Diese Erfahrung hat wahrscheinlich jede:r schon einmal gemacht: Man kauft in einem Geschäft zum Beispiel eine Speicherkarte oder einen Kopfhörer und trägt eine im Verhältnis zum Produkt vollkommen überdimensionierte Verpackung nach Hause. Manchmal ist das Produkt wie bei einer russischen Matruschka-Puppe sogar innerhalb der Verpackung noch einmal in Plastik eingeschweißt.

Benötigt werden zukunftsfähige Konzepte und Lösungen, um den primären Ressourcenverbrauch und das Abfallaufkommen insgesamt zu reduzieren. Es braucht funktionierende Abfallmanagementsysteme weltweit (erweiterte Produzentenverantwortung) und systemische Veränderungen, welche nur gemeinsam mit Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft formuliert und umgesetzt werden können.  

WWF Studie: Verpackungswende jetzt! Wie eine Kreislaufwirtschaft für Kunststoffverpackungen in Deutschland funktionieren kann.

Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages
Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages

Verpackungen landen in Deutschland in den meisten Fällen nicht in der Umwelt. Aber: Deutschland verschwendet wertvolle Ressourcen im Umgang mit Kunststoffverpackungen. Zu rund 90 Prozent werden sie aus Neukunststoff gefertigt, über die Hälfte wird nach Gebrauch verbrannt. Jährlich sind das 1,6 Mio. Tonnen Kunststoffverpackungen im Wert von 3,8 Mrd. Euro. Trotz hoher Sammel- und Recyclingquoten ist das deutsche Kunststoffsystem derzeit hoch linear, das heißt eine Einbahnstraße von der Produktion zur Entsorgung. Eine von WWF und SYSTEMIQ gemeinsam erstellte Studie analysiert und quantifiziert die schon heute zur Verfügung stehenden Hebel im deutschen Verpackungssystem und beweist, dass deutlich mehr Kreislaufwirtschaft bei Kunststoffverpackungen möglich ist. Zu den wichtigsten Stellschrauben zählen demnach innovative Wiederverwendungsmodelle, Vermeiden und Minimieren unnötiger Verpackungen sowie recyclinggerechtes Design.

Bis 2040 könnten auf diese Weise mehr als 20 Mio. Tonnen Kunststoff eingespart werden – das entspricht mehr als dem sechsfachen Jahresverbrauch an Kunststoffverpackungen in Deutschland. Die Analyse zeigt, dass Deutschland bis 2040 das Gesamtabfallvolumen um 40 Prozent, den Verbrauch von Neuplastik um rund 60 Prozent und die Verbrennung von Abfällen zur Energiegewinnung um über 70 Prozent reduzieren kann. Dies wäre ein wirksamer Baustein für den Klimaschutz: 68 Millionen Tonnen Treibhausgase können so bis 2040 eingespart werden. Läuft dagegen alles weiter wie bisher, wird allein die Herstellung und Entsorgung von Kunststoffverpackungen ca. fünf Prozent des deutschen Treibhausgasbudgets bezogen auf das 1,5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens beanspruchen.

Für den Zeithorizont bis 2040 zeigt die WWF-Studie drei konkrete Szenarien auf:

1. Weiter wie bisher (Business-as-usual)

Unter einem Szenario „Weiter wie bisher“ oder „Business-as-usual“ (BAU) ist ein mäßiges Wachstum der Kunststoffmengen für Verpackungen zu erwarten: ca. 0,6 Prozent pro Jahr bzw. 14 Prozent bis 2040.

Verbleib von Kunststoffverpackungsabfällen im Szenario „Business-as-usual“ © WWF
Verbleib von Kunststoffverpackungsabfällen im Szenario „Business-as-usual“ © WWF
2. Die Entwicklung unter Berücksichtigung derzeitiger Verpflichtungen aus Politik und Wirtschaft, wie z.B. die Umsetzung der EU-Einwegkunststoffverordnung

Die bestehenden Verpflichtungen reichen nicht aus, um den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft im Verpackungswesen zu ermöglichen. Selbst wenn sämtliche bestehende Verpflichtungen vollständig umgesetzt, durchgesetzt und erfüllt würden, stiege der Neuplastikverbrauch um 4 Prozent; das Gesamtaufkommen an Abfällen würde sich um 5 Prozent gegenüber 2019 verringern.

Auswirkungen der bestehenden Verpflichtungen auf Abfallverringerung und -verbrennung (2019–2040) © WWF
Auswirkungen der bestehenden Verpflichtungen auf Abfallverringerung und -verbrennung (2019–2040) © WWF
3. Ein Systemwechsel, in dem alle heute verfügbaren Hebel auf Kreislaufwirtschaft für Plastikverpackungen ausgerichtet würden

Die Analyse zeigt, dass Deutschland bis 2040 das Gesamtabfallvolumen um 40 Prozent, den Verbrauch von Neuplastik um rund 60 Prozent, und die Verbrennung von Abfällen zur Energiegewinnung um über 70 Prozent reduzieren kann.

Verbleib von Verpackungsabfällen aus Kunststoff – Szenario „Systemwandel“ © WWF
Verbleib von Verpackungsabfällen aus Kunststoff – Szenario „Systemwandel“ © WWF

Die Analyse macht deutlich: Die bisherigen politischen Verpflichtungen werden zwar die Recyclingquote steigern und die Verbrennungsrate senken, doch der Abfallberg wächst weiter. Für einen Kurswechsel reicht das nicht. Selbst wenn alle aktuellen Verpflichtungen vollständig umgesetzt würden, stiege der Bedarf an Neuplastik um vier Prozent an. Entscheidend für die Neuausrichtung ist ein grundlegendes Umdenken, das konsequent auf Abfallvermeidung fokussiert statt nur auf die Erhöhung der Recyclingmengen wie bisher.

Damit der Systemwandel Realität wird, muss die Regierung verbindliche Leitplanken setzen, die ressourcenarme Verpackungen belohnen, das Gesamtabfallaufkommen reduzieren, die Recyclingfähigkeit von Verpackungen verbessern, die Sammlung und Sortierung vorantreiben und Anreize für die Verwendung von Rezyklaten in Verpackungen schaffen.

Kreislaufwirtschaft ist ökologisch, sozial und wirtschaftlich sinnvoll

Die gute Nachricht ist jedoch: Wir können in Deutschland bis zum Jahr 2040 Verpackungsmüll erheblich verringern, Ressourcen einsparen und den Ausstoß von Treibhausgasen reduzieren. Alle Werkzeuge, Ideen und Lösungen dafür stehen uns bereits jetzt zur Verfügung. Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft ist sowohl ökologisch und sozial wünschenswert als auch wirtschaftlich tragfähig. Das zeigen die Ergebnisse aus der aktuellen WWF-Studie zur Verpackungswende.

Um diese Ziele zu erreichen, sind jedoch erhebliche Anstrengungen von Politik und Industrie, aber auch von Verbraucher:innen nötig. Um Verpackungsmüll zu reduzieren oder am besten gar nicht erst entstehen zu lassen, muss Deutschland jetzt eine umfassende Verpackungswende hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft einläuten.

Von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft

Volle Plastikmülltonen © GettyImages
Volle Plastikmülltonen © GettyImages

Lineares Verpackungssystem nennt sich das System der kurzen Lebenszyklen von Verpackungen, welches in Deutschland immer noch viel zu oft die Regel ist. Oder treffender: Wegwerfgesellschaft.

Obwohl Deutschland im globalen Vergleich als Recycling-Weltmeister gilt, werden auch hier noch über die Hälfte, nämlich 51 Prozent aller Kunststoffverpackungen verbrannt, anstatt sie wiederzuverwerten. Fast 90 Prozent aller Kunststoffverpackungen werden ganz neu produziert. Wichtigster Rohstoff in der Regel: Die fossile Ressource Erdöl.

Plastic change, not climate change

Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages
Abfallhaufen mit Plastikbechern © GettyImages

Und jedes Jahr werden mehr und mehr Verpackungen produziert. Pro Kopf fallen jährlich 227 Kilogramm Verpackungsmüll an, davon rund 39 Kilogramm Plastikmüll. Der steigende Konsum bedeutet immer mehr Ressourcen, die nach kurzer Nutzungsphase entsorgt werden.

Kunststoffverpackungen tragen zur Erderhitzung bei: Allein bei den Verpackungen sorgt unser Kunststoffverbrauch – von der Produktion des Rohplastiks, zur Verarbeitung, Nutzung und Verwertung – für den Ausstoß von 15,3 Millionen Tonnen Treibhausgasen im Jahr. Zum Vergleich: Der gesamte innerdeutsche Flugverkehr war im Jahr 2019 für rund zwei Millionen Tonnen Treibhausgase verantwortlich.

Die Verpackungswende ist möglich

Dabei ist eine kreislauforientierte und nachhaltigere Verpackungswirtschaft in Reichweite, wenn wir alle Hebel umsetzen und einen Systemwandel einleiten. Das ist das Ergebnis der WWF-Studie „Verpackungswende - jetzt!“

Wenn wir Verpackungen vermeiden, zu Mehrwegsystemen transformieren oder so konstruieren, dass sie in Kreislaufsystemen über lange Zeiträume wiederverwertet werden können, reduziert das den Verbrauch von Rohstoffen, vermeidet Abfälle, entlastet Klima und Natur und fördert nicht zuletzt neue Geschäftsmodelle.

Maßnahmen für die Verpackungswende

Für die Lösung unserer Verpackungskrise gibt es kein Patentrezept, jedoch eine Vielfalt von Ansätzen, die parallel umgesetzt werden müssen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Verbraucher:innen, Industrie und Politik ist dabei der Schlüssel.

Um von der Wegwerfgesellschaft zur Kreislaufwirtschaft zu gelangen, hat die WWF-Studie sieben zentrale Maßnahmen formuliert, mit denen die Verpackungswende hin zu einem Kreislaufsystem gelingen kann. Die Analyse zeigt, dass Deutschland bis 2040 das Gesamtabfallvolumen um 40 Prozent, den Verbrauch von Neuplastik um über 60 Prozent und die Verbrennung von Abfällen zur Energiegewinnung um über 70 Prozent reduzieren kann. Dies wäre ein wirksamer Baustein für den Klimaschutz: 68 Millionen Tonnen Treibhausgase können so bis 2040 eingespart werden.

Die meisten dieser Maßnahmen sind nicht neu, der aktuelle WWF-Bericht übersetzt sie aber zum ersten Mal in konkrete Zahlen und zeigt, wie und in welchem Zeitrahmen eine solche Vision Wirklichkeit werden kann.

Das Ziel ist ehrgeizig, aber erreichbar

Bereits jetzt stehen uns alle notwendigen Strategien, Richtlinien und Technologien für die Verpackungswende zur Verfügung. Die Lösung liegt in der Vielfalt der Maßnahmen und ihrer zügigen, aufeinander abgestimmten Umsetzung. Die neue WWF-Studie zur Verpackungswende zeigt aber nicht nur Lösungen auf, sondern ist auch ein Aufruf zum Handeln: Um die Pariser Klimaziele zu erreichen und die Umwelt vor noch mehr unnötiger Ressourcennutzung und Treibhausgasen zu schützen, müssen Technologieanbieter:innen, politische Entscheidungsträger:innen und Investor:innen mutig voranschreiten! Deutschland muss als Recycling- und Mehrweg-Weltmeister zum Vorbild in Europa und für andere Industrieländer werden.

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