Diese Erfahrung hat wahrscheinlich jede:r schon einmal gemacht: Man kauft in einem Geschäft zum Beispiel eine Speicherkarte oder einen Kopfhörer und trägt eine im Verhältnis zum Produkt vollkommen überdimensionierte Verpackung nach Hause. Manchmal ist das Produkt wie bei einer russischen Matruschka-Puppe sogar innerhalb der Verpackung noch einmal in Plastik eingeschweißt.

Ganz ähnlich sieht es bei verpackten Lebensmitteln aus. Im heimischen Mülleimer spiegelt sich dann eine Situation, die für ganz Deutschland gilt: Der Großteil des Plastikmülls besteht aus Verpackungen. Nur ein Teil davon wird recycelt, rund die Hälfte jedoch „thermisch verwertet“, also verbrannt.

Kreislaufwirtschaft ist ökologisch, sozial und wirtschaftlich sinnvoll

Die gute Nachricht ist jedoch: Wir können in Deutschland bis zum Jahr 2040 Verpackungsmüll erheblich verringern, Ressourcen einsparen und den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren. Alle Werkzeuge, Ideen und Lösungen dafür stehen uns bereits jetzt zur Verfügung. Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft ist sowohl ökologisch und sozial wünschenswert als auch wirtschaftlich tragfähig. Das zeigen die Ergebnisse aus der aktuellen WWF-Studie zur Verpackungswende.

Um diese Ziele zu erreichen, sind jedoch erhebliche Anstrengungen von Politik und Industrie, aber auch von Verbraucher:innen nötig. Um Verpackungsmüll zu reduzieren oder am besten gar nicht erst entstehen zu lassen, muss Deutschland jetzt eine umfassende Verpackungswende hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft einläuten.

Von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft

Volle Plastikmülltonen © GettyImages
Volle Plastikmülltonen © GettyImages

Lineares Verpackungssystem nennt sich das System der kurzen Lebenszyklen von Verpackungen, welches in Deutschland immer noch viel zu oft die Regel ist. Oder treffender: Wegwerfgesellschaft.

Obwohl Deutschland im globalen Vergleich als Recycling-Weltmeister gilt, werden auch hier noch über die Hälfte, nämlich 51 Prozent aller Kunststoffverpackungen verbrannt, anstatt sie wiederzuverwerten. Fast 90 Prozent aller Kunststoffverpackungen werden ganz neu produziert. Wichtigster Rohstoff in der Regel: Die fossile Ressource Erdöl.

Plastic change, not climate change

Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages
Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages

Und jedes Jahr werden mehr und mehr Verpackungen produziert. Pro Kopf fallen jährlich 227 Kilogramm Verpackungsmüll an, davon rund 39 Kilogramm Plastikmüll. Der steigende Konsum bedeutet immer mehr Ressourcen, die nach kurzer Nutzungsphase entsorgt werden.

Kunststoffverpackungen tragen zur Erderhitzung bei: Allein bei den Verpackungen sorgt unser Kunststoffverbrauch – von der Produktion des Rohplastiks, zur Verarbeitung, Nutzung und Verwertung – für den Ausstoß von 15,3 Millionen Tonnen Treibhausgasen im Jahr. Zum Vergleich: Der gesamte innerdeutsche Flugverkehr war im Jahr 2019 für rund zwei Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich.

Die Verpackungswende ist möglich

Dabei ist eine kreislauforientierte und nachhaltigere Verpackungswirtschaft in Reichweite, wenn wir alle Hebel umsetzen und einen Systemwandel einleiten. Das ist das Ergebnis der WWF-Studie „Verpackungswende - jetzt!“

Wenn wir Verpackungen vermeiden, zu Mehrwegsystemen transformieren oder so konstruieren, dass sie in Kreislaufsystemen über lange Zeiträume wiederverwertet werden können, reduziert das den Verbrauch von Rohstoffen, vermeidet Abfälle, entlastet Klima und Natur und fördert nicht zuletzt neue Geschäftsmodelle.

Sieben Maßnahmen für die Verpackungswende

Für die Lösung unserer Verpackungskrise gibt es kein Patentrezept, jedoch eine Vielfalt von Ansätzen, die parallel umgesetzt werden müssen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Verbraucher:innen, Industrie und Politik ist dabei der Schlüssel.

Um von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft zu gelangen, hat die WWF-Studie sieben zentrale Maßnahmen formuliert, mit denen die Verpackungswende hin zu einem Kreislaufsystem gelingen kann. Die Analyse zeigt, dass Deutschland bis 2040 das Gesamtabfallvolumen um 40 Prozent, den Verbrauch von Neuplastik um über 60 Prozent und die Verbrennung von Abfällen zur Energiegewinnung um über 70 Prozent reduzieren kann. Dies wäre ein wirksamer Baustein für den Klimaschutz: 68 Millionen Tonnen Treibhausgase können so bis 2040 eingespart werden.

Die meisten dieser Maßnahmen sind nicht neu, der aktuelle WWF-Bericht übersetzt sie aber zum ersten Mal in konkrete Zahlen und zeigt, wie und in welchem Zeitrahmen eine solche Vision Wirklichkeit werden kann.

Maßnahme 1 - Unnötige Verpackungen vermeiden und Verpackungen minimieren

Unnötige Verpackungen aus Plastik © GettyImages
Unnötige Verpackungen aus Plastik © GettyImages

Ein wichtiger Schritt hin zur Verpackungswende ist die Vermeidung von unnötigen und überdimensionierten Verpackungen. Allein dadurch könnten Kunststoffabfälle bis 2040 um acht Prozent reduziert werden. Einheitliche Standards und Richtlinien für Kunststoffverpackungen sind dabei wichtige Voraussetzungen für die Realisierung dieser Maßnahme.

Maßnahme 2 - Mehr Mehrwegsysteme

Ein bedeutender Hebel zur Erhöhung der Kreislaufwirtschaft sind Mehrwegsysteme. Nicht nur in Supermärkten könnte der Anteil an Mehrwegverpackungen noch erheblich ausgeweitet werden, auch für Transportverpackungen gibt es inzwischen gute Mehrwegkonzepte. Zur Umsetzung dieser Maßnahme kann auch ein Rückgaberecht für Pfandflaschen beitragen. Für Obst und Gemüse gibt es bereits pflanzliche und sogar essbare Beschichtungen, die aus organischen Abfällen bestehen. So kann die Lebensdauer von Obst und Gemüse erhöht und Müll vermieden werden. Durch Mehrwegsysteme und Müllvermeidung könnten Kunststoffabfälle bis 2040 um bis zu 23 Prozent reduziert werden.

Maßnahme 3 - Schlecht recycelbare Materialien ersetzen

Alternative Verpackungen um Plastik zu vermeiden © GettyImages
Alternative Verpackungen um Plastik zu vermeiden © GettyImages

Plastik ist nicht gleich Plastik. Manche Kunststoffe können besser, andere schlechter wiederverwertet werden. Schätzungsweise neun Prozent der Einwegkunststoffe könnten durch Materialien ersetzt werden, die einen besseren ökologischen Fußabdruck haben und leichter recycelbar sind. Wo Einwegverpackungen unverzichtbar sind, kann Plastik zum Teil durch Papier, oder biobasierte Materialien ersetzt werden.

Maßnahme 4 – Design for Recycling: Verbundmaterialien abschaffen, Recyclingquote erhöhen

Ob Folien, Chipstüten oder Mozzarella: Viele Verpackungen bestehen aus mehreren Schichten verschiedener Materialien, die sich nicht oder nur schlecht voneinander trennen lassen. Zum Recycling muss der Kunststoff aber möglichst sortenrein sein.

Laut Verpackungsgesetz soll die Recyclingquote im Jahr 2022 bei 68 Prozent liegen. Zurzeit werden aber nur 20 Prozent im besonders nachhaltigen, geschlossenen Kreislaufverfahren (Closed-Loop-Verfahren) recycelt. Zehn Prozent werden im sogenannten Open-Loop-Verfahren recycelt, bei dem der recycelte Kunststoff minderwertiger ist und kaum mehr weiterverwertet werden kann. Er wird „downgecycelt“.

Maßnahme 5 - Bessere Trennung und Sortierung

Mülltonnen für Plastikmüll © GettyImages
Mülltonnen für Plastikmüll © GettyImages

Gelber Sack oder orange Wertstofftonne? Noch immer gibt es keinen bundesweit einheitlichen Standard für das Sammeln und Sortieren von Verpackungsmüll. Das kann zu Verwirrung führen.

Eine nationale Standardisierung mit klaren Anweisungen und einer langfristigen begleitenden Kampagne würde Verbraucher:innen den kreislauforientierten Umgang mit ihrem Kunststoffmüll erleichtern und die Recyclingrate erhöhen. Beim Closed-Loop Verfahren könnte die Recycling-Menge so um 22 Prozent und beim Open-Loop-Verfahren um sechs Prozent verbessert werden.

Maßnahme 6 - Neue Vorschriften und Technologien für lebensmitteltaugliche Kunststoffe

Nicht alle recycelten Kunststoffe – sogenannte Rezyklate – sind für die Verpackung von Lebensmitteln geeignet. Rezyklate mit Lebensmittelkontakt müssen besondere Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Würden Kunststoffarten außerdem separat gesammelt, könnten sie deutlich hochwertiger recycelt werden. Auch chemisches Recycling, bei dem ein Produkt in seine chemischen Grundbausteine zersetzt wird, kann als ergänzende Lösung hier sinnvoll sein.

Maßnahme 7 - Recyclingmärkte fördern

Rezyklate - recycelte Kunststoffe © GettyImages
Rezyklate - recycelte Kunststoffe © GettyImages

Die Produktion ganz neuer Kunststoffe ist immer noch zu billig, ihre Sortierung und Aufbereitung hingegen aufwändiger und teurer.

Damit mehr Verpackungen aus Rezyklaten hergestellt werden können, muss es dafür ökonomische Anreize geben. Hier können einheitliche Standards helfen, die zum Beispiel die Qualität von Rezyklaten festlegen. Auch können wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, um die Nachfrage nach Rezyklaten zu fördern.

Das Ziel ist ehrgeizig, aber erreichbar

Bereits jetzt stehen uns alle notwendigen Strategien, Richtlinien und Technologien für die Verpackungswende zur Verfügung. Die Lösung liegt in der Vielfalt der Maßnahmen und ihrer zügigen, aufeinander abgestimmten Umsetzung. Die neue WWF-Studie zur Verpackungswende zeigt aber nicht nur Lösungen auf, sondern ist auch ein Aufruf zum Handeln: Um die Pariser Klimaziele zu erreichen und die Umwelt vor noch mehr unnötiger Ressourcennutzung und Treibhausgasen zu schützen, müssen Technologieanbieter:innen, politische Entscheidungsträger:innen und Investor:innen mutig voranschreiten! Deutschland muss als Recycling- und Mehrweg-Weltmeister zum Vorbild in Europa und für andere Industrieländer werden.

Wir freuen uns Ihnen die Studie am Montag, den 30. August 2021, von 15:00 bis 17:00 Uhr, in einem vertiefenden Webinar vorstellen zu dürfen. Neben dem WWF und SYSTEMIQ werden auch Expert*innen von PreZero, Vytal und dem BDI Gesprächsbeiträge beisteuern.
Für eine Teilnahme am Event, bitten wir Sie um eine kurze Anmeldung. Im Anschluss erhalten Sie automatisch einen Einwahllink zugesandt.

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