Medizin aus dem Tropischen Regenwald

Für ungeübte Augen sieht der Regenwald von Dzanga-Sangha wie eine grüne Wand aus. Bäume, Sträucher, Schlingpflanzen … Grün, wohin der Blick auch fällt. Nicht so für die BaAka Henriette Memba. Ist sie im Wald unterwegs, sieht sie eine Apotheke: Mittel gegen Fieber, Husten, Zahnschmerzen oder Bauchweh, Hilfe gegen Grippe oder für Frauen in den Wehen.

Henriette Memba mit Jugendlichen in Dzanga-Sangha © Nuria Ortega
Henriette Memba mit Jugendlichen in Dzanga-Sangha © Nuria Ortega

Henriette Memba lebt in Mossapoula, hat fünf Kinder und sechs Enkelkinder. Ist eines ihrer Familienmitglieder oder jemand aus dem Dorf krank, weiß Memba, wie sie helfen kann. Dieses Wissen hat ihre Großmutter ihr überliefert: „Früher, wenn sie mit mir in den Wald ging, zeigte sie mir jedes Blatt, das sie pflückte, und die Baumstämme, deren Rinde sie sammelte“, sagt Henriette. „Jetzt zeige ich meinen Kindern, welche Heilkräfte die Pflanzen haben.“ Doch das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Das Leben verändert sich, auch in Dzanga-Sangha, und die traditionelle Weisheit der Alten droht verloren zu gehen.

Damit genau das nicht geschieht, engagiert sich Henriette Memba bei Ndima Kali – dem Verein, der sich für den Erhalt des Kultur- und Naturerbes der indigenen BaAka und Sangha-Sangha einsetzt. Mitglieder sind Jugendliche und Erwachsene, die in den Dörfern im und um das Dzanga-Sangha-Schutzgebiet leben. Die Themen, die sie zu den Menschen bringen, drehen sich um Gesundheit, Menschenrechte oder auch traditionelle Werte. Angefangen aber hatte alles mit den Heilpflanzen und dem Wunsch, dass das Band zwischen Alt und Jung nicht zerreißen möge.

Wie alles begann

Als Ernesto Noriega und Tatjana Puschkarsky von der deutschen NGO OrigiNations 2012 nach Dzanga-Sangha kamen, hatten sie sich ein großes Ziel gesetzt: jungen BaAka und Sangha-Sangha einen Raum zu eröffnen, in dem sie heutige Herausforderungen ihrer Gemeinschaften gemeinsam mit Dorfältesten diskutieren können, Strategien zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen entwerfen und zu zentralen Akteuren beim Schutz ihres Kultur- und Naturerbes werden. Sie besuchten viele Dörfer und sprachen mit Jugendlichen, bis sich schließlich eine Gruppe von rund 20 jungen, engagierten Menschen gefunden hatte. Was folgte, waren vier Jahre mit intensiven Workshops, bei denen die jungen Menschen mit den Dorfältesten der umliegenden Gemeinden zusammengebracht wurden, und begannen, sich für ihr Wissen zu begeistern und sich dieses anzueignen. Das Band zwischen Alt und Jung wurde gefestigt.

Im Jahr 2018 war die Gruppe zu einer starken Einheit zusammengewachsen, so dass sie mit Unterstützung von OrigiNations, dem vor Ort tätigen Menschenrechtszentrum, dem WWF und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen Verein gründeten: Ndima Kali war geboren.

Das Wissen der Alten

Yombo © Ndima Kali
Yombo © Ndima Kali

Das anfängliche Interesse an den Heilpflanzen ließ die Mitglieder von Ndima Kali nicht mehr los: Über mehrere Jahre trugen sie das lokale Wissen über die Heilkunst zusammen und dokumentierten schließlich die Wirkung und Anwendung von fast 40 Medizinpflanzen in einem Bildband. Wer zum Beispiel Linderung bei Grippe sucht, kann hier nachschlagen, welche Hilfe der Regenwald bietet: Man braucht geriebene Rinde eines Baumes mit dem BaAka-Namen „Monguenza“, mischt diese mit gekochten Bembasprossen und fügt etwas Salz und Chili hinzu; der Patient trinkt morgens und abends je ein halbes Glas. Auch wer ein Mittel zur Desinfektion braucht, wird in der „Wald-Apotheke“ fündig: Aus den Wurzeln der Yombo-Pflanze lässt es sich herstellen. Die Rinde des Mokendjendje-Baumes hingegen wird als Pulver vermahlen auf dem Rücken der gebärenden Frau aufgetragen, um die Geburt des Kindes zu erleichtern.

Monguenza © Ndima Kali
Monguenza © Ndima Kali

Die Jugendlichen von Ndima Kali haben sich dem traditionellen Wissen der Älteren geöffnet und hören, was Menschen wie Henriette Memba zu sagen haben. Von ihr haben sie nicht nur Fakten über die Heilpflanzen des Waldes erfahren, sondern auch viel über Werte gelernt. Zum Beispiel, dass Geld nicht alles ist: „Die Gesundheit des Menschen in der Gemeinschaft steht an erster Stelle“, das ist Henriettes Überzeugung, und dafür verzichtet die Heilerin auch einmal auf eine Entlohnung. „Jemand, den du umsonst behandelt hast, wird dir vielleicht eines Tages einen größeren Dienst erweisen, als du ihm zuvor erwiesen hast.“ Auch dieses Wissen wird an die nächste Generation weitergegeben. Und eines ist gewiss: Das Band zwischen Alt und Jung ist für die Menschen von Ndima Kali inzwischen ganz stark.

So können sie helfen:

  • Wald im Dzanga-Sangha Schutzgebiet © Andy Isaacson / WWF-US Weltnaturerbe im Regenwald

    Seit über 20 Jahren ist der WWF Deutschland im Dzanga-Sangha-Gebiet, dem Zentralafrikanischen Teil des Weltnaturerbes, aktiv. Weiterlesen...

  • Bonobo Jungtier im Baum © Karine Aigner / WWF USA Kongobecken

    Die Artenvielfalt der Region ist einzigartig: Die Kongo-Regenwälder beheimaten über 400 Säugetierarten, mehr als 1.000 Vogelspezies und wahrscheinlich über 10.000 Pflanzenarten. Weiterlesen ...