Unechte Karettschildkröte © IMAGO / blickwinkel / V. Legrand

Lautlose Gefahr: Geisternetze im Mittelmeer

Stand: 06.07.2026

Zweieinhalb Jahre Planung waren erforderlich, bis das WWF-Schiff „Blue Panda“, testweise ausgestattet mit einem Seitensichtsonar aus den USA, am Cap Corse (Korsika) im Mittelmeer mit der Suche nach verlorenen Fischernetzen beginnen konnte. Eine wichtige Aufgabe und ein Testlauf für den weiteren Ausbau des WWF-Geisternetze-Projekts und der WWF GhostNetZero App.

Fische in einem Geisternetz © Josephine Jullian / iStock / GettyImages
Fische in einem Geisternetz © Josephine Jullian / iStock / GettyImages

Plastikmüll im Mittelmeer ist ein riesiges Problem: Jahr für Jahr landen dort bis zu einer halben Million Tonnen Plastikmüll. Etwa zehn Prozent davon gehen auf verlorene oder zurückgelassene Fischereigeräte zurück, darunter Netze, Leinen, Reusen. Sie sind eine „unendliche“ Bedrohung für Fische, Meeressäuger und Seevögel. Unendlich deshalb, weil die Netze und Leinen aus Plastik sind und sich nur sehr langsam auflösen.

So fischen sie unendlich und sinnlos weiter und werden für die Meerestiere zur tödlichen Falle. Selbst wenn sich die Netze „auflösen“, entsteht dabei Mikroplastik, das von den Tieren im Meer aufgenommen wird – ganz verschwinden werden die Netze nie. Viele Meerestiere verenden an den Plastikteilen, die sie mit Nahrung verwechseln und fressen, qualvoll. Und so sind verlorene Fischereigeräte auch im Mittelmeer die tödlichste Form von Plastikmüll für Meereslebewesen.

Die Bergung ist schwierig

Geisternetzbergung Prezero Kran mit Netz © Andrea Stolte / WWF
Geisternetzbergung © Andrea Stolte / WWF

Verlorenes Fanggerät wird oft nicht geborgen, da sowohl Bergung als auch Entsorgung schwierig, zeitaufwändig und kostspielig sind. Noch schwieriger ist es, die so genannten „Geisternetze“ überhaupt unter Wasser zu finden. Genau hier setzt das WWF-Geisternetze-Projekt an. „Seit 2016 arbeiten wir an diesem Projekt in Deutschland und haben in der Ostsee erfolgreich mehrere Tonnen Geisternetze geborgen“, erzählt Gabriele Dederer, Geisternetze-Referentin beim WWF Deutschland.

GhostNetZero App: Taucher:innen helfen beim Verifizieren

Mit Hilfe der GhostNetZero App können sich Taucher:innen an der Vorbereitung von Geisternetz-Bergungsaktionen beteiligen. Die Taucher:innen können die Situation unter Wasser dokumentieren und überprüfen, ob es sich bei einem gemeldeten Objekt wirklich um ein Geisternetz handelt. Die Bergung erfolgt dann von erfahrenen Taucher:innen. Die App ist aktuell auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Schwedisch, Japanisch und Polnisch verfügbar. Alle Infos zur App und Download

Mit der Blue Panda im Mittelmeer

Die Blue Panda © Maite Baldi / WWF Frankreich
Die Blue Panda © Maite Baldi / WWF Frankreich

Die Blue Panda ist ein Segelboot der WWF-Mittelmeer-Initiative. Seit 2019 ist die Crew mit dem Schiff an verschiedenen Orten im Mittelmeer unterwegs, um für dessen Schutz zu kämpfen. Zwischen Juni und November 2022 steuerte die Crew der Blue Panda einige der wichtigsten Meeresschutzgebiete des Mittelmeers an und erforschte marine Lebensräume und Arten. Die Besatzung hat sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung daran zu arbeiten, die Schätze des Mittelmeers vor Geisternetzen und anderen Bedrohungen zu schützen.

Im Oktober 2022 war Gabriele Dederer für sieben Tage an Bord der Blue Panda. Unterstützung gab es aus den USA: Crayton Fenn von Fenn Enterprises hat es sich nicht nehmen lassen, das WWF-Team einmal mehr mit seinem Know-how bei der Suche nach verlorenen Geisternetzen zu unterstützen. Mit im Gepäck hatte er ein eigenes Seitensichtsonar, das für die Tiefen des Mittelmeeres geeignet war. 

„Für uns war die Suche an der Westseite des Cap Corse komplett neues Terrain“, erzählt Gabriele Dederer. „Unser eigenes Sonar, das wir in der Ostsee verwenden, funktioniert bei Tiefen bis 40 Meter sehr gut – völlig ausreichend für die Suche in der Ostsee. Doch das Meer um Korsika ist sehr viel tiefer. Und so hat Crayton Fenn angeboten, ein Sonar aus den USA mitzubringen, das größere Tiefen abdecken kann. Für uns eine einmalige Gelegenheit, weiter zu lernen!“

Erfolgreiche Sonar-Suche

Sonar-Suche mit der Blue Panda © Florian Monot
Sonar-Suche mit der Blue Panda © Florian Monot

„Wir haben insgesamt 24 Sonar-Fahrten mit der Blue Panda gemacht“, erzählt Gabriele Dederer. „Sie eignet sich sehr gut dafür, denn sie ist groß und träge. Deshalb gleicht sie Wellenbewegungen gut aus und überträgt sie nicht an den Sonar-Fisch. So bekommen wir bessere Bilder.“

„Die Sichtweiten auf Korsika sind phänomenal“, schwärmt Gabriele Dederer. „Mehr als 20 Meter Sicht hatten wir unter Wasser.“ Zum Vergleich: In der Ostsee herrschen Sichtweiten von um die fünf Meter. „Das Team und Crayton waren so begeistert davon, dass daraus eine Idee für die nächsten Fahrten und für die Weiterentwicklung des Sonars entstand: Crayton wird vorn am Fisch eine Kamera anbringen. So können Unterwasserhindernisse erkannt und das Sonar rechtzeitig gehoben werden.“

Die nächsten Schritte können kommen

In den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit der Expertise von Crayton Fenn wertvolles Wissen aufgebaut und unsere Methoden kontinuierlich weiterentwickelt. Heute sind wir in der Lage, Sonar-Einsätze im Mittelmeer selbstständig durchzuführen und gezielt nach Geisternetzen zu suchen.

Bisher waren wir in fünf französischen Nationalparks im Mittelmeer unterwegs. Bei jeder Expedition konnten wir Geisternetze aufspüren. Anschließend wurden die Sonaraufnahmen gemeinsam mit Taucherteams und ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen (ROVs) überprüft, die Netze verifiziert und schließlich geborgen. Jeder Einsatz erweitert unser Wissen und verbessert unsere Möglichkeiten, weitere Geisternetze effizient aufzuspüren und aus dem Meer zu entfernen.

Doch unsere Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen. Um noch mehr Meeresgebiete untersuchen und weitere Geisternetze bergen zu können, freuen wir uns sehr, dass wir im kommenden Jahr durch die Initiative „24 Gute Taten“ in unserem Einsatz unterstützt werden.

Mit jeder Expedition kommen wir unserem Ziel ein Stück näher: das Mittelmeer nachhaltig von Geisternetzen zu befreien.

Helfen Sie uns bei der Bergung von Geisternetzen im Mittelmeer

Théa Jacob vom WWF Frankreich im Interview

Weitere Informationen

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