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Stand: 08.06.2018

Das Mittelmeer: Plastik-Müllkippe Europas?

Sommer, Sonne, Sandstrand – das Mittelmeer zieht jedes Jahr mehr als 320 Millionen Touristen an. Doch das Ferienparadies ist in Gefahr. Schon heute gehört das Binnenmeer zu den traurigen Rekordhaltern der am stärksten verschmutzten Gewässer weltweit. Und rund 95 Prozent des Mülls im Meer und an den Stränden bestehen aus Plastik. Das bedroht die Meereslebewesen, aber auch die Menschen. Der wachsende Massentourismus in der Region ist Teil des Problems – wenn nichts geschieht, könnte das Mittelmeer schon bald zu einem Meer aus Plastik werden.

Plastikmüll im Meer © Jürgen Freund / WWF
Plastikmüll im Meer © Jürgen Freund / WWF

Das Grundproblem: Zu viel Plastik gelangt in die Natur

WWF-Report: Mittelmeer - Wege aus der Plastikfalle
WWF-Report: Mittelmeer - Wege aus der Plastikfalle

Plastikmüll in den Meeren ist ein weltweites Problem. Schuld daran ist unser hoher Verbrauch. Jedes Jahr werden 335 Millionen Tonnen Plastik (Stand 2016) hergestellt. Davon landen rund 8 Millionen Tonnen im Meer. Das ist etwa eine Lkw-Ladung pro Minute. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es Schätzungen zufolge im Jahr 2050 mehr Plastik in unseren Ozeanen geben als Fisch. Ein verheerendes Szenario, denn es können mehrere hundert Jahre vergehen, bis sich das Plastik im Meer zersetzt hat.

Das Mittelmeer: Eine Plastik-Falle

Europa ist der zweitgrößte Plastik-Produzent der Welt nach China. Allein 2016 sind hier 27 Millionen Tonnen Plastikmüll angefallen. Die Recycling-Quote liegt bei gerade einmal einem Drittel. Jedes Jahr gelangen von Europa aus bis zu 500.000 Tonnen Makroplastik und bis zu 130.000 Tonnen Mikroplastik – also Partikel, die kleiner als 5 Millimeter sind – ins Meer. Und zwar vor allem ins Mittelmeer. Denn das wirkt durch seine geografische Lage wie eine Plastik-Falle: Umschlossen von drei Kontinenten gibt es nur wenig Wasseraustausch mit den großen Ozeanen. Der Müll, der einmal hier landet, bleibt gefangen und sammelt sich an.

Daher findet man im Mittelmeer überdurchschnittlich viel Plastikmüll. Obwohl das Binnenmeer nur 1 Prozent des weltweiten Wassers ausmacht, konzentrieren sich hier rund 7 Prozent des globalen Mikroplastiks. Rund 1,25 Millionen Fragmente pro Quadratkilometer sind es laut Studien. Die gute Nachricht: Noch ist es nicht zu spät, die Entwicklung aufzuhalten und dafür zu sorgen, dass in Zukunft weniger Plastikmüll ins Mittelmeer gelangt. Dafür können sowohl die Politik als auch Wirtschaftsunternehmen etwas tun. Und das Engagement jedes Einzelnen ist gefragt. Doch woher genau kommt das ganze Plastik im Mittelmeer?

Grafik Plastikfalle Mittelmeer © WWF
Grafik Plastikfalle Mittelmeer © WWFLupe

Die Plastikmüll-Ursachen

Der größte Teil des Plastikmülls gelangt vom Land aus durch den Wind oder durch verschmutzte Flüsse ins Mittelmeer. Kein Wunder: Rund 150 Millionen Menschen leben in den angrenzenden Ländern. Oft sind die Küstenregionen stark urbanisiert. Das heißt, in direkter Nähe des Wassers entstehen viele von Menschen verursachte Abfälle. Aber auch Branchen wie der Tourismus oder die Schifffahrt tragen ihren Teil zur Verschmutzung bei.

1. Viel Müll im Alltag

Angespülte Plastikflaschen am Strand © Global Warmin Images / WWF
Angespülte Plastikflaschen am Strand © Global Warmin Images / WWF

Einige der Mittelmeerländer wie Frankreich, Italien und Spanien, aber auch Malta und Zypern gehören zu den europäischen Spitzenreitern bei der Müllproduktion. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren bereits viel getan, aber noch immer ist Plastik in den meisten mediterranen Ländern allgegenwärtig. Besonders problematisch sind Einwegverpackungen, die nach Benutzung direkt in der Mülltonne landen. Allein in Italien werden jeden Tag 32 Millionen Plastikflaschen benutzt – das ist europaweiter Rekord.
Dazu kommt: Das Abfallsystem ist in vielen dieser Länder mangelhaft. So landet zum Beispiel in Italien, Frankreich und Spanien noch immer die Hälfte allen Plastikmülls auf Deponien. Von dort aus können Makroplastik-Teile durch natürliche Einflüsse wie Wind oder Regen zum Meer gelangen. Dazu kommen Mikroplastik-Partikel aus Kosmetikprodukten wie Duschgels oder Zahnpasta oder kleine Teile, die sich beim Waschen von Kunststofftextilien ablösen. All das spült mit dem Abwasser ins Meer hinein.

2. Mehr Müll durch Massentourismus

Massentourismus in der Mittelmeerregion © Michel Gunther / WWF
Massentourismus in der Mittelmeerregion © Michel Gunther / WWF

Der Tourismus am Mittelmeer boomt: Mehr als 320 Millionen Menschen besuchen die Region pro Jahr, Tendenz steigend. Und auch die Kreuzfahrtindustrie hat die Destination für sich entdeckt. Inzwischen ist das Mittelmeer das zweitbeliebteste Kreuzfahrtziel nach der Karibik. Und mit der wachsenden Zahl der Urlauber wachsen auch die Müllberge. Allein in den Sommermonaten gelangen rund 40 Prozent mehr Abfälle ins Meer.
Ob aus den Ferienunterkünften und Hotels oder durch Aktivitäten am Strand und im Wasser: Jedes Feuerzeug, jeder Plastikbecher und jeder Strohhalm, der im Sand liegen bleibt, landet irgendwann im Meer. Auch zahllose PET-Flaschen oder Lebensmittelverpackungen bleiben am Strand oder gehen bei Bootsausflügen verloren. So hinterlässt der Tourismus seine hässlichen Spuren. Gerade in der Nähe beliebter Badeorte vermüllen ganze Küstenabschnitte. Die betroffenen Regionen leiden doppelt: Sind die Strände verdreckt, bleiben die Touristen und damit die Einnahmen aus. Gleichzeitig sind die Kosten für Säuberungsaktionen enorm. Die südfranzösische Stadt Nizza zum Beispiel investiert jedes Jahr rund 2 Millionen Euro in die Reinigung ihrer Strände.

3. Bedrohung für den Menschen

Mikroplastik © James Leichter / Marine Photobank
Mikroplastik © James Leichter / Marine Photobank

Über die Fische und Meeresfrüchte gelangt das Plastik auch auf den Teller vieler Menschen. Noch ist nicht ausreichend untersucht, welche Bedeutung Mikroplastik bei der Aufnahme von Schadstoffen hat und wie es sich auf den menschlichen Körper auswirkt.
Forscher schätzen, dass Konsumenten von Schalentieren aus dem Mittelmeer bis zu 11.000 Mikroplastik-Partikel pro Jahr zu sich nehmen. Und das ist bedenklich: Denn das Plastik kann Giftstoffe enthalten. Diese werden zum Teil schon während der Produktion des Materials hinzugefügt oder im Laufe der Zeit aus dem Meereswasser absorbiert. Die Plastikteile wirken dabei wie ein Gift-Magnet: Schädliche Stoffe wie Chemikalien können sich massenhaft an das Material anlagern. Später werden sie im Körper von Tieren oder Menschen freigesetzt.
Und nicht zuletzt kann Plastik auch ein Nährboden für schädliche Organismen sein. Mikro-Organismen wie Krankheitserreger können sich auf den Kunststoffteilen ansiedeln. Das kann die bestehende Artenvielfalt im Meer gefährden. Durch Kontakt oder Nahrungsaufnahme kann das aber auch zur Bedrohung für den Menschen werden. Ein großes Problem, gerade im Mittelmeer, denn hier wurden so hohe Konzentrationen von Mikroorganismen auf Plastik nachgewiesen wie nirgends sonst.

Lösungsansätze zur Verbesserung der Müll-Situation im Mittelmeer

Viele Mittelmeerländer bemühen sich schon seit einigen Jahren um eine Verbesserung der Situation. So gibt es zum Beispiel in Italien und Frankreich bereits ein Verbot von Plastiktüten in Supermärkten. Doch das reicht längst nicht aus. In den meisten Anrainerstaaten ist das Abfallsystem ineffizient und es gelangt jede Menge Müll in die Natur. Um das Problem in den Griff zu bekommen, muss auf vielen Ebenen etwas passieren. Politik, Unternehmen und Abfallwirtschaft müssen sich um eine Verbesserung der Lage bemühen. Doch auch jeder Einzelne, vor allem auch jeder Tourist, kann und muss etwas tun, um das Mittelmeer als vielfältige Naturlandschaft und schönen Urlaubsort zu bewahren.

Das können Politik und Wirtschaft tun:

Bessere Abfallentsorgung muss gewährleistet werden © N. Prause / Getty Images
Bessere Abfallentsorgung muss gewährleistet werden © N. Prause / Getty Images

Bessere Abfallentsorgung: Es darf nicht mehr passieren, dass Plastikmüll überhaupt in die Umwelt gelangt. Daher ist es wichtig, dass das Entsorgungssystem in allen Ländern verbessert wird. Ziel: 100 Prozent des Mülls im Land sammeln und effektiv entsorgen.

Plastikproduktion reduzieren: Noch fehlen dafür verbindliche internationale Regelungen. Ein generelles Verbot von Plastiktüten und Mikroplastik-Zusätzen in Kosmetikprodukten oder technischen Anwendungen wäre da ein guter Anfang. Die Mengen an Kunststoff in einem Duschgel oder anderen Kosmetikprodukten mögen klein wirken, aber sie summieren sich: Mehr als 3000 Tonnen Plastik pro Jahr kommen momentan in Europa in Kosmetikprodukten zum Einsatz.

Mehr Recycling: Die Recycling-Quote von Plastikmüll ist zu niedrig: In Spanien liegt sie bei etwa 38 Prozent, in Frankreich oder Griechenland dagegen wird gerade einmal ein Fünftel des Plastiks verwertet. Im Vergleich dazu liegen wir in Deutschland bei etwa der Hälfte, was auch noch optimierbar ist.

Alternative Verpackungen: Es dürfen keine Einwegartikel oder schlecht verwertbare Plastikverpackungen mehr auf den Markt kommen. Stattdessen müssen recyclingfähige oder kompostierbare Alternativen stärker gefördert werden.

Mehr Verantwortung übernehmen: Vor allem Branchen wie die Schifffahrt oder der Tourismus müssen sich ihrer Rolle in der Verschmutzung des Mittelmeeres bewusst werden. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass Plastikmüll vermieden wird und nicht in die Natur gelangt.

Das kann jeder selbst tun:

Jeder kann seinen Beitrag leisten z.B. Strandsäuberungsaktionen unterstützen © Bowdenimages / Getty Images
Jeder kann seinen Beitrag leisten z.B. Strandsäuberungsaktionen unterstützen © Bowdenimages / Getty Images

Plastikverbrauch reduzieren: Am besten ist es immer noch, Verpackungen so weit wie möglich zu vermeiden und damit Müll zu reduzieren. Und dazu kann jeder etwas beitragen: im Alltag genau wie im Urlaub: Indem man auf Einwegprodukte verzichtet oder beim Einkaufen auf Verpackungen aus recyceltem Material setzt. Und indem man auf Kosmetik, die Mikroplastik enthält, verzichtet.

Müll sammeln und trennen: Gerade in Küstennähe ist es wichtig, keinen Müll in die Natur gelangen zu lassen. Das heißt: alles, was man an den Strand mitbringt, unbedingt wieder mit nach Hause nehmen. Und auf leichte Plastikartikel wie Becher oder Strohhalme, die vom Wind schnell ins Meer geweht werden können, beim Strandausflug am besten ganz verzichten. Den Müll gut trennen, denn so kann mehr recycelt werden.

Strandsäuberungsaktionen unterstützen: In vielen Regionen gibt es Initiativen und Projekte, die sich darum kümmern, die Strände von Plastik zu säubern. Jeder kann bei den Sammelaktionen mitmachen. Oder einfach Plastikmüll, den man im und am Meer findet, mitnehmen und entsorgen. So können wir alle gemeinsam dazu beitragen, dass das Meer aus Plastik irgendwann kleiner wird.

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