2014 bis 2020 führte der WWF Deutschland zusammen mit sieben weiteren Partnern das Projekt „Vorpommersche Boddenlandschaft und Rostocker Heide“ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch. Die Region ist einer von 30 Hotspots der biologischen Vielfalt in Deutschland; es sind Gebiete, die eine besonders hohe Dichte und Vielfalt charakteristischer Arten, Populationen und Lebensräume aufweisen.

Das Projekt wurde durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert. Der WWF trug Eigenmittel in Höhe von 126.000 Euro.

Für den Hotspot 29 entstand ein Verbund aus acht regionalen Partnern. Kurz und eingängig nannte man das Großprojekt Schatzküste. Die Partner setzten unterschiedliche Schwerpunkte als Oberziele: in Bildungsangeboten, der Wiederherstellung küstentypischer Landschaften und der Tourismuslenkung.

Der WWF wirkte in zwei Teilprojekten mit:

  • Revitalisierung von Küstenüberflutungsräumen
  • Befahrensempfehlungen für Boddengewässer

Region mit überdurchschnittlicher Artenvielfalt

Die Landschaft der Schatzküste wurde ausgewählt, weil sie ein besonderer Naturraum mit zahlreichen, seltenen Tier-und Pflanzenarten ist.

Die Außenküsten bilden ein vielgestaltiges Mosaik aus natürlichen Anlandungsflächen und Steilufern – zum Teil als aktives Kliff oder Windwatt- und Flachwasserbereiche, meist mit freier Wasserdynamik. Hinzu treten Strände, Salzgrasland, große Röhrichtbestände und nasse Erlenwälder sowohl an den Außen- als auch an den Boddenküsten.

Die Artenvielfalt der hier brütenden Watt- und Wasservögel wie auch der Wiesen- und Küstenvögel ist überdurchschnittlich. Durch die enge Verzahnung von Wasser und Land entsteht eine Fülle komplexer Biotopstrukturen. Die Region stellt seit Jahrhunderten ein attraktives Rast- und Überwinterungsgebiet für Zugvögel dar. Stellvertretend dafür stehen die majestätischen Kranichschwärme, die zweimal jährlich tausende Besucher anlocken. Seit einigen Jahren beobachtet man außerdem eine Wiederansiedlung der Kegelrobbe

Natur als wichtiger Wirtschaftszweig

Schatzküste-Schautafel in Altefähr © WWF Deutschland
Schatzküste-Schautafel in Altefähr © WWF Deutschland

Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft liegt landseitig vollständig im Projektgebiet, ein Teil seiner Wasserflächen ebenfalls. Acht Naturschutzgebiete (NSG) ergänzen das Bild. Darüber hinaus finden sich 12 Fauna-Flora-Habitat- (FFH) bzw. Vogelschutzgebiete (SPA) und ausgedehnte Landschaftsschutzgebiete (LSG) in dieser Kulisse.

Infolge der attraktiven Landschaft ist Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in der Region. Neben Naturtouristen fühlen sich vor allem Wassersportler, Erholungssuchende und Bootsliebhaber angezogen. Die Strände der Außenküsten und die Boddenküsten mit ihren Häfen sind bevorzugtes Urlaubsziel.

Für die Flächen des Nationalparks sind verbindliche Zonen mit unterschiedlicher Nutzungsintensität festgelegt. Dagegen fehlt eine solche Regelung für die Wasserflächen der südlichen Boddenbereiche. Dies betrifft vor allem Angler, Surfer und Bootsfahrer. Deshalb erstellte der WWF im Rahmen des Schatzküstenprojekts eine Empfehlung zum Befahren der Boddengewässer nach dem Vorbild der Freiwilligen Vereinbarung Greifswalder Bodden.

Die Befahrensregeln wurden als Flyer an alle relevanten Orte verteilt, vor allem Kommunen, Bootsverleihe, Anglervereine etc. Zusätzlich stellte man in 30 Häfen großformatige Infotafeln auf.

Revitalisierung von Küstenüberflutungsräumen

Neuer Deich in Drammendorf © WWF Deutschland
Neuer Deich in Drammendorf © WWF Deutschland

Küstenüberflutungsräume waren ein wichtiges Anliegen im Schatzküstenprojekt. 90 bis 95 Prozent der natürlichen Überflutungsräume gingen bereits verloren, indem man periodisch überschwemmte Gebiete „polderte“. Das bedeutet, dass ein Deich die Flächen gegen die natürliche Wasserstandsdynamik abgrenzt. Die massive Veränderung der Wasserverhältnisse führt auf Moorstandorten zur Degradierung der Böden, hohe CO2-Lasten entweichen in die Luft.  

Die Revitalisierung von 200 Hektar Polderfläche vermittelt als Musterprojekt, dass die Abkehr von der bisherigen Landgewinnungspraxis in Zusammenarbeit machbar ist – und zwar mit der Landwirtschaft. Ziel-Lebensraum war das von Beweidung/Mahd abhängige Salzgrasland der deutschen Ostseeküste, dessen überwiegender Teil in den vergangenen Jahrzehnten lautlos verschwand. Aus Klimaschutzaspekten wählte man ehemalige Küstenüberflutungsmoore mit ihren Torfböden.  

67 Polder im Schatzküstengebiet wurden mit Hilfe von Fachgutachten und -analysen überprüft.

Für die letztlich ausgewählten Polder Drammendorf und Bresewitz waren im Vorfeld viele Naturschutzgutachten und technische Planungen zu erstellen, bevor ein Deichumbau überhaupt in Angriff genommen werden konnte. Die betroffenen Gemeinden und Landwirtschaftsbetriebe signalisierten ihre Zustimmung. Damit dies so blieb, fanden begleitend mehrere Informationsveranstaltungen mit allen regionalen Beteiligten, Verwaltungen und Trägern öffentlicher Belange statt. Die dabei entstandene Vertrauensbasis gewährleistete eine zügige Baudurchführung in der letzten Projektphase.

Natürliche Landschaftsentwicklung fördern

Renaturierung Drammendorf: Nachher © Andreas Krone
Renaturierung Drammendorf: Nachher © Andreas Krone

Wichtig für die regionale Akzeptanz der Naturschutzmaßnahme war jeweils die Errichtung eines neuen Deiches samt Schöpfwerk im Hinterland. Die offizielle Polderöffnung fand am 26.11.2019 in Drammendorf statt, Bresewitz folgte am 03.03.2020. Hier schaffte man es sogar bis in die aktuellen „Heute“-Sendung.

Der natürliche Zu- und Abstrom des Boddenwassers sorgt nun wieder für Schwankungen des Wasserstands, mit Extremen von 1,20 Meter unter beziehungsweise 1,40 Meter über den Meeresspiegel. Damit wurden die zwei Landschaften wieder an die natürliche Entwicklung angeschlossen.

Typische Salzwiesenpflanzen und -vögel kehren zurück, in Drammendorf entwickelte sich bereits ein neuer Vogel-Hotspot. Die Degradierung des verbliebenen Moorkörpers ist gestoppt, rund 5.000 Tonnen CO2 verbleiben jährlich als Kohlenstoff im Boden. Die an Überflutung gebundene Aufsedimentation der Flächen wird zu einem langsamen Anstieg der Geländeoberfläche führen. Gut in Zeiten steigender Meeresspiegel.

Und es geht weiter: Das BfN und die Deutsche Postcode Lotterie fördern auch das Nachfolgeprojekt der „Schatzküste“. Es lief im Dezember 2020 an und setzt den Schwerpunkt auf das Thema Vernetzung. Entsprechend lautet sein Name: „Vernetzte Vielfalt an der Schatzküste“ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt. Gemeint ist die Schaffung von Trittsteinen, Kleinlebensräumen und Korridoren für wandernde, wildlebende Arten sowohl in der Agrarlandschaft als auch in Siedlungen und interessierten Kommunen. Auch die Entwicklung küstentypischer Land-Wasser-Übergangsräume wird erneut ein großes Thema sein.

  • Das Naturschutzgebiet Schoritzer Wiek © Florian Hoffmann / WWF Freiwillige Vereinbarung Greifswalder Bodden

    Greifswalder Bodden und Strelasund sind europäisches Vogelschutz- und FFH-Gebiet und somit in doppelter Hinsicht Teil des europäischen Schutzgebietsnetzwerkes Natura 2000. Weiterlesen ...