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Stand: 10.07.2020

Die Rote Listebedrohter Tier- und Pflanzenarten

Der Niedergang der biologischen Vielfalt geht unvermindert weiter

Ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht. In ihrer aktualisierten Roten Liste vom 9. Juli 2020 erfasst die Weltnaturschutzunion IUCN nun 32.441 Tier- und Pflanzenarten als bedroht. Das sind mehr als jemals zuvor. 

Der Feldhamster steht ganz oben auf der Liste der bedrohten Arten © imageBROKER / MichaelaxWalch
Der Feldhamster steht ganz oben auf der Liste der bedrohten Arten © imageBROKER / MichaelaxWalch

"Es ist das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier“ kommentiert Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF Deutschland die neuen Zahlen. Unter anderem der Feldhamster gilt nun weltweit als vom Aussterben bedroht. Ebenso der Atlantische Nordkaper, ein Glattwal, und mehrere Lemuren-Arten. „Wir Menschen spielen beim weltweiten Arten-Gau eine gefährliche Doppelrolle. Einerseits zerstören wir Lebensräume von Arten und feuern damit das Artensterben an. Auf der anderen Seite ist Artenvielfalt die Grundlage für funktionierende Ökosysteme, von denen wir Menschen am Ende selbst abhängen“, so Heinrich. „Eine intakte und vielfältige Natur gibt uns Nahrung, sauberes Wasser und andere Rohstoffe, reguliert das Klima und fungiert als Bollwerk gegen Krankheiten und Pandemien. Die Naturzerstörung geht vor allem zu Lasten von Milliarden von Menschen im globalen Süden, ihr Leben hängt oft unmittelbar von der Nutzung natürlicher Ressourcen ab.“

Beispiel Feldhamster

Europäischer Feldhamster © imageBROKER / MichaelaxWalch
Europäischer Feldhamster © imageBROKER / MichaelaxWalch

Früher gab es Millionen Feldhamster – vom Elsass bis nach Russland. Jetzt ist der kleine Nager vom Aussterben bedroht. Der verheerende Schwund im westlichen Europa war zwar bekannt, und in der EU ist der Feldhamster streng geschützt. Aber Forscher hatten vermutet, dass es noch zahlreiche Feldhamster in Osteuropa und Russland gäbe. Ein Trugschluss. «Wenn sich nichts ändert, wird der Feldhamster in den nächsten 30 Jahren aussterben», so der Bericht der IUCN. Feldhamster pflanzen sich heute weniger erfolgreich fort. Ein Weibchen bekommt nur noch durchschnittlich 5 bis 6 Junge im Jahr, früher waren es mehr als 20. Mögliche Ursachen: Landwirtschaftliche Monokulturen, veränderte Anbau- und Erntemethoden, Industrialisierung, globale Erwärmung und Lichtverschmutzung in dicht besiedelten Gebieten.

Beispiel Lemuren

Die Lemuren sind vom Aussterben bedroht © Louise Jasper / WWF Madagascar
Die Lemuren sind vom Aussterben bedroht © Louise Jasper / WWF Madagascar

Lemuren kommen nur auf Madagaskar und vorgelagerten Inseln vor und waren dort einst weit verbreitet. Heute ist es deutlich stiller in den Baumwipfeln der Wälder des ostafrikanischen Inselstaates. Fast ein Drittel aller Lemurenarten sind nur noch einen Schritt vom Aussterben entfernt, wie zum Beispiel Madame Berthes Mausmaki, die kleinste Primatenart der Welt. Das Tier ist ohne Schwanz nur rund zehn Zentimeter lang und wiegt etwa 30 Gramm. Von den insgesamt 107 heute noch lebenden Lemurenarten gelten nun 103 als bedroht. Schuld ist der Mensch durch Waldrodung, ausgedehnte Landwirtschaft und Bejagung.

Beispiel Primaten auf dem afrikanischen Festland

Bären-Stummelaffe © Les Lincke
Bären-Stummelaffe © Les Lincke

Aber nicht nur die Lemuren auf Madagaskar kämpfen ums Überleben – die IUCN hat mit der aktuellen Roten Liste die Neubewertung aller afrikanischen Primatenarten abgeschlossen und kommt zu dem Ergebnis, dass im restlichen Afrika auch mehr als die Hälfte aller Primatenarten bedroht sind (54 von 103 Arten). Darunter alle 17 Arten der Roten Stummelaffen, die damit die am meisten bedrohte Affengattung in Afrika darstellen. Die vielfach illegale Jagd nach Buschfleisch und der andauernde Verlust ihres Lebensraumes drängt auch den stark gefährdeten Bären-Stummelaffen weiter an den Abgrund des Aussterbens. Seine Bestände sind in den letzten 30 Jahren um mehr als die Hälfte geschwunden.  

Beispiel Glattwal

Eine der Bedrohungen des Nordkapers: Die Klimakrise © Brian. J. Skerry / National Geographic
Eine der Bedrohungen des Nordkapers: Die Klimakrise © Brian. J. Skerry / National Geographic

Ende 2018 hat es schätzungsweise nur noch weniger als 250 erwachsene Atlantische Nordkaper (Eubalaena glacialis) gegeben, eine Art der Glattwale, die früher alle massiv bejagt wurden. Ihre Zahl nimmt trotz des Walfangverbots seit Jahren kontinuierlich ab. Sie pflanzen sich seltener fort, kollidieren mit Schiffen und verfangen sich in Fischereinetzen und -leinen. Höhere Ozeantemperaturen, angefacht durch die weltweite Klimakrise, treiben zudem viele Beutetiere im Sommer Richtung Norden in den Sankt Lorenz Golf. Die Wale folgen und verheddern sich dort noch öfter in Leinen oder werden von Booten verletzt. Die Art wurde nun auf der Roten Liste der IUCN auf „vom Aussterben bedroht“ hochgestuft. 

Feldhamster, Lemuren und der Atlantische Nordkaper sind nur Beispiele für das immer schnellere Artenschwinden. Bei zahlreichen Spezies hat sich der Niedergang der vergangenen Jahre weiter beschleunigt. „Der globale Arten-Gau“, sagt Christoph Heinrich vom WWF, „spielt sich nicht nur in fernen Regenwäldern oder Meeresregionen ab, sondern auch vor der eigenen Haustür.“ Der Überlebenskampf des Feldhamsters steht dabei stellvertretend für den tausender heimischer Tiere und Pflanzen, die unter den Folgen intensiver Landwirtschaft leiden. Ohne einen ökologischen Neustart in der nationalen und europäischen Landwirtschaftspolitik droht der Artenkollaps auf deutschen Feldern und Wiesen. 

EU-Ratspräsidentschaft als Chance

Doch es ist noch nicht zu spät. Deutschland kann jetzt die Weichen stellen, um weiteres Artensterben aufzuhalten. „Im Rahmen seiner EU-Ratspräsidentschaft muss Deutschland dafür sorgen, dass 30 Prozent der Land- und Meeresfläche der EU innerhalb des kommenden Jahrzehnts einen Schutzstatus erhalten und 15 Prozent der EU-Fläche an zerstörter Natur wiederhergestellt werden“, so Heinrich.

 

Auf dem UN-Biodiversitätsgipfel 2021 könnte die EU zusammen mit vielen anderen Staaten dieses Ziel zum weltweiten Maßstab machen. Für die neue Biodiversitätsstrategie bis 2030 fordert der WWF, dass sich die Staats- und Regierungschefs zu konkreten Maßnahmen verpflichten, mehr für den Schutz der Artenvielfalt zu tun, indem sie unter anderem bessere und wirkungsvollere Gesetze schaffen, die nachhaltige Produktion von Lebensmitteln fördern, naturschädliche Subventionen abbauen und die Finanzierung von Schutzgebieten steigern.

Was ist die Rote Liste der IUCN?

Die Rote Liste ist ein Indikator für den Zustand der Biodiversität. Herausgegeben wird die Rote Liste in regelmäßigen Abständen von der Weltnaturschutzunion IUCN.

Für die Erstellung Roter Listen werten Experten auf wissenschaftlichen Grundlagen alle relevanten und zugänglichen Daten aus. Die Darstellung in Gefährdungskategorien stellt die komprimierteste Form der naturwissenschaftlichen Analyse dar.

Nationale Rote Listen

Neben der internationalen gibt es in anderen Ländern auch nationale Rote Listen. In Deutschland existieren neben der bundesweiten Roten Liste sogar einzelne Listen der Bundesländer. Außerdem werden in Deutschland Pflanzen, Tiere, Biotoptypen und Pflanzengesellschaften in getrennten Listen geführt. Ausführliche Informationen finden sich beim Rote-Liste-Zentrum des Bundesamtes für Naturschutz. Insgesamt sind im Bundesgebiet bislang mehr als 30.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten bewertet worden. Über ein Viertel davon gelten als bedroht, beziehungsweise ausgestorben. Demnach sind in Deutschland 33 % der Wirbeltiere, 34 % der wirbellosen Tiere, 31 % der Pflanzen und 20 % der Pilze bestandsgefährdet.

Unzählige Arten sterben jedes Jahr aus

Der Verlust der Artenvielfalt stellt heute eine der schlimmsten Katastrophen weltweit dar. Etwa zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten sind bislang beschrieben worden. Doch acht Millionen Arten soll es auf der Erde geben, vielleicht auch mehr. Unzählige davon verschwinden jedes Jahr.

Neuste Erhebungen gehen davon aus, dass sich die Aussterberate durch menschliche Einflüsse mittlerweile um den Faktor 100 - 1000 gegenüber der natürlichen Rate erhöht hat. Zu den weltweit wichtigsten Bedrohungsfaktoren für die Artenvielfalt zählen vor allem Lebensraumverlust und die massive Übernutzung der natürlichen Ressourcen wie etwa durch Überfischung oder auch Wilderei. Hinzu kommen Umweltverschmutzung, Klimakrise und die Verdrängung der heimischen Flora und Fauna durch eingeschleppte Arten.

Auch der Mensch ist dadurch bedroht

Das Aussterben einer Art ist unumkehrbar und schafft unkalkulierbare Risiken. Tiere und Pflanzen haben neben ihrem Eigenwert eine Funktion im Ökosystem. Gerät dieses durch Artensterben durcheinander, so wird dies auch Folgen für den Menschen haben. Nahrung, Wasser und Medizin hängen in weiten Teilen der Erde direkt von einem funktionierenden und gesunden Ökosystem mit einer hohen Artenvielfalt ab. Wird dieses Ökosystem durch Artenverlust zerstört, so gerät auch die Existenzgrundlage eines großen Teils der Weltbevölkerung unmittelbar in Gefahr.

 

 

Einige Gewinner und Verlierer aus dem Jahr 2018

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