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Stand: 19.07.2019

Die Rote Listebedrohter Tier- und Pflanzenarten

Der Niedergang der biologischen Vielfalt geht unvermindert weiter

Kein Ende der Abwärtsspirale in Sicht: In ihrer aktuellen Roten Liste hat die Weltnaturschutzunion IUCN am 18. Juli 2019 insgesamt 28.338 Tier- und Pflanzenarten als bedroht aufgeführt – das sind mehr als jemals zuvor.

Massai-Giraffe © div
Massai-Giraffe © div

Ob Primaten, Rochen, Giraffen oder Palisander: Bei vielen Spezies hat sich der Niedergang in den letzten Jahren noch beschleunigt. „Was der Asteroideneinschlag für die Dinosaurier war, ist die Menschheit für die heute vorkommende Tier- und Pflanzenwelt. Lebensraumzerstörung, Wilderei und Übernutzung von Ressourcen sowie die Klimakrise dezimieren die biologische Vielfalt in schwindelerregendem Tempo“, kommentierte Jörg-Andreas Krüger, Geschäftsleiter Ökologischer Fußabdruck beim WWF Deutschland, die neuen Zahlen der IUCN. Die Weltnaturschutzunion hat mittlerweile insgesamt 105.732 Arten untersucht, mehr als jemals zuvor. Davon gelten rund 27 Prozent als bedroht.

Beispiel Primaten

Rotscheitelmangabe © Mark Bowler / Wildscreen Exchange
Rotscheitelmangabe © Mark Bowler / Wildscreen Exchange

Gleich sechs westafrikanische Primatenarten kommen dem Aussterben immer näher. Eine von ihnen, Miss Waldrons Roter Stummelaffe, ist möglicherweise bereits ausgestorben. Die letzte bestätigte Sichtung war bereits 1978, bis 2008 gab es noch gelegentliche Hinweise auf letzte Exemplare. Seitdem ist die Art spurlos verschwunden. Sie ist wohl der Jagd für Fleisch (Bushmeat) zum Opfer gefallen – und  der Abholzung ihres Lebensraumes für Äcker und Plantagen (Kakao, Kautschuk und Ölpalmen). Ähnliches gilt für die Roloway-Meerkatze, die mit weniger als 2.000 Exemplaren nun als direkt „vom Aussterben bedroht“ gilt, und die Rotscheitelmangabe, die von der IUCN jetzt als „stark gefährdet“ eingestuft wird. Der Bestand der Nigeria-Blaumaulmeerkatze wiederum ist in den vergangenen 27 Jahren glatt halbiert worden. Dementsprechend gilt die Art jetzt als „stark gefährdet“.

Beispiel Massai-Giraffe

Massai-Giraffe mit Jungtier © div
Massai-Giraffe mit Jungtier © div

Die Bestände der Massai-Giraffen in Tansania und Kenia sind in den letzten 30 Jahren auf die Hälfte geschrumpft. Zählte diese Giraffen-Unterart (nach neuen genetischen Untersuchungen wohl sogar eine eigenständige Art) damals noch rund 70.000 Tiere, sind es heute nur noch geschätzte 35.000. Die Gründe sind ähnlich wie bei den Primaten: Die bis zu sechs Meter hohen Tiere verlieren zunehmend ihren Lebensraum. Außerdem stellen Wilderer den imposanten Savannenbewohnern nach. Neben ihrem Fleisch, ihren Häuten und den Schwanzhaaren für Armbänder sind seit einiger Zeit ihr Knochenmark und Gehirn gefragt, weil diese angeblich AIDS heilen sollen. Die Massai-Giraffe wird deshalb nun als „stark gefährdet“ eingestuft.

Palisander © naturepl.com / Nick Garbutt / WWF
Palisander © naturepl.com / Nick Garbutt / WWF

Beispiel Palisander

Auch vor Pflanzenarten macht die Ausbeutung und damit das Artensterben nicht halt. Laut IUCN gelten inzwischen mehr als 90 Prozent der Palisanderarten Madagaskars, die aufgrund ihres wertvollen Holzes sehr gefragt sind, als bedroht. Das Holz dieser Arten ist eines der am häufigsten illegal geschmuggelten Wildartenprodukte.

Beispiel Geigenrochen

Großer Geigenrochen © GOLFX / iStock / Getty Images
Großer Geigenrochen © GOLFX / iStock / Getty Images

Auch die Bedrohung für Meeresbewohner nimmt zu: So wurden zum Beispiel 15 Arten von Geigenrochen wegen Überfischung in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“ hochgestuft. Eine davon gilt bereits als möglicherweise ausgestorben. In den vergangenen 30 bis 45 Jahren sind die Bestände der zwei bis drei Meter langen Raubfische um mehr als 80 Prozent geschrumpft.


Einige Geigenrochenarten werden trotz ihres Bedrohungsstatus gezielt befischt. Selbst als Beifang sind Geigenrochen für viele Fischer zu lukrativ, um sie wieder freizulassen. Solange die wertvollen Flossen für den internationalen Markt mit viel Gewinn exportiert werden, wird der Druck auf die Bestände nicht abnehmen.

Hinzu kommt, dass die zunehmende Bebauung von Küsten die Lebensräume der Geigenrochen zerstört. Denn die Raubfische leben hauptsächlich in flachen küstennahen Gewässern, einige Arten auch in Flussmündungen und schlammigen Buchten von Pazifik, Atlantik und Indischem Ozean.

Jetzt gibt es für Geigenrochen einen Hoffnungsschimmer: Im August 2019 wird sich entscheiden, ob 16 Arten künftig über das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) besser geschützt werden. Die vorgeschlagene Listung in Anhang II des Abkommens würde eine Kontrolle des internationalen Handels mit diesen Arten ermöglichen. Das bedeutet: Nur wenn die Tiere aus einer nachhaltigen Fischerei stammen und Ausfuhr- und Einfuhrzertifikate vorliegen, dürften sie weiter international gehandelt werden.

Wir brauchen ein UN-Abkommen

Geigenrochen, Giraffen und Palisander sind nur Beispiele des beschleunigten Artenschwindens. „Der globale Notstand bei Tieren und Pflanzen wird zur Gefahr für den Menschen. Wir brauchen ein ambitionierteres UN-Abkommen für Mensch und Natur – vorangetrieben von den Staats- und Regierungschefs persönlich und unterfüttert mit ambitionierten Zielen, funktionierenden Prüfmechanismen und konsequenter nationaler Umsetzung“, sagt Krüger. Deutschland müsse sich auf internationaler Ebene hierfür einsetzen und auf der anstehenden Konferenz zum Washingtoner Artenschutzabkommen Ende August 2019 als starker Fürsprecher der bedrohten, biologischen Vielfalt auftreten.

Was ist die Rote Liste der IUCN?

Die Rote Liste ist ein Indikator für den Zustand der Biodiversität. Herausgegeben wird die Rote Liste in regelmäßigen Abständen von der Weltnaturschutzunion IUCN.

Für die Erstellung Roter Listen werten Experten auf wissenschaftlichen Grundlagen alle relevanten und zugänglichen Daten aus. Die Darstellung in Gefährdungskategorien stellt die komprimierteste Form der naturwissenschaftlichen Analyse dar.

Nationale Rote Listen

Neben der internationalen gibt es in anderen Ländern auch nationale Rote Listen. In Deutschland existieren neben der bundesweiten Roten Liste sogar einzelne Listen der Bundesländer. Außerdem werden in Deutschland Pflanzen, Tiere, Biotoptypen und Pflanzengesellschaften in getrennten Listen geführt. Insgesamt sind im Bundesgebiet bislang fast 40.000 Tier- und Pflanzenarten bewertet worden. Über ein Viertel davon gilt als bedroht, beziehungsweise ausgestorben.

Unzählige Arten sterben jedes Jahr aus

Der Verlust der Artenvielfalt stellt heute eine der schlimmsten Katastrophen weltweit dar. Etwa zwei Millionen Tier- und Pflanzenarten sind bislang beschrieben worden. Doch zehn Millionen Arten soll es auf der Erde geben, vielleicht auch mehr. Unzählige davon verschwinden jedes Jahr.

Neuste Erhebungen gehen davon aus, dass sich die Aussterberate durch menschliche Einflüsse mittlerweile um den Faktor 1000 gegenüber der natürlichen Rate erhöht hat. Zu den weltweit wichtigsten Bedrohungsfaktoren für die Artenvielfalt zählen vor allem Lebensraumverlust und die massive Übernutzung der natürlichen Ressourcen wie etwa durch Überfischung oder auch Wilderei. Hinzu kommen Umweltverschmutzung, Klimakrise und die Verdrängung der heimischen Flora und Fauna durch eingeschleppte Arten.

Auch der Mensch ist dadurch bedroht

Das Aussterben einer Art ist unumkehrbar und schafft unkalkulierbare Risiken. Tiere und Pflanzen haben neben ihrem Eigenwert eine Funktion im Ökosystem. Gerät dieses durch Artensterben durcheinander, so entstehen auch Folgen für den Menschen. Nahrung, Wasser und Medizin hängen in weiten Teilen der Erde direkt von einem funktionierenden und gesunden Ökosystem mit einer hohen Artenvielfalt ab. Wird dieses Ökosystem durch Artenverlust zerstört, so gerät auch die Existenzgrundlage eines Großteils der Weltbevölkerung unmittelbar in Gefahr.

Einige Gewinner und Verlierer aus dem Jahr 2018

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