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Stand: 11.07.2018

WWF-Preis: Ostsee-Landwirt/-in des Jahres 2018

Tausende Tonnen Stickstoff und Phosphor gelangen jedes Jahr über die Flüsse und die Luft in die Ostsee. Sie stammen aus Abwässern von Kommunen und Industrie, aus Kraftwerken, Straßenverkehr, Schifffahrt und aus der Landwirtschaft. Seit 2009 zeichnet der WWF mit seinem Preis „Ostsee-Landwirt/in des Jahres“ in Deutschland und anderen Ostsee-Anrainerstaaten Landwirte aus, die sich in besonderer Weise um die Minimierung des Nährstoffeintrags in küstennahe Gewässer bemühen.

Die Familie Stender - Gewinner des Preises Ostsee-Landwirt/in 2018 © Gunther Willinger / WWF
Die Familie Stender - Gewinner des Preises Ostsee-Landwirt/in 2018 © Gunther Willinger / WWF

Überschüssige Nährstoffe aus Düngung und Tierproduktion werden über die Flüsse Trave, Peene, Warnow und Schwentine in die Ostsee geschwemmt und verursachen dort ein verstärktes Algenwachstum. Das wiederum bedeutet weniger Sauerstoff und Licht im Meer und in der Folge gerät das Meeresökosystem durcheinander. Die Zusammensetzung des Planktons verändert sich, Bodentiere sterben und auch Großalgen, Blasentang und Seegras leiden. Die Ostsee reagiert besonders empfindlich auf die Überdüngung ihrer Küstengewässer, weil sie als Binnenmeer nur über einen geringen, ausgleichenden Wasseraustausch mit der Nordsee verfügt. Laut Untersuchungen des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2015 ist der ökologische Zustand der Ostsee-Küstengewässer immer noch schlecht. Insbesondere in der Landwirtschaft seien weitere Anstrengungen erforderlich, um die Nährstoffüberschüsse zu senken, heißt es in der Analyse der Wissenschaftler.

Der Kroghof © Gunther Willinger / WWF
Der Kroghof © Gunther Willinger / WWF

Wertschätzung für umweltfreundliches Wirtschaften

Das will der WWF mit dem Ostseepreis unterstützen. Landwirte sollen Wertschätzung und Motivation für umweltfreundliches Wirtschaften erfahren, ganz gleich, ob sie biologisch zertifiziert oder konventionell arbeiten. Im Jahr 2018 erhält der Kroghof von Familie Stender, in Börnsdorf nördlich von Lübeck im Landkreis Plön gelegen, die Auszeichnung. Der Landwirtschaftsbetrieb liegt im Herzen der „Holsteinischen Schweiz“, dem östlichen Hügelland Schleswig-Holsteins. Zur Auszeichnung gehören ein Preisgeld von 1000 Euro und die Teilnahme an der internationalen Ausscheidung, bei der der Gesamtsieger aller Anrainerstaaten sich über weitere 10.000 Euro freuen kann.

Alfred Stender: Nordischer Landwirt mit Leib und Seele

Angelika und Alfred Stender © Gunther Willinger / WWF
Angelika und Alfred Stender © Gunther Willinger / WWF

Der Kroghof von Familie Stender ist ein echter Familienbetrieb. Vier Generationen arbeiten hier zusammen. 1981 hat Alfred Stender mit seiner Frau Angelika von seinem Vater den Hof übernommen, der sich seit 1808 im Familienbesitz befindet. Die Arbeitsaufteilung ist klar geregelt, auch wenn wichtige Entscheidungen gemeinsam beraten werden. Alfred kümmert sich vor allem um Milchkühe und Kartoffeln, seine Frau Angelika um Kälberaufzucht, Tiermeldungen und Direktvermarktung, Tochter Silja übernimmt das Büromanagement und unterstützt ihren Mann Volker im Schweinestall. Sohn Henrik ist der Futtermeister für die Rinder und im Ackerbau ergänzen sich Henrik, Volker und Alfred gegenseitig. „Wir sind ein Folklorebetrieb und haben uns unsere Vielseitigkeit erhalten“, sagt Alfred Stender mit einem Schmunzeln. Die drei Familien bewirtschaften rund 180 Hektar Land, wovon gut 60 Hektar im Eigenbesitz sind. Auf den Feldern wachsen Raps, Weizen, Hafer, Gerste, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben und Bohnen.

Mit seinem weiß bis rotblonden Vollbart und den verschmitzten blauen Augen würde Stender auch sehr gut nach Island passen. Sein Humor, die Offenheit für Neues, das nötige Fingerspitzengefühl, sei es beim Umgang mit den Tieren oder bei dem Einsatz von Dünger und Pestiziden, zeichnen ihn aus. Alfred Stender ist Landwirt mit Leib und Seele und verfügt über den Erfahrungsschatz und das handwerkliche Können vieler Jahrzehnte. Die Minimierung von Dünger und Pestiziden und die Vermeidung von Medikamenten in der Tierhaltung sind ihm schon immer ein besonderes Anliegen, nicht nur, weil es Geld spart, sondern auch weil Stender überzeugt davon ist, dass nachhaltiges Wirtschaften der Kern landwirtschaftlicher Arbeit sein muss. Dazu gehört die Erhaltung eines lebendigen Bodens und eine möglichst geringe Belastung der Gewässer. Seit seiner Lehrzeit in den 1970er Jahren führt er ein „Schlagbuch“, worin er alle relevanten Daten zu Anbau und Ernte festhält. Seit er vor einigen Jahren mit dem Ingenieurbüro INGUS aus Hannover im Rahmen der Gewässerschutzberatung Schleswig-Holstein zusammenarbeitet, kann er auch auf die Werte der chemischen Analytik zurückgreifen und sieht sich dadurch bestätigt. Die ermittelten Nährstoffbilanzen belegen den sparsamen Umgang mit Düngemitteln.

Der Kuhflüsterer

Kühe auf dem Kroghof © Gunther Willinger / WWF
Kühe auf dem Kroghof © Gunther Willinger / WWF

Stender wird in der örtlichen Presse auch schon mal als „Kuhflüsterer“ betitelt, weil er ein Händchen für „die Damen“ hat, wie er seine Milchkühe gerne bezeichnet. Er nennt sie alle beim Namen, kennt ihr Temperament und ihre Eigenheiten. Kein Wunder, schließlich verbringt er täglich mindestens vier Stunden mit ihnen. Ab etwa Ende April dürfen die Kühe auf die Weide, die sich nach Südwesten hin an den Laufstall anschließt. Wenn es regnet oder zu heiß ist, suchen die Tiere trotzdem gerne Schutz im Stall, aber ansonsten sind die Milchkühe den ganzen Sommer über draußen. Das Jungvieh wird auf einige im Umland liegende kleinere Weiden verteilt. Eine davon liegt direkt am Suhrer See, laut Stender eines der saubersten Gewässer der Region. Am Rande der Weide blühen im Mai Orchideen und in der Mitte liegt eine Moorsenke, auf der sich im Frühjahr gerne Gänse und Enten ausruhen. Hasen und Rehe bevölkern die Felder des Kroghofs, der Dachs wohnt im benachbarten Waldstück, über den Weizenfeldern trällert die Feldlerche, in der Ferne ruft der Fasan und „Am Dorpsdiek“ der Dorfstraße fliegt ein Wiedehopf auf. Alle zwei Tage hält der Tankwagen vor dem Stall und bringt die Milch zur Ostsee-Molkerei nach Wismar. Für seine gute Qualität erhält Stender einen halben Cent Zuschlag pro Liter. Für den Weidegang gibt es keine gesonderte Vergütung.

Die „Zitrone des Nordens“

Stender, der sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, „snackt“ gerne Plattdeutsch und ist immer für einen Scherz oder unkonventionelle Ideen zu haben. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass sich der Kroghof bislang halten konnte und das Einkommen für drei Familien erwirtschaftet – auch wenn man nicht reich dabei wird, wie Stender sagt. Eine immer wichtigere Einkommensquelle für den Hof sind die „Zitronen des Nordens“ wie Stender die Kartoffeln wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehalts nennt. Auf über zwei Hektar wachsen fast zehn verschiedene Sorten. Die gesamte Produktion wird direkt an Privatkunden und die regionale Gastronomie verkauft. Das Marketing beschränkt sich auf Mund-zu-Mund-Propaganda.

Knick im Blick

Stender zusammen mit der Jury vor dem "Knick" © Gunther Willinger / WWF
Stender zusammen mit der Jury vor dem "Knick" © Gunther Willinger / WWF

Alfred Stender macht sich viele Gedanken, hinterfragt, überprüft und blickt weit über seinen Tellerrand hinaus. So ist der Kroghof einer von deutschlandweit 66 Demonstrationsbetrieben für integrierten Pflanzenschutz und fungiert als Referenzbetrieb der EU-Wasserrahmenrichtlinie mit dem Ziel, die Nährstoffeinträge ins Grundwasser zu vermindern. Stender befindet sich in ständigem Austausch mit Kolleginnen und Wissenschaftlerinnen und bildet Lehrlinge aus.  Er sitzt im Umweltausschuss des Landesbauernverbands, engagiert sich im Kuratorium des Kindergartens, als Schöffenrichter am Sozialgericht Kiel und im Vorstand des Vereins „Wasser-Otter-Mensch“, der sich für den Schutz von Fischottern und Fließgewässern einsetzt.

In Zusammenarbeit mit dem Julius-Kühn-Institut in Kleinmachnow hat er an seinen Feldern Blühstreifen angelegt, und Stender liebt die Knicks: Das sind Wallhecken, die um 1770 durch das Verkoppelungsgesetz des Dänenkönigs als Grenzen der Feldflure in Schleswig-Holstein errichtet wurden und ein einzigartiges Landschaftsbild prägen. Die auf Erdwällen gepflanzten Hecken schützen die Felder vor Winderosion, erfreuen das Auge und bieten vielen Tieren und Pflanzen wertvollen Lebensraum. Bei seinem Lieblingsknick hat Alfred Stender nun Gras für seinen anstehenden 60. Geburtstag eingesät. Von der Wiese aus werden die Gäste dann eine wunderbare Aussicht über sanft geschwungene Weizen- und Kartoffelfelder bis hinunter zum Plöner See genießen können und dem frisch gebackenen Ostseelandwirt des Jahres zuprosten.

Die Jury für den Preis "Ostsee-Landwirt/in 2018" bestand aus Dr. Susanne Werner (Bauernverband Schleswig-Holstein e.V.) Dr. Reinhold Stauß (Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (LLUR), Dr. Herwart Böhm (Thünen-Institut für Ökologischen Landbau), Dr. Birgit Wilhelm (WWF Deutschland) und Dr. Harriet Gruber (Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern).

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