Seit 2013 engagiert sich der WWF Deutschland aktiv gegen verlorene Fischernetze, so genannte Geisternetze, in der Ostsee. Dazu gehören Bergungsaktionen, die Entwicklung von Verwertungswegen für alte Netze und die Beteiligung am ostseeweiten EU-Projekt MARELITT Baltic, das von 2016 bis 2019 Lösungen zum Umgang mit Geisternetzen in der Ostsee entwickelt hat.

Warum sind Geisternetze ein Problem?

An den deutschen Küsten hat die Fischerei eine lange Tradition. Schleppnetze, Stellnetze und Reusen werden in der Ostsee zum Fang von Hering, Sprotte, Scholle, Flunder und Dorsch eingesetzt. Seit den 60er Jahren werden Fischernetze nicht mehr aus den leicht vergänglichen Naturstoffen Hanf, Sisal oder Leinen hergestellt, sondern aus synthetischen Stoffen wie Polypropylen, Polyethylen und Nylon (Polyamid).

Durch das Verhaken an Bodenhindernissen wie Felsen, Ankersteinen und Wracks, aber auch durch Kollisionen mit Sportbooten und unerwartete Unwetter, gehen Netze verloren, auch wenn die Verluste seit der Einführung des genauen GPS Systems zurückgegangen sind. Verlorene Netze verrotten am Meeresgrund erst nach 400 bis 600 Jahren und tragen damit zur Plastikverschmutzung unserer Meere bei. Netzfasern und chemische Zusätze gelangen als Mikroplastik in die Nahrungskette. An Wracks oder als „aufgestellte“ Stellnetze fischen sie als Geisternetze noch lange nach dem Verhaken sinnlos weiter. Neben Fischen werden Geisternetze auch für Robben, Schweinswale und Tauchvögel zur Falle, wenn diese den verhedderten Fischen nachjagen.

  • Taucher auf der Suche nach Geisternetzen © Christian Howe / WWF Geisternetze-Gipfel

    Die Vision des WWF Deutschland: Geisternetze vor deutschen Küsten werden künftig regelmäßig von Behörden geborgen. Weiterlesen ...

  • Arbeit mit dem Sonar in der Ostsee. © Christian Howe / WWF So spürt man Geisternetze auf

    Mit Sonar-Geräten wird der Meeresboden nach den Netzen abgesucht. Gabriele Dederer lässt sich in dieser Methode schulen. Weiterlesen ...

Was tut der WWF?

In den vergangenen fünf Jahren hat der WWF umweltverträgliche Methoden zur Suche und Bergung von Geisternetzen entwickelt. Dazu arbeitet der WWF mit Fischern und professionellen Tauchteams zusammen, die verhakte Netze vom Boden lösen und durch Anhängen an eine Winde auf einem Kutter bergen.

Die Suche mit einem Sonargerät, das mit Schallwellen den Meeresboden abbildet, hat sich als die effizienteste Suchmethode erwiesen. So können große Flächen nach verlorenem Netzmaterial abgesucht werden. Ab Januar 2020 können Taucher über eine App die Verdachtsstellen der Sonaraufnahmen bestätigen und an den WWF zurückmelden. Geisternetze an bestätigten Positionen können umweltverträglich und effizient geborgen werden. Das Wissen der Fischer beim Umgang mit geborgenen Netzen hilft auch dabei, die Netze für die Verwertung vorzubereiten.

Im September 2019 wurde diese Methode Landes- und Bundesämtern vorgestellt, mit dem Ziel, durch die regelmäßige Entfernung von Geisternetzen die Meeresumwelt gesünder zu machen. 

Wo finden wir die Netze?

Bei der Suche nach Geisternetzen ist das Wissen der Fischer und Taucher vor Ort am wichtigsten. Fischer kennen ihr Revier, Taucher die Unterwasserlandschaft. Beide erfassen Daten zu Unterwasserhindernissen und Wracks, an denen sich Netze verfangen und zu Geisternetzen werden können. Die Daten fließen in eine Karte der Ostsee ein, die uns hilft, „Hot Spots“ für Geisternetze zu identifizieren und dort gezielt nach verfangenen Netzen zu suchen. In diesen Verdachtsgebieten und in Küstenregionen mit einer intensiven Stellnetzfischerei sucht der WWF den Meeresboden mit dem Sonargerät ab. Die Verdachtsstellen werden angetaucht und die anschließende Bergung mit dem Detailwissen der Taucher punktgenau durchgeführt. Dadurch wird die Suche und Bergung effizient.

Bei der Suche und Bergung arbeitet der WWF Deutschland eng mit dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern (StALU MV) und dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern zusammen, um den Schutz der Meeresumwelt und der Kulturgüter zu gewährleisten. In empfindlichen Lebensräumen und an historisch relevanten Wrackstandorten werden keine Netze geborgen. 

  • Taucher findet Geisternetz © Christian Howe / WWF Highlights aus der Projektentwicklung

    Seit 2013 ist der WWF gegen Geisternetze in der Ostsee aktiv. Verschiedene Methoden zur Bergung wurden getestet und dabei mehrere Tonnen Netze und Schrott zutage gefördert. Weiterlesen ...

  • Bleistücke in der Leine von Geisternetzen © Kaya Larijya / PreZero Die Verwertung von Geisternetzen

    Der Weg für die Geisternetze ist noch weit: Im Projektverlauf hat sich herausgestellt, dass die Vorbereitung für die Verwertung aufwändig ist. Weiterlesen ...

Ab Januar 2020 wird es eine App geben, über die Taucher, Fischer, Bootsfahrer und andere Wassersportler entdeckte Geisternetze melden können. Über die App können Taucher auch Verdachtsstellen herunterladen und zur Dokumentation antauchen. Dadurch wird die Suche und Bergung noch effizienter, weil erstmals auch Sporttaucher in das Geisternetze-Projekt eingebunden werden können. Entwickelt wurde die App mit Unterstützung von NUE/BINGO Die Umweltlotterie.

Wer unter Wasser Netze oder Netzteile sieht, kann diese unter geisternetze(at)wwf.de melden. Stellt das Netz möglicherweise eine Gefahr dar, wenden Sie sich bitte an die örtliche Wasserschutzpolizei.

  • WWF-Geisternetze-App © WWF Geisternetze-App

    Um Geisternetze in Zukunft besser finden und bergen zu können, hat der WWF eine innovative App entwickelt, mit der sich Taucher oder Fischer an der Suche beteiligen können. Mehr erfahren

Was geschieht mit den Netzen?

Zusätzlich sucht der WWF nach Wegen, das geborgene Netzmaterial fachgerecht und umweltverträglich zu entsorgen. Bisher gibt es keinen ökologisch sinnvollen Entsorgungsweg für Geisternetze, weil sie das Schwermetall Blei als Gewichte enthalten. Der WWF arbeitet mit Recyclingfirmen und Sortieranlagen zusammen, um die Verwertung der geborgenen Fischernetze zu ermöglichen. Dies ist nötig, damit die Bergung auch durch Fischer und professionelle Bergungstaucher weitergeführt werden kann.

Im Rahmen des EU INTERREG Projekts MARELITT Baltic hat der WWF mit vielen verschiedenen Methoden experimentiert, um das Material aus Geisternetzen zu verwerten. Dabei hat sich herausgestellt, dass das Recycling von aus der Ostsee geborgenen Geisternetzen wegen der starken Verunreinigungen zu aufwändig ist. Daher hat der WWF alternative Verwertungswege getestet, bei denen die Netze dazu genutzt werden, Energie zu gewinnen. 

  • Schildkröte im Geisternetz © Jordi Chias / naturepl.com / WWF Geisternetze

    Der Plastikeintrag in die Meere belastet marine Lebewesen. Geisternetze machen nach neuesten Studien 30 bis 50 Prozent des Meeresplastiks aus. Weiterlesen ...

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    Wasser bedeckt rund 70 Prozent der Erde – und in jedem Quadratkilometer schwimmen zehntausende Teile Plastikmüll. Weiterlesen ...

Partner im Geisternetze-Projekt

Das Geisternetze Projekt wird durch die Verbändeförderung des Bundesministeriums für Umwelt und des Umweltbundesamtes sowie durch die Postcode Lotterie und NUE/BINGO Die Umweltlotterie unterstützt. Seit mehr als vier Jahren unterstützt darüber hinaus die heutige PreZero Wertstoffmanagement GmbH als privater Sponsor den WWF bei der Bergung und Verwertung von Geisternetzen.

Im Projekt MARELITT Baltic (EU Interreg Projekt 2016-2019) arbeiteten der WWF Deutschland, der WWF Polen, die Nichtregierungs-Organisationen Keep Sweeden Tidy und Keep Estonian Seas Tidy mit der Hafenstadt Simrishamn in Südschweden zusammen, um Geisternetze zu identifizieren, zu reduzieren und wiederzuverwerten. Darüber hinaus ermöglichen Privatspenden die Bergung von Geisternetzen aus der Ostsee.