Vom Wald leben und ihn erhalten: Die Bewohner der Dörfer im bolivianischen Schutzgebiet Manuripi ernten bislang vor allem Paranüsse – und zunehmend Açaí-Beeren. Sie werden dabei unterstützt, wettbewerbsfähig und nachhaltig zu wirtschaften. Das heißt: technisch aufrüsten, faire Besteuerung durchsetzen – und Demokratie erproben.

Manuripi-Fluss im Departamento Pando, Bolivien © Adriano Gambarini / WWF Living Amazon Initiative
Manuripi-Fluss im Departamento Pando, Bolivien © Adriano Gambarini / WWF Living Amazon Initiative

Jedes Jahr zur Regenzeit ziehen die Castanieros mit einer Machete in den Regenwald, um Paranüsse aufzusammeln. Nur dann sind die Kapselfrüchte reif und fallen zu Boden. Die Paranussbäume stehen weit verstreut, die langen Wege dazwischen führen durch unwegsames Gelände. Haben die Sammler einen Paranussbaum erreicht, brechen sie die heruntergefallenen Früchte auf und legen die Nüsse darin frei. Eine Kapsel kann bis zu zwei Kilo wiegen. Ist der Korb auf dem Rücken voll, geht es zurück in ein Lager, wo die Ernte getrocknet wird. Die Bewohner des bolivianischen Dorfes Manuripi und seines umliegenden Gebietes erwirtschaften drei Viertel ihres jährlichen Haushaltseinkommens mit Paranüssen. Die bis zu 60 Meter hohen Bäume lassen sich nicht auf Plantagen kultivieren, sie gedeihen ausschließlich in ihrem natürlichen Habitat. Damit ist ein intakter Regenwald auch für die Menschen in Manuripi eine essenzielle Lebensgrundlage

Regenwald mit Paranussbäumen in Manuripi © Adriano Gambarini / WWF Living Amazon Initiative
Regenwald mit Paranussbäumen in Manuripi © Adriano Gambarini / WWF Living Amazon Initiative

„Die Symbiose von Wald und Mensch kann nur funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Dirk Embert. Der Südamerika-Referent des WWF Deutschland betreut ein durch das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) und den WWF finanziertes Projekt, das in der Region um Manuripi ebendiese Rahmenbedingungen schaffen soll: „MAP – Wirtschaftlich nachhaltiges Schutzgebietsmanagement in Bolivien durch Stärkung lokaler und indigener Gemeinden“. Ziel ist es, sowohl den Regenwald zu erhalten als auch den Menschen dort bessere wirtschaftliche wie soziale Perspektiven zu geben. Bereits 1973 wurde das Schutzgebiet Manuripi eingerichtet. Auf 747.000 Hektar befinden sich dort zehn kleinbäuerliche Gemeinden und 38 Privatgrundstücke. Die Bevölkerung besteht aus rund 400 Familien und ungefähr 1.800 ständigen Bewohnern. In der Saison der Paranuss-Ernte wird der Eintritt von mindestens 1.200 externen Erntehelfern genehmigt, die drei Monate bleiben dürfen.

Natürliche Ressourcen legal nutzen

Dirk Embert (3. v. r., obere Reihe) zusammen mit bolivianischen Kollegen bei einer Expedition in Bolivien © Gesa Labahn / WWF
Dirk Embert (3. v. r., obere Reihe) zusammen mit bolivianischen Kollegen bei einer Expedition in Bolivien © Gesa Labahn / WWF

„Wichtig ist, dass die Bevölkerung natürliche Ressourcen des Schutzgebietes legal nutzen kann“, betont der promovierte Biologe Embert. Sicherzustellen, dass nicht anderweitig Ressourcen ausgebeutet werden und die Paranuss-Bewirtschaftung nachhaltig geschieht, sei von fundamentaler Bedeutung. „Wird dies ermöglicht, driften die Bewohner erstens nicht in die Illegalität ab, zahlen zweitens Steuern an den Staat und drittens Abgaben an das Schutzgebiet, das so erhalten bleibt.“ 

Doch mit dem Steuerrecht ist das so eine Sache: Bislang muss einmal pro Monat eine Steuererklärung in der Stadt gemacht werden, die Besteuerung wird nach Fläche berechnet. „In der Praxis ist es für die lokale Bevölkerung fast unmöglich, einmal pro Monat in die nächstgrößere Stadt zu fahren. Die Paranussbäume sind außerdem viel zu weit gestreut, als dass eine Besteuerung über die genutzte Fläche rentabel wäre“, so Embert. „Hier Abhilfe zu schaffen, ist ebenfalls ein Ziel des Projektes.“ Prekär ist die Situation der Manuripi nicht zuletzt auch, weil neben Paranüssen wenig erwirtschaftet wird.

Mit der Açaí-Beere soziale Spannungen verhindern

Handelsplatz mit Açaí-Beeren © imago images / robertharding
Handelsplatz mit Açaí-Beeren © imago images / robertharding

In Ermangelung anderer Produktionsalternativen generieren die Familien nur in den Erntemonaten Einkünfte. Ernte, Verarbeitung und Verkauf sorgen ein Vierteljahr für regen Betrieb. „Insbesondere die Männer neigen nach drei Monaten harter Arbeit dazu, sich in der restlichen Zeit aufgrund mangelnder Beschäftigung zu betrinken“, berichtet Embert. Die Rolle von Frauen sei in den meisten Gemeinden stark marginalisiert. „Selbst wenn sie wichtige Funktionen erfüllen, sind diese meist nicht anerkannt. Ihnen werden nicht die gleichen Rechte zuerkannt wie den Männern.“ Sozial und wirtschaftlich wäre es also von Vorteil, die Einkünfte zu diversifizieren. Auch dies ist Ziel des WWF-Projektes: mithilfe von Açaí-Beeren. Die Waldfrüchte wachsen an Palmen, die bis zu 25 Meter hoch werden. Sie sollen nachhaltig geerntet und weiterverarbeitet werden. Diese zweite ökonomische Grundlage kann nicht nur die Einkommen der Familien ergänzen, sondern auch soziale Spannungen in der Gemeinschaft – vor allem zwischen Frauen und Männern – verringern. 

„Ökonomisch bedeutsam ist für die Menschen der Region nicht nur, ein zweites Produkt als Ressource zu erschließen, sondern vor allem auch, dass sie es in der Region weiterverarbeiten“, erläutert Embert. Hierzu bedarf es ausreichender Kapazitäten bei der Produktion, um die Qualität zu sichern. Das beginnt bei der Auswahl genügend gereifter Früchte und reicht bis zur Kühlung bei Lagerung und Transport. Vergeht etwa bei Paranüssen zu viel Zeit zwischen Sammeln und Weiterverarbeiten, bilden sich Pilze. „Die technischen Voraussetzungen für Weiterverarbeitungsanlagen und alle notwendigen Ausrüstungen entsprechend der Produktions- und Sammelkapazität können geschaffen und bereitgestellt werden“, weiß Embert. „Entscheidend ist aber auch die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen produzierenden Gemeinden, weiterverarbeitenden Unternehmen, Schutzgebieten und den Märkten.“

„Ökonomisch bedeutsam ist für die Menschen der Region nicht nur, ein zweites Produkt als Ressource zu erschließen, sondern vor allem auch, dass sie es in der Region weiterverarbeiten.“

Dirk Embert, Südamerika-Referent des WWF Deutschland

Hürden überwinden, Demokratie lernen

Damit die Gemeinden sich wirtschaftlich behaupten können, müssen zunächst Produktions-Organisationen etabliert werden. „Dafür fehlt es an Kapazitäten und Know-how“, sagt Embert. „Ohne diese Organisationen gibt es aber keine strukturierte Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Gemeinden.“ Deshalb erhalten die Akteure vor Ort Unterstützung: bei Erteilung der Rechtsform, der Festlegung von Rechten und Pflichten der Verbandsmitglieder, der Bestimmung ihrer Vertreter und ihrer Zuständigkeiten. Hilfe erhalten sie auch bei der Formulierung grundlegender Verwaltungsbedingungen, die es ihnen ermöglichen, Verpflichtungen und Verträge einzugehen und zu erfüllen.  

Auch auf nationaler Ebene sind die Akteure der Region mit Hürden konfrontiert, die sich ohne Unterstützung kaum lösen lassen. „So gibt es in Bolivien kein Lebensmittel-Unbedenklichkeitszertifikat für Waldfrüchte und deren Derivate“, sagt Embert. „Aktuell nutzt das Gesundheitsamt Parameter, die aus Brasilien übernommen wurden, die aber der bolivianischen Realität nicht entsprechen – bolivianische Açaí-Beeren zum Beispiel haben meist einen größeren Wasseranteil.“

Um auf all diesen Ebenen voranzukommen, kooperieren im Projekt viele Akteure miteinander. Neben dem WWF sind dies zwei bolivianische Nichtregierungsorganisationen: Die ACEAA hat das Stiftungsziel, die Ökosysteme unserer Erde für Mensch und Natur zu erhalten; die FUNDEPCO tritt mit der Mission an, Dialog und Abstimmung zwischen Regierungsbehörden und lokalen Akteuren zu initiieren. Hinzu kommen Vertreter der Gemeinden, der Zwischenhändler und Endabnehmer sowie der Schutzgebietsverwaltung. Das Projekt wird zudem wissenschaftlich begleitet. Die Akteure treffen sich mehrmals im Jahr, um zu besprechen, wo sie gerade stehen – und bis wann sie welche weiteren Schritte gehen sollten. 

„Demokratie ist kein Begriff, der in den Traditionen der indigenen Völker stark verankert ist“, sagt Embert. „Da können schon mal Welten aufeinanderprallen – auch wenn Produktions-Organisationen gegründet werden sollen, welche ein demokratisches Prinzip in ihren Statuten verankert haben.“ Doch dem Ziel komme man näher: die gegenseitige Akzeptanz zwischen Schutzgebieten und der lokalen Bevölkerung zu erhöhen. Dies funktioniert, weil die finanzielle Situation der Gemeinden durch die nachhaltige Nutzung der Ressourcen verbessert werde – und damit auch das Einkommen für das Schutzgebiet. „Grundlage dafür ist der Dialog zwischen allen relevanten Akteuren auf regionaler und nationaler Ebene sowie verbesserte Kapazitäten in sämtlichen Bereichen“, betont Embert. „Die Systeme zur Nutzung der natürlichen Ressourcen schaffen Lebensgrundlagen für die lokale Bevölkerung – das wiederum hebt die Bedeutung und Rolle von Schutzgebieten als Orte für eine nachhaltige Nutzung hervor.“ 

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