Hinter jedem Kaffee und hinter jedem Kakao stecken ein Ökosystem und natürliche Ressourcen. Hinter sauberem Wasser, fruchtbaren Böden und unserer Ernährung stehen Millionen Arten und ihre Wechselwirkungen. Es geht nicht nur um Bienen und Blumen, es geht um alles.
UN-Biodiversitätskonferenz COP 17 in Armenien
Wer an Biodiversität denkt, denkt vielleicht an Regenwälder, Korallenriffe oder bedrohte Tiere wie den Persischen Leoparden. Doch Biodiversität beginnt viel kleiner: bei Insekten, Pilzen, Mikroorganismen, Pflanzen, den Genen und den unzähligen Beziehungen zwischen ihnen. Alles hat mit allem zu tun. Und damit auch mit uns. Biodiversität ist kein Luxus, sondern unsere Lebensgrundlage.
COP17: Eine Aufforderung zum Handeln
Die Ergebnisse des Living Planet Report 2026 müssen für die UN-Biodiversitätskonferenz COP17 in Armenien eine Aufforderung zum Handeln sein. Der zentrale Befund des im Oktober 2026 vom WWF veröffentlichten Living Planet Reports zum Zustand der Biodiversität ist drastisch: Die Populationsgrößen der weltweit beobachteten Wirbeltierbestände ist zwischen 1970 und 2022 um durchschnittlich 73 Prozent zurückgegangen. Besonders stark ist der Rückgang in Süßwasserökosystemen mit 85 Prozent. Große Verluste treiben diesen Negativtrend.
Der Bericht gibt aber auch Hoffnung: Etwa die Hälfte der erfassten Populationen sind stabil oder zunehmend – der Bericht zeigt damit auch, dass Naturschutz wirkt. Der Living Planet Report argumentiert weiter, dass auch die Transformation der Energie-, Ernährungs- und Finanzsysteme positive Wendepunkte auslösen kann – genau an diesen Punkten müssen die 196 Vertragsstaaten des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD) nun ansetzen. So können sie umsetzen, was sie sich 2022 im bahnbrechenden Kunming-Montreal Abkommen zur Biodiversität als Ziel gesetzt haben.
Die COP17 findet vom 19. bis 30. Oktober 2026 in Jerewan, Armenien, statt. Sie ist besonders wichtig, weil dort erstmals weltweit überprüft wird, wie weit die Staaten bei der Umsetzung des 2022 beschlossenen Kunming-Montreal-Rahmens gekommen sind.
-
Living Planet Report 2026
Vom Verhandeln zum Handeln
Die COP17 ist der erste globale Zwischenstand zur Umsetzung des Kunming-Montreal Abkommens. Es umfasst 23 Ziele bis 2030 – darunter den Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen, die Verringerung von Umweltverschmutzung, die Transformation zu biodiversitätsfreundlichem Wirtschaften und die Mobilisierung von Geldern. Die Verhandlungen müssen nun konkrete nationale Maßnahmen, Zeitpläne und überprüfbare Indikatoren in den Mittelpunkt stellen.
Es braucht auch weiterhin Naturschutz, aber allein kann er die Ursachen des Biodiversitätsverlustes nicht beseitigen. Entsprechend sollte COP17 stärker darauf drängen, Landwirtschafts-, Energie-, Infrastruktur- und Finanzpolitik mit den Biodiversitätszielen abzugleichen. Genau diese sektorübergreifende Integration gehört bereits zu den von Armenien formulierten COP17-Prioritäten.
Die COP17 darf deshalb keine weitere Konferenz der guten Absichten werden. Der offizielle Zwischenstandsbericht, der auf der COP17 im Mittelpunkt stehen wird, zeigt klar: Die Diskrepanz zwischen den 2022 gesetzten Zielen, politischen Zusagen und dem, was die Staaten tatsächlich umgesetzt haben, ist groß. Dabei sind auch die verfügbaren Gelder eine der zentralen Hürden. Finanzierungsfragen sind ausdrücklich zentrale Verhandlungsthemen der COP17.
„Wir brauchen eine COP, die aus dem Wissen über unsere Abhängigkeit von der Natur konkrete politische Konsequenzen zieht. Armenien kann zum Wendepunkt werden: von globalen Biodiversitätszielen zu globaler Umsetzung. Von Worten zu Taten. Für die Natur – und damit für uns alle.“
Florian Titze, Leiter Internationale Politik beim WWF Deutschland
Unsere fünf Forderungen an die COP17
- Die COP17 muss zum Umsetzungs-Wendepunkt werden: Wir fordern konkrete Beschlüsse und politische Verpflichtungen, um die Lücken bei der Umsetzung des Weltnaturabkommens zu schließen.
- Biodiversität ist Aufgabe aller: Natur- und Artenschutz sollen nicht nur Umweltpolitik sein, sondern stärker in Landwirtschaft, Finanzen, Infrastruktur, Gesundheit und Wirtschaft verankert werden.
- Finanzierung muss verlässlich gesichert sein: Zusagen für den Biodiversitätsschutz müssen eingehalten werden. Ohne ausreichende Finanzierung drohen ein Scheitern der Umsetzung und ein Verlust der Glaubwürdigkeit.
- Wirtschaft und Politik naturverträglich umbauen: Ernährungssysteme, Finanzmärkte und staatliche Steuerung sollen so ausgerichtet werden, dass sie Ökosysteme erhalten, statt sie zu zerstören.
- Mehr Transparenz und Beteiligung: Staaten sollen ihre Fortschritte besser dokumentieren und überprüfen lassen. Gleichzeitig müssen die Rechte und die Beteiligung indigener Völker, lokaler Gemeinschaften, Frauen und junger Menschen gestärkt werden.
Warum Biodiversität alles betrifft: Drei Beispiele
Kakao
Konventioneller Kakaoanbau ist geprägt von Monokultur, Entwaldung und flächendeckendem Einsatz von Pestiziden. Das befeuert das Artensterben, denn Lebensräume und natürliche Rückzugsorte von Tieren und Pflanzen verschwinden. Es entsteht ein Teufelskreis. Denn ohne intakte Ökosysteme, hat es der Kakaobaum schwer. Er braucht gesunde Böden, funktionierende Wasserkreisläufe, Bestäuber und resiliente Nützlinge.
Das lässt sich bereits an den winzigen Helfern erkennen, ohne die es gar keine Schokolade gäbe. Kakao wird nur von einigen winzigen Insekten bestäubt, darunter bestimme Ameisen-Fliegen und bestimmt kleine Mückenarten. Diese Insekten passen in die kleinen Blüten der Kakaopflanze und können so Pollen übertragen. Doch der Pestizideinsatz im Kakaoanbau lässt nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge verschwinden. Teilweise muss auf Kakaoplantagen bereits in mühsamer Handarbeit künstlich bestäubt werden. Biodiversität ist also auch die Versicherung für unsere Schokolade von morgen.
Shea
Shea-Butter ist für Kosmetik und Lebensmittel ein wichtiger Rohstoff. Die Shea-Nüsse wachsen in Westafrika – und sind auf ökologische Vielfalt angewiesen. Die Fruchtbildung von Shea-Bäumen (Vitellaria paradoxa) hängt wesentlich von der Bestäubung durch Insekten ab. Forscher:innen aus Dublin haben gezeigt: Die Fruchtbildung war deutlich durch fehlende Bestäubung begrenzt, und zwar umso stärker, je weniger vielfältig die Bäume und Sträucher drumherum waren. Biodiversität ist also auch die Versicherung für die Kosmetik von morgen.
Für die Menschen vor Ort ist Shea außerdem eine wichtige Einkommensquelle, vor allem für Frauen, die den Großteil der Ernte und Verarbeitung übernehmen.
Kaffee
Biodiversität ist für den Kaffeeanbau unverzichtbar. Schattenbäume und naturnahe Wälder schaffen Lebensräume und erhöhen zugleich die Stabilität der Anbausysteme. In schattigen Kaffeeplantagen kommen deutlich mehr Vögel, Insekten und andere Organismen vor als in intensiv bewirtschafteten Monokulturen. Studien zeigen, dass Bestäuber wie Wildbienen die Fruchtbildung von Arabica-Kaffee erheblich steigern. Fehlen sie, kann der Ertrag um mindestens 20 Prozent sinken.
Auch Vögel leisten einen wichtigen Beitrag: In Honduras wurde nachgewiesen, dass sie den Kaffee-Bohrer, einen der schädlichsten Kaffeeschädlinge weltweit, wirksam kontrollieren und so Ernteverluste reduzieren. Darüber hinaus sind die Wälder des Wildkaffees eine wichtige genetische Ressource. Sie liefern widerstandsfähiges Pflanzenmaterial, das helfen kann, Kaffee an Klimawandel, Krankheiten und neue Schädlinge anzupassen. Biodiversität sichert damit Erträge, Qualität und die Zukunft des Kaffees. Biodiversität ist also auch die Versicherung für unseren Kaffee von morgen.
Wie funktionieren die Instrumente gegen das Artensterben?
-
30 Prozent der weltweiten Land-, Süßwasser- und Meeresökosysteme sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden – das war eine Forderung des WWF und wurde 2022 im Kunming-Montreal-Abkommen festgehalten, was ein großer Erfolg für die biologische Vielfalt darstellt. Besonders erfreulich ist die deutliche Einbeziehung der Rechte indigener Bevölkerungen und lokaler Gemeinschaften. Indigene spielen beim Schutz der Natur eine entscheidende Rolle. Ein Drittel der artenreichsten Gebiete der Erde befindet sich in ihren Gebieten.
Im Rahmen des Finanzsektors hat sich der WWF dafür stark gemacht, dass private und öffentliche Investitionen die Natur erhalten und nicht zerstören. Umso positiver ist es zu bewerten, dass das Abkommen die Angleichung aller Finanzströme an den Erhalt der Natur festschreibt und an der Abschaffung schädlicher staatlicher Anreize und Subventionen festhält, die es bereits im Vorgängerabkommen gab.
Auch das Problem der Umweltverschmutzung soll zum Beispiel durch eine Halbierung der biodiversitätsschädigenden Wirkung von Pestiziden noch energischer angegangen werden.
-
Nach schwierigen Verhandlungen konnten sich im Dezember 2022 die Verhandlungsstaaten auf ein neues globales Abkommen für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der weltweiten Natur einigen.
Vom 21. Oktober bis 1. November 2024 fand in Cali (Kolumbien) der erste Teil der 16. Weltnaturkonferenz statt. In Cali nahmen die teilnehmenden Staaten die 23 damals vereinbarten Ziele genauer unter die Lupe, schufen wichtige Grundlagen für die Umsetzung und vervollständigten die noch offenen inhaltlichen Lücken sowie wichtige Fragen der Finanzierung.
So sollten alle Staaten bis zur COP16 ihre nationalen Strategien und Aktionspläne vorlegen, die ihre jeweilige nationale Umsetzung bestimmen. Von den 196 Mitgliedsstaaten hatten allerdings zu Beginn der Konferenz lediglich 15 ihre Pläne vollständig veröffentlicht. Da bereits viele Delegierte abgereist waren, musste die Konferenz jedoch vertagt werden und ging im Februar 2025 in Rom in die Verlängerung.
Dennoch gab es auch Erfolge zu vermelden: So konnte man sich darauf einigen, wie Unternehmensprofite aus der Nutzung genetischer Ressourcen in den globalen Süden fließen sollen. Darüber hinaus wurden der Schutz biodiversitätsreicher Meere und die Beteiligung Indigener gestärkt. Auf zentrale Wirtschaftssektoren wie Infrastruktur und Finanzen wird zukünftig ein besonderes Augenmerk gelegt. Auch das war zumindest ein Teilerfolg.
Im Februar 2025 ging dann auch der zweite Teil der 16. Weltnaturkonferenz in Rom erfolgreich zu Ende. Die Vertragsstaaten verabschiedeten eine Strategie für die finanzielle Unterstützung beim Erhalt der Biodiversität und die dafür erforderlichen Maßnahmen im Finanzwesen. Darüber hinaus konnte man sich auf einen Mechanismus einigen, wie die Umsetzung des Weltnaturabkommens gemessen werden soll beziehungsweise wie Nachbesserungen ermöglicht werden.
-
Die Convention on Biological Diversity (CBD) ist ein Übereinkommen, das von 196 Mitgliedsstaaten unterzeichnet wurde.
Es hat drei Hauptziele:- Den Erhalt der Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten, Lebensräumen und aller Gene.
- Die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Wälder, Flüsse, Meere, wildlebende Tiere und Pflanzen sollen zu genutzt werden, dass sie auch zukünftigen Generationen erhalten bleiben.
- Die gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung genetischer Ressourcen ergebenden Gewinne und Vorteile, wie etwa bei der Gewinnung und Vermarktung von Naturmedizin aus wildlebenden Arzneipflanzen.
Die Konvention regelt somit die umfassende Berücksichtigung der biologischen Vielfalt in allen Lebens-, Wirtschafts- und Nutzungsbereichen des Menschen im Sinne der Nachhaltigkeit.
-
COP steht für Conference of the Parties. Das sind regelmäßige Konferenzen, bei denen sich die 196 Mitgliedsstaaten (bei der CBD alle zwei Jahre) treffen und das weitere Vorgehen, Strategien oder neue Abkommen innerhalb der CBD verhandeln. Die COP ist das höchste Entscheidungsgremium der Konvention und legt die politischen Leitlinien für die Umsetzung der Ziele des Übereinkommens fest. Zudem überprüfen die Vertragsstaaten dort die bisherigen Fortschritte beim Schutz der biologischen Vielfalt und beschließen Maßnahmen, um vereinbarte Ziele wirksamer zu erreichen.
-
Leopardenschutz in Armenien
Weitere Informationen
-
Biodiversität -
Artensterben -
Podcast: Vom Ende der Evolution – Auswege aus der Biodiversitätskrise