Seit 2010 engagiert sich der WWF Deutschland in seinem Weilheimer Büro für den Schutz und die Wiederherstellung frei fließender Bäche und Flüsse. Anfangs lag der Fokus auf der Ammer, einem der letzten noch weitgehend intakten nordalpinen Fließgewässer, zumindest in der so genannten Schluchtstrecke. Der WWF half, Seitengewässer an die Ammer anzubinden, und plante Renaturierungen, z.B. Deichrückverlegungen und Maßnahmen zur Herstellung der Durchgängigkeit, die dann vom zuständigen Wasserwirtschaftsamt Weilheim umgesetzt werden, wie etwa am Peißenberger Wehr (Herbst 2026) oder am Schnalzwehr (2026/27).
Flüsse und ihre Auen sind Lebensadern in der Landschaft. Sie verbinden die Bergregionen mit den Tieflagen und beherbergen – in einem kleinteiligen Mosaik aus feuchten und weniger feuchten bzw. fließenden oder stehenden Bereichen – entsprechend viele, teils seltene Tier- und Pflanzenarten.
Für mehr frei fließende Flüsse in Deutschland
Nicht alle Flüsse sind in einem weitgehend so naturnahen Zustand, wie die Ammer. Vielen Flüssen fehlt der Raum zur Ausbreitung in die Fläche. Sie wurden massiv begradigt und eingedeicht, ihr Lauf wird von vielen Querbauwerken behindert. Für Bayern erfasste das Landesamt für Umwelt knapp 57.000 Barrieren. 95 Prozent davon sind kleiner als zwei Meter hoch. Dennoch ist nur rund jede zehnte Barriere vollständig durchwanderbar für flussaufwärts schwimmende Fische. Rein rechnerisch findet sich den Auswertungen des WWF Deutschland zufolge alle 500 Meter eine Barriere in den bayerischen Flüssen (Details siehe WWF-Hintergrundpapier „Lasst den Flüssen ihren Lauf“). Nur 18 Prozent der bayerischen Flüsse gelten als ökologisch intakt (Stand: Dezember 2020).
Das wollen wir ändern. Deutschland hat nicht nur die gesetzliche Verpflichtung über die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, das Leben in die Flüsse zurückzubringen. Wir brauchen intakte Flüsse als Lebensadern der Natur und wichtige Erholungs- bzw. Naturerlebnisräume für den Menschen. Schon Hermann Hesse schrieb in Siddharta: „Der Fluss hat zu uns gesprochen, auch dir ist er ein Freund, auch zu dir spricht er. Der Fluss lehrte mir das Zuhören, auch du wirst es von ihm lernen.“
Beispiele aus Europa und den USA zeigen: Wer lebendige Flüsse zurückgewinnen will, der muss sich konsequent dafür einsetzen, Barrieren zu entfernen, damit das Wasser wieder ungehindert fließen kann und Flusslebensräume miteinander verbunden werden. Der WWF gründete 2015 mit sechs weiteren Organisationen die Initiative „Dam Removal Europe“ (DRE), um europaweit den Rückbau von Wehren und anderen Querbauwerken voranzubringen. Es gilt, Erfahrungen und Know-how auszutauschen und die Barrieren in den Köpfen abzubauen.
Der WWF Deutschland ist seit der Gründung von DRE Teil des europäischen Netzwerks. Im Mai 2021 organisierte er die virtuelle Tagung „Dam Removal goes Alps“. Im gleichen Jahr ermöglichte er durch Spendenmittel den Rückbau eines unnützen Wehres an der Baunach nördlich von Bamberg. Seither wird die Arbeit im Rahmen von weiteren Projekten fortgeführt.
Seit Juli 2022 ist das WWF-Projekt „Lebendige Flüsse“ am Start, das von der Deutschen Postcode Lotterie mit dem Traumtaler dotiert wurde. Im Zeitraum von vier Jahren engagiert sich der WWF für den Schutz letzter Wildflusslandschaften an Isar und Tagliamento. Zudem führt er das Label „Gewässerperle PLUS“ in Deutschland ein, mit dem naturnahe Flussstrecken und das Engagement der Menschen ausgezeichnet werden können. Deutschlandweit werden unterschiedliche Querbauwerksrückbauten gefördert, die Praxis-Erfahrungen ausgewertet und in Fachkreise eingespeist. Gleichzeitig wurde im Rahmen einer Priorisierungsstudie herausgearbeitet, welche Rückbauten deutschlandweit den größten ökologischen Nutzen bringen würden. Das Fazit: 16 Querbauwerkskandidaten mit großem und sehr großem Rückbaupotenzial würden mehr als 400 Kilometer Gewässerstrecke wieder anbinden.
Downloads
- Resümee „Dam Removal goes Alps“ (2021)
- „Lasst den Flüssen ihren Lauf“ (WWF, 2020)
- „Forderungen für lebendige Flüsse in Bayern“ (2020)
- „Integriertes Naturtourismuskonzept an der Ammer“ (2019)
- Potentialstudie zur Wiederansiedlung von Wildflussarten (2018)
- WWF-Projektinformation Ammer (2015)
- Freiheit für das wilde Wasser – Die WWF Alpenfluss-Studie (2011)