Hier leben mit Amur-Tigern und Amur-Leoparden die nördlichsten Großkatzen unserer Erde. Hier treffen die Klimazonen des borealen Nordens und des temperierten Südens aufeinander und bescheren der Amur-Region einen enormen biologischen Reichtum.
Mit 4444 Kilometern Länge ist der Amur einer der längsten noch frei fließenden Flüsse der Welt. Sein Becken ist mit rund zwei Millionen Quadratkilometern fast viermal so groß wie Spanien. Es erstreckt sich über den Fernen Osten Russlands, die Ostmongolei und den Nordosten Chinas und zeichnet sich durch eine Vielfalt unterschiedlicher Landschaften und Lebensräume aus.
Sub-Arktis trifft Subtropen: Einzigartiger Schmelztiegel der Natur
Das Amur-Becken ist Kreuzungspunkt von Arten aus dem Norden (Zentralsibirien) und dem Süden (Ost-China). So kommen auf demselben Territorium der Zobel – eine Marderart der nördlichen Nadelwälder – und der Buntmarder vor, eine Art, die bis in die Tropen verbreitet ist.
An der Spitze der Nahrungskette bei den Säugetieren stehen der Amur-Tiger (Panthera tigris altaica) und der Amur-Leopard (Panthera pardus orientalis).
Ihre Heimat, die temperierten Laub-Nadel-Mischwälder des Fernen Ostens sind die biologisch vielfältigsten temperierten Mischwälder Asiens. Sie beherbergen viele Gehölze, die auch in Europa verbreitet sind – etwa Ahorne, Eschen, Heckenkirschen oder Hasel.
Anders als in Mitteleuropa blieb die Flora hier jedoch deutlich artenreicher. Nach den Eiszeiten mussten nach Süden zurückgedrängte Pflanzen keine Barriere wie die Alpen überwinden. So konnten viele Gattungen ihre Vielfalt bewahren. Der große Artenreichtum dieser Wälder wird zudem durch ein ausgeprägtes Monsunklima, reiche Böden und eine starke Differenzierung des Reliefs begünstigt.
Die vielfältigen Ökosysteme der Amur-Region
Feuchtgebiete und Flussauenwälder in den Überschwemmungsgebieten der Flüsse sowie Steppen in der Ostmongolei ergänzen die Mannigfaltigkeit der Mischwälder und machen die gesamte Ökoregion zu einem Zentrum der Artenvielfalt.
Neben dem Amur-Tiger und dem Amur-Leoparden sind Braunbären, Kragenbären, Wölfe und Luchse als Prädatoren unterwegs.
Zu den großen Huftieren zählen Elche, Rotwild, Sikawild, Schneeschafe, Mongolische Gazellen und sogar Wald-Rentiere.
Sie durchstreifen die unterschiedlichen Landschaften der Amur-Region – von den mongolischen Steppen bis hin zu den mandschurischen Laubwäldern am Japanischen Meer.
Im Amur und seinen Nebenflüssen leben Lachse, Äschen, Störe und insgesamt 140 Süßwasserfischarten. Doch die Zeichen von Überfischung und Wasserverschmutzung sowie beginnender Verbauungen sind alarmierend. In Teilen des Amurs sind bereits einige Arten verschwunden.
Einer der wertvollsten Lebensräume der Erde
Eine Reihe vom Aussterben bedrohter Vogelarten finden in der Amur-Region optimale Brut- und Lebensbedingungen. Fünf Kranicharten, darunter Nonnenkranich, Weißnackenkranich und Mandschurenkranich kommen in der Daurischen Steppe im Grenzgebiet von Russland und der Mongolei vor.
Andere Arten wie der Orientalische Weißstorch leben in den Sumpfwäldern der Amur-Region. Die Steppen und Flussauen des riesigen Wassereinzugsgebiets sind außerdem wichtige Rastgebiete für Millionen von Zugvögeln, die auf ihrem beschwerlichen Weg hier Nahrung und Schutz finden.
Der WWF zählt die Amur-Ökoregion aufgrund ihrer hohen biologischen Vielfalt und ihrer noch riesigen Flächen unberührter Wildnis zu den „Global 200“, den 238 wertvollsten Lebensräumen der Erde.
Die Tierwelt am Amur kompakt:
- 23 Amphibien- und Reptilienarten, darunter die bedrohte Chinesische Weichschildkröte
- mehr als 600 Wirbeltierarten; 42 Prozent der russischen Landwirbeltiere
- 90 Säugetiere (21 Prozent endemisch), viele gefährdet oder vom Aussterben bedroht, wie z. B. Amur-Tiger und Amur-Leopard
- 140 Fischarten
- 400 Vogelarten (14 Prozent endemisch, 27 seltene und bedrohte Arten); die Region ist das letzte Brutgebiet für 95 Prozent des Orientalischen Weißstorchs, 65 Prozent des Mandschuren-Kranichs und 50 Prozent des Weißnackenkranichs
- 40.000 Insektenarten, davon 50 gefährdet
Giganten, Wanderer und ökologische Kreisläufe
Lachse der Gattung Oncorhynchus ziehen vom Pazifik durch die Amur-Mündung den Fluss hinauf, um in den sandigen Flussbetten ihren Laich abzulegen. Nach erfolgter Eiablage verenden die Tiere. Ihr Fleisch bietet Nahrung für Fischfresser wie den Braunbär, den Seeadler oder den Riesenfischuhu, die größte Eulenart der Erde.
Einer der größten Süßwasserfische der Erde lebt im Amur. Der vom Aussterben bedrohte Kaluga Hausen kann eine Länge von über fünf Metern erreichen, bei einem Gewicht von über einer Tonne.
Um ihren Körper auf „Betriebstemperatur“ zu bekommen, sonnt sich die gefährdete Chinesische Weichschildkröte nach Reptilienmanier gerne an hellen sandigen Ufern des Chanka Sees. Sie verbringt bis zu sieben Monate der kalten Jahreszeit in einer Winterstarre und gräbt sich dafür tief in den Uferschlamm.
Flora: Außerordentliche Pflanzenwelt
Die Ökosysteme in der Amur-Region beherbergen auch eine Vielzahl sehr spezialisierter Pflanzen, die zum Teil nur hier zu finden sind (sogenannte endemische Arten) wie etwa der Ginseng. Die Inhaltsstoffe des Ginsengs werden in der traditionellen chinesischen Medizin für eine Vielzahl von Medikamenten und Tees verwendet. Auch in der westlichen Medizin gewinnt der Ginseng mehr und mehr an Bedeutung. Sein wirtschaftlicher Wert führte in den vergangenen Jahrzehnten zu einer starken Übernutzung und zu einem Rückgang wilden Ginsengs in den Nadel-Laub-Mischwäldern der Region.
Der asiatische Lotus, eigentlich eine aquatische Pflanze der Tropen und Subtropen erreicht am Amur seine nördlichste Verbreitung.
Die Pflanzenwelt am Amur kompakt:
- 2800 Gefäßpflanzen-Arten, 800 davon endemisch, also nur hier vorkommend
- etwa vier Prozent aller Wasserlilien-Arten haben ihre Heimat in der Amur-Region
- 60 Arten von Waldorchideen
- Besonderheiten: lebende Fossilen wie Froschblatt (Brasenia schreberi) oder Euryale (Euryale ferox)
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