Die aktuellen Berichte des Weltklimarats IPCC führen uns schonungslos vor Augen, dass die menschengemachte Klimakrise längst da ist. Ihre Auswirkungen für Menschen und Ökosysteme sind deutlich spürbar. Die Natur hat uns bisher vor Schlimmerem bewahrt, stellt der WWF-Report „Climate's Secret Ally: Uncovering the story of nature in the IPCC Sixth Assessment Report“ heraus. Und sie kann uns auch künftig helfen, die Klimakrise zu bekämpfen – doch nur, wenn wir ihr zuerst helfen.

Bevor der übergreifende Synthesebericht des Weltklimarats 2023 veröffentlicht wird, sind die Teilberichte der verschiedenen Arbeitsgruppen sowie drei Sonderberichte erschienen: 

  • „Klimawandel 2021: Naturwissenschaftliche Grundlagen des Klimawandels“
  • „Klimawandel 2022: Folgen des Klimawandels, Anpassung und Verwundbarkeit“
  • „Klimawandel 2022: Minderung des Klimawandels“
  • Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5; 2018)
  • Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre (SROCC; 2019)
  • Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme (SRCCL; 2019)

Sie machen mehr als deutlich, dass es keine Zeit für Verzögerungen gibt, um gemeinsam gegen den Klimawandel vorzugehen. Schon jetzt lebt fast die Hälfte der Menschheit in Gefahrenzonen. Viele Ökosysteme sind längst an dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.

Der Weltklimarat und seine Arbeitsgruppen

Der Weltklimarat, kurz IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), ist eines der wichtigsten wissenschaftlichen Gremien für unser Klima. Tausende Wissenschaftler:innen tragen dort Erkenntnisse zur Erderhitzung zusammen, die dann die Grundlage für politische Entscheidungen von Regierungen und Gremien auf der ganzen Welt bilden.

Derzeit arbeitet der Weltklimarat an der Veröffentlichung des Sechsten Sachstandsberichts. Dieser wird von drei Arbeitsgruppen erstellt, die zu (I) den naturwissenschaftlichen Grundlagen des menschengemachten Klimawandels, (II) den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten sowie (III) Optionen zur Minderung des Klimawandels arbeiten. Diese Berichte sind bereits 2021 und 2022 erschienen.

Wir leben schon jetzt in der Klimakrise

Während der Bericht „Naturwissenschaftliche Grundlagen des Klimawandels“ vor allem den aktuellen Zustand des Weltklimas und Modellierungen seiner künftigen Entwicklung zusammenfasst und aufzeigt, welche Emissionsminderungen für die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens notwendig sind, thematisiert der Bericht „Klimawandel 2022: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit“ die Folgen der Klimakrise für natürliche und menschliche Systeme.

Er macht Zusammenhänge deutlich und weist auf die grenzüberschreitenden und wachsenden Risiken der Erderhitzung hin. Denn die Klimakrise verstärkt andere Krisen – sie wirkt sich beispielsweise negativ auf die biologische Vielfalt, die Ernährungssicherheit und die menschliche Gesundheit aus.

So zeigen die Autor:innen des IPCC-Berichts unter anderem, dass das Ausmaß und die Größenordnung der Auswirkungen der Klimakrise auf Land-, Süßwasser- und Meeresökosysteme größer sind als angenommen. Deutlich wird das an vielen Stellen: Bäume sterben massenhaft, ganze Seetangwälder und tropische Korallenriffe sterben, viele Arten verlagern ihren Lebensraum weiter in Richtung der Pole oder in höhere Lagen und wir sehen neue Krankheiten, insbesondere in der Arktis und im Himalaja.

Klimakrise verstärkt Ungleichheit

Überfluteter Wald in Stung Treng, Kambodscha © Thomas Cristofoletti / WWF-UK
Überfluteter Wald in Stung Treng, Kambodscha © Thomas Cristofoletti / WWF-UK

Gleichzeitig sind menschliche Gesellschaften, die Kultur und unsere Wirtschaft grundlegend abhängig von der Natur – für Nahrungs- und Wassersicherheit, Luftqualität, Energieversorgung und vieles mehr. 

Zwar stellt der Bericht heraus, dass die negativen Folgen der Klimakrise alle Menschen und Regionen betreffen, die Auswirkungen für vulnerable Staaten des Globalen Südens jedoch am größten sind. Und sie haben am wenigsten zur Klimakrise beigetragen.

Diese Ungleichheit verstärkt sich weiter: Die Sterblichkeit aufgrund von Überschwemmungen, Dürren und Stürmen war beispielsweise im vergangenen Jahrzehnt in besonders verwundbaren Ländern bis zu 15-mal höher als in weniger verwundbaren Ländern.

Eine deutliche Warnung: Das Zeitfenster schließt sich

Der im April erschienene Bericht „Klimawandel 2022: Minderung des Klimawandels“ gibt einen Überblick darüber, wie die Erderhitzung noch begrenzt werden kann. Doch er zeichnet ein drastisches Bild: Die Treibhausgasemissionen waren zwischen 2010 und 2019 höher als in jedem anderen Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit. Dabei müssten sie längst sinken.

Die globalen Anstrengungen müssen noch sehr viel energischer werden – es braucht einen weltweiten systemischen Wandel und eine starke und faire Klimafinanzierung, um die Erderhitzung noch zu begrenzen. „Weiter wie bisher“ ist keine Option.

„Der Weltklimarat unterstreicht: Wir müssen viel schneller werden, wenn wir die Klimakrise wirksam begrenzen wollen. Wir befinden uns noch auf einem Weg, auf dem wir das 1,5-Grad-Limit nicht einhalten werden. Die globalen Emissionen steigen in allen Sektoren, statt zu sinken. Das Zeitfenster schließt sich. Noch haben wir es aber in der Hand, und wir wissen, wie wir die Emissionen schnell und wirksam senken: Raus aus der fossilen Energie, mehr Energieeffizienz und viel, viel schneller rein in die Erneuerbaren Energien – und zwar mit einer umfassenden Transformation aller Wirtschaftssektoren und Lebensbereiche vom Bauen über Verkehr und Landwirtschaft bis zur Industrie.“

Viviane Raddatz, Leiterin Klima- und Energiepolitik beim WWF-Deutschland

WWF-Report: Wie die Natur in der Klimakrise hilft

In seinem Report „Climate's Secret Ally: Uncovering the story of nature in the IPCC Sixth Assessment Report“ hat der WWF die Arbeit des Weltklimarats unter die Lupe genommen und festgestellt, dass die Natur beim Kampf gegen die Klimakrise eine besondere Rolle einnimmt.

So macht der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats nicht nur deutlich, dass sich der menschengemachte Klimawandel negativ auf die Natur auswirkt. Er unterstreicht gleichzeitig, dass eine gesunde Natur bisher dazu beigetragen hat, den Zusammenbruch des Klimas zu verlangsamen und uns widerstandsfähiger gegen die Erhitzung unseres Planeten zu machen.

Die Natur hat die globale Erhitzung verlangsamt und uns bisher vor den schlimmsten Folgen geschützt. So haben Ozeane und Pflanzen, Tiere und Böden etwa 54 Prozent unserer in den letzten 10 Jahren verursachten Treibhausgasemissionen aufgenommen. Gleichzeitig tragen Ökosysteme wie Feuchtgebiete, Mangroven oder Korallenriffe dazu bei, uns vor den wachsenden Gefahren extremer Wetterbedingungen und den Risiken des steigenden Meeresspiegels zu schützen.

Endlich handeln und das Potential der Natur berücksichtigen

Winderenergie als Zukunft © GettyImages / Tobias Barth / iStock Getty / Images Plus
Winderenergie als Zukunft © GettyImages / Tobias Barth / iStock Getty / Images Plus

Mit dem Report plädiert der WWF dafür, die Natur besser bei der Eindämmung der Klimakrise einzubeziehen. Es wird unmöglich sein, die Ziele des Pariser Abkommens einzuhalten, wenn wir die Fähigkeit der Natur, Kohlenstoff zu speichern und das Klima zu regulieren, nicht nutzen. 

Allein indem wir 30 bis 50 Prozent der Land-, Süßwasser- und Ozeanflächen erhalten, könnten wir dazu beitragen, die Natur zu schützen und das Klima zu bewahren. Derartige naturbasierte Lösungen, die natürliche Ökosysteme schützen und wiederherstellen, können nicht nur den Klimawandel bekämpfen, sondern Mensch und Natur gleichzeitig nutzen. 

Doch die Natur allein kann die Klimakrise nicht bewältigen. Ihre Möglichkeiten sind begrenzt und sie ist durch die ansteigenden Temperaturen gefährdet. Deshalb müssen wir die Treibhausgasemissionen schnell und deutlich reduzieren – weg von fossilen Brennstoffen hin zu Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. 

Die Energiewende muss international vorangetrieben werden. Um dies zu erreichen und bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen, müssen die Industrieländer ihre internationale Klimafinanzierung für die Länder des Globalen Südens angemessen erhöhen.

Oberstes Ziel sollte es sein, den derzeitigen Kurs von rund 2,5°C Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu ändern. Schließlich gibt es keinen Spielraum für Verzögerungen, die Überschreitung von einer Erhitzung um 1,5 °C birgt katastrophale Risiken für Mensch und Natur.

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