Früher konnte man im Winter auf dem zugefrorenen Dorfteich Schlittschuh laufen. Heute kann man theoretisch auch im Hochsommer Pirouetten drehen. Auf Kunststoff-Schlittschuhbahnen. Die benötigen weder Wasser noch Kühlenergie und sollen daher besonders nachhaltig sein. Wirklich?

Gefährlicher Plastikabrieb

Mikrofasern von Eislaufbahnen © Kristina Stemmer / WWF
Mikrofasern von Eislaufbahnen © Kristina Stemmer / WWF

Kunststoff-Eisbahnen bestehen größtenteils aus Polyethylen. Herstellung, Transport, Entsorgung oder Recycling benötigen Energie und verursachen Plastikmüll. Und vor allem: Beim Schlittschuhlaufen auf Synthetik-Eisbahnen fräsen die scharfen Schlittschuh-Kufen feine Plastik-Fäden ab, die wie Späne unterschiedlicher Größe aussehen. „Das so abgelöste und freigesetzte Mikroplastik gelangt in Böden, Luft und Meer und richtet verheerenden Schaden an“, warnt die Mikroplastik-Expertin Caroline Kraas vom WWF.

Der Ansatz, langlebige Alternativen zu kühlungs- und energieintensiven Schlittschuhbahnen aus Eis zu suchen, sei aber grundsätzlich gut, betont Kraas. Nur gebe es bislang kaum Studien, in denen die Klimabilanz aller Systeme, also Echteis-, Kunsteis- und Kunststoff-Bahnen, konkret verglichen werde.

Malediven, Bali, Mexiko - Kunststoff-Eisbahnen weltweit

 Von ökologischen Bedenken will Andy Trautner nichts wissen. Er leitet den Vertrieb für Süddeutschland beim Schweizer Kunststoff-Eisbahn-Hersteller „Glice“ und berichtet von einer Erfolgsgeschichte: Im Jahr 2020 habe Trautner für seine Firma allein in Süddeutschland 70 temporäre und dauerhafte Bahnen vermietet oder verkauft, 2021 waren es 100.  

Von Mittelamerika bis Asien verkauft die Firma Kunststoff-Eisbahnen in 85 Länder der Welt. Im Internet präsentiert sich „Glice“ mit Slogans wie „Skate for the Planet“ als Klimaretter. Eine zweifelhafte Marketingstrategie, sagt WWF Mikroplastik-Expertin Kraas, denn „Glice“ verwendet für seine Kunststoffbahnen neuwertiges Polyethylen. „Für jeden neu hergestellten Kunststoff wird Erdöl benötigt“, sagt Kraas. „ökologischer wäre es, wenn der Kunststoff für diese Eisbahnen wenigstens recycelt wäre.“

Aus Klimaschutzgründen auf Plastik umsteigen?

„Echteis-Bahnen sterben aus“, prognostiziert Trautner, „Wasser und Energiekosten sind auf Dauer zu teuer.“ Kunststoff-Eisbahnen dagegen seien die ökologische Alternative. Sie seien jederzeit und überall leicht montierbar und böten vergleichsweise kostengünstigen Fahrspaß fürs ganze Jahr, werben auch andere Kunststoff-Eisbahn-Hersteller.

Und das Recycling? „Es gibt zwölf Jahre Garantie auf unsere Bahnen“, sagt Trautner. Für den Fall, dass Bahnen nicht mehr nutzbar seien, nehme „Glice“ sie zurück oder vermittle den Kund:innen spezielle Kunststoff-Recyclingfirmen.

Einige Eissporthallen-Betreiber mieten deshalb zumindest im Sommerhalbjahr Kunststoff-Eisbahnen für ihre Halle, um die immensen Energiekosten, die zum Kühlen herkömmlicher Bahnen entstehen, zu senken. Oder Städte lassen Kunststoff-Eisbahnen auf Marktplätzen errichten, um Kunden in die City zu locken. Im Herbst 2021 hat das Stadtmarketing im hessischen Hanau sechs Wochen lang eine Kunststoff-Eisbahn der Firma „Glice“ gemietet: 300 Quadratmeter für 60.000 Euro, inklusive Auf- und Abbau der Anlage, Wartung und Schlittschuh-Verleih.

„Bei diesem Kunststoff-Abrieb handelt es sich um Mikroplastik, teilweise auch um größere Plastikfäden, also Makroplastik.“

Caroline Kraas, Mikroplastik-Expertin WWF Deutschland

Schlittschuhlaufen ohne schlechtes Gewissen?

Auf die bisher genutzte Kunsteis-Bahn für den Weihnachtsmarkt will Hanau in Zukunft verzichten. „Wegen des enormen Stromverbrauchs der Kühlaggregate ist eine echte Kunsteis-Bahn in Zeiten des Klimawandels nicht mehr vertretbar“, sagt die Geschäftsführerin der Hanauer Stadtwerke Martina Butz.

Die Hanauer:innen jedenfalls seien gerne auf die Kunststoff-Bahn umgestiegen, betont Daniel Freimuth vom Hanauer Stadt-Marketing. „Es hat fast ausnahmslos positive Rückmeldungen gegeben, auch wenn der Belag gewöhnungsbedürftig und Gleiten wie auf echtem Eis erstmal schwierig ist.“

Mikroplastik verteilt sich auf Freiluftbahnen besonders schnell

Mikroplastik durch Abrieb von Eislaufbahnen © Kristina Stemmer / WWF
Mikroplastik durch Abrieb von Eislaufbahnen © Kristina Stemmer / WWF

In Hanau berichtet Daniel Freimuth von Plastikstreifen- und fäden, die sich von der synthetischen Eisbahn abgelöst hätten. Bedenken, dass dieser Kunststoff-Abrieb schädlich für die Umwelt ist, müsse niemand haben, versichert Andy Trautner von der Herstellerfirma „Glice”: Der Kunststoff-Abrieb, der beim Laufen entsteht, sei kein Mikroplastik und würde aufgrund seiner Schwere am Boden der Bahn liegen bleiben, er müsse dann nur regelmäßig abgekehrt werden, sagt er.

Caroline Kraas vom WWF kann über derartige Behauptungen nur staunen: „Es handelt sich natürlich um Mikroplastik, teilweise auch um größere Plastikfäden, also Makroplastik“, sagt sie. „Und natürlich wird es dann auf jeden Fall auch viele Teilchen geben, die von einer Freiluftbahn direkt in die Umwelt gelangen. Ganz abgesehen davon, dass auch regelmäßiges Abkehren Auslegungssache ist.“

Test in Zürich. Plastik-Eis fällt komplett durch

Für Hansjürg Lütti, Bereichsleiter für Hallensport in der Schweizer Stadt Zürich, sind Kunststoff-Eisbahnen daher ökologisch eine Sackgasse. Eine Testbahn aus synthetischen Platten fiel bei Hobby-, Profisportler:innen und Vereinen komplett durch. Das Hauptproblem ist die Gleitfähigkeit.

„Eislaufen auf Kunststoff ist viel anstrengender“, sagt Lütti, „für öffentliches Eislaufen ist dieser Untergrund nicht geeignet.“ Zürich betreibt heute nur eine Kunststoff-Eisbahn und zwar speziell für das Eisstockschießen. Hier gleiten die Eisstöcke zwar auch deutlich schlechter als auf echtem Eis, aber dafür sei die Bahn eben ganzjährig nutzbar und es gebe auch kaum Kunststoff-Abrieb, weil Eisstockschießen mit Schuhen und nicht mit Schlittschuhen betrieben wird.

Ökologisch korrektes Schlittschuhlaufen in der Schweiz

Um trotzdem genügend Eisfläche für die Eissport begeisterten Zürcher:innen anbieten zu können, geht die Stadt einen nachhaltigeren Weg. An einer bestehenden Kunsteisbahn wurde eine neue Eishalle gebaut. Haustechnik und Isolation wurden optimiert. Sämtliche Energie, die in Eisproduktion und Kühlung fließt, entweicht später nicht mehr in die Atmosphäre, sondern alle zugehörigen Gebäude werden mit der Abwärme geheizt und Warmwasser wird generiert. Dazu Lütti: „Wir haben große Fortschritte gemacht. Das alles kostet zwar auch Geld, ist aber ökologischer. Und wir produzieren auch keinen Kunststoffabfall, der dann wieder irgendwo in der Umwelt landet.“

Auch Daniel Freimuth vom Hanauer Stadtmarketing ist ins Grübeln geraten. Die Kunststoff-Eisbahn sei ein tolles Bewegungsangebot für die Kinder gewesen, besonderes in Corona-Zeiten. „Man kann natürlich grundsätzlich darüber streiten, ob wir überhaupt eine Eisbahn brauchen, egal welcher Machart, oder ob wir in der Klimakrise aus ökologischen Gründen generell besser darauf verzichten“, sagt Freimuth. Darüber wird in Hanau noch diskutiert.

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