Das klimabedingt notwendige Umdenken hin zu einer pflanzlichen Ernährung ist in deutschen Supermärkten und Discountern noch immer nicht angekommen. Das zeigt die Grillprodukt-Rabattanalyse 2022 des WWF, für die wir vier Wochen lang Werbeprospekte des Lebensmitteleinzelhandels ausgewertet haben. Trotz deutlich höherer Lebensmittelpreise ist der durchschnittliche rabattierte Kilopreis von beworbenem Grillfleisch im Vergleich zum Vorjahr nur leicht gestiegen.

Grillen im Garten © halfpoint / iStock / Getty Images
Grillen im Garten © halfpoint / iStock / Getty Images

Es scheint, als würden sich Supermärkte auch im Schatten des Angriffskrieges auf die Ukraine mit Billigstpreisen für Fleisch von Tieren aus schlechten Haltungsstufen gegenseitig unterbieten wollen: Während die Lebensmittelpreise steigen und in einigen Teilen der Welt die Ernährungssicherheit gefährdet ist, landet hierzulande weiterhin ein Großteil des Getreides zur Fleischproduktion im Futtertrog. Damit verschläft der Lebensmitteleinzelhandel einen Trend, der längst in der Bevölkerung angekommen ist – weg von der fleischlastigen Ernährung hin zu einer vermehrt pflanzenbasierten Kost, die für uns Menschen und unseren Planeten gesünder ist und zudem die weltweite Ernährungssicherheit stärkt.

Alle WWF-Grillfleisch-Rabattanalysen zum Download

Billigfleisch en masse

Zur Grillsaison sind die Werbeprospekte von Supermärkten und Discountern voll mit billigen Fleischangeboten. Vegetarisches und veganes Grillgut ist hingegen nur selten zu finden und im Schnitt deutlich teurer. Unsere Analyse zeigt: 83 Prozent der Fleischprodukte sind billiger als pflanzenbasierte Würstchen oder Burger. Im Schnitt sind Fleischersatzprodukte mit 10,80 Euro pro Kilo 66 Prozent teurer als rabattiertes Geflügelfleisch mit 6,49 Euro pro Kilo. Der Preis von rabattiertem Biofleisch ist im Vergleich zum Vorjahr um 73 Prozent auf 17,56 Euro pro Kilo gestiegen.

Die gute Nachricht: Fleischersatzprodukte wie Seitanwürstchen, Tofuburger oder Bratwürste auf Erbsen- oder Weizenbasis werden in unserer diesjährigen stichprobenartigen Analyse häufiger in den Rabattprospekten angeboten. Allerdings bewegen sich die Supermärkte nur in ganz kleinen Schritten in die richtige Richtung: Noch immer stehen den wenigen Fleischersatzprodukten Berge an Kotelett, Nackensteak und Co. gegenüber.

Fleischrabatte intransparent

Auslauf für Schweine © Arnold Morascher / WWF
Auslauf für Schweine © Arnold Morascher / WWF

Bei mehr als der Hälfte aller Grillfleischprodukte in Supermarktprospekten ist die Höhe des Rabattes bei den Angeboten nicht nachvollziehbar, da der Ausgangspreis nicht genannt wird. Das entspricht etwa dem Vorjahreswert. Die Verkaufspreise sind aber dennoch zumeist auf eher niedrigem Niveau und liegen deutlich unter dem fleischloser Grillprodukte. Seit dem 28. Mai 2022 muss bei Werbung mit Preisermäßigung der vorherige Verkaufspreis angegeben werden. Unser Analysezeitraum endete vor dem Inkrafttreten der Preisangabenverordnung.

Bio, Haltungsform, Herkunft – beim Grillen egal?

Der höchste ausgewiesene Rabatt betrug 54 Prozent für ein Schweinenackensteak Bockbier Style der Haltungsform 1 aus Deutschland. Der niedrigste rabattierte Preis betrug 1,16 Euro für ein Kilogramm Putenbruststeaks der Haltungsform 2, ohne Angabe der Herkunft. Trotz der gestiegenen Lebensmittelpreise ist dies über 40 Prozent billiger als das billigste Produkt des Vorjahres, nämlich Hähnchenschenkel für 1,96 Euro pro Kilo, ohne Angabe von Herkunft und Haltungsform. Bei einem Drittel der Fleischprodukte ist die Haltungsform, die Auskunft über das Tierwohl gibt, nicht ausgewiesen – im Vorjahr war dies noch bei zwei Dritteln der Fall. Bioprodukte machen hingegen nur drei Prozent der untersuchten Angebote aus, was etwa dem Vorjahreswert von zwei Prozent entspricht.

Einen leichten Aufwärtstrend gibt es bei den Haltungsformen, Tierwohl liegt jedoch noch in weiter Ferne. Es ist davon auszugehen, dass 95 Prozent des beworbenen Grillfleisches unter niedrigsten Tierwohlstandards der Haltungsklassen 1 und 2 produziert wurden. Also von Tieren stammt, die zum ersten Mal mit frischer Luft in Kontakt kommen, wenn sie auf unserem Grill brutzeln. Mehr als die Hälfte des Fleisches stammt überdies nicht aus Deutschland, obwohl hierzulande mehr Fleisch produziert als gegessen wird.

Der Regenwald wird an der Fleischtheke verramscht

Abholzung im Amazonas Regenwald, La Chorrera © Luis Barreto / WWF UK
Abholzung im Amazonas Regenwald, La Chorrera © Luis Barreto / WWF UK

Damit Fleisch zu Billigpreisen angeboten werden kann, muss massenhaft Vieh gehalten und im großen Stil Futtermittel – vor allem Soja – importiert werden. Das zerstört immer mehr wertvolle Lebensräume wie etwa Regenwälder und Savannen in Lateinamerika und treibt die Erderhitzung weiter voran.

Je weiter die Abholzung der Regenwälder voranschreitet, desto eher wird ein weiterer Kipppunkt im Klimasystem der Erde erreicht. Die völkerrechtlich bindenden Pariser Klimaziele einzuhalten, wird immer schwieriger und es wird wahrscheinlicher, dass die globale Erhitzung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Die Kosten des Fleischkonsums trägt die Allgemeinheit

Für die Folgen des übermäßigen Fleischkonsums zahlen alle Menschen, auch jene, die wenig oder gar kein Fleisch essen. Zusammengenommen belaufen sich die sogenannten externen Kosten in Deutschland pro Jahr auf rund sechs Milliarden Euro: Mit Steuergeldern wird nicht nur ein Agrarsystem subventioniert, das Masse über Klasse stellt, sondern es werden beispielsweise auch die Gewässer gereinigt, die durch die Tierhinterlassenschaften mit Nitrat verschmutzt sind. Und die Krankenkassenbeiträge aller Versicherten fließen in die Behandlungskosten derjenigen, die aufgrund ihres Fleischkonsums krank geworden sind.

Zukünftig sollten sich auf den Preisschildern von Lebensmitteln nicht nur die Produktionskosten widerspiegeln, sondern auch die Kosten für Umwelt, Klima und Gesellschaft.
 

Handlungsempfehlungen für Supermärkte und Bundesregierung

Die WWF-Grillproduktanalyse „Lebensmitteleinzelhandel verschläft den Ernährungstrend“ führt die Ergebnisse detailliert auf, erläutert die Methodik und formuliert Handlungsempfehlungen für Politik, Lebensmitteleinzelhandel und Verbraucher:innen.

Pflanzliche Alternativen im Mittelpunkt

Der Lebensmitteleinzelhandel kann deutlich mehr tun, um den Kaufanreiz für Fleischersatzprodukte zu steigern: Beispielsweise pflanzliche Alternativen stärker bewerben und auf Dumpingpreise beim Fleisch verzichten, statt die Preise der Lockangebote zu senken.

Nachhaltiges Essen für alle

Die Politik muss mit einem ernährungspolitischen Gesamtkonzept die Weichen dafür stellen, dass beim Kauf von Lebensmitteln die naheliegendste Wahl auch die gesündeste und nachhaltigste ist. Und sie muss für alle Menschen erschwinglich sein. Ernährungspolitik darf nicht auf dem Rücken von Sozialpolitik ausgetragen werden.

Bei steigenden Preisen für Dünger und Futtermittel darf auch das Wohl der Bäuerinnen und Bauern nicht aus den Augen verloren werden. Die gestiegenen Lebensmittelpreise im Einzelhandel müssen sich in höheren Erzeugerpreisen widerspiegeln.

Der WWF fordert unter anderem, dass die Bundesregierung umgehend den Mehrwertsteuersatz auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte senkt – das hat die Europäische Union vor Kurzem möglich gemacht. 
 

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