Die biologische Vielfalt ist die Summe der Vielfalt der Arten, der Vielfalt der Lebensräume und der genetischen Vielfalt innerhalb der Tier- und Pflanzenarten. Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass unsere Natur nur Dank der großen biologischen Vielfalt „funktioniert“. Sie ist der Antriebsmotor, der alle wesentlichen Lebensvorgänge am Laufen hält und damit unsere eigenen Lebensgrundlagen sichert: Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen reinigen Wasser und Luft, dienen als Nahrung und Arzneimittel und sorgen für fruchtbare Böden sowie angenehmes Klima.

Die biologische Vielfalt in schlechtem Zustand

Mangroven in Brasilien © Adriano Gambarini / WWF Brasilien
Mangroven in Brasilien © Adriano Gambarini / WWF Brasilien

Der Mensch hat in den vergangenen Jahren einen nie da gewesen Abwärtstrend der biologischen Vielfalt eingeleitet und nichts deutet derzeit darauf hin, dass sich diese Entwicklung umkehrt oder verlangsamt. Schätzungsweise 60 Prozent der weltweiten Ökosysteme haben sich in den letzten 50 Jahren verschlechtert. Zu den anfälligsten Lebensräumen weltweit zählen Korallenriffe, Mangrovenwälder und Feuchtgebiete. Auch die biologische Vielfalt der Meere ist in Gefahr: Ozeane versauern und die weltweite kommerzielle Fischerei dezimiert mit zerstörerischen Fangmethoden ganze Fischbestände, die sich nur langsam oder gar nicht mehr erholen.

Als Gründe für den Schwund der biologischen Vielfalt gelten:

  • der Verlust, Fragmentierung und Schädigung von Lebensräumen, besonders durch die Umwandlung für die Landwirtschaft;
  • die Übernutzung von Tier- und Pflanzenarten und bestandsgefährdende Praktiken, vor allem in der Jagd und Fischerei;
  • die Verschmutzung von Böden, Binnengewässern, Meeren und Küsten, besonders die Versauerung der Meere;
  • die Ausbreitung invasiver Arten und Gene;
  • die Auswirkungen des Klimawandels; und
  • Subventionen und wirtschaftliche Anreize, die der biologischen Vielfalt schaden.

Der Verlust hat seinen Preis

Durch den Verlust der biologischen Vielfalt und zerstörten natürlichen Lebensräume gehen uns lebensnotwendige Güter und unersetzbare Dienste verloren. Nur unter großem personellen, technischen und finanziellen Auffand können wir ersetzen, was eine intakte Natur uns kostenfrei bietet. Das käme uns teuer zu stehen und würde allein in Europa mit 50 Milliarden Euro jährlich zu Buche schlagen.

Wälder

Abholzung © Brent Stirton / Getty Images / WWF UK
Abholzung © Brent Stirton / Getty Images / WWF UK

Wälder sind neben Korallenriffen die Regionen mit der größten biologischen Vielfalt. Auch mehr als 60 Millionen Menschen leben direkt im und vom Wald. Wälder produzieren Sauerstoff, speichern Kohlenstoff und Wasser, bewahren vor Überflutungen und schützen den Boden vor Erosion. Der globale Handel mit Waldprodukten hatte 2004 einen Wert von 327 Milliarden US-Dollar – und lag damit höher als die Gesamtausgaben des Bundeshaushaltes.

Meere

16,5 Kilogramm Fisch verspeist jeder Mensch pro Jahr im Durchschnitt. Über die Hälfte kommt dabei aus Wildfängen. Besonders in Entwicklungsländern ist Fisch eine Hauptquelle tierischer Proteine. Doch drei Viertel aller heute genutzten Fischbestände sind längst bis an ihre Grenzen ausgebeutet oder überfischt.

Medizin

Etwa 50.000 bis 70.000 Pflanzenarten werden in traditioneller und moderner Medizin genutzt. Schätzungsweise 15.000 davon sind bereits bedroht. 70 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung benötigen traditionelle pflanzliche Wirkstoffe für ihre gesundheitliche Versorgung. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass der Weltmarkt für Arzneimittel aus Pflanzen einen Wert von rund 40 Milliarden Euro hat. In Deutschland basieren etwa 50 Prozent der heute gebräuchlichen Arzneimittel auf Heilpflanzen oder deren Inhaltsstoffen.

Klimaschutz

Entwaldung durch Feuer in Bolivien © Jaime Rojo / WWF USA
Entwaldung durch Feuer in Bolivien © Jaime Rojo / WWF USA

Nachhaltig funktionsfähige Ökosysteme werden eher in der Lage sein, sich an den Klimawandel anzupassen als geschädigte – und sie sind wichtige Kohlenstoffspeicher. Mehr als ein Fünftel der weltweiten Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid sind bereits auf Entwaldung und veränderte Landnutzung zurückzuführen.

Landwirtschaft

Zwei Drittel aller angebauten Feldfrüchte sind zum Beispiel auf Bestäubung durch Tiere angewiesen. Der wirtschaftliche Wert der natürlichen Bestäubung wird weltweit auf 30 bis 60 Milliarden Euro geschätzt. Alleine die Verluste durch das Bienensterben in den USA im Jahr 2007 bezifferte man dort auf 14 Milliarden US-Dollar.

Armutsbekämpfung

1,1 Milliarden Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Für diese Menschen sind funktionierende Ökosysteme existenziell zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse, gerade weil 70 Prozent der Bevölkerung noch in ländlichen Gebieten lebt. Naturzerstörung- und Übernutzung entzieht Menschen dort ihre Lebensgrundlagen und führt oft zu Armut.

Wirtschaft

Der Amazonas ist mehr denn je von Abholzung bedroht © Michael Dantas / WWF-Brasilien
Der Amazonas ist mehr denn je von Abholzung bedroht © Michael Dantas / WWF-Brasilien

Erneuerbare Energien wie Holz oder Biomasse spielen immer noch eine wichtige Rolle in der Energieversorgung in den sog. Entwicklungsländern. Darüber hinaus sind Holz, Öle, Farbstoffe oder Heilpflanzen unentbehrliche Rohstoffe für viele Industriezweige – auch als Vorlage für zukunftsweisende technische Innovationen (Bionik). Ohne ausreichende genetische Vielfalt ist auch das Züchtungspotenzial eingeschränkt. Allein der jährliche Marktwert der aus genetischen Ressourcen entwickelten Produkte wird laut Bundesumweltministerium auf 350 bis 580 Milliarden Euro geschätzt.

Tourismus

Für 80 Prozent der deutschen Urlauber ist das Erleben intakter Natur ein wichtiger Teil der Ferien. Die Tourismusbranche hat sowohl die Rolle des potenziellen Verursachers als auch die Rolle des potenziell Begroffenen möglicher Beeinträchtigungen der biologischen Vielfalt. Sie ist wie kaum eine andere Branche auf die Vielfalt an Ökosystemen und Arten angewiesen.

Zukunftsvorsorge

Je höher die genetische Vielfalt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es Arten gibt, die sich auch an verändernde Umweltbedingungen anpassen können. Allein deshalb sollten wir die biologische Vielfalt so komplett wie möglich erhalten – als Vorsorge für künftige Generationen.

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