Zunächst waren es nur ein paar tote Fische, doch dann lief eine Welle des Todes durch die Oder stromabwärts. Hunderte Tonnen tote Fische wurden geborgen, hunderttausende Fischkadaver, tote Muscheln und Schnecken lagen auf dem Grund der Oder. Welchen langfristigen Schaden einer der letzten frei fließenden Flüsse Europas und seine Bewohner von der Katastrophe im Juli und August 2022 davongetragen hat, ist völlig unklar. Dass der Schaden an der Oder groß ist und der Mensch dafür verantwortlich ist, darüber sind sich die Umweltexpertinnen und -experten einig.

Fischsterben auch in Deutschland angekommen

Tote fische in der Oder © IMAGO / NurPhoto / DominikaZarzycka
Tote fische in der Oder © IMAGO / NurPhoto / DominikaZarzycka

Alles begann Ende Juli 2022 in Opele, einem Städtchen südlich von Breslau (Wroclaw). Als immer mehr Fische mit dem Bauch nach oben den Fluss hinunter geschwemmt wurden, entnahmen die Behörden Wasserproben. Das Rätsel um die Ursache des Fischsterbens konnten sie aber dann noch nicht lösen.

In Deutschland blieb der Umweltskandal lange verborgen. Erst Binnenschiffer:innen und Angler:innen schlugen am 9. August 2022 Alarm. Denn mittlerweile tauchten auch jenseits der Grenze immer mehr Kadaver von Weißfischen, Hechten, Rapfen und sogar Stören auf. Schließlich erreichte die „Giftwelle“ das Stettiner Haff an der Ostsee. Dort wurde das Wasser rasch verdünnt und das unmittelbare Fischsterben hörte glücklicherweise erstmal auf. Dennoch: Die Substanzen und die Auslöser, die das Sterben verursacht haben, bedrohen weiterhin das System.

Neuigkeiten für den Stör!

Expertinnen und Experten sind sich weitestgehend einig, dass die Erholung der Oder mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann. Seit Ende September haben die Umweltministerien Polens und Deutschlands viele Defizite aufgelistet und einige Verschmutzungsfaktoren benannt, die zum Teil immer noch fort bestehen. Für die Bemühungen den Baltischen Stör wieder langfristig in der Oder anzusiedeln, ist der fortschreitende Ausbau eine Katastrophe und eine Verschlechterung der ökologischen Gesamtsituation.

Unser Partner, Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V., sieht bereits erste Anzeichen dafür, dass wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Jungstöre für sechs Monate hältern müssen und erst im nächsten Jahr die jungen Baltischen Störe aussetzen können.

Bisher konnten über 13.000 Euro für die Rettung der Oder und die Wiederansiedlung des Störs gesammelt werden. Damit kann bereits die Studie zur Einschätzung der Nahrungsgrundlage in der Oder finanziert werden. Wir werden Sie hier und in unserem Newsletter über die Ergebnisse der Studie auf dem Laufenden halten.

Mehr zum Stör-Wiederansiedlungs-Projekt lesen Sie hier.

Zu spät reagiert

Mit der ansteigenden Menge an Fischleichen wuchs die Kritik an der Informationspolitik der polnischen Behörden. Offensichtlich wollte man den Vorfall zunächst als regionales Ereignis herunterspielen. Dadurch wurden die Anrainer, polnische Woiwodschaften und deutsche Bundesländer, nicht oder zu spät informiert. Mögliche Gegenmaßnahmen, etwa das Schließen oder Öffnen von Zu- oder Abflüssen, um das Oderwasser zu verdünnen, sind so unterblieben.

Nachdem der internationale Warn- und Alarmplan für die Oder aktiviert wurde, haben die zuständigen Stellen auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern umgehend reagiert und zum Beispiel effektiv tote vergiftete Fisch mit Hilfe von Sperren schnellstmöglich entfernt.

  • Der WWF ist nach der Umweltkatastrophe in der Oder vor Ort und berichtet über das Fischsterben © Jennifer Janski / WWF WWF-Podcast: Tatort Oder - Ein Fluss wird geopfert

    Wo die Gefahren liegen, ob sich der Fluss erholen kann und was passieren muss, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen, darüber reden wir in :#ÜberLeben mit Tobias Schäfer. Zur Podcast-Folge

Ursache für das Fischsterben weiter unklar

Angeschwemmte Fische in Widuchowa © Jennifer Janski / WWF Deutschland
Angeschwemmte Fische in Widuchowa © Jennifer Janski / WWF Deutschland

Mehrere Labore in Polen und in Deutschland untersuchten unzählige Wasserproben. Zunächst vermutete man, die langanhaltende Hitze und der damit einhergehende Sauerstoffmangel im Wasser könnte der Auslöser gewesen sein. Später gerieten Quecksilberablagerungen und ein hoher Salzgehalt unter Verdacht. Inzwischen geht man aber davon aus, dass eine giftige Alge, deren Ausbreitung durch salzhaltige Abwässer und hohe Temperaturen beschleunigt wurde.

Ein im Oktober 2022 veröffentlichter Bericht des WWF Polen reagiert auf das vorläufige Ergebnis der Untersuchung der Polnischen Regierung zur Oder-Katastrophe: „Obwohl der Bericht der Regierung vom 30.09.2022 die Folgen der Katastrophe beschreibt, erfüllt er die Erwartungen der Öffentlichkeit nicht in vollem Umfang“, heißt es in dem WWF-Bericht. „Die direkte Ursache für das Massensterben von Fischen und anderen Wassertieren ist noch immer nicht ermittelt, die Verantwortlichen werden nicht genannt und auch Maßnahmen, wie man eine solche Katastrophe künftig verhindern kann, fehlen.“

Oder-Situation alles andere als entspannt

Auch wenn die Medien den Blick von der Oder-Katastrophe längst abgewandt haben, von einer Entspannung der Situation kann auch im Novmber 2022 keine Rede sein. „Der Salzgehalt der Oder liegt derzeit wieder im kritischen Bereich. Und sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite beobachten wir, dass nun vorwiegend die wichtigen filtrierenden Muscheln, die die Katastrophe im Sommer überlebt haben, sterben.

Das gesamte Nahrungsnetz in der Oder hat sich komplett verändert“, so Finn Viehberg Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund. „Wir haben das Phänomen des aktuellen Muschelsterbens noch nicht richtig verstanden. Dass die Muscheln jetzt sterben, kann an lokalen Algenblüten liegen oder daran, dass Giftstoffe aus den Fluss-Sedimenten wieder aufgewirbelt werden – Fakt ist, dass darunter das gesamte Ökosystem leidet. Auf der Suche nach Antworten braucht es die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft.“

Droht eine weitere Oder-Katastrophe?

Unteres Odertal © Chris Martin Bahr / WWF
Unteres Odertal © Chris Martin Bahr / WWF

Der Bericht der WWF-Kolleginnen und -Kollegen aus Polen stellt klar: „Was und in welcher Menge in die polnischen Flüsse gelangt, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine staatliche Institution, die den Zustand der Flüsse kontinuierlich überwacht. Bestehende Vorschriften werden nicht durchgesetzt, und die Strafen für Umweltverschmutzung sind nicht abschreckend. Auch das System zur Prävention solcher Katastrophen hat versagt.“

Weiter heißt es: „Der Abfluss von Salzwasser (wahrscheinlich aus den Bergwerken) in Verbindung mit der Trockenheit und Hitze bildete [im Sommer 2022] eine verheerende Mischung für die Oder.“ Der WWF Polen weist eindringlich darauf hin, dass das Ökosystem des zweitgrößten Flusses des Landes ernsthaft bedroht sei, wenn weiter Salzwasser eingeleitet werde.

Der WWF Deutschland schließt sich dieser Einschätzung an. Solange die Ursache der tödlichen Welle nicht aufgeklärt ist, lassen sich die ökologischen und wirtschaftlichen Schäden kaum abschätzen. „Wir dürfen auf keinen Fall zur Tagesordnung übergehen. Wenn alles so bleibt wie es ist, dann folgt im nächsten trockenen Sommer die gleiche Katastrophe“, betont Finn Viehberg. Gemeinsam mit seinen polnischen Kolleginnen und Kollegen fordert er eine lückenlose Aufklärung und einen Rettungsplan für den gebeutelten Fluss. „Wir müssen aus der Katastrophe lernen und die grenzüberschreitende Kommunikation deutlich verbessern und bestehende Schutzstrategien lückenlos umsetzen und einfordern.“ Nur so sei eine schnelle Reaktion in der Zukunft möglich.

Oder effektiv schützen

Es gelte zudem, Kontrollen von angrenzenden Industriebetrieben zu verschärfen. Ganz wichtig ist den Naturschützer:innen auf beiden Seiten des Oderufers aber, dass alle Ausbaupläne der Oder, die den Zustand der einzigartigen Flussnatur weiter verschlechtern, gestoppt werden oder zumindest neu auf den Prüfstand kommen. Denn, so macht der Bericht des WWF Polen deutlich: „Der fortgesetzte Ausbau der Oder (…) kann den schlechten Zustand des Flusses verschlimmern und das Risiko von Umweltkatastrophen in den kommenden Jahren erhöhen. Die Katastrophe könnte sich wiederholen, wenn ähnliche Bedingungen wie im Sommer 2022 herrschen.“ Mit Blick auf die Klimakrise ein sehr wahrscheinliches Szenario.

Dringend nötige Maßnahmen aus Sicht des WWF Polen:

•    Stopp des Oder-Ausbaus
•    Eingesparte Mittel zur Wiederherstellung des Ökosystems nutzen
•    Industrieabwasser- und Salzwasseraufbereitung verbessern
•    Wirksame Kontrolle von Wassernutzer:innen und illegalen Abwassereinleitungen
•    Überprüfung des Krisenmanagements
•    Konkrete Pläne zur Wiederherstellung des Ökosystems Oder vorstellen
•    Zivilgesellschaft und wissenschaftliche Organisationen in diese Pläne einbeziehen
•    Wasserbewirtschaftung künftig unter die Aufsicht des Ministeriums für Klima und Umwelt stellen

Finn Viehberg sagt: „Der Schutz der Oder bedeutet nicht nur die Bewahrung einer einzigartigen Flusslandschaft, sondern es ist zugleich auch ein sehr wichtiger Beitrag zum Schutz der Ostsee – die auch massiv unter verschiedensten Umwelteinflüssen leidet.“
 

Der WWF ist im deutschen „Aktionsbündnis lebendige Oder“ und im internationalen Verbändebündnis „Zeit für die Oder“ aktiv. Mehr dazu finden Sie unter: https://saveoder.org/.

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