In Laos wird Fischerei traditionell gemeinschaftlich organisiert. Entlang vieler Flüsse verwalten lokale Gemeinden ihre Fischgründe selbst – ein Ansatz, der die Grundlage für sogenannte Fish Conservation Zones (FCZ) bildet. Diese gemeindebasierten Schutzzonen haben sich seit den 1990er Jahren als erfolgreiche Strategie etabliert, um Fischbestände langfristig zu erhalten und gleichzeitig lokale Lebensgrundlagen zu stärken.
Lebensgrundlage Fluss
Im Herzen von Laos sind der Mekong und seine Nebenflüsse Lebensadern ganzer Gemeinden. Doch Klimawandel, Flussverbauungen und Überfischung bedrohen zunehmend Fischbestände und Ernährungssicherheit entlang des Xe-Banghieng. Ein erfolgreich abgeschlossenes WWF-Projekt zeigt, wie gemeinschaftlicher Fischschutz Lebensgrundlagen langfristig sichern kann.
Der Xe-Banghieng gehört zum artenreichen Unteren Mekong-Becken und beherbergt mehr als 220 Fischarten. Viele davon sind Wanderfische, die den rund 370 Kilometer langen Fluss als Route zu ihren Laichgründen nutzen. Eine besondere Bedeutung haben dabei die tiefen Becken im Flussbett – sogenannte Kolke – sowie die Xe-Champone-Feuchtgebiete, die zahlreichen Fischarten wichtige Rückzugs- und Fortpflanzungsräume bieten.
Für die ländlichen Gemeinden in der Provinz Savannakhet – der bevölkerungsreichsten Provinz des einzigen Binnenlandes Südostasiens – ist der Fluss weit mehr als nur eine Wasserquelle.
Die meisten Siedlungen liegen in Flussnähe, während Märkte und größere Städte oft weit entfernt sind. Daher leben viele Familien weitgehend in Subsistenz von Ackerbau, Viehzucht und Fischerei. Der Großteil des gefangenen Fischs dient dem Eigenbedarf und deckt rund 48 Prozent des täglichen Proteinbedarfs. Nur ein kleiner Teil wird zu Trockenfisch oder Fischsauce vermarktet, um Geld für Gesundheit, Bildung und Grundbedürfnisse zu verdienen.
Aquatische Lebensader unter Druck
Doch Gemeinden und Regierungsmitarbeiter:innen berichten seit Jahren von sinkenden Fischbeständen entlang des Flusses. Zu den Hauptursachen zählen der Ausbau von Wasserkraftanlagen entlang des Mekong, die wichtige Fischwanderwege unterbrechen, sowie zunehmende Dürren und Überschwemmungen infolge des Klimawandels, die sowohl die Landwirtschaft als auch die Fischerei beeinträchtigen. Gleichzeitig steigt durch wachsende Bevölkerungszahlen und Nahrungsbedarfe der Druck auf die Fischbestände.
Die Folgen bedrohen nicht nur die einzigartige Biodiversität des Xe-Banghieng, sondern auch die Ernährungssicherheit vieler Familien. Die Stadt Savannakhet weist aufgrund ihres ländlichen Charakters und mangelnder Infrastruktur eine der höchsten Armutsraten des Landes auf. Besonders betroffen sind Frauen sowie Angehörige der ethnischen Minderheiten der Bru und Phu Thai, deren Einkommen und Zukunftsperspektiven eng mit einem intakten Flussökosystem verbunden sind.
Gemeinschaftlicher Fischschutz
Gemeinsam mit 19 Dörfern und lokalen Behörden hat der WWF mit Unterstützung des BMZ geförderten Bengo-Programmes entlang des Xe-Banghieng insgesamt 16 neue FCZ eingerichtet und schützt damit 144 Hektar Flussfläche. Die Schutzzonen bewahren wichtige Laich- und Rückzugsgebiete in denen sich Fischbestände regenerieren können, denn innerhalb der FCZ ist Fischerei entweder vollständig verboten oder streng reguliert.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt jedoch nicht allein im Schutz der Flussabschnitte, sondern in der Verantwortung der Menschen vor Ort. Mit der Einrichtung einer FCZ und eines lokalen Managementkomitees übertragen die Behörden den Gemeinden offiziell die Verantwortung für den jeweiligen Flussabschnitt. Damit werden traditionelle Fischereirechte anerkannt und langfristig gesichert. Dorfbewohner:innen entwickeln gemeinsam Regeln, legen Sanktionen fest und entscheiden selbst über das Management der Schutzgebiete. Das Projekt unterstützt dabei auch die Stärkung von Frauenrollen, so engagieren sich derzeit 55 Frauen in lokalen FCZ-Komitees und Patrouillenteams und gestalten den Schutz des Xe-Banghieng aktiv mit.
Projekt mit Vorbild-Charakter
Damit die Gemeinden ihre Aufgaben langfristig wahrnehmen können, wurden sie nicht nur mit Booten und Ausrüstung ausgestattet, sondern auch in Fischereirecht, Fischbiologie, GPS-Nutzung, Dokumentation und Patrouillenplanung geschult. Die Patrouillenteams kontrollieren mehrfach im Monat die Schutzgebiete und verhindern den Einsatz zerstörerischer Fangmethoden wie Bomben- oder Elektrofischerei. Das Vorgehen zeigt Wirkung: In den vergangenen fünf Jahren ging die Zahl der Regelverstöße um 70 Prozent zurück.
Gleichzeitig gewinnt der Fluss seine Vielfalt zurück. Dorfbewohner:innen beobachten wieder mehr Fische im Xe-Banghieng – selbst nachts sind ihre Bewegungen an der Wasseroberfläche häufiger zu sehen. Auch die Vielfalt nimmt zu und Arten, die lange Zeit als selten galten, werden häufiger beobachtet. Für die Menschen entlang des Flusses sind diese Veränderungen nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar: Die Fänge steigen, Ernährungssicherheit verbessert sich und Familien können mehr Einkommen erwirtschaften.
Die Erfolge sprechen sich deshalb entlang des Xe-Banghieng herum: Immer mehr Dörfer interessieren sich für FCZ und möchten eigene Schutzzonen einrichten. Denn wo sich Fischbestände erholen und Familien wieder bessere Fänge erzielen, wächst auch das Vertrauen in gemeinschaftlichen Fischschutz. Gleichzeitig wurden lokale Behörden darin gestärkt, neue FCZ zu etablieren und deren langfristigen Schutz zu begleiten. So schafft das Projekt die Grundlage dafür, dass sich der Ansatz auch über die ursprünglichen Projektgebiete und Projektlaufzeit hinaus festigen und verbreiten kann.
Alternative Einkommensquellen stärken
Um den Druck auf die Fischbestände langfristig zu verringern und Gemeinden widerstandsfähiger gegenüber Klimawandel und wirtschaftlichen Unsicherheiten zu machen, förderte das Projekt außerdem gezielt alternative Einkommensmöglichkeiten und den Ausbau der lokalen Infrastruktur mithilfe verschiedener Ansätze.
- Ziegenzucht
Ziegen in einem Projektdorf in Laos © Katharina Hetzel / WWF Durch Unterstützung bei der Haltung und Zucht von Ziegen konnten Familien zusätzliche Einkommensquellen aufbauen und ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von der Fischerei reduzieren.
- Webereigruppen
Weberinnen stellen wertvolle Stoffe her © Katharina Hetzel / WWF Auch die traditionelle Weberei wurde gezielt gefördert, um insbesondere Frauen neue Einkommensmöglichkeiten zu eröffnen und den Zugang zu lokalen Märkten zu verbessern.
- Wasserversorgungssysteme
Wasserversorgung in Tang Alai, Laos © Katharina Hetzel / WWF Der Ausbau lokaler Wassersysteme verbesserte den Zugang zu sauberem Wasser und stärkte die Widerstandsfähigkeit der Gemeinden gegenüber Dürren und Überschwemmungen. Vor allem Frauen profitieren davon, da sie zuvor täglich mehrere Stunden mit dem Wasserholen beschäftigt waren.
- Reis-Saatgutbanken
Gemeinschaftliche Saatgutbanken halfen dabei, lokale Reissorten zu sichern und die Ernährungssicherheit in Zeiten klimabedingter Ernteausfälle zu stärken. Die größere Vielfalt an Reissorten macht Ernten widerstandsfähiger gegenüber Klimaveränderungen und Schädlingen.
- Veterinärfonds
Gemeinschaftlich organisierte Fonds verbessern den Zugang zu tiermedizinischer Versorgung und unterstützten Familien bei dem Verlust von Nutztieren. Das WWF-Projekt unterstütze bei der Verwaltung der Veterinärfonds, indem es Ausrüstung, Medikamente und Kapazitätsbildung bereitstellte.
- Dorfentwicklungsfonds
Im Rahmen des Projektes wurden die Gemeinden zur Verwaltung und Steuerung lokaler Dorfentwicklungsfonds geschult, welche Dorfbewohner:innen dabei unterstützten, kleinere Projekte eigenständig umzusetzen und finanzielle Risiken besser abzufedern.
Stoff für die Zukunft
Frauen gehören zu denjenigen, die die Folgen des Klimawandels entlang des Xe-Banghieng oft zuerst spüren. Sie sind für die Ernährung ihrer Familien und Marktverkäufe zuständig. Wenn Fischbestände zurückgehen oder Ernten ausfallen, wächst der Druck auf Familien und ihre Einkommen. Gleichzeitig haben Frauen häufig weniger Zugang zu Bildung und Entscheidungsprozessen. Ihre Stärkung war deshalb ein zentraler Bestandteil des Projekts.
Neben ihrer Beteiligung in den FCZ-Komitees – und damit mehr Mitsprache bei wichtigen Entscheidungen – wurden auch frauengeführte Einkommensmöglichkeiten gezielt gestärkt. Ein besonderer Fokus lag auf der traditionellen Weberei, die in Laos seit Generationen fest zum Alltag vieler Frauen gehört.
Durch Schulungen und den Austausch untereinander konnten die Weberinnen ihre Techniken weiterentwickeln und die Qualität ihrer Stoffe verbessern, um so konkurrenzfähiger auf lokalen Märkten zu sein. In Zusammenarbeit mit der Lao Women’s Union wurde sowohl ein digitaler als auch ein lokaler Marktzugang für die Webstoffe der Frauen etabliert.
Mit den ersten Verkaufserfolgen wuchs nicht nur das Einkommen, sondern auch das Selbstvertrauen. Viele Frauen berichten, dass sie stolz auf ihre Arbeit und Produkte seien, dadurch selbstbewusster auftreten und mehr Anerkennung in ihren Familien und Gemeinden erfahren. Auch Männer unterstützen diese Entwicklung zunehmend. So stärkt das Projekt nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern auch Zusammenhalt, gegenseitigen Respekt und die Rolle von Frauen im Dorfleben.
Insgesamt beteiligten sich 373 Frauen aktiv an den Projektmaßnahmen und tragen heute dazu bei, die Zukunft ihrer Gemeinden mitzugestalten.
Vertrauen schaffen, Teilhabe stärken
In zehn der neunzehn Partnerdörfer des WWF entlang des Xe-Banghieng gehört die Mehrheit der Bevölkerung der ethnischen Gemeinschaft der Bru an. Viele Menschen sprechen neben ihrer Muttersprache nur wenig Laotisch. Dadurch bleiben Informationen über Gesetze, politische Prozesse und ihre eigenen Rechte oft schwer zugänglich. Obwohl ethnische Gemeinden rechtlich gleichgestellt sind, wissen viele nicht, dass gemeinschaftliches Fischereimanagement dabei helfen kann, ihre traditionellen Nutzungs- und Fischereirechte langfristig zu sichern.
Hier spielt WWF-Projektleiterin Honkeo eine besondere Rolle. Sie gehört selbst der ethnischen Gemeinschaft der Bru an und wuchs in einem kleinen Dorf im Süden von Laos auf. Bereits als Kind kam sie in ihrem Dorf mit internationaler Projektarbeit in Berührung. Da sie als eine der wenigen Bewohner:innen lesen und schreiben konnte, unterstützte sie die Arbeit vor Ort – eine Erfahrung, die ihr Interesse an Naturschutz und Entwicklungszusammenarbeit weckte.
Heute bringt Honkeo nicht nur langjährige Erfahrung aus internationalen NGOs mit, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Lebensrealitäten der Gemeinden entlang des Xe-Banghieng.
Durch ihre gemeinsame Sprache und Herkunft genießt sie großes Vertrauen, insbesondere bei Frauen der Bru. Dieses Vertrauen ermöglicht es ihr, Wissen auf Augenhöhe weiterzugeben, Menschen über ihre Rechte zu informieren und sie aktiv in den Schutz ihrer natürlichen Lebensgrundlagen einzubinden.
Um möglichst viele Menschen zu erreichen, entwickelte der WWF zudem Informationsmaterialien in Bru und Laotisch. Infotafeln und Audiobeiträge halfen dabei, Wissen über nachhaltiges Fischereimanagement und FCZ auch in abgelegenen Gemeinden zugänglich zu machen.
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