Colobus Stummelaffe mit einem Pollen-Bart © Andrea Donaldson

Brückenbau zum Schutz der Tansania-Stummelaffen

Stand: 07.07.2026

Die Küstenwälder im Südosten Kenias sind wichtige Zufluchtsorte der Tansania-Stummelaffen, welche als gefährdet auf der Roten Liste der IUCN stehen. Doch ihr Lebensraum in Kenia ist auf isolierte Waldinseln zusammengeschrumpft, zwischen denen den Primaten Lebensgefahr durch Straßenverkehr und Stromleitungen droht. Gemeinsam mit der gemeinnützigen Organisation Colobus Conservation baut der WWF sogenannte Colobridges – sichere Überquerungshilfen zwischen den Waldgebieten – und zählt die Population der Tiere in Kenia.

Colobus-Affe auf einem Baum
Colobus-Affe in seinem natürlichen Lebensraum © Colobus Conservation

Ein ausgedehnter Urwald erstreckte sich einst entlang der gesamten Küste Ostafrikas: Er reichte vom südlichen Somalia über Kenia und Tansania bis nach Mosambik.

Durch den Druck von Landwirtschaft, Bergbau und Siedlungen schrumpften die Küstenwälder jedoch Stück für Stück. Heute sind nur noch isolierte Waldinseln übrig – und diese sind wertvolle Rückzugsgebiete für seltene und vom Aussterben bedrohte Arten, darunter die Tansania-Stummelaffen (Colobus angolensis palliatus), eine Unterart der Colobus-Affen.

Insbesondere gilt dies für die Kaya-Wälder im Südosten Kenias: Sie sind für den Schutz der letzten etwa 3.000 bis 5.000 in Kenia heimischen Tansania-Stummelaffen besonders wichtig. Einst waren die Primaten in ganz Kenia heimisch, doch inzwischen sind sie im Rest des Landes ausgerottet.

Der Tansania-Stummelaffe ist außerdem eine Indikatorart: Er braucht heimische Baumarten zum Leben und ausreichend große oder miteinander verbundene Waldgebiete. Wo Colobus angolensis palliatus noch vorkommt, ist das Ökosystem noch funktionsfähig – ein wichtiger Hinweis dafür, dass es dort auch um weitere Arten gut bestellt ist.

Was ist eine Indikator-Art?

Eine Indikator-Art ist eine Tier- oder Pflanzenart, deren Vorkommen, Häufigkeit oder Verhalten Hinweise auf den Zustand eines bestimmten Lebensraums oder Ökosystems gibt. Weil sie besonders empfindlich auf Umweltveränderungen reagieren, zeigen sie frühzeitig Belastungen wie Verschmutzung, Klimaveränderungen oder den Verlust von Lebensräumen an.

Forscher:innen nutzen Indikator-Arten deshalb als „Frühwarnsysteme“ für ökologische Probleme.

Die heiligen Kaya-Wälder: spirituelle Orte und Horte der Artenvielfalt

Ein alter Baum in den kenianischen Kaya-Wäldern mit dicker Rinde.
Ein alter und prächtiger Baum in den Kaya-Wäldern © WWF Kenia

Die Kayas gehören zu den letzten Rückzugsorten für die Tansania-Stummelaffen in Kenia. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit dieser Wälder: Bis in die 1940er Jahre hinein waren sie Heimat des Volks der Mijikenda, die ihre Dörfer (genannt Kayas) tief in diesem dichten Küstenwäldern versteckten.

Heute werden die etwa 50 verbliebenen, zwischen 30 und 300 Hektar großen Kaya-Wälder nicht mehr bewohnt. Doch sie dienen den Mijikenda-Gemeinschaften nach wie vor als spirituelle Orte, an denen traditionelles Wissen weitergegeben wird. Durch den traditionellen Respekt und die Wertschätzung der Mijikenda und die Ausweisung als nationales Kulturdenkmal und UNESCO-Welterbe erfahren die Kayas einen besonderen Schutz. Dadurch beherbergen die Kaya-Wälder eine enorme Artenvielfalt.

Der WWF Deutschland unterstützt die Bemühungen, diese besonderen Wälder und ihre Biodiversität zu schützen. Im Bezirk Kwale betreibt er mit den Menschen vor Ort ein Aufforstungsprogramm, um die Waldinseln wieder miteinander zu verbinden und ein umfassendes Projekt zu ihrem effektiven Schutz.

Außerdem schützt er gemeinsam mit der Naturschutzorganisation Colobus Observation die letzten Tansania-Stummelaffen und ihre verbleibenden Lebensräume in der Kwale-Landschaft.

Evidenzbasierte Schutzstrategien, die lokales Wissen nutzen

Der Tansania-Stummelaffe nutzt heimische Baumarten zur Fortbewegung
Der Tansania-Stummelaffe nutzt heimische Baumarten zur Fortbewegung © Eric Muller / Colobus Conservation

Colobus Conservation wurde 1997 gegründet als Reaktion auf den Aufschrei von Anwohner:innen über die hohe Zahl von getöteten Colobus-Affen einer stark befahrenen Küstenstraße.

Als Waldbewohner sind die Colobus-Affen von der Zerschneidung ihres Lebensraums, zum Beispiel durch Straßen, besonders betroffen. Beim Versuch, von einer Waldinsel zur nächsten zu gelangen, um Nahrung oder Schutz zu suchen, werden sie Opfer des Straßenverkehrs oder kommen durch Stromschläge zu Tode, da sie die Kabel der Stromtrassen zur Fortbewegung nutzen. Mehr als 80 Prozent der registrierten Stromschläge bei Primaten sind tödlich. Und je mehr Bäume abgeholzt werden, desto mehr Primaten nutzen die Stromleitungen, denn die Fortbewegung auf dem Boden ist für sie sehr energieaufwändig und setzt sie Fressfeinden aus.

Colobridges überbrücken die fragmentierten Waldstücke

Die Colobridges dienen den Tansania-Stummelaffen zur Fortbewegung
Die Colobridges dienen den Tansania-Stummelaffen zur Fortbewegung © Colobus Conservation

Auf Basis dieser Beobachtung hat Colobus Conservation sogenannte Colobridges entwickelt: Brücken aus dickem Kabel, das mit PVC-Rohren und Gummischläuchen ummantelt ist. Ihr Aussehen ähnelt waagrechten Strickleitern, sie sind jedoch robuster.

Die Colobridges sind so gebaut, dass sie auf beiden Seiten der Straße von Baum zu Baum führen. Sie ermöglichen nicht nur den Tansania-Stummelaffen eine sichere Überquerung der Straße, sondern auch anderen Baumbewohnern wie der Hilgerts Grünmeerkatze (Chlorocebus pygerythrus hilgerti), der Weißkehlmeerkatze (Ceropithecus mitis albogularis), Buschbabys und Eichhörnchen; und auch Paviane haben gelernt sie zur sicheren Querung zu nutzen.

Derzeit gibt es 49 Colobridges entlang jener Küstenstraße (Stand Juli 2026), die besonders vielen Affen das Leben kostet. Die Standorte der Colobridges wurden gezielt ausgewählt, wobei identifizierte Unfallschwerpunkte, Daten aus der jährlichen Primatenzählung sowie die Verbreitungsgebiete der Colobus-Affen als Grundlage dienten. Viele der Brücken wurden vom WWF finanziert.

Isolierte Populationen werden durch Affen-Brücken verbunden

Verletzte Colobus- und andere Primaten, wie hier eine Diadem-Meerkatze medizinisch versorgt.
Verletzte Colobus- und andere Primaten, wie hier eine Diadem-Meerkatze medizinisch versorgt © Colobus Conservation

Die Colobridges haben eine weitere wichtige Aufgabe. In den fragmentierten Waldinseln, die durch Landwirtschafts-, Siedlungs- und Bergbauprojekte immer weiter schrumpfen, leben zunehmend isolierte Colobus-Populationen.

Neuere genetische Analysen deuten darauf hin, dass diese Populationen vergleichsweise unterschiedlich sind, sogar im Vergleich zu ihren nächsten Nachbarn. Bei eingeschränktem Genfluss sind die Populationen also genetischer Drift und lokaler Selektion sowie genetischer Verarmung z.B. durch Inzucht ausgesetzt, wodurch die Metapopulation einem weiteren Risiko des lokalen Aussterbens ausgesetzt ist.

Colobridges tragen zu einem erneuten Austausch der Populationen bei, indem sie an wichtigen Orten sichere Verbindungen zwischen den fragmentierten Waldstücken schaffen.

Die Zahl der verletzten oder getöteten Primaten ist durch die Colobridges deutlich zurückgegangen, doch noch immer geraten Primaten in Not. Für sie unterhält Colobus Conservation ein Waisenhaus, das der WWF ebenfalls unterstützt. Hier werden verwaiste oder ausgesetzte Jungtiere in Langzeitpflege aufgenommen, bis sie wieder in die Freiheit entlassen werden können. Auch Affen, die als Haustiere gehalten wurden, sowie durch Verkehrsunfälle oder Stromschläge verletzte Tiere werden medizinisch versorgt und gesund gepflegt.

Zählung der Tansania-Stummelaffen

Colobus-Stummelaffe in Tansania
Colobus-Stummelaffe in Tansania © Colobus Conservation

Wie hat sich die Population der Unterart des Colobus-Affen entwickelt? Wie viele Individuen des Colobus angolensis palliatus leben aktuell in der Kwale-Landschaft im Südosten Kenias?

Aktuelle vergleichende Zählungsdaten aus den Jahren 2001 und 2024–2025 zeigen, dass sich der Bestand der Colobus-Affen in der Küstenwaldlandschaft Diani-Kwale je nach Waldfragment sehr unterschiedlich entwickelt hat. Während die Populationen in Kaya Kinondo, Kaya Diani und im Diani-Wald zugenommen haben, ist in Kaya Ukunda ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Die Waldgebiete Kaya Tiwi und Kaya Waa blieben in beiden Erhebungszeiträumen unbesiedelt.

Lebensräume schützen

Diese Entwicklungen spiegeln die unterschiedlichen Zustände der Lebensräume sowie den variierenden Grad menschlicher Störungen wider. Das Verschwinden der Colobus-Affen aus Tiwi und der Zusammenbruch der Population in Kaya Ukunda deuten auf eine gravierende Verschlechterung der Lebensräume hin und lassen auf ein mögliches lokales Aussterben schließen. Ein gemischtes, aber besorgniserregendes Bild zeigt sich in Kaya Diani: Zwar ist die Population hier von 22 auf 42 Tiere angewachsen, gleichzeitig ist der Wald weiterhin stark durch Holzeinschlag und Brennholzgewinnung belastet. Der Anstieg ist daher nicht als vollständige Erholung zu werten, sondern als Fortbestand unter anhaltendem Druck.

Der Diani-Wald bleibt die wichtigste Hochburg der Art in der Region. Hier ist der Bestand von 370 auf 499 Tiere gestiegen. Dieser positive Trend ist jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da auch dieses Waldgebiet zunehmend durch kommerzielle Erschließung und Wohnbauprojekte unter Druck gerät. Der Diani-Wald fungiert somit weiterhin als zentrales Rückzugsgebiet, ist jedoch wachsenden Bedrohungen ausgesetzt.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Colobus-Affen vor allem in wenigen verbliebenen, vergleichsweise intakten Waldrefugien überleben, während Populationen in stärker gestörten und fragmentierten Lebensräumen zurückgehen. Die Daten unterstreichen die dringende Notwendigkeit, den Schutz der Lebensräume zu verstärken, degradierte Flächen zu renaturieren, die Vernetzung der Wälder zu verbessern und Landnutzungsänderungen im gesamten Diani-Kwale-Waldsystem besser zu steuern.

Für Mensch und Natur

Die Tansania-Stummelaffen sind auf Hilfe vor Ort angewiesen
Die Tansania-Stummelaffen sind auf Hilfe vor Ort angewiesen © Colobus Conservation

Gemeinsam mit Partnerorganisationen und den Menschen vor Ort setzt der WWF sich seit vielen Jahren im Bezirk Kwale für den Erhalt der Küstenwälder und seiner vielfältigen Tierwelt ein.

Die Kooperation mit Colobus Conservation zum Schutz der wunderschönen Colobus-Affen mit ihrem auffälligen schwarz-weißen Fell ergänzt die Naturschutzarbeit in dieser Region auf eine Weise, die den Tieren, den Wäldern und nicht zuletzt den Menschen vor Ort zugute kommt.

Das Programm zum Schutz der Kayas wird finanziert von der Dorit & Alexander Otto Stiftung.

  • Dorit und Alexander Otto Stiftung

So können Sie helfen

  • Flusspferd im Selous in Tansania © Michael Poliza / WWF Kenia und Tansania

    Das Wasservolumen und die Qualität im Mara sind ausschlaggebend für den Fortbestand des Wandersystems der Tiere, der Landwirtschaft und die Menschen. Mehr über Kenia