Die aktuellen Sachstandsberichte des Weltklimarats IPCC führen uns schonungslos vor Augen, dass die menschengemachte Klimakrise längst da ist – und ihre Auswirkungen für Menschen und Ökosysteme deutlich spürbar sind. Überraschend sind die Ergebnisse nicht, aber sie sollten uns endgültig wachrütteln. Es bleibt nicht mehr viel Zeit; das Fenster, das uns bleibt, um das Ruder herumzureißen, schließt sich.

UN-Generalsekretär António Guterres findet anlässlich der Pressekonferenz zur Veröffentlichung des IPCC-Berichts „Klimawandel 2022: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit“ im Februar 2022 deutliche Worte: „Fast die Hälfte der Menschheit lebt bereits jetzt in der Gefahrenzone. Viele Ökosysteme sind bereits jetzt an dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.“ Anfang April 2022 erschien ein weiterer IPCC-Bericht „Klimawandel 2022: Eindämmung des Klimawandels“, der mehr als deutlich macht: Wir brauchen den weltweiten Wandel, wir haben fast keine Zeit mehr, um auf einen 1,5-Grad-Pfad zu kommen. Die Zeit zu handeln ist jetzt!

Der Weltklimarat – Berichte der Arbeitsgruppe II und III

Der Weltklimarat, kurz IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), ist eines der wichtigsten wissenschaftlichen Gremien für unser Klima. Tausende Wissenschaftler:innen tragen dort Erkenntnisse zur Erderhitzung zusammen, die dann die Grundlage für politische Entscheidungen von Regierungen und Gremien auf der ganzen Welt bilden. 2022 ist ein besonderes Jahr für den Weltklimarat, denn dieses Jahr veröffentlicht er wieder einen sogenannten Synthesebericht. Dieser wird von drei Arbeitsgruppen erstellt, die zu (I) den naturwissenschaftlichen Grundlagen des menschengemachten Klimawandels, (II) den Folgen des Klimawandels, sowie Anpassungsmöglichkeiten und (III) Optionen zur Minderung des Klimawandels arbeiten. Der vollständige Synthesebericht wird Ende 2022 / Anfang 2023 veröffentlicht. Davor geben bereits die Arbeitsgruppen ihre Teilberichte heraus und am Montag den 28.02.2022 erschien der Bericht der Arbeitsgruppe II: „Klimawandel 2022: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit“. Etwa einen Monat später, am 04.04.2022, veröffentlichte der Weltklimarat dann den Teilbericht der Arbeitsgruppe III „Klimawandel 2022: Minderung des Klimawandels“.

Wir leben schon jetzt in der Klimakrise

Der Bericht der Arbeitsgruppe II zeigt auf, welche Folgen die Klimakrise für natürliche und menschliche Systeme hat, macht Zusammenhänge deutlich und weist auf die grenzüberschreitenden und wachsenden Risiken der Erderhitzung hin. Denn die Klimakrise verstärkt andere Krisen. Sie wirkt sich beispielsweise negativ auf die biologische Vielfalt, die Ernährungssicherheit und die menschliche Gesundheit aus.

So zeigt der IPCC-Bericht der Arbeitsgrupope II unter anderem, dass das Ausmaß und die Größenordnung der Auswirkungen der Klimakrise auf Land-, Süßwasser- und Meeresökosysteme größer sind als angenommen.

Deutlich wird dies an vielen Stellen: Bäume sterben massenhaft, ganze Seetangwälder und tropische Korallenriffe sterben, viele Arten verlagern ihren Lebensraum weiter in Richtung der Pole oder in höhere Lagen und wir sehen neue Krankheiten, insbesondere in der Arktis und im Himalaya.

Klimakrise verstärkt Ungleichheit

Überfluteter Wald in Stung Treng, Kambodscha © Thomas Cristofoletti / WWF-UK
Überfluteter Wald in Stung Treng, Kambodscha © Thomas Cristofoletti / WWF-UK

Der Bericht der Arbeitsgruppe II zeigt auch, dass die negativen Folgen der Klimakrise alle Menschen und Regionen betreffen. Am stärksten treffen sie jedoch vulnerable Staaten des globalen Südens. Staaten, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben.

Diese Ungleichheit verstärkt sich durch die wachsende Klimakrise weiter. So zeigt der neue Bericht beispielsweise, dass die Sterblichkeit aufgrund von ÜberschwemmungenDürren und Stürmen in den vergangenen zehn Jahren in besonders verwundbaren Ländern bis zu 15-mal höher war als in weniger verwundbaren Ländern.

Bei der Frage, wer verantwortlich gemacht werden muss, für die Klimakrise, wer etwas tun kann, tun muss, um die dramatische Entwicklung aufzuhalten, findet UN-Generalsekretär António Guterres ebenfalls deutliche Worte: „Die weltgrößten Emittenten von Treibhausgasen machen sich der Brandstiftung an unserem einzigen Zuhause schuldig.“

Eine deutliche Warnung: Das Zeitfenster schließt sich

Anfang April 2022 dann die nächste eindringliche Warnung des IPCC, Journalisten sprechen gar von einem „Aufruf zur Revolution“. Der Bericht der Arbeitsgruppe III „Klimawandel 2022: Minderung des Klimawandels“ gibt einen Überblick darüber, wie die Erderhitzung noch begrenzt werden kann. Doch er zeichnet ein drastisches Bild: Die Treibhausgasemissionen waren zwischen 2010 und 2019 höher als in jedem anderen Jahrzehnt in der Geschichte der Menschheit. Dabei sollten sie längst sinken. Die globalen Anstrengungen müssen noch sehr viel mehr erhöht werden – es braucht einen weltweiten systemischen Wandel und eine starke und faire Klimafinanzierung, um die Erderhitzung noch zu begrenzen. Weiter wie bisher ist keine Option.

„Der Weltklimarat unterstreicht: Wir müssen viel schneller werden, wenn wir die Klimakrise wirksam begrenzen wollen. Wir befinden uns noch auf einem Weg, auf dem wir das 1,5-Grad-Limit nicht einhalten werden. Die globalen Emissionen steigen in allen Sektoren, statt zu sinken. Das Zeitfenster schließt sich. Noch haben wir es aber in der Hand, und wir wissen, wie wir die Emissionen schnell und wirksam senken: Raus aus der fossilen Energie, mehr Energieeffizienz und viel, viel schneller rein in die Erneuerbaren Energien – und zwar mit einer umfassenden Transformation aller Wirtschaftssektoren und Lebensbereiche vom Bauen über Verkehr und Landwirtschaft bis zur Industrie“, sagt Viviane Raddatz, Leiterin Klima- und Energiepolitik beim WWF-Deutschland.

Vom Denken ins Handeln kommen

Winderenergie als Zukunft © GettyImages / Tobias Barth / iStock Getty / Images Plus
Winderenergie als Zukunft © GettyImages / Tobias Barth / iStock Getty / Images Plus

Wir können etwas tun, wir können (noch) etwas bewirken. Auch das zeigt der Bericht der Arbeitsgruppe II: Anpassungsmaßnahmen funktionieren und können einen Unterschied machen. Allerdings sind auch diese Möglichkeiten begrenzt und gefährdet durch die ansteigenden Temperaturen. Und auch der Bericht der Arbeitsgruppe III zeigt: wir haben Lösungen und Optionen – wir müssen sie aber drastisch und global ausbauen. Daher müssen vor allem auch Klimaschutzmaßnahmen vorangetrieben werden, um Emissionen zu mindern und die Erderhitzung zu begrenzen. Denn Klimaschutz wirkt.

Und so fordert auch der WWF – und das schon seit Jahren – dass wir weg müssen von fossilen Brennstoffen, dass es an der Zeit ist, nicht nur über den Wandel zu sprechen, sondern ihn voranzubringen. „Die 2020er müssen das Jahrzehnt der Erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz werden“, so Viviane Raddatz.

„Das angekündigte Klimaschutz-Sofortprogramm der Bundesregierung muss eine schnelle, umfangreiche und konsequente Umsetzung in Richtung Klimaneutralität in die Wege leiten. Auch auf internationaler Ebene ist die Bundesregierung jetzt gefordert; sie muss im Rahmen ihrer G7-Präsidentschaft sowohl einen Schub für die internationale Energiewende auslösen als auch eine Beitragserhöhung der Industrieländer zur Klimafinanzierung durchsetzen“.

António Guterres schließt seine Rede im Februar mit den Worten: „Ich weiß, dass die Menschen überall ängstlich und wütend sind. Ich bin es auch. Jetzt ist es an der Zeit, der Wut Taten folgen zu lassen. Jeder Bruchteil eines Grades zählt. Jede Stimme kann einen Unterschied machen. Und jede Sekunde zählt.“