Das untere Odertal © IMAGO alimdi

Zeit für die Oder

Einer der letzten überwiegend frei fließenden Flüsse Mitteleuropas steht an einem Wendepunkt. Wird die Oder weiter ausgebaut – oder gelingt es, ihre einzigartige Natur für kommende Generationen zu bewahren?

Stör im Wasser
Stör © Wild Wonders of Europe/Lundgren/naturepl.com/WWF

Die Oder fließt frei bis in die Ostsee. Anders als Rhein, Elbe oder Donau wird die Oder auf großen Strecken nicht von Schleusen oder Wehren unterbrochen. Die letzte Staustufe liegt bei Wrocław. Von dort bis zur Mündung kann sich der Fluss noch weitgehend natürlich entfalten – über mehr als 500 Kilometer.

Die Oder ist damit weit mehr als ein Fluss. Sie ist ein lebendiges Ökosystem und ein unverzichtbarer Verbündeter für Mensch und Natur. Ihre Auen, Altarme und Überschwemmungsgebiete gehören zu den artenreichsten Flusslandschaften Europas. Hier finden Biber, Fischotter und Seeadler, Amphibien und seltenen Pflanzen ebenso einen Lebensraum wie zahlreiche Fischarten, darunter der vom Aussterben bedrohte Stör.

Die Auen speichern Wasser, puffern Hochwasser ab, filtern Nährstoffe und helfen dabei, die Folgen der Klimakrise abzumildern. Genau das macht die Oder so wertvoll.

Ausbau statt Naturschutz?

Doch diese einzigartige Flusslandschaft ist bedroht. Deutschland und Polen verfolgen seit Jahren Pläne, die Oder auszubauen. Grundlage ist die 2015 vereinbarte Stromregelungskonzeption. Vorgesehen sind unter anderem neue Buhnen, Uferbefestigungen und eine durchgehende Vertiefung der Fahrrinne auf 1,8 Meter.

Offiziell sollen die Maßnahmen den Hochwasserschutz im Winter verbessern und den Einsatz von Eisbrechern erleichtern. Doch diese Begründungen halten wissenschaftlichen Überprüfungen nicht stand. Verschiedene Gutachten zeigen, dass die geplanten Eingriffe das Risiko von Sommerhochwassern sogar erhöhen könnten. Gleichzeitig wurde mehrfach deutlich, dass der Ausbau vor allem ein anderes Ziel verfolgt: Die Oder soll langfristig besser für die Schifffahrt nutzbar werden.

Hoher Preis für zweifelhafte Ziele

Niedrigwasser an der Oder bei Frankfurt: Blick vom polnischen Slubice auf die Stadt
Niedrigwasser der Oder bei Frankfurt © IMAGO/JochenEckel

Hinzu kommt: Der Ausbau der Wasserstraße ist auch wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen. Die Oder ist aus guten Gründen nicht Bestandteil des europäischen Verkehrsnetzes TEN-T. Der Wasserstand ist über das Jahr gesehen schlicht zu niedrig. Während die Europäische Union den Ausbau von Bahn- und Straßenverbindungen in der Region unterstützt, würde eine schiffbare Oder enorme Kosten verursachen – ohne einen vergleichbaren verkehrlichen Nutzen.

Otter
Otter © HandsOffNature-Koalition

Unsere Natur ist in Gefahr – und braucht jede Stimme!

In der EU stehen wichtige Naturschutzstandards auf der Kippe. Viele der geplanten Änderungen an Naturschutzgesetzen finden in komplexen Verfahren, unter Zeitdruck und ohne Einbindung der Öffentlichkeit statt.

Gerade jetzt ist öffentlicher Druck entscheidend, damit die Politik erkennt: Die Menschen in Europa schauen hin! Der Schutz unserer Natur, unserer Umwelt und unserer Lebensgrundlagen ist nicht verhandelbar!

Schon über eine halbe Million Menschen haben unserer Petition unterzeichnet. Geben auch Sie der Natur ihre Stimme!

Hände weg vom Naturschutz! #handsoffnature

Was passiert, wenn die Oder ausgebaut wird?

Die Regulierung eines frei fließenden Flusses verändert seine natürliche Dynamik. Prozesse der Sedimentation und Erosion werden durch die Befestigungsmaßnahmen am Flussufer unterbunden. Der typische artenreiche und ökologisch wertvolle Übergangsbereich zwischen Land und Fluss wird zerstört. Flachwasserzonen verschwinden, Strömungen verändern sich und Auen verlieren ihre Verbindung zum Fluss. Lebensräume für Fische, Wasservögel, Insekten und viele andere Arten gehen verloren. Ein einzigartiges Naturerbe wird Stück für Stück zerstört. Genau das, was wir in aktuellen Projekten mühsam und aufwendig an der Elbe renaturieren, ist an der Oder noch zu retten.

Durch den Ausbau vertieft sich auch das Flussbett – aufgrund der veränderten Strömungsverhältnisse. Bei Niedrigwasser sinkt dann der Grundwasserspiegel im direkten Umland. Durch den sinkenden Grundwasserspiegel werden die geschützten und seltenen Auenwälder trockengelegt und die Bäume sterben ab. Die Ausbaupläne verstoßen damit bewusst gegen das Verschlechterungsverbot der Wasserrahmen- und FFH-Richtlinie der Europäischen Union.

Das Fischsterben war ein Warnsignal

Tote Fische beim Fischsterben 2022 © Jennifer Janski / WWF
Fischsterben an der Oder 2022 © Jennifer Janski / WWF

Wie verletzlich die Oder bereits heute ist, zeigte die Umweltkatastrophe im Sommer 2022. Millionen Fische starben innerhalb weniger Wochen. Ursache war eine Kombination aus salzhaltigen Einleitungen aus dem Bergbau, Niedrigwasser und hohen Temperaturen. Unter diesen Bedingungen konnte sich die giftige Brackwasseralge Prymnesium parvum massenhaft vermehren. Ihr Gift tötete nicht nur Fische, sondern schädigte das gesamte Ökosystem.

Vier Jahre nach dem großen Fischsterben ist die öffentliche Aufmerksamkeit spürbar zurückgegangen. Doch die Bedrohung ist geblieben. Das Fischsterben war kein isoliertes Ereignis. Mit der Klimakrise nehmen Hitzeperioden und Niedrigwasser zu. Gleichzeitig erhöhen menschliche Eingriffe den Stress für Flüsse. Je stärker natürliche Lebensräume verändert werden, desto geringer wird ihre Fähigkeit, sich von solchen Ereignissen zu erholen. Statt die Oder widerstandsfähiger zu machen, würden der weitere Ausbau diese Risiken noch verschärfen.

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Der WWF kämpft für eine lebendige Oder

Der WWF setzt sich gemeinsam mit Partnerorganisationen seit Jahren für den Schutz der Oder ein. Zusammen mit dem Bündnis „Zeit für die Oder“ und dem „Aktionsbündnis lebendige Oder” der Initiative „SaveOder” begleitet der WWF die Planungen an allen Ufern der Oder kritisch, bringt wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Prozesse ein und unterstützt rechtliche Schritte gegen rechtswidrige Eingriffe.

Bereits in der Vergangenheit konnten mangelhafte Umweltverträglichkeitsprüfungen erfolgreich angefochten werden. Aktuell richtet sich der Blick auf die strategische Umweltprüfung der Stromregelungskonzeption auf deutscher Seite. Ihr Umweltbericht soll nach mehrfachen Verzögerungen noch 2026 veröffentlicht werden. Mit der anstehenden Umweltprüfung rücken die Ausbaupläne erneut näher.

„Ökonomisch ist der geplante Ausbau der Oder-Wasserstraße eine Fehlinvestition. Sie zerstört eine der letzten naturnahen Auenlandschaften in Mitteleuropa. Höchste Zeit eine überholte wirklich schlechte Idee fallen zu lassen – und wirklich sinnvolle Maßnahmen für eine widerstandsfähige die Oder anzugehen.”

Florian Hoffmann, Gewässerexperte WWF Deutschland

Natur schützen statt Flüsse verbauen

Unteres Odertal © Chris Martin Bahr / WWF
Unteres Odertal © Chris Martin Bahr / WWF

Für den WWF ist klar: Jetzt entscheidet sich die Zukunft der Oder. Wir fordern einen sofortigen Stopp der Ausbaupläne. Statt den Fluss weiter zu regulieren, braucht die Oder mehr Raum und eine konsequente Renaturierung.

Noch ist es möglich, einen anderen Weg einzuschlagen – einen Weg, der Natur- und Hochwasserschutz zusammendenkt, statt sie gegeneinander auszuspielen. Wir fordern daher Investitionen in natürliche Auen, die Anbindung von Altarmen, den Rückbau von Verbauungen und den Erhalt der ökologischen Durchgängigkeit.

Gleichzeitig muss die Resilienz der Oder wiederhergestellt werden. Dazu gehört die konsequente Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie und ein wirksamer Schutz der wertvollen Lebensräume und Arten. Der Naturschutz darf nicht abgeschwächt werden – im Gegenteil: Auch die Renaturierung im Sinne der europäischen Wiederherstellungsverordnung muss eine zentrale Rolle spielen. Die Umweltkatastrophe von 2022 hat zudem gezeigt, wie dringend eine bessere Industrieabwasser- und Salzwasseraufbereitung ist. Ein solches Fischsterben darf sich nicht wiederholen.

Die Oder zeigt, wie ein großer Fluss in Europa noch funktionieren kann, wenn man ihm Raum lässt. Dieses Naturerbe zu bewahren, ist nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Arten, die hier leben. Es ist auch eine Investition in eine widerstandsfähige Landschaft, die den Herausforderungen der Zukunft besser gewachsen ist.

Jetzt ist die Zeit für die Oder.

  • Kanu-Tour © Julia Baer / WWF Rettet die Oder – WWF Jugend Kanu-Tour

    Die Oder ist so schön, dass man vergisst, dass sie verteidigt werden muss. Die Idylle passt so gar nicht zu dem, was geplant ist. Wir stehen vor der Frage: Wunderschöner Wildfluss – oder Ausbau? Sei dabei bei unserer Kanu-Demo.

Das macht der WWF zum Schutz der Oder

Ein Schild weist bei Krajnik-Dolny auf den Fluss Oder (polnisch: Odra) hin © Alexander Paul Brandes
Die Oder kann nur von Deutschland und Polen gemeinsam geschützt werden © Alexander Paul Brandes

Der WWF setzt sich auch aktiv gegen den Ausbau der Oder ein, um die letzten naturnahen Auen Mitteleuropas und den Nationalpark Unteres Odertal zu bewahren. Wir gehen vor allem politisch und öffentlich gegen die Baupläne vor, da der Fluss als Lebensraum bedrohter Arten akut gefährdet ist.

  • Politische Appelle und Lobbyarbeit: Der WWF fordert die Bundesregierung auf, sich vehement gegen den Ausbau auf deutscher und polnischer Seite einzusetzen und auf eigene Baumaßnahmen zu verzichten.
  • Rechtliche Schritte: Gemeinsam mit anderen Umweltverbänden (wie dem BUND) prüft der WWF kontinuierlich juristische Möglichkeiten gegen die umstrittenen Ausbauprojekte.
  • Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung: Der WWF macht auf die ökologischen Folgen aufmerksam und zeigt, wie der Fluss durch Baumaßnahmen seine ökologische Einzigartigkeit einbüßen würde.
  • Fokus auf Renaturierung: Statt der Zerstörung durch Ausbaggern fordert der WWF Investitionen in den Hochwasserschutz durch natürliche Auen und den Erhalt der ökologischen Durchgängigkeit des Flusses.

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