Der Zugang zu gesundem Essen ist ein Menschenrecht. Dennoch hungern weltweit Millionen Menschen, während auf der anderen Seite Überkonsum und Nahrungsmittelverschwendung trauriger Alltag sind – und die industrielle Landwirtschaft Natur und Klima zerstört. Unsere globalen Ernährungssysteme stecken in der Krise: Sie sind nicht nachhaltig, ineffizient und zutiefst ungerecht. Eine WWF-Studie zeigt, dass diese Ungleichheit kein Zufall ist, sondern das Ergebnis historischer Prozesse und politischer Entscheidungen. Doch das bedeutet auch: Wir können die Dinge verändern.

Ein System voller Widersprüche

Paniertes mit Pommes und frischer Salat © GettyImages
Paniertes mit Pommes und frischer Salat © GettyImages

Noch nie zuvor wurde weltweit so viel Nahrung produziert – und doch leiden Millionen Menschen weiterhin Hunger.

Unser globales Ernährungssystem ist zutiefst widersprüchlich: Während die Supermarktregale überquellen, werden rund 30 Prozent der Lebensmittel verschwendet. Gleichzeitig fördern ungesunde, stark verarbeitete Lebensmittel Fettleibigkeit, Diabetes und Herzerkrankungen.

Und während Konzerne Rekordgewinne einfahren, kämpfen Kleinbäuer:innen, Arbeiter:innen und Tagelöhner:innen ums Überleben.

„Große Konzerne bestimmen die Märkte weltweit. Kleinbäuerliche Betriebe haben dagegen kaum eine Chance. Dabei produzieren sie in den Ländern des Globalen Südens bis zu 80 Prozent der Nahrungsmittel.“

Tanja Plötz, Expertin für internationale Ernährungssysteme beim WWF Deutschland

Eine Katastrophe für die Artenvielfalt

Doch das Problem geht weit über soziale Ungerechtigkeit hinaus. Die Art, wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren, treibt Umweltzerstörung, Umweltverschmutzung, Klimakrise und Biodiversitätsverlust voran: 70 Prozent des Biodiversitätsverlusts, 80 Prozent der Entwaldung und 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen gehen auf das Konto von Agrar- und Ernährungssystemen.

Ungleichheit ist kein Zufall

Kartoffelernte auf dem Lastwagen © BrianBrownImages / iStock / GettyImages Plus
Kartoffelernte auf dem Lastwagen © BrianBrownImages / iStock / GettyImages Plus

Die WWF-Studie „Equity-Driven Strategies for a Sustainable Food Systems Transformation“ zeigt: Die Krise des Ernährungssystems lässt sich nicht allein mit Technologien lösen. Die heutigen Ungerechtigkeiten sind tief verwurzelt in Kolonialismus, Enteignung und jahrhundertelanger Ausbeutung. Erst wenn wir diese historischen Ursachen anerkennen, können wir sie überwinden.

Ungleichheit entsteht aber auch dort, wo Macht konzentriert ist: Wenige transnationale Agrarkonzerne bestimmen, was in die Regale kommt. Marktregeln ermöglichen Spekulation und Gewinnmaximierung – und reduzieren Nahrungsmittel zur bloßen Ware, produziert und gehandelt nach einer Logik, die dem öffentlichen Interesse widerspricht.

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Zugang zu Nahrung ist ein Menschenrecht

Die Viehzüchter sind dazu übergegangen, ihr Vieh mit gekochtem Getreide zu füttern, das nur als "Githeri" bezeichnet wird und eine menschliche Nahrung ist © Joel Muinde / WWF Kenia
Für viele Menschen ist eine ausreichende Ernährung nicht möglich © Joel Muinde / WWF Kenia

Und dieses öffentliche Interesse, der Zugang zu Nahrung, ist ein Menschenrecht. Doch leider eines, das noch nicht verwirklicht ist.

Die WWF-Studie zeigt jedoch, dass es möglich ist, die Ungleichheiten im Ernährungssystem durch politische Maßnahmen abzubauen. Regierungen müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass alle Menschen, unabhängig von Einkommen oder Herkunft, Zugang zu gesunden, nahrhaften und nachhaltigen Lebensmitteln haben. Und zwar im Rahmen dessen, was unser Planet tragen kann. Dafür braucht es klare Regeln: Kommerzielle Interessen dürfen politische Entscheidungsprozesse nicht länger unterwandern.

Ein solcher Wandel wäre grundlegend: weg von einem auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Wirtschaftsmodell, hin zu einem Modell der Fürsorge und des gemeinsamen Wohlergehens. Weg vom Profit für wenige, hin zum Gemeinwohl für alle.

Der Kontext ist wichtig

Nachhaltige Ernährungssysteme erfordern eine gerechtere Verteilung von Ressourcen, Chancen und Vorteilen unter allen Akteur:innen. Marginalisierte Gruppen müssen ihren gerechten Anteil erhalten und an den Entscheidungen beteiligt werden, die ihren Alltag prägen: Welches Saatgut wird ausgesät? Wie wird der Boden bewirtschaftet? Wie werden Lebensmittel gehandelt? Und wie kann nachhaltige Ernährung zur Norm werden?

Die Studie nennt drei Säulen der Gerechtigkeit in Ernährungssystemen:

  • Verteilungsgerechtigkeit
    Wer produziert, braucht gesicherten Zugang zu Land, Wasser, Finanzmitteln und Wissen.
  • Verfahrensgerechtigkeit
    Menschen müssen an Entscheidungen mitwirken können, die ihre Lebensgrundlagen betreffen – besonders jene, die bisher zu wenig gehört wurden.
  • Anerkennungsgerechtigkeit
    Die Folgen historischer Diskriminierung müssen anerkannt werden. Sie prägen bis heute, wer Zugang zu Nahrung hat, wer gesund bleibt und wer wirtschaftlich teilhaben kann.

„Als Verbraucher:innen können wir auf Labels achten: Bio für Umweltaspekte, Fairtrade für gerechtere Bezahlung. Wichtig ist es auch, Überkonsum zu vermeiden, besonders bei Fleisch und tierischen Lebensmitteln wie Eiern und Milchprodukten.“

Tanja Plötz, Expertin für internationale Ernährungssysteme beim WWF Deutschland

Neun Empfehlungen für den Wandel

Die WWF-Studie enthält neun konkrete politische Empfehlungen für Regierungen und Entscheidungsträger:innen. Sie sind kein abstrakter Wunschkatalog, sondern ein klarer Fahrplan für Maßnahmen:

  • Macht der Konzerne regulieren – durch Regeln gegen Interessenkonflikte, Sorgfaltspflichten, gerechte Unternehmensbesteuerung und verbindliche Lobbyregister.
  • Recht auf Nahrung und gesunde Umwelt verankern – in nationalen Verfassungen und Rechtsrahmen, damit diese Menschenrechte durchsetzbar werden.
  • Partizipation stärken – durch Bürgerversammlungen, nationale Ernährungsräte und globale Gremien für echte Mitbestimmung.
  • Gerechtigkeitsprüfungen einführen – Regierungen sollen die Kohärenz und Auswirkungen ihrer Politik verpflichtend auf Gerechtigkeit prüfen.
  • Öffentliche Mittel umlenken – weg von schädlicher Industrielandwirtschaft, hin zu fairer und nachhaltiger Produktion.
  • Zugang zu Land und Ressourcen sichern – durch Reformen, die marginalisierte Gruppen stärken und Ressourcen vor Spekulation und Landraub schützen.
  • Gesundes Ernährungsumfeld schaffen – durch Steuern auf ungesunde Produkte, Warnhinweise und Marketingbeschränkungen.
  • Agrarökologie und traditionelles Wissen fördern – aktiv finanzieren und verbreiten, um Resilienz und Biodiversität zu stärken.
  • Rechenschaftspflicht sicherstellen – durch robuste Transparenz- und Überwachungssysteme, in denen Regierungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

Die WWF-Studie zeigt unmissverständlich: Wenn wir Nachhaltigkeit für Mensch, Umwelt und Wohlstand sichern wollen, müssen wir die Machtverhältnisse in den Ernährungssystemen neu ausbalancieren, indem wir Ressourcen, Vorteile und Chancen neu verteilen.

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