Das Karibische Meer ist Lebensraum zahlreicher Fisch- und Korallenarten, Meeressäugetiere und Pflanzen. Die Artenvielfalt ist jedoch stark bedroht. Neben der Klimakrise und Überfischung gefährdet auch Meeresmüll die Biodiversität. In Honduras und Guatemala arbeiten Frauen im WWF-Projekt „Clean Caribbean“ gemeinsam aktiv gegen diese Verschmutzung. Wir haben fünf Frauen gefragt, was sie motiviert und welchen Herausforderungen sie in ihrer Arbeit begegnen.

Das WWF-Projekt „Clean Caribbean“ reduziert Plastik- und Abfallverschmutzung in acht Städten Guatemalas und Honduras entlang der Flüsse Motagua, Chamelecón und Ulúa – zentralen Eintragswegen ins Meer und ins Mesoamerikanische Riff. Die Belastung durch Abfälle aus Städten gefährdet Küsten- und Meeresökosysteme sowie die Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Mit einem grenzüberschreitenden Ansatz arbeitet das Projekt mit Gemeinden, Behörden und Unternehmen an Kreislaufwirtschaft, besserem Abfallmanagement und Verhaltensänderungen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesumweltministerium.

Frauenpower aus Guatemala und Honduras

Ein Informationsstand des WWF Mesoamerika
Ein Informationsstand des WWF Mesoamerika © Rosario Calderon

Maßgeblich beteiligt an „Clean Caribbean“ sind fünf Frauen aus Guatemala und Honduras: Karla Gonzalez, Linethe Santos, Kay Bodden, Teresa Calderon und Emmy Raudales. Sie arbeiten im öffentlichen Sektor, der Privatwirtschaft oder direkt beim WWF Mesoamerika, koordinieren, entwerfen Strategien, führen Bildungsprogramme durch und setzen konkrete Projekte um. Mit ihrem Engagement beweisen sie, wie weibliche Expertise im Naturschutz wirkt. Und das trotz der strukturellen Hindernisse, denen sie sich in ihrem beruflichen Alltag immer wieder stellen müssen, wo Ressourcen knapp sind und Stereotype noch immer weit verbreitet.

Karla Gonzalez: Stadtverwaltung Puerto Barrios, Guatemala

Karla Gonzalez (links) arbeitet mit Freiwilligen, die sich in Puerto Barrios für den Schutz der Umwelt engagieren
Karla Gonzalez (links) arbeitet mit Freiwilligen, die sich in Puerto Barrios für den Schutz der Umwelt engagieren © Municipalidad de Puerto Barrios

Für Karla Gonzalez ist ihre tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt Puerto Barrios Antriebskraft. Ihr erklärtes Ziel: Puerto Barrios nachhaltiger zu machen und der zunehmenden Verschmutzung des Meeres Einhalt zu gebieten. In der Verwaltung der guatemaltekischen Hafenstadt ist sie für die Förderung von Umweltbildung in den städtischen Schulen zuständig und stellt auf diese Weise sicher, dass bereits Kinder und Jugendliche lernen, wie sie ihren Müll trennen können. Außerdem überwacht sie die in den Sammelstellen anfallenden Abfälle.

In ihrem Job, der noch immer meist von Männern ausgeführt wird, verbindet sie technische Umweltkenntnisse mit Bildungsarbeit: Sie plant Capacity Building für Jugendliche, koordiniert aber auch Lösungen mit der Stadtverwaltung und Partnerorganisationen. Gonzalez ist fest davon überzeugt, dass Veränderungen möglich sind, wenn Politik, Bildung und Bürger:innen an einem Strang ziehen. Menschen zu umweltfreundlichen Verhaltensweisen zu motivieren, bezeichnet sie als eine komplexe Aufgabe, der sie sich mit Nachdruck stellt. Sie ist sich sehr bewusst, dass die Herausforderungen – befeuert durch Bevölkerungswachstum und die Klimakrise – zunehmen werden.

Capacity Building

Kapazitätsaufbau wird definiert als der Prozess der Entwicklung und Stärkung der Fähigkeiten, Instinkte, Fertigkeiten, Prozesse und Ressourcen, die Organisationen und Gemeinschaften benötigen, um in einer sich schnell verändernden Welt zu überleben, sich anzupassen und erfolgreich zu sein.

Karla Gonzalez (im Vordergrund) sammelt Abfälle
Karla Gonzalez (im Vordergrund) sammelt Abfälle © Municipalidad de Puerto Barrios

Oft stößt Gonzalez wegen mangelhafter Infrastruktur und knapper Budgets an Grenzen und fordert mehr Investitionen in Abfallwirtschaft und schulische Umweltbildung. Auch die Förderung von Frauen ist ihr ein Anliegen. Aus gutem Grund: „Die Arbeit der Frauen, die sich in den Communities für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung einsetzen, hat entscheidend dazu beigetragen, aktivere und verantwortungsbewusstere Generationen auszubilden und das ökologische Bewusstsein zu stärken“, betont sie.

Linethe Santos: WWF Mesoamerika, Honduras

Linethe Santos stellt die strategischen Maßnahmen vor, die das Projekt „Clean Caribbean“ in Honduras und Guatemala umsetzt
Linethe Santos stellt die strategischen Maßnahmen vor, die das Projekt „Clean Caribbean“ in Honduras und Guatemala umsetzt © WWF Mesoamerika

Linethe Santos benötigt in ihrer täglichen Arbeit eine große Portion Organisationstalent, ein gutes Auge für Details und viel technischen Sachverstand. Zu ihren Aufgaben gehört die Überprüfung technischer Dokumente, die Erstellung von Berichten für internationale Geldgeber und unzählige Besprechungen mit lokalen Behörden, Müllsammler:innen, Gemeinden und strategischen Partnern.

Santos arbeitet in Honduras für den WWF Mesoamerika. Sie leistet den Projektpartnern technische Unterstützung, entwirft Routen für die Müllsammlungen und koordiniert die Stationen. Außerdem führt sie Studien zur Abfallwirtschaft durch. Auf diese Weise hat sie dazu beigetragen, die Kommunikation mit den Kommunen zu verbessern und sie bei ihren Bemühungen zur Abfallbewirtschaftung, zur Integration der Kreislaufwirtschaft und zur Einbindung von Müllsammler:innen in die Wertschöpfungskette zu unterstützen.

Ein besseres Abfallmanagement sorgt für ein gesundes Korallenriff in Honduras
Ein besseres Abfallmanagement sorgt für ein gesundes Korallenriff in Honduras © Antonio Busiello/WWF US

Die Beteiligung von Frauen bezeichnet sie als den Schlüssel zu nachhaltigem Wandel. Traditionell kümmerten sich Frauen im Haushalt und als Mütter um Wasser, Lebensmittel und das Wohlergehen der Familie oder Lebensgemeinschaft, doch nun seien immer mehr Frauen in Honduras in MINT-Bereichen führend und brächen damit Stereotype.

Strukturelle Barrieren, die Frauen kleinhalten, nimmt sie nach wie vor wahr. Insbesondere bei Verhandlungen mit Akteur:innen aus der Politik sieht sie sich mit Vorurteilen gegenüber weiblichen Führungskräften konfrontiert. „Meine wichtigste Forderung ist, dass Gleichstellung nicht nur eine Floskel bleibt, sondern zu einem Prinzip der Umweltpolitik wird“, sagt sie. „Klimaplanung, Abfallwirtschaft und Naturschutz müssen eine Genderanalyse beinhalten, die berücksichtigt, wie sich Umweltschäden unterschiedlich auf Frauen und Männer auswirken.“

Kay Bodden, Stadtverwaltung Puerto Cortes, Honduras

Kay Bodden besucht ein Mangrovengebiet in Puerto Cortes in Honduras
Kay Bodden besucht ein Mangrovengebiet in Puerto Cortes in Honduras © privat

Kay Bodden koordiniert die städtischen Umweltmaßnahmen im honduranischen Puerto Cortes, leitet und berät das Amt für Umweltmanagement im Bereich von Mülltrennung, -sammlung und Recycling, führt Maßnahmen in Capacity Building durch und klärt über den Schutz der Küsten vor Verschmutzung auf. Auch an der Ausarbeitung wichtiger umweltrechtlicher Instrumente war sie beteiligt. Ihrem Engagement ist es mitzuverdanken, dass die Stadt Puerto Cortes in Honduras als Vorbild für Umweltmanagement gilt.

Beruflich muss Bodden sie sich immer wieder mit Menschen auseinandersetzen, die versuchen, ihre Interessen an den Gesetzen vorbei durchzusetzen. Viele Bürger:innen seien sich nicht einmal vollständig darüber im Klaren, was rechtlich erlaubt sei, sagt sie. Auch Fake News behinderten ihre Arbeit. Was Bodden auszeichnet, ist die Fähigkeit, technisches Wissen und Sensibilität in Umweltfragen mit kritischem Denken, Teamgeist, Innovation und Kreativität zu verbinden. Dies bewies sie unter anderem beim Aufbau eines, von alleinerziehenden Müttern betriebenen, Recycling-Kleinstunternehmens.

„Wenn eine Frau einen Schritt macht, kommen wir alle voran.“

Kay Bodden, Stadtverwaltung Puerto Cortes, Honduras

Plastikverschmutzung an einem Strand in Honduras
Plastikverschmutzung an einem Strand in Honduras © WWF Mesoamerika

Wie so viele, empfindet sie es persönlich als eine Herausforderung, Arbeit, Familienleben und Verantwortlichkeiten unter einen Hut zu bringen. Bodden wünscht sich mehr Frauen in Leitungspositionen und fordert daher kontinuierliche Weiterbildungen für Frauen. Frauen, das betont sie, spielen eine Schlüsselrolle im Schutz natürlicher Ressourcen: Im Haushalt nutzten sie diese, um Nahrung, Medizin, Wasser und Brennholz zu beschaffen, auch in der Zivilgesellschaft und als Aktivistinnen täten sich viele Frauen in Honduras hervor. Die Zukunft des Naturschutzes – so drückt sie es aus – trage das Gesicht einer Frau.

Teresa Calderon: WWF Mesoamerika, Guatemala

Teresa Calderon spricht mit politischen Entscheidungsträger:innen
Teresa Calderon spricht mit politischen Entscheidungsträger:innen © Robin de Leon/WWF Mesoamerika

Teresa Calderon beschäftigte sich bereits während ihres Biologiestudiums intensiv mit der Bedeutung und Verletzlichkeit natürlicher Ressourcen. Heute leitet sie von Guatemala aus für den WWF Mesoamerika das Projekt „Clean Caribbean“. Ihre tägliche Arbeit besteht vor allem aus Besprechungen mit Partner:innen und Teamkolleg:innen; auch regelmäßige Rundgänge zu den Stationen des Projekts, um die Abläufe zu kontrollieren, stehen auf ihrer Agenda. Mit viel kommunikativem Geschick hat sie zur Koordinierung von Maßnahmen zwischen Regierungsinstitutionen, Recyclingunternehmen, Müllsammler:innen, anderen NGOs, Universitäten und weiteren relevanten Organisationen beigetragen.

Teresa Calderon koordiniert Maßnahmen zwischen Recyclingunternehmen und Müllsammler:innen
Teresa Calderon koordiniert Maßnahmen zwischen Recyclingunternehmen und Müllsammler:innen © Rosario Calderon

Sie trägt viel Verantwortung und muss sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Was ihr dabei Hoffnung gibt, ist ihr Team, ihr Umfeld und das Wissen, nicht allein in ihrem Engagement für die Umwelt und das soziale Gleichgewicht zu sein.

In ihrer Arbeit als Naturschützerin hat sie oft das Gefühl, sich doppelt so stark anstrengen zu müssen, wie ihre männlichen Kollegen, um als Frau Glaubwürdigkeit zu erlangen. Dennoch glaubt sie an das Miteinander der Geschlechter: „Wir alle, Männer und Frauen, spielen dieselbe Rolle. Jeder von uns ist im beruflichen oder privaten Umfeld Teil eines Systems, in dem alle in dieselbe Richtung arbeiten müssen, um Veränderungen zu bewirken.“ Auch in Bezug auf Gleichberechtigung: Daran glauben und diese praktizieren müssten alle Geschlechter, sagt sie. „Die Fähigkeiten und Überzeugungen, die wir für das Gemeinwohl anstreben, müssen wir gemeinsam aufbauen.“

Emmy Raudales: Recyclingunternehmen RECYPROCO, Honduras

Emmy Raudales (rechts) überreicht einer Familie einen Baum im Rahmen einer Aktion zur Sensibilisierung für Umweltschutz, Recycling und den Schutz der natürlichen Ressourcen in Honduras
Emmy Raudales (rechts) überreicht einer Familie einen Baum im Rahmen einer Aktion zur Sensibilisierung für Umweltschutz, Recycling und den Schutz der natürlichen Ressourcen in Honduras © privat

Ihren Schlüsselmoment erlebte Emmy Raudales als sie sah, wie am Ende eines Schuljahres die gebrauchten Hefte und Bücher ihrer Kinder einfach weggeworfen wurden. Dieses Bild der Verschwendung inspirierte, sich fortan mit dem Thema Recycling zu beschäftigen. Heute fördert sie als Mitbegründerin des Unternehmens RECYPROCO die Wiederverwertung von Abfällen und liefert beispielsweise Recyclingpapierfasern an den Hygieneartikelhersteller Kimberly-Clark. Jeder unsachgemäß entsorgte Abfall sei eine verpasste Chance für unseren Planeten, sagt sie.

Mit RECYPROCO leistete Raudales Pionierinnenarbeit: In Honduras hat Recycling noch keine Priorität, wichtige Informationen über Abfälle, Märkte, Vorschriften und Alternativen zum Recycling musste sie sich weitgehend selbst beschaffen. Ihr Wissen teilt sie nun mit anderen. Sie entwirft und implementiert Initiativen für Abfallwirtschaft, Abfallrecycling und Bildungsprogramme auf kommunaler, lokaler und schulischer Ebene und sie sorgt für Vernetzung.

Eine Frau arbeitet auf einem Boot in Chile
Frauen können auch in typischen Männerberufen arbeiten © Meridith Kohut/WWF-US

Als Frau stieß sie in ihrem Business oft auf Vorurteile. Mit ihrer Professionalität konnte sie jedoch schnell von sich überzeugen. Auch als Arbeitgeberin trägt sie dazu bei, Geschlechterklischees zu überwinden: So hat sie Frauen in typischen Männerberufen, zum Beispiel als Werksleiterin oder Gabelstaplerfahrerin, angestellt. „Frau zu sein bedeutet, Wandel zu ermöglichen“, sagt sie: „Wir verwandeln Rückstände in Chancen, Bildung in Bewusstsein, Träume in echten Einfluss, Herausforderungen in Möglichkeiten, von der Abfallwirtschaft bis zur Umweltbildung.“ Daran anknüpfend fordert sie mehr Maßnahmen zur Integration von Frauen, Zugang zu technischer Ausbildung, Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmerinnen und gesellschaftliche Anerkennung von Frauen, die bereits eine Führungsrolle übernommen haben.

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