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Wer die Natur retten will, braucht die Energiewende
Die Energiewende ist unverzichtbar für den Klimaschutz. Und der Klimaschutz wiederum ist eine Voraussetzung für den Erhalt von Natur und Artenvielfalt. Warum beides zusammengehört, erklärt Klima-Expertin Viviane Raddatz.
Dieser Text ist zuerst bei Focus Online erschienen.
Ein Kommentar, den wir häufig bekommen, bewegt auch uns sehr. Deshalb möchten wir hier nun ausführlich darauf reagieren:
Warum arbeitet der WWF zur Energiewende – sollte er sich nicht besser darauf konzentrieren, Arten- und Naturschutz voranzutreiben? Also gut.
Die kurze Antwort: Wenn wir eine gesunde, artenreiche Natur haben wollen, brauchen wir die Energiewende.
Die längere Antwort: Die Energiewende ist die beste Antwort auf die Klimakrise. Die Erderhitzung wurde und wird maßgeblich verursacht durch die Produktion und das Verbrennen fossiler Energien, also Kohle, Öl und Gas. Die Energiewende soll uns weg von diesen schädlichen Energien führen und hin zu solchen, die die Klimakrise nicht weiter anheizen. Hauptsächlich: Energie aus Wind und Sonne.
Die Energiewende ist daher tragende Säule für den Klimaschutz. Und Klimaschutz ist tragende Säule für Natur- und Artenschutz.
Warum die Energiewende Natur- und Artenschutz entscheidet
Dafür gibt es weitreichende Belege. Die Studie „Artenschutz in Zeiten des Klimawandels“ hat vor einigen Jahren die Auswirkungen der Klimakrise auf fast 80.000 Tier- und Pflanzenarten in 35 Regionen untersucht, die zu den artenreichsten der Welt zählen.
Das Ergebnis: Selbst beim Einhalten des Zwei-Grad-Limits würde jede vierte Art in den weltweit bedeutendsten Naturregionen bis zum Jahr 2080 verschwinden. Aktuell steuern wir auf einen deutlich höheren Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zu.
Die Gründe für den enormen Rückgang der Biodiversität liegen vor allem in den veränderten Lebensbedingungen. Der Afrikanische Savannen-Elefant etwa braucht jeden Tag rund 150 bis 300 Liter Wasser zum Trinken. Doch die Wasserverfügbarkeit ändert sich aufgrund steigender Temperaturen und sinkender Niederschläge.
Viele Arten und Ökosysteme stoßen bei steigenden Temperaturen und den damit verbundenen Umweltveränderungen ganz einfach an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit.
Bei einer dauerhaften durchschnittlichen Erderhitzung von 1,5 Grad werden sechs Prozent der Insekten, acht Prozent der Pflanzen und vier Prozent der Wirbeltiere mehr als die Hälfte ihres Verbreitungsgebietes verlieren, bei einer Erhitzung von zwei Grad sind es bereits 18 Prozent der Insekten, 16 Prozent der Pflanzen und acht Prozent der Wirbeltiere.
Folgen der Erderwärmung für Ökosysteme weltweit
Es geht dabei auch um Arten und Ökosysteme direkt vor unserer Haustür: So ist zum Beispiel auch das Weltnaturerbe Wattenmeer durch die Klimakrise bedroht. Wattflächen, Salzwiesen, Strände, Dünen, ganze Inseln sind durch den Meeresspiegelanstieg und Extremwetter gefährdet – die wiederum ihre Ursache im Temperaturanstieg haben.
Apropos Meere: Seit 1970 haben Ozeane mehr als 90 Prozent der durch Treibhausgasemissionen verursachten Erderhitzung aufgenommen und sich entsprechend erwärmt. Die Durchschnittstemperatur der Meeresoberflächen nimmt immer weiter zu und es häufen sich marine Hitzewellen.
Für empfindliche Arten wie Korallen ist das verheerend. Bei einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um zwei Grad wären praktisch alle tropischen Korallenriffe weltweit bis 2050 verloren. Selbst bei einer Erwärmung um 1,5 Grad ist mit maßgeblichen Beeinträchtigungen für tropische Korallenriffe zu rechnen.
In Deutschland befinden sich bereits 69 Prozent der geschützten Lebensräume in einem unzureichenden bis schlechten Zustand. Laut Living Planet Index des WWF von 2024 ist zwischen 1970 und 2020 weltweit ein Rückgang der darin erfassten Wirbeltierbestände um durchschnittlich 73 Prozent zu verzeichnen. Dem liegen Daten von 5.500 Wirbeltierarten, also von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien, zugrunde.
Wir erleben gerade das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurierzeit vor 65 Millionen Jahren. Und die Klimakrise ist Mitverursacher und Brandbeschleuniger dieser Entwicklung.
Und als ob das nicht genug wäre, sollen aktuell auch noch über das sogenannte „Infrastruktur-Zukunftsgesetz“ etablierte Naturschutzstandards ausgehebelt werden. Bei Infrastruktur-Projekten wären Umweltbelange dann grundsätzlich nachrangig, selbst wenn das auf irreversible Natureingriffe hinausläuft. Gleichzeitig soll das Klagerecht von Umweltverbänden beschnitten werden – also genau jener Mechanismus, der dafür sorgt, dass Umweltgesetze nicht nur auf dem Papier existieren.
Energiewende als Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunft
Besonders schwer wiegt der aktuell fehlende Fortschritt bei der Energiewende und dem Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas. Die Bundesregierung bremst leider bei dem so dringend nötigen Wandel und riskiert damit schwerwiegende Folgen für die Natur, die Menschen und unsere Wirtschaft.
Denn das Verharren und Festigen schädlicher fossiler Strukturen kostet uns viel Geld, das zeigen nicht erst die zwei großen Energiekrisen innerhalb weniger Jahre, die durch die Abhängigkeit von Öl und Gas entstanden sind.
Fossile Energien kosten uns auch den wertvollen Artenreichtum unserer Erde. Sie kosten uns gesunde Böden, die unter den klimawandelverstärkten Extremwettern von Dürren bis Überschwemmungen leiden. Sie kosten uns gesunde Wälder, die unter klimawandelverstärkter Trockenheit und Feuer leiden. Sie kosten uns Menschen, wenn unsere Körper immer mehr Hitzetage aushalten müssen.
Und fossile Energien richten unmittelbar teure Schäden an der Natur an, etwa beim Bau und Betrieb von Bohrplattformen, beim Fracking, bei Ölsandexplorationen, bei den benötigten Transporten von Kohle, Öl und Gas rund um die Erde – die Liste ist lang.
Wir sind Teil der Natur. Und als dieser müssen wir endlich in unserem eigenen Interesse handeln und die Natur schützen. Mit der Energiewende. Wir sind gespannt auf die Kommentare.
Weitere Informationen
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Klimaschutz und Energiewende in Deutschland -
Internationale Klimapolitik -
Rollback im Naturschutz