größe Brandenburgs.

Viel zu oft haben deutsche Konsument:innen nicht nur ein saftiges Steak auf ihrem Teller, sondern auch ein Stück Regenwald auf dem Gewissen. Wenn Fleisch und tierische Produkte wie Milch und Eier gegessen werden, sollte verstärkt zu Produkten mit den Verbands-Biosiegeln wie etwa Bioland, Demeter, Naturland, Biopark und Biokreis gegriffen werden, die neben den EU-Mindestanforderungen weitere Zusatzkriterien erfüllen. Auch Wildfleisch aus der EU oder der Einkauf regionalen Weidefleischs können eine Alternative sein.

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