Wenn wir an den Frühling denken, riechen wir feuchte Erde und sehen die ersten Krokusse im Garten. Doch selbst unter dem dichten Eis der Arktis im kalten Polarmeer erwacht mit den ersten Sonnenstrahlen ganz heimlich ein Frühling voller Leben und mit großer Wirkung. Wo es trotz klirrender Kälte blüht, lädt die Natur zum Staunen ein!

Goldenes Eis: Wenn das Polarmeer aus dem Winterschlaf erwacht

Eisalge Melosira arctica im arktischen Schmelzwasser als goldbrauner Teppich zu sehen
Eisalge Melosira arctica im artkischen Schmelzwasser © Stefan Hendricks / AWI

Der Frühling ist kein Datum und kein Ort. Er ist ein biologischer Moment, ausgelöst durch die Tageslänge.

Wenn nach der langen, dunklen Polarnacht im März die Sonne in die Arktis zurückkehrt und am Himmel höher steigt, beginnt das Eis lautstark zu tauen. Es knirscht, quietscht, knackt und knallt – und wird durchlässiger. Erste Schmelzwasserkanäle entstehen, mehr Licht dringt ins Wasser.

Unter dem Eis löst das Licht des Polarfrühlings eine wahre Explosion aus: Die Eisalgen-Blüte.

Winzige, goldbraue Algen vermehren sich rasend schnell und verwandeln die Unterseite des Eises in einen hängenden Garten. Sogar von oben kann man die großen Algenflächen manchmal goldbraun schimmern sehen. Sie sind die blühenden Weiden der Arktis.

#Aha! Die faszinierenden Teppiche aus Eis-Algen sind schon vor etwa 130 Jahren den Polar-Forschern um Fridtjof Nansen aufgefallen und sie haben neugierig Proben davon genommen.

Die kleinsten Frühlingsboten der Welt

Die einzelligen Eisalgen sind mikroskopisch klein und mit ungefähr 0,03 Millimetern nur etwa halb so groß wie ein Haar dick ist! Sichtbar werden sie, weil sie sich zu langen, fadenförmigen Ketten verbinden, die mehrere Meter lang werden können.

Eisbärkind spielt am Wasser mit Tang, auf Nahrungssuche, seine Mutter liegt beobachtend hinten im Bild
Ohne die winzigen Algen gibt es keinen großen Eisbären © Elisabeth Kruger / WWF

Die Algen-Ketten unter dem Eis sind die Grundlage für das gesamte Nahrungsnetz im Polarmeer.

Sie werden von Kleinkrebsen wie zum Beispiel Krill beweidet. Die Kleinkrebse wiederum ernähren Fische, Seevögel, Robben und Wale. Am Ende dieser Nahrungskette steht auch der Eisbär.

Ohne das zunächst fast unsichtbar kleine Frühlingserwachen im Eis gäbe es später im Jahr kaum Leben im Meer und in der Arktis.

#Aha! Algen im Meer produzieren schätzungsweise 50 bis über 70 Prozent des gesamten Sauerstoffs in der Atmosphäre, den Lebewesen zum Atmen benötigen.

Überlebenskünstler im Eis: Frühlingsblumen mit Superkräften

Frühling im Eis bedeutet trotz Kälte auch schöne, bunte Blüten. Von der arktischen Tundra bis zu frostigen Hochlagen von Alpen und Himalaja blühen hochspezialisierte Blütenpflanzen.

Während die Blüte in Arktisregionen wie Grönland, Kanada oder Alaska allerdings erst spät startet – meist Mitte bis Ende Juni, sobald der Schnee schmilzt – gibt es im Hochgebirge durchaus zeitige Eisbrecher, die mit einigen Tricks den Frühling einläuten.

Eisige Kälte: Frühling im Zeitraffer

Während wir in Deutschland oft drei Monate Frühling und drei Monate Sommer genießen, müssen die Pflanzen und Tiere in der Arktis oder im Hochgebirge ihr gesamtes Jahresprogramm in nur wenigen Wochen abspulen.

Blühende Polartundra (Betula nana), Victoria Island, North West territories,Canada
Blühende Polartundra © Nicolas Tolstoi / iStock / Getty Images

In solch eisigen Regionen kommt es deshalb zu einem wahrhaft explosiven Frühling. Viele Pflanzen beginnen gleichzeitig zu blühen.

Bei uns gibt es eine klare Abfolge: Erst Schneeglöckchen, dann Krokusse, dann Kirschblüten. Im Eis kann die Natur es sich nicht leisten, nacheinander zu blühen. Jede Sekunde Sonne wird genutzt.

Ein Vorteil der Pflanzen in der Arktis: Bei aller Kürze der Zeit geht monatelang die Sonne nicht unter.
Die Pflanzen betreiben 24 Stunden am Tag Photosynthese und können dadurch einen vollen Vegetationszyklus in sehr kurzer Zeit durchlaufen.

Blutschnee in den Alpen und der Arktis

Auch dort, wo keine Blütenpflanzen wachsen, kann der Frühling Gebirgsregionen wie die Alpen bunt färben: Ein faszinierendes Phänomen ist der sogenannte Blutschnee, der sich im Frühjahr und Sommer in den Hochgebirgen und Polarregionen beobachten lässt.

Roter Schnee oder Wassermelonenschnee , verursacht durch Flagellaten-Alge (Chlamydomonas nivalis), Drei Zinnen, Dolomit
Blutschnee entsteht durch die Schneealge © IMAGO / imagebroker

Ganze Schneeflächen färben sich auffällig rötlich oder rosa. Der Grund sind Schnee-Algen, die bei ausreichend Sonnenlicht und beginnender Schneeschmelze aktiv werden, an die Oberfläche wandern und zum Schutz vor UV-Strahlung rote Pigmente bilden.

Bei uns in Deutschland kann auch nach Norden gewehter Sahara-Staub den Schnee rötlich färben. Das wird ebenfalls Blutschnee genannt.

Der rötliche Schnee nimmt mehr Sonnenwärme auf, was die Schmelze zusätzlich beschleunigt.

#Aha! Auf Englisch heißt der rot gefärbte Schnee watermelon snow, also Wassermelonen-Schnee und riecht durch die Algen ähnlich süß-fruchtig. Schon Aristoteles hat den Blutschnee vor über 2.300 Jahren entdeckt und beschrieben. Es ist damit eines der am längsten dokumentierten Naturphänomene der Geschichte.

Plastik-Algen: Umwelt-Problem bis in die Tiefsee

Zurück zu den Algen im Polarmeer: Die arktische Kieselalge Melosira arctica, die unter dem Eis hauptsächlich die riesigen braunen Nährstoff-Wiesen für Meeresbewohner bildet, hat eine erstaunliche aber auch höchst bedenkliche Fähigkeit. Sie bindet Mikroplastik!

Wie eine klebrige Fliegenfalle fangen die schleimigen Fäden der Alge Plastik aus Eis und Meerwasser – und davon viel: In den Algen ist die Plastik-Konzentration bis zu zehnmal höher als im umgebenden Wasser. Eine Gefahr für die gesamte arktische Nahrungskette.

Bei Eisschmelze sinken die Algenmassen in dichten Klumpen in die Tiefe und versorgen auch Lebewesen am Meeresboden mit Nahrung.
Wie ein verhängnisvoller Fahrstuhl befördern sie dabei leider das Mikroplastik in die arktische Tiefsee, wodurch der Plastikmüll in Ökosysteme gelangt, die eigentlich weit entfernt von menschlichen Quellen scheinen. Wir müssen den enormen Plastik-Eintrag in unsere Meere endlich beenden!

Klimakrise: Frühling im Eis aus dem Takt

Gruppe von Grönlandwalen unter der Wasseroberfläche von oben
Grönlandwale - Wichtige Bewohner der Arktis © VDOS Global / WWF Canada

In einer Welt wie der Arktis, in der alles perfekt aufeinander abgestimmt ist, zählt jeder Tag. Doch der sensible Rhythmus gerät durch die Klimakrise aus dem Takt.

Nirgendwo erwärmt sich die Erde schneller als in der Arktis. Das sommerliche Meereis schwindet zunehmend und mit ihm der Boden für die Algenblüte.

Finden die Kleinkrebse dadurch nicht mehr ausreichend Futter, gerät die ganze Nahrungskette in Gefahr, an deren Ende zum Beispiel der Eisbär steht. Auch Wale sind betroffen, die direkt von den Kleinkrebsen leben.

Gleichzeitig beginnen die Algenblüten immer früher im Jahr. Der gesamte Lebensrhythmus von Kleinkrebsen und Zooplankton ist jedoch exakt auf die Algen abgestimmt – eine Veränderung am unteren Ende der Nahrungskette, deren Kettenreaktion fatale Folgen für die gesamte Tierwelt der Arktis haben kann.

#Aha! Die sommerliche Meereisfläche in der Arktis schrumpft seit 1979, dem Beginn der Messungen: Jedes Jahrzehnt nimmt die Ausdehnung des Meereises im Sommer um rund 13 Prozent ab. Künftig werden wir im Sommer Meereis nur noch nördlich von Grönland und um die Königin-Elisabeth-Inseln in Kanada finden.

Der WWF setzt sich weltweit dafür ein, die Arktis, ihre einzigartigen Arten und unser globales Klima zu bewahren. Denn selbst dort, wo der Frühling ganz anders aussieht als bei uns, entscheidet er darüber, wie vielfältig und lebendig unsere Erde bleibt.

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